Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Międzyrzecz

Schnellstraße S3 über den jüdischen Friedhof
Foto: Andrzej Kirmiel, 2008
Position auf der Schnellstraße S 3 (E 65), an der sich der jüdische Friedhof von Międzyrzecz befand
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Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Der Friedhof der Jüdischen Gemeinde Meseritz wurde auf dem sogenannten Judenberg [ca. 65 Meter über dem Meeresspiegel] angelegt, der sich an der Straße nach Schwerin an der Warthe, etwa 2 km nördlich des Stadtzentrums befindet.

Der Hügel gehörte zu Georgsdorf [heute Święty Wojciech], das im Mittelalter Teil der Landgüter von Betsche [heute Pszczew] war. Dort wurde eine Pachtgebühr bezahlt, die nach Zachert eine Unze Safran und ein Pfund Pfeffer betrug. Vermutlich gab es auch zusätzliche Gebühren für jede Bestattung. Der Übergang der Gemeinde unter die Jurisdiktion des Starosten und wahrscheinlich auch die Einstellung der Zahlungen an die Stiftung Betsche führten zu einem ernsten Konflikt mit dem Besitzer von Betsche, Andrzej Boczkowski, der 1682 auf dem Friedhof einen Galgen errichtete und damit den Ort entweihte. Erst als sich die Jüdische Gemeinde unter den Schutz des Wojewoden der Provinz Poznań, Wojciech Breza (1696) stellte, wurde der gewünschte Effekt erzielt.

Es ist auch bekannt, dass Rabbiner Meir ben Elisakim Goetz aus Schneidemühl auf dem Friedhof in Meseritz begraben wurde. Er starb 1656 auf der Flucht vor dem Pogrom, das die Truppen des Hetmans Stefan Czarniecki in Meseritz durchführten.

Heute ist schwer festzustellen, wie groß die Fläche des Friedhofs in Meseritz war. Vermutlich sah er ähnlich aus, wie der jüdische Friedhof im nahe gelegenen Schwerin (Warthe). Die Jüdische Gemeinde Meseritz war vergleichbar mit der etwas größeren Gemeinde Schwerin, so dass der Friedhof in Meseritz wie der in Schwerin wahrscheinlich eine Fläche von etwa 2,5 – 3 ha umfasste. Friedhöfe dieser Art wurden in der Regel chronologisch belegt, Reihe für Reihe, beginnend an der Spitze des Hügels und die Grabsteine in östlicher Richtung ausgerichtet. Als der Hügel und seine östlichen, nördlichen und westlichen Hänge voll belegt waren, wurden Begräbnisstätten in Richtung der Straße angelegt, die von Meseritz nach Schwerin führt.

Entsprechend ritueller Vorschriften muss ein jüdischer Friedhof eingezäunt sein und in der Regel wurde auf dem Friedhofsgelände ein Tahara-Haus [zur rituellen Reinigung der Toten] errichtet. So war es auch im Fall des Friedhofs von Meseritz. Große Teile eines Metallzauns und des zerstörten Tahara-Hauses, das auf der erwähnten Karte aus dem Jahr 1944 eingezeichnet ist, waren 1946 noch sichtbar.

Aufgrund des Mangels an verfügbaren Quellen ist schwer zu sagen, ob der Friedhof während des Nationalsozialismus verwüstet wurde. Zwei dem Autor bekannte Berichte von Juden, die vor dem Krieg in Meseritz lebten, erwähnen keine Zerstörung. Bezeichnend ist auch, dass andere jüdische Friedhöfe in der Umgebung, z.B. in Landsberg an der Warthe, Schwerin (Warthe), Tirschtiegel [heute Trzciel], Schermeisel [heute Trzemeszno Lubuskie] und Brätz [heute Brójce], weder vor noch während des Krieges Schaden nahmen. Dies sagt natürlich nichts über das Schicksal des Friedhofs in Meseritz aus, insbesondere da auf der oben erwähnten Karte von 1944 am Hang des Judenbergs neben dem Tahara-Haus ein Tagebau-Gebiet eingezeichnet ist. Bemerkenswert ist, dass Stanisław Cyraniak, der 1946 den jüdischen Friedhof inspizierte, kein Abbaugebiet bemerkte und außer einer allgemeinen Unordnung (umgestürzte Grabsteine, Tahara-Haus in Ruinen, mit Unkraut und Efeu bewachsenes Gelände) nichts Weiteres seine Aufmerksamkeit erregte. Ähnlich wie auf anderen Friedhöfen kam es auch hier ab Ende der 1940er Jahre zu individuellen und organisierten Diebstählen von Grabplatten aus Granit und Marmor. Die Diebe interessierten sich nicht für Grabsteine aus Sandstein, denn deren Nachbearbeitung war nicht rentabel. Deshalb konnte man noch in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren Mazewot [Grabsteine] aus Sandstein sehen.

