Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Züllichau (Sulechów)

Markt von Züllichau 1899 mit Geschäftshaus Wollinski
Foto: Stiftung Brandenburg, Aj 02/ 12
Markt von Züllichau 1899 mit Geschäftshaus der später hier lebenden Familie Wollinski (2. von rechts) & Werbeanzeige 1926
Bet
Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Eine jüdische Familie in der brandenburgischen Provinz

Die Gebrüder Wollinski stammten aus Lekau / Posen (heute: Łekno, Gmina Wągrowiec). Emil wurde am 18. November 1881 und Hermann am 28. Juni 1888 geboren. Emil ehelichte Else Eisack und am 31. August 1920 wurde ihr erster Sohn Siegbert in Wongrowitz (heute: Wągrowiec) geboren. Emils jüngerer Bruder Hermann heiratete Regina Tannchen am 08. Oktober 1920 in Rogozno / Posen. Am 17. Juli 1921 kam ihr erster Sohn Werner in Wągrowiec (bis 1920: Wongrowitz) zur Welt. Gemeinsam zogen die Brüder mit ihren Familien in der ersten Hälfte der 1920er Jahre in die ostbrandenburgische Stadt Züllichau, wo die Gebrüder Wollinski ein Geschäft für Eisenwaren, Baumaterial und Werkzeuge am Markt führten. Vor dem Hintergrund der im Versailler Vertrag geregelten deutschen Gebietsabtretungen an Polen, ist es wahrscheinlich, dass die Familien als Optanten in die ostbrandenburgische Provinz übersiedelten, um nicht ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben zu müssen.

Beide Ehepaare bekamen in Züllichau weitere Kinder; Hermann mit Regina am 16. Oktober 1925 den Sohn Wolfgang, und Emil mit Else am 21. Oktober 1925 den Sohn Walter. Weiterhin bekamen Hermann und Regina am 08. August 1931 ihren dritten Sohn Manfred und am 22. Mai 1937 ihre einzige Tochter Steffi. Werner Wollinski erinnerte sich an die Wohnsituation am Markt in Züllichau und schrieb: „Wir lebten in einem großen, alten doppelstöckigen Haus, bestehend aus einer kompletten Wohnung auf jeder Etage und zwei weiteren Räumen für Zimmermädchen darüber. […] Ich hatte zwei Brüder und eine Schwester. Ich war der älteste. Und der Bruder meines Vaters, der in der ersten Etage lebte, hatte zwei Jungen. […] Ich werde nie den schönen Anblick vergessen, wenn das Militär durch die Hauptstraße mit ca. sechs- bis achthundert Pferden ritt. […] Da wir am Marktplatz lebten, besaßen wir einen guten Blick von unseren Fenstern […] auf das in der Mitte des Platzes stehende Rathaus.“

Züllichau war eine brandenburgische Provinzstadt im Osten des Deutschen Reiches und zählte Mitte der 1920er Jahre 9.170 Einwohner. Davon war der überwiegende Teil mit 8.053 Personen evangelisch, 789 Personen waren katholisch und nur eine kleine Minderheit von 48 Personen jüdisch. Während 1933 in ganz Deutschland 499.682 „Glaubensjuden“ von der Statistik erfasst wurden, lebten in der gesamten preußischen Provinz Mark Brandenburg 7.616 Juden. Hauptsächlich konzentrierte sich die jüdische Bevölkerung in Berlin. Dort lebten 160.564 jüdische Bürger, was 3,78 % der städtischen Bevölkerung ausmachte. Zum 0,5 % - Bevölkerungsanteil der Juden in Züllichau zählte die Familie der Gebrüder Wollinski. Regina und Hermann Wollinski wurden in der Geburtsurkunde ihres Sohnes Werner mit „mosaischer Religion“ angegeben. Hermann war spätestens ab 1929 als Vorstand der Synagoge von Züllichau und sein Brüder Emil als Repräsentant bekannt, was auf eine aktive Mitgliedschaft in der israelitischen Gemeinde des Ortes hindeutet. Werner Wollinski erwähnt in seinem Text weder seine jüdischen Wurzeln noch die Tätigkeiten seines Vaters und Onkels in der jüdischen Gemeinde. Er wies lediglich darauf hin, dass sein Vater Sozialdemokrat war.

Nationalsozialismus in Züllichau

Bei der Landtagswahl am 24. April 1932 wählen 55 % der Züllichauer Stimmberechtigten die NSDAP. Drei Monate später erreichte die NSDAP bei der sechsten Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 wachsende Zustimmung. Die Züllichauer wählten zu 63% die Nationalsozialisten, während es im gesamten Stimmbezirk 56 % waren. Möglicherweise hing das Wahlergebnis mit der besonderen geographischen Lage an der „bedrohten“ Ostgrenze des Reiches zusammen, der schlechten wirtschaftlichen Lage oder mit dem in Züllichau stationierten Reiterregiment, immerhin 2.000 Mann stark.

Carl Walter, Gründer und Leiter der ansässigen NSDAP-Ortsgruppe und ehemaliger Offizier des Reiter-Regiments wurde am 27. März 1933 zunächst kommissarischer, später ordentlicher Bürgermeister Züllichaus. Am 28. März 1933 erschien in den „Züllichauer Nachrichten“ ein Artikel unter dem Titel „Gegenmaßnahmen wegen jüdischer Gräuelpropaganda auch im Kreise Züllichau-Schwiebus“. Darin wurde angeordnet, dass „sofort sämtliche Juden dieses Bezirks an der Ausübung ihres Geschäfts gehindert werden. kein jüdischer Kaufmann darf etwas verkaufen, kein jüdischer Arzt oder Rechtsanwalt usw. darf noch einen Handschlag zu tun bekommen. […] Wer diesen Boykott durchbricht, ist genau wie ein Jude zu behandeln.“ In den folgenden Tagen wurde, wie im ganzen Reich, zum „systematischen Boykott“ jüdischer Geschäfte am 01. April 1933 aufgerufen. Wie Ortsgruppenleiter Carl Walter den Boykott organisierte und welche konkreten Folgen dies für das „jüdische“ Eisenwarengeschäft Wollinski am Markt hatte, ist nicht bekannt. Im betreffenden Jahr wurde Werner Wollinski gerade zwölf Jahre alt. In seinen Erinnerungen kommentierte der 79-jährige die Machtübernahme der Nationalsozialisten ebenso wenig, wie eine Boykottierung des Familiengeschäfts. Vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses in Züllichau ist es nahezu auszuschließen, dass das Geschäft der Wollinskis davon nicht betroffen war.

Im Zusammenhang mit dem deutlichen Wahlsieg der Nationalsozialisten stand die Ideologisierung der Medien. Konnte man in den Ausgaben des „Heimatkalenders Züllichau-Schwiebus“ bis 1933 Angaben zu den jüdischen Gemeinden in Züllichau und Schwiebus (heute: Świebodzin) unter dem Punkt „Kirchenwesen“ finden, verschwindet darauf jeder Hinweis ab Ausgabe 1934. Im Juni 1934 fand in Züllichau die „Deutsche Woche“ oder auch „Braune Messe“ statt. Diese Veranstaltung war gegen jüdische Geschäftsleute in und um Züllichau gerichtet. Man machte ihnen mit dieser Ausgrenzung unmissverständlich klar, dass sie in der nationalsozialistischen Gesellschaft keinen Platz haben werden und das Ziel in ihrer Verdrängung besteht. Ab 1934 wurden in den Ausgaben des „Heimatkalenders Züllichau-Schwiebus“ die Wichtigkeit der Ahnenforschung als „Gebot der Stunde“ betont, die Methoden erläutert und der Sinn erklärt.

Es ist nur wenig bekannt, welche Erfahrungen Familie Wollinski und andere Züllichauer Juden in diesen Jahren machen mussten. Aus den Forschungsergebnissen über andere brandenburgische Orte kann allerdings geschlossen werden, in welchem Spektrum sich die systematische Ausgrenzung von Juden in Züllichau ereignet haben muss. Nachdem der Ostteil Brandenburgs, jenseits der Oder, 1945 unter polnische Verwaltung fiel, Verfolgung und Verdrängung großes Chaos auslösten, verschwanden offizielle Dokumente, die eine Rekonstruktion ermöglichen könnten. So sind die „Züllichauer Nachrichten“ nur unvollständig erhalten, andere Quellen vernichtet oder bislang unentdeckt.

Obwohl hier nachgewiesen werden konnte, dass mit der Machtergreifung der Nazis auch in Züllichau antisemitische Aktivitäten staatlich legitimiert waren und durchgeführt wurden, schrieb Werner Wollinski in seinen Erinnerungen: „Alles lief weiter sehr gut bis ungefähr 1936 […] Die Hitler-Jugend wurde für Jungen und Mädchen ab einem Alter von 10 Jahren gegründet. […] Einige der Jungen kamen in Uniformen der Hitler-Jugend zur Schule. Und das Geschäft meines Vaters begann zu leiden.“ Diese Aussage ist der einzige Hinweis auf den Boykott des Familiengeschäfts. Möglicherweise wurde der Druck in dem Jahr aber erhöht und fand erst damit Eingang in das Bewusstsein des jungen Werner. Die Wollinskis lebten direkt am Marktplatz in Züllichau, wo die Aufmärsche der Hitlerjugend sowie öffentliche Veranstaltungen der NSDAP-Ortsgruppe stattfanden. Zudem stand das Rathaus, Amtssitz Carl Walters, Visavis ihrem Geschäft gegenüber. Das „jüdische“ Geschäft lag auf dem Präsentierteller.

Ob die Wollinskis Eigentümer ihres Wohn- und Geschäftshauses am Markt 21 waren und es aufgeben mussten, ist nicht belegt. Das Grundbuch der Stadt Züllichau ist nicht auffindbar, was eine zweifelsfreie Klärung dieses Sachverhaltes verhindert. Werner Wollinski kommentierte den Verkauf des Elternhauses und Geschäfts nur in einem kurzen Satz: „[…] die politische Situation wurde schlechter. Meine Leute verkauften und zogen nach Berlin.“ Auch wenn er nicht explizit mitteilte, was an wen verkauft wurde, ist es zumindest ein Hinweis darauf, dass die Wollinskis Eigentümer des Hauses waren. Eine Recherche zum Verkauf ihres Hauses bzw. Geschäfts im BLHA blieb erfolglos.

In den Archivbeständen fand sich jedoch eine andere aufschlussreiche Verkaufsabwicklung. Unter der Rubrik „Beschlagnahme jüdischen Vermögens“ geht es in dieser Sammelakte um den genauen Verkaufsvorgang des Geschäftsgrundstücks Schwiebuser Straße 14 in Züllichau. Leon Lewek, geboren am 18. November 1868 in Grätz (heute: Grodzisk Wielkopolski), ehemaliger Repräsentant der israelitischen Gemeinde in Züllichau, beauftragte nach seiner Emigration nach Amsterdam den Berliner Rechtsanwalt Peltason mit dem Verkauf seines Anwesens. Der Kaufvertrag wurde am 21. Mai 1938 unterzeichnet. Begünstigter war der neue Betreiber des Geschäfts, Gerhard Schmidt. Mit 32.500 Reichsmark wurde die Kaufsumme für das Geschäftsgrundstück festgelegt. Ob diese Summe dem tatsächlichen Wert des Grundstücks entsprach, muss aber angezweifelt werden, da dies vergleichbare Fälle nahelegen. Laut Aktenlage sollte zudem Leon Lewek das Geld nie bekommen. In einem Schreiben vom 13. Juni 1939 bat der Landrat des Kreises Züllichau-Schwiebus den Regierungspräsidenten in Frankfurt / O. um Genehmigung folgenden Verfahrens: „Durch die Bekanntmachung vom 18.10.1938 […] ist die deutsche Staatsangehörigkeit des Juden Leon Lewek für verlustig und durch Bekanntmachung vom 21.1.1939 […] das Vermögen des ausgebürgerten Lewek dem Reiche für verfallen erklärt worden. […] Das Finanzamt Moabit-West in Berlin, welches die Einziehung des Lewek’schen Vermögens betreibt, erhebt gegen die Genehmigung des Kaufvertrages ebenfalls keine Bedenken.“

Dieses Schreiben ist das einzige Dokument, das die Vorgehensweise bei der Enteignung eines „jüdischen“ Geschäfts in Züllichau nachvollziehbar bezeugt. Auch wenn kein Dokument in Bezug auf Familie Wollinski vorliegt, beweist die „Akte Lewek“, dass auch in Züllichau Juden systematisch um ihr Eigentum gebracht wurden. Wollinskis hatten Deutschland nicht verlassen und suchten in Berlin Zuflucht. Wann sie genau ihr Geschäft und das Haus aufgaben, […] ist nicht sicher. Walter Wollinski, der jüngere Cousin Werners, wechselte einer Kurzbiographie zufolge am 01. November 1938 in eine Berliner Volksschule und taucht dort namentlich bei der Volkszählung 1939 auf. Da er zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt war, liegt die Vermutung nahe, dass er in Begleitung seiner Familie emigrierte. Aufgrund der zunehmenden Bedrohung für Juden in der Region wäre dieser Zeitpunkt nicht unwahrscheinlich. In den Novembertagen 1938 fiel die Synagoge in Grünberg (heute: Zielona Góra) einem Brandanschlag zum Opfer, während jüdische Geschäfte geplündert und demoliert wurden. Kurz darauf ging das Grundstück der Grünberger Synagoge in kommunale Hände über. Was mit der Synagoge in Züllichau passierte, ist hingegen unklar.

Am 22. November 1938 wurde in der Beilage der „Züllichauer Nachrichten“ ein Artikel unter dem Titel „Die Ausschaltung der Juden“ veröffentlicht. Er kündigte die „Arisierung“ im Einzelhandel und Handwerk an, die wenig später auf eine „gesetzliche“ Grundlage gestellt wurde. Vor diesem Hintergrund scheint die Übersiedlung der Familie Wollinski nach Berlin spätestens im Herbst 1938 wahrscheinlich zu sein. Ihnen wurde wie allen anderen Juden das Recht auf ein eigenes Geschäft und Grundbesitz genommen. Damit verloren sie ihre Lebdesgrundlage. Züllichau bot keinen Schutz durch großstädtische Anonymität, hatte keine jüdischen Viertel, keine Schicksalsgemeinschaften wie in Berlin. Vielleicht haben sie Züllichau auch früher verlassen. Bedrohung und Gewalt durch aufgepeitschte Eiferer oder völlige gesellschaftliche Ausgrenzung erschien als plausibler Grund, ihr Geschäft vor dem Herbst 1938 aufzugeben und zu fliehen. In der „Züllichauer Chronik“ von 1940 befindet sich eine Foto-Aufnahme vom ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Wollinski am Markt 21. Die hinzugefügte Schrifttafel „Walter Schwab“ dokumentiert gut sichtbar nicht nur den Eigentümerwechsel. Der neue Betreiber profitierte außerdem von der Verdrängung der Familie Wollinski.

