Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Vietz (Witnica)

Gedenkstein am Standort der Synagoge von Vietz
Foto: Anke Geißler-Grünberg
Gedenkstein am Standort der zerstörten Synagoge von Vietz
Bet
Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Für die Zeit vor 1800 ist bisher nur ein Hinweis für die Anwesenheit von Juden in Vietz bekannt: Ein Reskript Friedrich I. von 1706 enthält die Anordnung, in den Dörfern Vietz und Fürstenwalde sich aufhaltende Juden nicht zu dulden und sie, sofern es vergleitete (also mit Schutzbriefen versehene) Juden seien, in neumärkische Städte zu verweisen. Die nachvollziehbare und mit Namen verknüpfte Geschichte der Vietzer Juden beginnt fast 100 Jahre später.

1801 kamen als erste bekannte Zuwanderer Hirsch Wulff und seine Frau Elenora Levin in das damals knapp 900 Einwohner zählende Vietz. Hirsch Wulff stammte aus Altschottland bei Danzig und war als Brauer und Branntweinbrenner beim Vietzer Erbschulzen tätig. Auf der Grundlage des Emanzipationsedikts von 1812 erhielten das Ehepaar Wulff und seine in Vietz geborenen vier Kinder 1813 die preußische Staatsbürgerschaft zugesprochen.

Ab Mitte der 1810er Jahre erfolgte weiterer Zuzug von Juden nach Vietz. Ende 1840 lebten bereits 48 Personen jüdischen Glaubens im Ort, darunter sieben Familien.

Gemeindestrukturen hatten sich zu Beginn der 1840er Jahre nach dem Urteil des Landrats des Kreises Landsberg a. d. Warthe noch nicht herausgebildet. Die Etablierung einer eigenständigen Gemeinde vollzog sich erst auf der Grundlage des Gesetzes „betreffend die Verhältnisse der Juden in den Preußischen Staaten“ von 1847.

Auf einer durch den Landrat zur Umsetzung dieses Gesetzes einberufenen Versammlung im November 1853, zu der alle erwachsenen Juden des Kreises eingeladen worden waren, kam es zur Gründung der Synagogengemeinde Vietz. Damit trat im Landsberger Kreis neben die bereits bestehende jüdische Gemeinde Landsberg eine zweite, aber zahlenmäßig weitaus kleinere. Ihr Synagogenbezirk umfasste den westlichen Teil des Kreises, in dem zu dieser Zeit neben Vietz in elf weiteren Orten Juden lebten.

Die Konstituierung als eigenständige Gemeinde und das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Vietz auf 59 und im Rest des Synagogenbezirks auf 77 Personen im Jahre 1858 legte den Bau einer Synagoge nahe, der schließlich 1864 erfolgte. Damit war die Zeit einer von Salomon Cohn privat betriebenen Betstube, die aber auch jüdischen Personen aus umliegenden Orten zugänglich war, vorbei. Die Synagoge lag nahe dem Ortszentrum und nur wenige Meter von der durch Vietz führenden Verbindungsstraße zwischen Küstrin und Landsberg (heute ul. Sikorskiego Ecke ul. Kostrzyńska) entfernt. Leider ist bisher weder ein Foto noch eine Zeichnung des Synagogengebäudes aufzufinden gewesen.

Bis 1875 Jahre wuchs die Mitgliederzahl der Gemeinde auf knapp 90 Personen an. Dies ist der anhaltenden Zuwanderung geschuldet, die zu ganz überwiegendem Teil aus der Provinz Posen kam. Der mit weitem Abstand dominierende Herkunftsort aus dieser Provinz war Schwerin a. d. Warthe, eine wenige Kilometer von der Grenze zu Brandenburg gelegene Kleinstadt.

Die Zuwanderung setzte sich nach 1880 zunächst noch fort, allerding nicht mehr aus Schwerin. Sie erfolgte nun aus anderen Orten der Provinz Posen und aus den Provinzen Westpreußen und Brandenburg. Ein weiteres Wachstum der jüdischen Einwohnerschaft war damit aber nicht mehr verbunden, denn inzwischen hatte sich die Abwanderung verstärkt, wobei Berlin der herausragende Zielort war. Die jüdische Einwohnerzahl in Vietz sank nach 1875 zunächst, hielt sich aber von Mitte der 1880er Jahre bis 1905 noch zwischen 60 und 70. Dann erfolgt der Einbruch: In den nächsten zwanzig Jahren schwankte die Zahl zwischen 30 und 40 und nahm ab 1925 weiter ab.

Die nach Vietz zugezogenen Juden waren mit Ausnahme von jeweils nur kurzfristig am Ort weilenden Kultusbeamten und einigen wenigen anderen Personen (darunter der erwähnte Hirsch Wulff und zwei Ärzte) allesamt Händler und Kaufleute. Einige alteingesessene Geschäfte wurden von ihren jüdischen Besitzern bis 1938 geführt.

Viele der Geschäftsleute gehörten Vietzer Vereinen oder der Freiwilligen Feuerwehr an. Auch in den Vietzer Veteranenverbänden des 1. Weltkriegs waren sie vertreten. Dies mag ein Zeichen für eine weitgehende Integration in die ganz überwiegend evangelische Mehrheitsgesellschaft sein, für genauere Aussagen fehlen aber geeignete Quellen.

Mit der Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP Ende 1930 und den Wahlerfolgen der Partei in Vietz zeigten sich die Vorboten der nationalsozialistischen Herrschaft. Auch der Antisemitismus machte sich bemerkbar: Während des Wahlkampfes zur Reichspräsidentenwahl 1932 wurde die Tür der Synagoge von sechs jungen Leuten und ihrem erwachsenen Anführer mit einem Hakenkreuz beschmiert.

Im Januar 1933 lebten (nach jetziger Datenlage) noch 15 jüdische Personen in Vietz. Vom „Judenboykott“ im April 1933 waren auch die jüdischen Geschäfte in Vietz betroffen. Während des Pogroms im November 1938 gingen ihre Fensterscheiben zu Bruch. Zwei Geschäftsleute wurden im Vietzer Polizeigefängnis inhaftiert. Ihre Entlassung erfolgte gegen die Zusicherung, umgehend die Emigration zu betreiben. 1939 verließen bis auf eine jüdische Witwe aus einer „Mischehe“ die letzten Juden Vietz. Die Witwe wurde im April 1944 zum Zweck der Deportation in das Berliner Sammellager Schulstraße verbracht, nach einigen Wochen aber wieder nach Vietz entlassen, wo sie als Zwangsarbeiterin in einem Sägewerk den Rest der Schreckenszeit überlebte.

Da die Vietzer jüdische Gemeinde Anfang der dreißiger Jahre nicht mehr über ausreichend religionsmündige Mitglieder für einen Gottesdienst verfügte und wohl auch aufgrund der fehlenden Zensiten finanzielle Probleme hatte, wurde das Synagogengebäude im September 1934 an den Vietzer Fabrikanten Strunk verkauft, der darin zunächst einen Ausstellungsraum für seine Ofen- und Tonwarenfabrik einrichtete; später war es der Sitz des von ihm betreuten Automobilclubs. Als Eigentum eines „arischen“ Fabrikbesitzers und Parteigenossen überlebte der Synagogenbau im November 1938 die „Reichkristallnacht“ unbeschädigt.

Über die formale Auflösung der Vietzer Gemeinde sind keine Dokumente bekannt, sie dürfte aber nicht lange nach dem Synagogenverkauf vollzogen worden sein.

Nach dem Krieg diente das Synagogengebäude u. a. als Lagerstätte der nahe gelegenen Möbelfabrik. 1965 erfolgte der Abriss des Gebäudes. Ein von der Bundesarbeitsgemeinschaft Landsberg (Warthe) gestifteter Gedenkstein weist seit 2001 an der Ecke ul. Kostrzyńska/ul. Sikorskiego auf die hier einstmals existierende Synagoge hin. Die am Stein angebrachte Schrifttafel trägt in Polnisch, Deutsch und Hebräisch die Inschrift „Hier stand früher die Synagoge“ und darunter die drei Jahreszahlen „1864 – 1935 – 1965“, die für den Bau, den Verkauf und den Abriss stehen.

Zum Schluss sei an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnert: 19 in Vietz geborene und vier in Vietz zeitweise wohnhaft gewesene jüdische Personen sind, meist von ihrem letzten Wohnort Berlin aus, deportiert worden und umgekommen, zwei aus Vietz stammende Personen entzogen sich in Berlin den Verfolgungsmaßnahmen durch Suizid. Ein Kaufmann, der von Vietz nach Küstrin umgezogen war, wurde während des Novemberpogroms 1938 in seiner Wohnung erschossen, ein polnischstämmiger Jude, der nach den Nürnberger Gesetzen mit seiner nichtjüdischen Familie seinen Wohnsitz nach Polen verlegt hatte, kam dort 1943 in einem Lager um.

Wolfgang Stammwitz

 

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Foto: OLF1.1. FrankRuhlLibre

Ausgewählte Quellen und Literatur

Archivalische Quellen:
BLHA, Rep. 3B I Pol, Nr. 843, 1128, 1219.
BLHA, Rep. 3B I St, Nr. 209-218.
BLHA, Rep. 6B Landsberg, Nr. 31.
GStA PK, X. HA, Rep. 4B Kreisgericht Landsberg a. d. Warthe, Nr. 427, 428, 431.

Gedruckte Quellen:
Jüdisch-liberale Zeitung vom 5.10.1934 (2. Beilage).
Neumärkisches Volksblatt vom 16. und 19.3.1932.
Statistisches Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes (1)1885 – 16(1903); die weiteren Jahrgänge unter verschiedenen Titeln: Statistisches Jahrbuch deutscher Juden 17(1905), Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung (Statistisches Jahrbuch) 18(1907), Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege (Statistisches Jahrbuch) 19(1909) – 21(1913).
Stern, Selma: Der preußische Staat und die Juden, Erster Teil, Zweite Abteilung: Akten. Berlin 1925.

Literatur:
Zbigniew Czarnuch: Żydzi w Witnicy, in: Nadwarciański Rocznik Historyczno Archiwalny 2008, Nr. 15, S. 93-115.
Ernst Handke jun.: Auf dem jüdischen Friedhof in Vietz, in: Heimatblatt der ehemaligen Kirchengemeinden Landsberg/Warthe Stadt und Land - Vietzer Anzeiger, Juni 1993, H. 6, S. 16-17.
Max Jacob: Beiträge zu einer Chronik des Ortes Vietz. Dritte Herstellung abgeschlossen 1972 [Typoskript].