Wie auch immer. Die Verwüstung und das Verschwinden des Friedhofs in Międzyrzecz begannen endgültig mit dem Umbau der Straße von Meseritz nach Schwerin im Jahr 1947. Florian Wiśniewski, der bei den Straßenbauarbeiten angestellt war, gab an, dass Grabsteine und Kies vom Friedhof beim Bau des Straßenabschnitts zwischen Meseritz und dem Tiefensee (Jez. Głębokie) verwendet wurden. Dieses Material diente als Schotter.

Die nächste Etappe der Liquidierung des Friedhofs fiel in die Jahre 1955 – 1956, als ein Strand am Tiefensee eingerichtet wurde. Stanisław Cyraniak berichtete, dass „der private Fuhrunternehmer Firlej aus Międzyrzecz (…) im Rahmen eines gesellschaftlichen freiwilligen Dienstes Kies vom Judenberg [holte] und (...) ihn zum Strand am Tiefensee [brachte]. Der Sand enthielt manchmal Knochen, die aufgesammelt und weggebracht wurden.“ Ende der 1960er Jahre wurde auf dem bereits teilweise abgebauten Berg ein Schießstand betrieben, den u.a. Schüler des örtlichen Gymnasiums nutzten. Überall auf dem Gelände des liquidierten Friedhofs lagen menschliche Überreste herum, um die sich niemand kümmerte.

Der rechtliche Prozess der Liquidierung des Friedhofs in Międzyrzecz begann in den 1960er Jahren. In den gesetzlichen Bestimmungen über Bestattungen und Friedhöfe vom 31. Januar 1959 hieß es zwar, dass „die Nutzung eines Friedhofsgeländes (...) nicht vor Ablauf von 40 Jahren nach der letzten Beisetzung einer Leiche auf dem Friedhof erfolgen darf.“ Doch für Zwecke des öffentlichen Nutzens, der Landesverteidigung oder der Notwendigkeit zur Umsetzung nationaler Wirtschaftspläne wurden Ausnahmen gemacht.

Es ist schwer eindeutig festzustellen, wann die letzte Beerdigung auf dem Friedhof in Międzyrzecz stattfand. Laut einem Schreiben des Präsidiums des Nationalen Rates der Wojewodschaft Zielona Góra vom 23. Dezember 1969 über eine vorzeitige Liquidierung des jüdischen Friedhofs in Meseritz soll diese im Jahr 1935 erfolgt sein. Es ist jedoch bekannt, dass die letzten Juden bis mindestens 1942 in Meseritz lebten. In jedem Fall hätte die Liquidierung des Friedhofs laut Gesetz nicht vor 1975 erfolgen dürfen.

Es kam anders. Die Haltung der damaligen polnischen Behörden zum jüdischen Erbe wird u.a. in einem Dokument beschrieben, das 1965 vom Wojewodschafts-Verband der Kommunal- und Wohnungswirtschaft in Zielona Góra erstellt wurde. Darin werden 875 stillgelegte und verlassene Friedhöfe in der Wojewodschaft Zielona Góra erwähnt. Das Dokument ordnet unter anderem an, diese Friedhöfe in Ordnung zu bringen, bezogen auf Aspekte wirtschaftlicher, ästhetischer und „politischer Art, da das der negativen öffentlichen Meinung in Polen und im Ausland entgegenwirkt.“ In den meisten Fällen bedeutete das Aufräumen der Friedhöfe ihre Beseitigung, die so effektiv war, dass heute fast keine Spur mehr von ihnen vorhanden ist.