„Hachschara“ auf dem Brandenburger Land

Werner Wollinski befand sich laut seines Führungszeugnisses seit dem 2. April 1936 in Neuendorf / im Sande, ein kleiner brandenburgischer Ort in der Nähe von Fürstenwalde / Spree. In seinen Erinnerungen ging er nicht näher darauf ein, warum er die Schule in Züllichau im Alter von knapp 15 Jahren verlassen hatte. Er schrieb: „Die Lehrer waren noch immer nett zu mir, aber man konnte eine gewisse Belastung fühlen.“ Zwar besteht durch diesen Hinweis Grund zur Annahme, dass Werner von seinen Mitschülern, immerhin Kinder von hohen Militärs und reichen Gutsbesitzern, ob seiner jüdischen Wurzeln ausgegrenzt wurde. Belegen lässt sich dies jedoch nicht.

Nach den vorliegenden Informationen verdichtet sich der Eindruck, dass der Weggang aus seiner Klasse in Züllichau aber noch ein anderes Ziel hatte, als potentiellen Ausgrenzungen aus dem Wege zu gehen. Wie Werner Wollinski schrieb, besuchte er fortan eine Landwirtschaftsschule, die auf Molkereiwesen spezialisiert war. Er setzte demnach seinen gewohnten Schulalltag nicht fort und lernte dort einen praktischen Beruf. Bei dieser Einrichtung handelte es sich um eine Initiative des 1932 gegründeten Vereins jüdische Arbeitshilfe e.V. Mit der stärker werdenden Tendenz zur Auswanderung wurden in diesem Lager neben der beruflichen Ausbildung auch Hebräisch-Kurse und jüdische Geschichte gelehrt. Ab 1937 wurde das „Landwerk Neuendorf“ schließlich zu einer anerkannten Hachschara-Stätte.

Der fast 15-jährige Werner Wollinski kam 1936 / 37 vermutlich zur „Mittleren Hachschara“. Dies war eine Ausbildung und „Warteschleife“ von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren, um dann mit der erreichten Volljährigkeit und einer attraktiven Ausbildung emigrieren zu können. Schon mit der wirtschaftlichen Depression vor 1933 war z.B. die Einwanderung nach Australien zum Stillstand gekommen. Außerdem fielen Juden aufgrund der „White Australia Policy“ unter die Kategorie der „Unerwünschten“. Ende der 1930er Jahre ließ sich die australische Regierung jedoch auf ein Kontingent von 15.000 jüdischen Einwanderern innerhalb von drei Jahren ein.

Ob für Werner eine alleinige Auswanderung von Anfang an geplant war, ist unklar. Vermutlich wurde er von seiner Familie spätestens dann ermutigt, als sicher war, dass die gemeinsame Emigration der Familie nicht möglich sein würde. Er schrieb lediglich: „Auch mein Vater besaß die Chance, nach Südafrika zu gehen.“ Ob eine Möglichkeit zur Auswanderung für seine Mutter und seine Brüder, bzw. für die Familie seines Onkels jemals bestand, ist nicht bekannt, muss aber als fragwürdig erscheinen. Wahrscheinlich ist, dass nur Werner die speziellen Anforderungen erfüllte, die ein jüdischer Auswanderer vorweisen musste, um im sicheren Ausland Zuflucht zu finden. Möglicherweise hatte seine Familie auch nicht mehr ausreichend Geld, um die kostspielige Auswanderung für alle Personen zu finanzieren.

