Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Witnica

Gedenkfeld mit Sockeln einstiger Grabsteine in Witnica
Foto: Anke Geißler-Grünberg
Gedenkfeld mit Sockeln einstiger Grabsteine in Witnica
Gimmel
Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Ein genaues Datum für die Einrichtung eines jüdischen Friedhofs in Vietz ist nicht bekannt. Einem Schreiben des für Vietz zuständigen Landrats des Kreises Landsberg a. d. Warthe von 1847 zufolge hatte der in Vietz wohnende Salomon Cohn im Verein mit anderen Juden einen Begräbnisplatz angekauft. Da Salomon Cohn wohl schon um 1815 nach Vietz gekommen war, jedenfalls nachweisbar seit 1821 dort wohnte, und auf dem Friedhof zwei Grabsteine mit der Jahreszahl 596 (1835) aufgefunden worden sind, dürfte die Friedhofsgründung in dem dazwischen liegenden Zeitraum anzusetzen sein.

Das Friedhofsgrundstück in Vietz befindet sich auf einer an der damaligen Mühlenstraße (heute: ul. Wojska Polskiego) sich hinziehenden Düne im Südosten des Ortes, für die sich nach Einrichtung des Friedhofs der Name „Judenberge“ einbürgerte.

Das erste Zeugnis für eine Bestattung ist der Grabstein für Schejnche Joachimsthal, auf dem als Todesdatum der 9.9.1835 angegeben ist. Ihr Ehemann, Leiser Joachimsthal, lebte Ende 1840 mit drei Kindern noch in Vietz.

Ein erster Aktenbeleg für eine Beisetzung existiert für das Jahr 1847. Am 11.9.1847 verstarb der wenige Tage zuvor geborene Jacob Stein, Sohn des Moses Isaac Stein aus Fichtwerder, und wurde auf dem Friedhof in Vietz begraben. Hier zeigt sich, dass auch Verstorbene aus Ortschaften im Vietzer Umkreis, so etwa aus Balz, Fichtwerder, Cocceji, Liebenow, Ludwigsruh, Pyhrene, Hohenwalde, Dühringshof und Alt-Diedersdorf, auf dem Friedhof beigesetzt wurden. Die Bestattung von Toten aus anderen Orten bestand also bereits vor der Konstituierung der Vietzer Synagogengemeinde und der Grenzziehung für den Synagogenbezirk 1853.

Zwischen Ende 1847 und Ende 1860 fanden auf dem jüdischen Friedhof in Vietz 34 aktenmäßig erfasste Beisetzungen statt. Von den Toten stammten elf aus Vietz und zehn aus Fichtwerder, aus Liebenow drei und aus Balz und Ludwigsruh je zwei. Aus sechs weiteren Ortschaften kam jeweils eine tote Person. Unter den Toten war auch der am 12.12.1848 im Alter von fünf Monaten und dreizehn Tagen verstorbenen Salomon Gutmann. Er ist die erste Person aus Vietz, für dessen Bestattung ein Aktennachweis bekannt ist. Das Grabmal für eine seiner Schwestern, der 1886 verstorbenen Henriette Gutmann, existiert noch.

Die letzte Bestattung, die durch einen noch erhaltenen Grabstein dokumentiert ist, erfolgte 1903. Bis zu diesem Jahr sind ab 1860 über 50 aus Vietz stammende Personen auf dem Friedhof beigesetzt worden. Die Zahl der aus anderen Orten bestatteten Toten ist unbekannt, dürfte aber in Relation zu den Vietzer Zahlen eher gering sein, da die jüdische Einwohnerschaft in den kleinen Orten des Synagogenbezirks mit Beginn der 1880er Jahre stark zurückgegangen oder ganz verschwunden war.

Abbildungen des Friedhofs vor 1945, die über sein Aussehen in deutscher Zeit Auskunft geben könnten, sind bisher nicht gefunden worden. Einer Zeitungsmeldung zufolge sollte der Erlös aus dem Synagogenverkauf 1934 zur Einfriedung des Friedhofs benutzt werden. Ob bis dahin keine Eingrenzung des Grundstücks etwa durch einen Zaun existierte oder ob es nur um eine Ergänzung oder Erneuerung ging, lässt sich der Meldung nicht entnehmen.

Wie die Besitzverhältnisse des Friedhofs nach Auflösung der jüdischen Gemeinde aussahen, ist nicht bekannt. Ungesichert ist auch, wann die letzte Beerdigung auf dem Friedhof stattgefunden hat. Möglicherweise sind Beisetzungen noch in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre vorgenommen worden. Es könnten die von Emma Stenger (✡Dezember 1938) und Abraham Jacobsberg (✡September 1939) gewesen sein, die beide in Vietz verstorben sind.

Der jüdische Friedhof blieb in der Zeit der NS-Herrschaft während des Novemberpogroms 1938 und auch später unbeschädigt. Seine Zerstörung durch den Abtransport anderweitig nutzbarer und das Umwerfen verbliebener Grabsteine sowie die Verunstaltung des Friedhofsgeländes durch Müllablagerungen begann in den 1950er Jahren. In den 1980er Jahren wurde das Gelände mehrere Male von Pfadfindern mit Unterstützung der Stadtverwaltung in Ordnung gebracht. Neue Müllansammlungen ließ die Stadtverwaltung in den 1990er Jahren beseitigen und veranlasste die Aufstellung einer Tafel mit Davidstern und der Inschrift „Jüdischer Friedhof“. 1995 war eine konservatorische Inventarisierung des Friedhofs abgeschlossen. Im Jahre 2009 erfolgte eine Sicherung der verbliebenen und leider zu großen Teilen beschädigten Grabsteine und eine Restaurierung des Friedhofs durch die Stadtverwaltung. Dabei wurden auch die Lücken in der Friedhofsmauer geschlossen.

Der jüdische Friedhof ist (fast) jedes Jahr die letzte Station auf einem Stadtrundgang, der von dem in Witnica ansässigen „Deutsch-Polnischen Verein Educatio Pro Europa Viadrina“ im Rahmen der „Tage der jüdischen Kultur“ veranstaltet wird.

Wolfgang Stammwitz

 

Gimmel
Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre