Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Driesen (Drezdenko)

Synagogenstandort ul. Ponatowskiego in Drezdenko
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Ehemalige Holmstraße und heutige ul. Ponatowskiego in Drezdenko: Standort der Synagoge
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Die kleine Ortschaft Driesen östlich von Landsberg a.W. gehörte aufgrund seiner strategischen Lage im Netzebruch bereits im Mittelalter zum heiß umkämpften Gebiet. Im Lauf ihrer Geschichte finden sich außerdem immer wieder verschiedene Varianten ihres Namens. 1260 gelangte die Siedlung durch die Heirat des Askaniers Markgraf Konrad I. in brandenburgischem Besitz. Ihre Ersterwähnung als Stadt ist für 1317 belegt, als die zwei adligen Brüder Heinrich und Burkhard von der Osten Driesen als Lehen erhielten. Nachdem die Stadt wieder in den Besitz der brandenburgischen Herrscher gelangt war, erhob sie Kurfürst Joachim Friedrich zur Amtsstadt. Er baute Driesen 1603 zur Festungsstadt um, für die er die alte Burganlage beseitigte und ein Besiedlungsprogramm für Stadt und Umgebung startete.

Der Überlieferung zufolge waren einige Jahre zuvor, nämlich zu Ostern 1597, jüdische Kornhändler für eine deutliche Steigerung der Getreidepreise in Driesen verantwortlich. Die Anwesenheit von Juden in der Stadt selbst ist hingegen erstmalig aus einem 1687 erfolgten Eintrag im Stadtbuch protokolliert. Demnach zeigte der erkrankte Krämer Abraham Moses nach Einnahme eines Pulvers aus der städtischen Apotheke so starke Vergiftungserscheinungen, dass er trotz eines Gegenmittels wenig später verstarb. Zuvor noch mussten er und seine Ehefrau auf Verlangen des städtischen Rates beim Apotheker Abbitte wegen Verleumdung leisten. Für den Sommer des Folgejahres 1688 verzeichnete das Stadtbuch einen weiteren Konflikt zwischen Juden und Nichtjuden. Wieder musste ein Jude Abbitte gegenüber einem Driesener Bürger leisten. Dieser hatte den Namensvetter des ein Jahr zuvor Verstorbenen überfallen, ausgeraubt und verprügelt. Der zu Hilfe kommende Itzig Leib hatte dem Dieb das gestohlene Geld zwar entrissen, wurde aber ebenfalls verprügelt. Beide Juden erhoben Klage gegenüber dem städtischen Rat; diese endete für sie jedoch in der eigenen Bestrafung. Der Grund hierfür war die Behauptung des Angeklagten, als Schelm beleidigt worden zu sein.

Adolf Reckling verwies in seiner Driesener Stadtchronik anhand des Schicksals von Leiser, dem Sohn des Jacob darauf, dass Juden auch während der im 18. Jh. stattfindenden kriegerischen Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in Polen bedroht und gedemütigt wurden – und zwar aufgrund ihrer anhaltend rechtlosen Stellung, die sie nicht nur in Preußen besaßen. Gleichwohl ist nicht zu unterschätzen, dass auch die christlichen Stadtbewohner unter der Brutalität dieser Kriegsaktivitäten litten.

Zu einer gewissen städtischen Entwicklung Driesens kam es erst im zweiten Drittel des 18. Jh. durch das Agieren des brandenburgischen Staatsbeamten Franz Balthasar Schönberg von Brenkenhoff, der die konsequente Urbarmachung und Kolonisation des morastigen Netzebruchs auf den Weg brachte. 1763 begann die Bebauung der zwischen Stadt und Festung trocken gelegten Flächen. In diesem Zusammenhang forderte von Brenkenhoff 1767 die Juden auf, sich hier eine Synagoge zu bauen. Errichtet wurde sie nordöstlich des Neuen Marktes an der Holmstraße 6 (heute: auf Höhe der ul. Poniatowskiego 7) und passte sich in die Siedlungsstruktur des Ortes ein: es besaß einen rechteckigen Grundriss, war einstöckig und schloss mit einem Satteldach ab.

Die Juden aus Driesen sollten nicht länger in irgendwelchen privaten Gebetsstuben und -häusern ihrem Glauben nachgehen. Spätestens jetzt hatten sie sich auch als Jüdische Gemeinde konstituiert und verfügten über einen eigenen Friedhof. Wie groß die Gemeinde tatsächlich war, lässt sich aus den Angaben des Chronisten Reckling für das Jahr 1775 ableiten: Zu diesem Zeitpunkt lebten in Driesen fünf Schutzjuden, die Häuser kaufen durften, dafür aber hohe Schutzzölle zu zahlen hatten. Hinzu kamen noch mehrere jüdische Familien, die das nicht durften – also gemäß der friderizianischen Einteilung der Juden in unterschiedliche Kategorien. Im Ganzen zählten sie 95 Personen.

Da Driesen in direkter Nähe zur polnischen Grenze lag, lebten ihre jüdischen Einwohner im Wesentlichen vom Handel. Und sie stützten sich hierbei auf langjährige enge Wirtschafts- und Familienbeziehungen. Angenommen wird, dass diese Verbindungen auch die religiöse Verankerung der Jüdischen Gemeinde in der Orthodoxie bestimmten.

Zum Haupterwerbszweig der Stadt entwickelten sich zu jener Zeit Tuchmacherei und Holzhandel. Der entstehenden Schifffahrt auf der Netze kam dafür eine besondere Bedeutung zu. Einer Notiz des Chronisten Reckling zufolge kam zumindest der Schutzjude Abraham Judas dadurch zu einem solchem Wohlstand, dass er sich ein geräumiges Haus nahen des Alten Marktes in der Richtstraße 26 (heute: ul. Kościuszki) leisten konnte. Es war offenbar so groß und repräsentativ, um das gezielte Interesse der Stadt zu wecken. Denn ihrem Magistrat war 1792 durch ein nicht näher benanntes Ministerium des Regierungsbezirks Frankfurt (Oder) befohlen worden, sich zeitnah ein neues und funktionsfähiges Rathaus zu erbauen. Da ein Neubau aber zu teuer war, blieb der Ankauf einer bestehenden Immobilie darum die einzige Alternative. 1798 erwarb die Stadt das Judas’sche Gebäude für 4.150 Thaler, für das sie allerdings einen Kredit beim Rittergutsbesitzer derer von Waldow aufnehmen musste. Später, als dieses Haus für seine Aufgaben nicht mehr ausreichte, zog hier das städtische Amtsgericht ein. Dieses wich dann allerdings 1887 in einen errichteten großen Neubau mit Turm und Klinker-Fassade aus.

Um die Wende zum 19. Jh. zählte Driesen 2.152 Einwohner, davon 270 Militärangehörige und 90 Juden. Neun von ihnen besaßen den Status eines Schutzjuden. Prägend waren weiterhin das Tuchgewerbe, der Handel sowie das Handwerk. Die napoleonische Besatzung und ihre politischen Folgen führten zum völligen Niedergang dieser Gewerke und zur Verschuldung der Stadt bei ihren privaten Gläubigern, zu denen auch einige jüdische Unternehmer Driesens gehörten. Aber langfristig bescherte diese Situation der nun zum Landkreis Friedeberg gehörenden Grenzstadt auch einen Neuanfang. Grund hierfür waren ihr neuer Rechtsstatus infolge der preußischen Städtereform von 1808 und die europaweit einsetzende Industrialisierung. Die Kommune konnte endlich ihre Infrastruktur ausbauen: mit neuen Straßen, einer neuen Schule, einem Krankenhaus, einem Schlachthof, einem Gericht und einem Gefängnis. Darüber hinaus etablierten sich in Driesen u.a. eine Eisengießerei, Sägewerke, eine Steingut- und eine Zündholzfabrik. Das Handwerk erlebte eine neue Blüte. 1857 folgte schließlich der Anschluss ans Netz der Preußischen Ostbahn und wertete Driesen als Grenzstation auf. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erhielt die Stadt dann den offiziellen Status einer Grenzstadt der Provinz Brandenburg.

Der bescheidene wirtschaftliche Aufschwung Driesens schlug sich nicht nur in einer Reihe eleganter Häuser im Jugendstil nieder, sondern am Beginn des 20. Jh. auch in der Erweiterung und Modernisierung der städtischen Infrastruktur. Ausdruck fand diese gesamte Entwicklung ebenfalls in der steigenden Einwohnerzahl. Im Jahr 1850 hatte sie sich auf 3.908 Personen erhöht; die der mitgezählten Juden auf 96. Zehn Jahre später lebten unter den mittlerweile 4.039 mehrheitlich evangelischen Einwohnern 129 Juden. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug demnach 3,19 %. Bis zur Jahrhundertwende stieg die Einwohnerzahl Driesens auf knapp 6.000 Personen, von denen 110 der Synagogengemeinde angehörten. Die Höhe ihrer noch 1871 registrierten 171 Mitglieder erreichte die jüdische Gemeinschaft jedoch nie wieder.

Das Ende des Ersten Weltkrieges und die Bestimmungen des Versailler Vertrages hatten für die Grenzstadt Driesen einen erheblichen ökonomischen Einbruch zur Folge. So war fortan der Handel mit all jenen Orten unterbunden, die ab 1920 in Polen lagen. Steigender Arbeitslosigkeit folgte eine Abwanderung von Arbeitskräften in die industriellen Zentren, die auch an der Jüdischen Gemeinde Driesens nicht Halt machte. Die Bevölkerung sank bis 1925 auf 5.837 Personen, die der Juden auf 99.

Die Abwanderung aus Driesen hielt unvermindert an. 1932 lebten hier nur noch 5.768 Menschen. Ihre Synagogengemeinde vereinte laut Jüdischem Gemeindeführer noch 85 Juden, von denen allein 15 aus den vier umliegenden Ortschaften Neu Carbe (heute: Nowe Kurowo), Neuteich (heute: Chełst), Trebitsch (heute: Trzebicz) und Vordamm (heute: Nowe Drezdenko) kamen. Wie in anderen jüdischen Gemeinden auch, zahlte in Driesen mit 30 Personen ungefähr ein Drittel der Mitglieder der Synagogengemeinde Steuern – und gehörte damit dem wohlhabenderen Teil der Stadtbevölkerung an.

Der Gemeindevorstand bestand aus Leopold Klopstock, Adolf Meyersohn sowie Alfons Fuchs. Die Repräsentantenversammlung leiteten Simon Kopf und Kurt Schüler. Und mit Gustav Hahn leistete sich die Driesener Synagogengemeinde sogar einen Kantor, der seine Wirkungsstätte in der Synagoge Holmstraße besaß. Außerdem verfügte die Jüdische Gemeinde neben ihrem Friedhof über eine Schächterei. Ihr Gemeinde-Etat war mit 4.400 Reichsmark und einem Etat für Wohlfahrts-Aufgaben mit 100 Reichsmark dennoch bescheiden. Sämtliche Ausgaben für die Aufrechterhaltung der Gemeine-internen Infrastruktur mussten hiervon bestritten werden. Dazu gehörte z.B. das Angebot, den 10 jüdischen Kindern Religionsunterricht zu erteilen. Dem Eintrag zufolge verfügten die Driesener Juden 1932 über keine Beerdigungsbruderschaft Chewra Kadischa, aber einen von Gusti Klopstock geleiteten Israelitischen Frauenverein.

Gusti und Leopold Klopstock besaßen 1924 in der Marktstr. 1 (heute: ul. Warszawska) ein Kaufhaus und an der gleichen Adresse eine Manufakturen- und Holzspedition. In der Nr. 12 unterhielten sie außerdem eine Holz- und Kohlenhandlung. Der Rechtsanwalt und Notar Alfons Fuchs betrieb zu dieser Zeit in der Netzestr. 2 (heute: ul. Marszałowska) eine eigene Kanzlei. Und Simon Kopf war Eigentümer einer Produkten-Handlung in der Nr. 29 der gleichen Straße.

Mit dem im Jahr 1933 erfolgten Machtantritt des NS-Regimes begann für die Driesener Juden eine Zeit der Angst und Entrechtung. Wer konnte, tauchte in Großstädten wie Berlin unter oder emigrierte. Hebräisch-Kurse, die eine Auswanderung nach Palästina bezweckten, begannen im Herbst 1933. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge geplündert und zerstört. Da sie aber inmitten der dicht bebauten Holmstraße lag, wurde sie zum Schutz der umliegenden Häuser nicht niedergebrannt. Es ist davon auszugehen, dass das Gebäude „arisiert“ und anschließend eine Umnutzung erfuhr, die mit entsprechenden baulichen Veränderungen verknüpft war.

Die Auflösung der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen zum 1. Oktober 1938 hatte zur Folge, dass Driesen fortan zur Provinz Pommern gehörte. Ihren neuerlichen wirtschaftlichen Aufstieg erlebte die Stadt hingegen durch den zuvor begonnenen Bau eines Befestigungssystems im Zuge der Kriegsvorbereitungen. Wesentlichen Anteil an dieser Konjunktur hatten aber Zwangsarbeiter, die nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 eingesetzt wurden. Ob dazu auch Juden gehörten, ist bislang jedoch unerforscht.

Als die Rote Armee Driesen am 29. Januar 1945 erreichte, war ihre Jüdische Gemeinde längst ausgelöscht. Nach der Kapitulation des NS-Regimes gehörte die Stadt zur Republik Polen und wurde in Drezdenko umbenannt. Eine öffentlich sichtbare Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Einwohner ihrer Stadt erfolgte erst mit der Einweihung eines Gedenksteins auf dem jüdischen Friedhof im Jahr 2008.

Anke Geißler-Grünberg

 

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Literatur und Quellen

Alicke, Klaus-Dieter: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Driesen, URL: www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/k-l/1146-landsberg-warthe-brand-neumark [Stand 22.04.2021]

Heinrich Karl Wilhelm Berghaus: Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafenthums Nieder-Lausitz in der Mitte des 19. Jahrhunderts; oder Geographisch-historisch-Statistische Beschreibung der Provinz Brandenburg, Bd. 3, Brandenburg 1856, S. 465ff.

Karl-Heinz Dittberner: Woldenberg-Report, URL: woldenberg-neumark.eu/Dsn/Driesen.html [Stand 22.04.2021]

Ders.: Driesen / Neumark – Einwohner-Listen von 1924, vom 9.11.2010, URL: Ebd.

Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932–1933, hrsg. von der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden, Berlin 1933, S. 64.

Adolf Reckling: Geschichte der Stadt Driesen, Berlin 1898.

W. Riehl / J. Scheu (Hrsg.): Berlin und die Mark Brandenburg mit dem Markgrafenthum Nieder-Lausitz in ihrer Geschichte und in ihrem gegenwärtigen Bestande, Berlin 1861, S. 453-455.

Wirtualny Sztetl: Drezdenko, URL: sztetl.org.pl/en/towns/d/491-drezdenko [Stand 22.04.2021]

Urząd Miejski Drezdenko, URL: www.drezdenko.pl/3698,historia [Stand 22.04.2021]


Staatsbibliothek zu Berlin, Messtischblätter Driesen: SBB_IIIC_Kart_N 730_Blatt 1637 von 1929; SBB_IIIC_Kart_N 730_Blatt 1638 von 1928.

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