Ausgangspunkt für die nun offizielle Beseitigung des Friedhofs in Międzyrzecz war der Antrag des Präsidiums des Nationalen Rats des Kreises Międzyrzecz auf vorzeitige Beseitigung des Friedhofs. In einem Schreiben vom 10. November 1969 an das Präsidium des Nationalen Rates der Wojewodschaft in Zielona Góra wird gefordert, dass der Friedhof „zur Kiesgewinnung“ genutzt werden soll. Der Beschluss des Wojewodschafts-Rates vom 23. Dezember 1969 entsprach den Erwartungen der Behörden in Międzyrzecz. In der Begründung heißt es u.a.: „In dem Gebiet wurden bedeutende Kiesvorkommen entdeckt, daher wird das Gebiet des ehemaligen Friedhofs für den Kiesabbau umgewidmet, nach dessen Ausbeutung wird es rekultiviert und begrünt.“

Die Entscheidung über die beschleunigte Liquidierung wurde auf Grundlage von Artikel 6 des bereits erwähnten Gesetzes aus dem Jahr 1959 getroffen. Im Fall des Friedhofs von Międzyrzecz wurde seine Beseitigung mit der Notwendigkeit der Umsetzung der nationalen Wirtschaftspläne begründet, die offensichtlich von den bereits teilweise abgebauten Kiesvorkommen auf dem Judenberg abhing. Das Dekret trat offiziell am 17. Januar 1970 in Kraft, nachdem es vom Minister für Gemeindewirtschaft genehmigt worden war. Auf diese Weise war die Beseitigung des Friedhofs der Jüdischen Gemeinde von Meseritz, die etwa 700 Jahre in der Stadt lebte, rechtlich vorbereitet.

Die entscheidende Phase der Liquidierung des Friedhofs in Międzyrzecz fiel in die 1970er Jahre und war das Ergebnis des Abbaus des Friedhofshügels durch die örtliche Firma PUBR. Die Arbeiter des Betonmisch-Werks berichteten, dass sie im abtransportierten Kies auf Knochen trafen. Nachdem dieser abgebaut war, wurde das Gelände des nun nicht mehr vorhandenen Hügels als Betonschrottplatz und schließlich als Mülldeponie genutzt. Dieser Zustand hielt sich bis in die frühen 1990er Jahre. Edward Klusek, der den Friedhof zu dieser Zeit besuchte, schrieb: „Zwischen Müllbergen, Lumpenhaufen, in einer surrealen Landschaft, unter verkümmerten Bäumen, entdeckte ich einen Friedhof. (...) Ich begann zu suchen, seltsame Bruchstücke von Tafeln lagen in einem Durcheinander zwischen Autoreifen und schwelenden Lumpen. (…) Ich zählte dann einige, etwa sechs, ich sah Fragmente von schönen, marmornen und ein paar kleine bescheidene, aus einem unbehauenen Stein.“

Die endgültige Rekultivierung des Geländes fand Anfang der 1990er Jahre statt. Es wurde mit Bulldozern eingeebnet und einige Zeit später für den Bau einer Umgehungsstraße und der Schnellstraße S3 genutzt, die heute mitten durch den nicht mehr existierenden Friedhofshügel verläuft. Aus dieser Zeit stammen die wenigen Funde, die mit dem Gräberfeld in Verbindung stehen. Insgesamt sieben Mazewot und ein Foto aus den 1960er Jahren, welches das Friedhofsgelände und die Grabsteine des Ehepaars Schwarz zeigt, sind heute noch erhalten. Im östlichen Teil des Friedhofsgeländes in Richtung der ehemaligen Straße Międzyrzecz – Skwierzyna haben sich einige wenige metallene und steinerne Reste von Grabanlagen bis heute bewahrt, auch Bruchstücke von Mazewot mit noch lesbaren Inschriften. Im September 2015 wurde auf Antrag des Sozialen Organisationskomitees und des Museums des Meseritzer Landes ein Gedenkstein in der Nähe des Friedhofsgeländes aufgestellt.


Andrzej Kirmiel

 

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Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre