Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Unruhstadt (Kargowa)

Scokoladenfabrik in Unruhstadt
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Schokoladenfabrik in Unruhstadt
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Spätestens seit der offiziellen Gründung der Stadt Unruhstadt im Jahr 1661 lebten Menschen jüdischen Glaubens dort. Allerdings ist wahrscheinlich, dass es bereits früher in der Ortschaft Karge, welche zu Unruhstadt gehörte, eine kleine jüdische Gemeinde gab.

Mit Gründung der Stadt wuchs sowohl Handwerk als auch Handel. Letzterer wurde maßgeblich durch die örtlichen jüdischen Kaufleute geprägt. Eine Zählung der preußischen Behörden im Jahr 1797 zeigte, dass in Unruhstadt, dem Dorf Karge und den dazugehörigen Vorwerken ungefähr 2.400 Menschen lebten, wovon schätzungsweise 392 jüdisch waren. Die Juden hatten damals zwar keine Privilegien, durften aber nach mündlicher Erlaubnis der Stadtherrschaft einige Berufe ausüben. Im 18. Jh. wuchs die jüdische Gemeinde in Unruhstadt und gegen Ende des Jahrhunderts machte die jüdische Bevölkerung rund 16 % aus. Die meisten von ihnen waren im Klein- und Großhandel tätig, es gab aber auch einige Handwerker und Schankwirte.

Unter Karl von Unruh (1683 – 1736), der die Herrschaft über Unruhstadt und Karge geerbt hatte, konnte eine Synagoge zunächst in der Stadt gebaut werden. Sie wurde jedoch nach Widerspruch katholischer Pröpste neben das außerhalb des Ortes liegende Schloss verlegt. Auch die Existenz des jüdischen Friedhofs zu dieser Zeit ist belegt. Die Synagoge wurde in der Nacht vom 21. auf den 22. September 1841 in Folge eines stadtweiten Brands ebenso zerstört wie zahlreiche Häuser jüdischer Familien. Sie konnte jedoch kurz danach, dank Spenden der umliegenden jüdischen Gemeinden 1842 neu errichtet werden. Gegen Ende der 1880er Jahre wurde sie renoviert und umgestaltet.

Um 1840 fasste die Jüdische Gemeinde, zu der auch Personen aus dem Nachbarort Kopanika zählten, rund 400 Personen. Zu dieser Zeit gab es auch eine jüdische Schule mit zwei Lehrern, die von ungefähr 60 Kindern besucht wurde. Die Existenz dieser Schule ist mindestens von 1842 bis 1885 nachweisbar. Die Jüdische Gemeinde nutzte zur Mitte des 19. Jh. ein eigenes Siegel, welches einen Adler mit ausgestreckten Flügeln zeigte und ungefähr einen Durchmesser von 2,5 cm hatte. Am Rand des Wappens war zu lesen “Verwaltungs-Beamten d. Israelitischen Corporation zu Unruhstadt“.

Der Großteil der Tuchhändler in Unruhstadt am Anfang des 19. Jh. war jüdisch. Als ab 1822 Exporte nach Russland aufgrund von Einfuhrzöllen auf Tuchprodukte immer schwieriger wurden, verließen viele jüdische Händler Unruhstadt in Richtung Kongresspolen und in die Region Lodz. Es fand allerdings auch eine generelle Abwanderung aus ökonomischen Gründen Richtung Berlin und Städte in Westdeutschland, hauptsächlich ins Ruhrgebiet statt. Dies betraf vor allem die deutsch-evangelische Bevölkerung, aber auch in der jüdischen Gemeinde war die Emigration Richtung Westen deutlich spürbar. Die Zahl der jüdischen Einwohner sank stetig; die Tuchproduktion ging unter.

Ab Mitte des 19. Jh. begann die Industrialisierung in Unruhstadt, es wurden immer mehr Fabriken und Betriebe errichtet. Das Kronjuwel der Stadt war die 1914 von dem Juden Carl Liechtenstein gegründete Schokoladen- und Bonbonfabrik. Die Abwanderung von Juden hielt jedoch an. Im Jahr 1910 zählte die Jüdische Gemeinde von Unruhstadt gerade mal 36 Mitglieder, hauptsächlich wohlhabende Familien mit Vermögen und Immobilien, unter ihnen auch Carl Liechtenstein. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren nur noch rund 2 % der Stadtbevölkerung jüdisch.