Warum Werner gerade nach Australien emigrierte, erklärte er in seinen Erinnerungen und schrieb: „Ich hatte auch die Möglichkeit, nach Argentinien zu einem großen Vieh-Konzern zu gehen, aber ich nahm sie nicht wahr. […] In der Zwischenzeit habe ich zufällig in einem geografischen Buch einen langen Artikel über Australien gelesen. […] Irgendwie war ich davon fasziniert.“

Berlin Transit

Zum Leben der Familie Wollinski in Berlin sind nur sehr wenige Informationen ausfindig zu machen. Die Sterbeurkunde Hermann Wollinskis aus dem Jahr 1942 dokumentiert zumindest seine letzte Wohnadresse. Bei der angegebenen Koblankstraße 1 handelt es sich heute um die Zolastr. 1 in Berlin-Mitte. Demnach wohnte er mit seiner Frau und den Kindern zusammen im Scheunenviertel Berlins, wo viele Juden auf dem Transit Halt machten und die vermeintlich sichere Anonymität der Großstadt suchten.

Wahrscheinlich wohnte Werner Wollinski im Sommer 1939 nach dem Abschluss seiner Berufsausbildung bei seinen Eltern. In Berlin hatte er eine lange Liste an Formalitäten zu erledigen, um seine Emigration nach Australien zu organisieren. Mit den bürokratischen Vorbereitungen war er mindestens seit März 1938 beschäftigt, wie das Ausstellungsdatum seines Führungszeugnisses in Neuendorf belegt. Dieses Dokument benötigten Emigranten für die Beantragung der australischen Einreiseerlaubnis, der sogenannten „landing permit“. Das für 1939 bestehende australische Kontingent bestand aus 4.000 Plätzen für jüdische und 1.000 für andere Emigranten. Das Kontingent für Juden wurde nach finanziellen Gesichtspunkten gestaffelt. Werner Wollinski erfüllte die hohen Anforderungen und hatte großes Glück. Im April 1939 bekam er seine „landing permit“ durch Unterstützung der Australian Jewish Welfare Society.

Die von der Verwaltung aus „Auswanderung“ bezeichnete Verdrängung war nicht nur kostspielig, sondern auch mit langwierigen und umständlichen Formalitäten verbunden. Die Emigranten hatten dabei ein ausgeklügeltes bürokratisches System zu durchlaufen. Ob auch der noch minderjährige Werner Wollinski alle Stellen konsultieren musste, ist unklar. Er schrieb zu den Amtsgängen: „Das erste war, einen Reisepass zu bekommen […] Nach dem Ausfüllen der notwendigen Papiere musste man zur Hauptgeschäftsstelle der Gestapo in Berlin. […] Sie wussten auch schon alles über meine Familie, die sich in der Politik engagiert hatte.“ Werner Wollinskis Reisepass wurde am 08. Juli 1939 in Berlin ausgestellt und war mit einem roten „J“ für „Jude“ gekennzeichnet. Bereits am 10. Juli 1939 wurde ihm das australische Visum erteilt. Wie er schrieb, war es nicht einfach, eine Schiffspassage nach Australien zu erwerben und zudem war es nicht möglich, mit Reichsmark zu zahlen. „Irgendwie gelang es meinem Vater, Pfund Sterling einzutauschen. […] Der Kurs war 90 Pfund oder 180 Dollar, nicht billig im Jahr 1939.”

Nur wenige Tage vor dem Überfall auf Polen verließ der gerade 18-jährige Werner Wollinski Berlin mit dem Zug Richtung Westen. Der Stempel vom Grenzbahnhof Oldenzaal dokumentiert seine Einreise in die Niederlande am 15. August 1939. Einige Tage später bestieg er das Schiff nach Übersee.

Shoa – die Vernichtung der Familie Wollinski

Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen, Sorgen und Ängsten die Verabschiedung von seiner Familie erfolgte, ist nicht überliefert. Nur einige Worte seiner Großmutter schrieb Werner Wollinski auf. Sie sagte ihm beim Abschied: „[...] Du bist zu jung, um allein so weit weg in die Wildnis von Australien zu gehen.“ Der Abschied in die „Wildnis“ war jedoch seine sichere Rettung vor dem systematischen Massenmord an Juden, an der Familie Wollinski. Wie sie den Beginn der 1940er Jahre in Berlin erlebte und welchen Drangsalierungen sie ausgesetzt waren, ist nicht bekannt. Ahnung über diese Umstände können allenfalls Berichte anderer geben. Am Ende dieser jüdischen Familiengeschichte steht die Shoa.

Hermann Wollinski verstarb laut Urkunde am 08. Februar 1942 im Alter von 53 Jahren an einer „Hirnhautentzündung“ im jüdischen Krankenhaus in Berlin. Als einziger seiner Familie fand er sein Grab auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Er erhielt keinen Grabstein mehr; eine Gedenkplatte wurde erst Jahrzehnte später verlegt. Seine Frau Regina, seine Söhne Wolfgang und Manfred sowie seine Tochter Steffi wurden am 26. Februar 1943 in das KZ Auschwitz deportiert. Ihre Sterbedaten sind unbekannt. Werner war zu diesem Zeitpunkt längst im sicheren Exil in Übersee angekommen. In seinen Erinnerungen ging er auf den Tod seines Vaters und die Deportation seiner Mutter und Geschwister nicht ein.

Auch sind die Lebensumstände der vierköpfigen Familie von Emil Wollinski nach ihrer Verdrängung aus Züllichau unbekannt. Sie wohnten zur Zeit der Volkszählung 1939 in Berlin-Kreuzberg, Neuenburger Str. 13. Die Eheleute Emil und Else wurden am 15. August 1942 nach Riga deportiert und wenige Tage später, am 18. August 1942, ermordet. Ihr Verschwinden aus Berlin muss Regina Wollinski registriert haben, so sie denn mit der Familie ihres Schwagers in Kontakt gestanden hatte. Wahrscheinlich war es ihr eine Warnung, die sie und ihre Kinder jedoch nicht rettete.

Die Söhne Siegbert und Walter Wollinski blieben in Berlin zurück. Siegbert war ein Jahr älter als Werner. Warum er nicht wie sein Cousin emigrierte, ist fraglich. Hatte er doch scheinbar ähnliche Voraussetzungen. Die Brüder wohnten nach der Deportation ihrer Eltern in einem Zimmer in der Kaiserstraße 35 bei Fuchs. Beide arbeiteten als zwangsverpflichtete Tischler in der Lewkowitzer Straße 1-3 bei Fritz Müller in Berlin-Mariendorf. Sie wurden am 03. März 1943 mit dem 33. Ost-Transport nach Auschwitz deportiert, wo sich die Spur des 22-jährigen Siegberts verliert. Walter Wollinski wurde indes am 30. Juli 1943 ins KZ Natzweiler-Struthof deportiert und dort für rasseideologische Zwecke am 17. oder 19. August 1943 in der Gaskammer ermordet. Der knapp 18-jährige wurde Opfer eines besonders grausamen Verbrechens der Nazis. Dabei handelte es sich um die Herstellung einer anthropologischen Schausammlung aus den Skeletten der Ermordeten für Propagandazwecke an der Reichsuniversität Straßburg.

Epilog

Werner Wollinski kehrte nach Deutschland nicht mehr zurück und schrieb als 79-jähriger Australier einen Text von 69 Seiten, in dem er seinen Erfahrungen in Deutschland nur einen kleinen Bruchteil widmete. Diese kurze Passage erklärt schlicht, dass seine Emigration nach Australien erfolgte, weil sich die politische Situation in Deutschland „verschlechterte“. Die systematische Ausgrenzung, Boykottierung, Verdrängung und Enteignung von Juden, wie auch seiner Familie, berührte er dabei nicht.

Diese Geschichte hinterlässt viele unbeantwortete Fragen. Werner Wollinski verstarb 2011, in dem Moment, als sich sein Sohn Peter auf den Weg nach Deutschland befand, um den Spuren seiner Familie erstmals nachzugehen.

Martin Jeske

 

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Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Quellen, Periodika und Literatur

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BLHA, Rep 3B I Pol. Nr. 12.

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