Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Königsberg / Neumark (Chojna)

Luftbild von Königsberg / Neumark im Jahr 1930 mit Markierung der Synagoge
Foto: Reinhard Schmook; Albert-Heyde-Stiftung
Luftbild von Königsberg / Neumark im Jahr 1930 mit Markierung der Synagoge

Die Siedlungsgeschichte von Jüdinnen und Juden in Königsberg beginnt bereits vor dem Jahre 1351. Ihre Geschichte war immer wieder von Verfolgung und Flucht geprägt - wie das gegen sie gerichtete Pogrom Ende des 14. Jahrhunderts infolge der Verbreitung der Pest und dem antijüdischen Vorwurf, als „Brunnenvergifter“ hierfür verantwortlich zu sein.

Im Jahr 1510 vertrieb man auf Befehl des Kurfürsten Joachim I. und 1573 auf Befehl des Kurfürsten Johann Georg Jüdinnen und Juden aus dem gesamten Gebiet der Mark Brandenburg. Nach einiger Zeit mangelte es aber an leistungsstarken Händlern und Geldverleihern. Deshalb erteilte der brandenburgische Markgraf Jan Jerzy bereits im Jahre 1575 Jüdinnen und Juden wieder die Erlaubnis, Handel zu treiben, Messen zu besuchen und sich für kurze Zeit in den Städten aufzuhalten. Die Erlaubnis wurde einige Male erneuert, da die Steuerabgaben der jüdischen Händler für die Städte unverzichtbar waren. Während des Dreißigjährigen Krieges 1618-1648 flohen viele Jüdinnen und Juden ins benachbarte Polen trotz der Tatsache, dass sie unter dem Schutz des Markgrafen standen.

Ein Edikt vom Mai 1671 erlaubte 50 jüdischen Familien, sich für 20 Jahre in Brandenburg niederzulassen. Bald darauf kamen auch sieben Familien in die Neumark. Um 1690 gab es fünf jüdische Familien in Königsberg selbst. Durch das Edikt Friedrichs III. im Jahre 1699 konnten die sogenannten „Schutzjuden“ mit Zustimmung der Behörden Grundstücke erwerben, sodass eine dauerhaftere Ansiedlung möglich wurde. Die Erlangung von Bürgerrechten für Jüdinnen und Juden erfolgte allerdings erst nach 1812.  In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wurden in Königsberg Versuche unternommen, sie zu „missionieren“ und zu überzeugen den christlichen Glauben anzunehmen. Bis auf wenige Ausnahmen hatte dies aber keinen Erfolg: innerhalb von zehn Jahren konvertierten nur vier Personen. Die inzwischen gegründete Jüdische Gemeinde in Königsberg besaß 1770 insgesamt 45 Mitglieder und wuchs weiter, sodass 1801 bereits ca. 195 Jüdinnen und Juden in der Stadt lebten.

Durch zahlreiche Erlasse und Gesetze waren die Möglichkeiten für die Jüdische Gemeinde in Königsberg weiterhin stark begrenzt und wurden staatlich streng überwacht. Erst 1812, unter König Friedrich Wilhelm III., wurde das „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden im preußischen Staate“ erlassen, welches Jüdinnen und Juden theoretisch alle Bürgerrechte gewährte. Voraussetzungen für den Erhalt dieser Staatsbürgerschaft waren allerdings die Annahme deutscher Vor- und Nachnamen und die Beherrschung der deutschen Sprache gebunden. Sie erhielten vollständige Bewegungs- und Gewerbefreiheit. Bis zu einem bestimmten Grad konnten Juden auch an Universitäten studieren und akademische wie kommunale Ämter innehaben. Die neue Bewegungsfreiheit erlaubte es auch Juden aus Königsberg, in größere Städte zu ziehen. In dem Dokument „Die Judenbürgerbücher der Stadt Berlin 1809-1851“ sind einige der in Königsberg geborenen Personen mit ihren Erfolgen vermerkt. Diese waren unter anderem als Lederhändler, Kaufmänner oder Schneider erfolgreich tätig. Von einer Gleichstellung kann allgemein dennoch keine Rede sein: Staatsdienst in Justiz und Verwaltung und Offiziersstellen waren nur für diejenigen Juden möglich, die vorher zum Christentum konvertierten.

Über die Geschichte der Synagoge der Königsberger Jüdischen Gemeinde gibt es nur lückenhaft Berichte. Im Jahre 1704 ist erstmals die Rede von einer Synagoge, allerdings geht man davon aus, dass es sich dabei um private Beträume handelte. Es ist die Rede von dem Bau einer ‚ersten‘ Synagoge im Jahre 1754 und von dem Bau einer ‚neuen‘ Synagoge im Jahre 1907. Es ist unklar, ob es sich bei der ‚neuen‘ Synagoge um die Rekonstruktion der erwähnten Synagoge aus dem Jahre 1754 handelte oder um einen Neubau. Von der vermutlich um 1907 erbauten Synagoge gibt es Luftaufnahmen aus dem Jahr 1930. Sie befand sich in der Nähe des Schwedter Tores.

Während des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl der Mitglieder der Königsberger Jüdischen Gemeinde immer weiter ab. Viele zog es in größere Städte, wie z.B. Berlin, als das Industrie- und Wissenschaftszentrum Deutschlands. Vielerorts litten die jüdischen Gemeinden auch unter dem immer gefährlicher werdenden Antisemitismus, sodass viele ihre Mitglieder emigrierten. 1880 lebten 158 Jüdinnen und Juden in Königsberg, zehn Jahre später waren es 122. Mit Beginn des neuen Jahrhunderts, 1905, war ihre Zahl auf 70 gesunken. Um 1910 besaß die Jüdische Gemeinde der Stadt nur noch ca. 60 Mitglieder. 1925 lebten in Königsberg schließlich 45 Jüdinnen und Juden. Für den Anfang der 1930er Jahre geht man von ca. 30 in Königsberg lebenden Jüdinnen und Juden aus. Der „Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932-33“ enthält einige Angaben zur Organisation ihrer Jüdischen Gemeinde . So werden dort drei Vorsitzende erwähnt: Max Blumenthal als 1. Vorsitzender, Ernst Brisch als 2. Vorsitzender und Benno Kahn als 3. Vorsitzender.

Die Situation der Jüdischen Gemeinde in Königsberg verschlechterte sich, wie überall, mit der Machtübernahme Hitlers 1933. Über das Schicksal der zu dieser Zeit in Königsberg verbliebenen 31 Jüdinnen und Juden, inklusive der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, liegen nur vereinzelt Informationen vor [siehe hier]. Bekannt ist allerdings, dass 1933 mit Kurt Flöter ein bekennender Nazi das Amt des Bürgermeisters von Königsberg in der Neumark übernahm. Das alltägliche Leben der bereits sehr kleinen Jüdischen Gemeinde prägten Antisemitismus und Ausgrenzung. Während der Reichspogromnacht im November 1938 wurde das Innere der Synagoge von der SA (Sturmabteilung der NSDAP) zerstört. Später nutzte man das Gebäude als Lagerhaus. Ob es durch Kriegseinwirkungen zerstört wurde oder erst danach, müssen weitere Forschungen ermitteln. Die Jüdische Gemeinde von Königsberg in der Neumark war bei Kriegsende 1945 ausgelöscht.

Inga Goossens, Marieke Grenzebach

 

Quellen und Literatur

Denkmalamt Szeczecin: Karta Ewidencyjna Zabytku Nieruchomego Niewpisanego do Rejestru Zabytków 2018.

Powiatowy Ośrodek Dokumentatcji Geodezyjnej i Kartograficynej (Geodätisches und Kartografisches Bezirks-Dokumentationszentrum) Gryfino.

 

Reinhard Schmook, Albert-Heyde-Stiftung, URL: www.albert-heyde-stiftung.de [Stand: 11.09.2020]

Nachlass Eckehart Ruthenberg, Oderlandmuseum Bad Freienwalde.

 

Alicke, Klaus-Dieter: Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum: Königsberg (brand. Neumark), URL: www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/k-l/2366-koenigsberg-brand-neumark [Stand 23.09.2020]

Kehrberg, Augustin: Augustini Kehrberges, Historisch-Chronologischer Abriß, Der Stadt Königsberg in der Neu-Marck : In 2 Abtheilungen dieselbe also vorstellende,  Daß in der ersten, dero considerableste Gebäude, vornehmste Amts-Persohnen, notableste Stadt-Gerechtigkeiten, Kirchen-Sachen und Schul-Gebräuche, Samt einem Entwurff von der Neu-Marck [...], Franckfurt an der Oder 1715, S. 196-200. (Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Kinet, Ruth: Mit der Pest kamen die Pogrome, URL: www.deutschlandfunkkultur.de/pandemie-und-blutvergiessen-mit-der-pest-kamen-die-pogrome.1079.de.html [Stand 23.09.2020]

Kościelna, Joanna A.: Z dziejów Żydów w Königsbergu (2), in: Gazeta Chojeńska (10) vom 06.03.2012, URL: www.gazetachojenska.pl/gazeta.php [Stand 23.09.2020]

Dies.: Z dziejów Żydów w Königsbergu (3), in: Ebd. (11) vom 13.03.2012, URL: www.gazetachojenska.pl/gazeta.php [Stand 23.09.2020]

Dies.: Z dziejów Żydów w Königsbergu (5), in: Ebd. (13) vom 27.03.2012, URL: www.gazetachojenska.pl/gazeta.php [Stand 23.09.2020]

Kumkar, Günther: 750 Jahre „Konigesberge“ Königsberg/Neumark-Chojna' 1244 – 1994, in: Förderverein für den Wiederaufbau der Marienkirche in Königsberg/Neumark e.V. (Hrsg.), URL: www.marienkirche-chojna.de/chojna_geschichte.html [Stand 23.09.2020]

Neumark.pl: Chojna, URL: neumark.pl/main.php [Stand 23.09.2020]

Stowarzyszenie Historyczno-Kulturalne „Terra Incognita”, URL: pl-pl.facebook.com/Stowarzyszenie-Terra-Incognita-123210941036971/ [Stand 23.09.2020]

Wirtualny Sztetl: Chojna, URL: sztetl.org.pl/en/towns/c/22-chojna [Stand 23.09.2020]

Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (Hrsg.): Führer durch die jüdische Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege in Deutschland 1932-33, in: Compact Memory – Goethe Universität Frankfurt am Main, URL: sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm [Stand 23.09.2020]