Aus einer Flurkarte um 1900 lässt sich schließen, dass die Unruhstädter Juden zu dieser Zeit einen eigenen “Ortsteil” hatten. Begriffe wie “Judenbrücke”, “Judenwiese”, “Judenlache” und “Judengraben”, deuten darauf hin, dass diese im Besitz von Juden standen. Auch der Jüdische Friedhof ist unter “Judenfriedhof” vermerkt.

Während der Weltwirtschaftskrise erstarkten in Unruhstadt rechtsradikale Parteien immer mehr. Als Hitler 1933 an die Macht kam, fiel die Stadt unter die Kontrolle der NSDAP. Für die noch bestehende Jüdische Gemeinde und ihre Mitglieder bedeutete dies zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung. So musste die Gemeinde 1936 ihre Synagoge zu einem Preis weit unter ihrem Wert verkaufen, die nun ein Tischler als Holzlager nutzte. Carl Liechtenstein wurde 1938 enteignet, seine Fabrik ging in den Besitz eines bekannten Nationalsozialisten über. Liechtenstein ging nach Koblenz, wo er 1942 verhaftet, nach Theresienstadt gebracht und kurz darauf im Ghetto in Minsk ermordet wurde. Alle Juden, die noch in Unruhstadt geblieben waren, wurden ihrer Besitztümer enteignet und mussten die Stadt verlassen. 1938 löste sich die Jüdische Gemeinde auf. Viele der in Unruhstadt geborenen Juden lebten bereits vor Beginn des Nationalsozialismus in Berlin oder Breslau und wurden von dort aus deportiert und in der Shoa ermordet. Über Deportationen aus Unruhstadt gibt es keine Hinweise.

1945 erfolgte die Umbenennung der Stadt in Kargowa. Nach 1945 lebte hier lediglich ein jüdisches Ehepaar, welches jedoch keinerlei Beziehungen zur Jüdischen Gemeinde vor dem Zweiten Weltkrieg hatte. Die Synagoge wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Ab 1989 wurde Kargowa von Nachkommen der jüdischen Familien besucht, u.a. von Hans Reich, dem Enkel von Carl Liechtenstein. Eine Jüdische Gemeinde gibt es in Kargowa nicht mehr.

Sophie Kamrad

 

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Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Literatur und Quellen

Alicke, Klaus-Dieter: Unruhstadt (Schlesien), in: Geschichte jüdischer Gemeinden im deutschen Sprachraum, URL: www.xn--jdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeinden/u-z/2191-unruhstadt-schlesien [30.07.2020]

Heppner, Aaron und Herzberg, Isaak: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen nach gedruckten und ungedruckten Quellen, Koschmin-Bromberg 1911, S. 993.

Kirmiel, Andrzej: Kargowa, in: Wirtualny Sztetl: URL: sztetl.org.pl/en/towns/k/506-kargowa [30.07.2020]

Petriuk, Stefan: Unrugowa i Kargowa. Miasto powstałe w czasach toleranciji, podczas istniejc̜ych napie̜c mie̜dzy Polakami i Niemcami, Langballigholz 2005, S. 278.

Pławski, Józef: Kargowa (Unruhstadt), in: Cmentarze żydowskie W Polsce, URL: cmentarze-zydowskie.pl/kargowa.htm [03.08.2020]

Strzyżewski, Wojciech (Hrsg.): Historia Kargowej i zarys dziejów miasta partnerskiego Weissenberg - Die Geschichte der Stadt Kargowa mit historischer Beschreibung der Partnerstadt Weissenberg, Kargowa 2013, S. 15-17; 157-188.

Związek Gmin Wyznaniowych Żydowskich w RP, URL: www.izrael.badacz.org/zydzi_w_polsce/org_zwiazek.html [24.08.2020]

 

Denkmalamt Zielona Góra: Karta Cmentarza DL 7; DL 29, Arch. Position Kargowa 66 (AZP 59-18/54)