Virtual-Reality-Exkursionen im Geographiestudium

Eine empirische Studie zur Erhebung von Raumreflexionen über nachhaltige Stadtentwicklung (SDG 11) bei Geographie-Lehramtsstudierenden durch das Designen von VR-Exkursionen 

Projektbeschreibung:

Immersive Erlebnisse mittels Virtual Reality werden als Zukunftstrend der Bildung für die kommenden zwei Jahre gehandelt (Lübcke, 2017). Während Konzerne wie VW und Audi virtuelle Umgebungen zuvorderst zu Trainingszwecken oder Customer Experience einsetzen, zielt VR in formaler Bildung auf die Förderung fachspezifischer Kompetenzen. Insbesondere für die geographische Bildung eröffnen sich neue Möglichkeiten: Das virtuelle Erleben von Orten ermöglicht ein scheinbares Realerleben, wobei die immersive, wahrnehmungsnahe Technologie stark Bedeutungszuschreibungen und Impulse für Raumwahrnehmung und -konstruktion beeinflusst.Denn das Format VR ist eine besonders machtvolle Form des geographischen Visualisierens: Je nach immersivem Grad können Erlebnisse im virtuellen Raum als authentisch wahrgenommen und starke emotionale Reaktionen sowie Änderungen in der eigenen Identitätswahrnehmung hervorgerufen werden (Maister, Slater, Sanchez-Vives, & Tsakiris, 2015). Das Designen virtueller Realitäten stößt zudem kommunikative und wahrnehmende Prozesse an, die die Konstruktion von Fachwissen beeinflussen. Es bedarf daher fachlicher und fachdidaktischer Konzepte, um eine pädagogisch-didaktisch zielgerichtete Raumerfahrung und einen fachlich angemessenen Erkenntnisgewinn zu gewährleisten.

Die qualitative Studie setzt an dieser Notwendigkeit an: Im Rahmen einer universitären Lehrveranstaltung wurden Geographie-Lehramtsstudierende in die Rolle von Designern einer fachgeographisch anspruchsvollen VR-Umgebung versetzt. Ziel war es, VR-Exkursionen als eine Form immersiver Lernumgebungen auf der Basis von 360-Grad-Bildern und -Videos zu erstellen und hierbei das eigene Raumerleben sowie die mit diesem Design-Prozess verbundenen Konstruktionsprozesse zu reflektieren. Dazu wurde im September 2018 mit 11 Geographie-Lehramtsstudierenden eine einwöchige geographische Exkursion zum Thema „Zukunftsfähige Stadt“ in der Wiener Innenstadt und der Seestadt Aspern durchgeführt. Die Studierenden erarbeiteten zunächst in der Rolle der Forschenden fachlich relevante Erkenntnisse zu nachhaltiger, grüner und smarter Stadtentwicklung und reflektierten kontinuierlich eigene körperbezogenen Wahrnehmungen der Situationen vor Ort. Anschließend wechselten sie in die Rolle von Designenden, indem sie auf Basis ihrer recherchierten Informationen und 360°-Aufnahmen selbst Virtual-Reality-Exkursionen erstellten.

Erste Erkenntnisse zeigen, dass der Rollenwechsel vom Forschenden zum Designenden einen Wandel zu einer vertieften Reflexion der Raumerfahrung provozierte. Die Notwendigkeit, die eigenen Zugänge und Verständnisse der fachspezifischen Eindrücke zu Wien mittels 360-Grad-Fotographie und -Videographie visuell ‚sichtbar‘ zu machen, evozierte vertiefte raumbezogene Erkenntnisse und förderte geographische Handlungskompetenzen. Durch den Umstand, dass Virtual Reality eine sehr körpernahe Erfahrung und ein Gefühl von embodiment (Maister u. A., 2015) hervorrufen kann, war ein wichtiger Aspekt, dass sich die Studierenden auch in der Konstruktion der VR-Exkursionen mit ihrer eigenen Körpererfahrung in der Stadt Wien auseinandersetzen mussten (vgl. Segbers & Kanwischer, 2015). So wird allein durch den Prozess des forschenden Designens sowohl fachlicher als auch didaktischer Wissens- und Kompetenzerwerb gefördert, mit starkem Bezug zu eigener Körpererfahrung und -wahrnehmung. Zudem wird aktuell mittels qualitativer Methodik (in Anlehnung an die ‚go-alongs‘ nach Kusenbach, 2003) untersucht, wie die VR-Exkursion als Medium der Raumkonstruktion und -reflexion für am Design beteiligte und unbeteiligte Studierende im Kontext geographischer Hochschulbildung einsetzbar ist. 

Das übergeordnete Ziel der Studie ist es dabei, Virtual Reality als ein immersives Lernformat zu einem eigenen Forschungsgegenstand für Geographie und Geographiedidaktik zu erheben. Auf Grundlage der Erkenntnisse dieser explorativen Studie sollen die Potentiale, Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren für geographische Vermittlung mittels VR diskutiert und ein fachlich-didaktisches Konzept zur Kompetenzförderung durch VR in geographischen Lernsettings erarbeitet werden. 

Literatur: 

  • Kusenbach, M. (2003). Street phenomenology. The go-along as ethnographic research tool. Ethnography 4(3). 455-485. 
  • Lübcke, M. (2017). BeForE - 2017 Bericht Foresight in Higher Education No. 2 (Innovation in Higher & Professional Education Nr. 6). ZHAW School of Management and Law.
  • Maister, L., Slater, M., Sanchez-Vives, M. V., & Tsakiris, M. (2015). Changing bodies changes minds: owning another body affects social cognition. Trends in Cognitive Sciences, 19(1), 6-12. 
  • Segbers, T. & Kanwischer, D. (2015). Ethnographie als Methodologie in der Geographiedidaktik - Teilnehmende Beobachtung und Tagebuchanalyse im Kontext exkursionsdidaktischer Forschung. In Budke, A. & M. Kuckuck (Hrsg.). Geographiedidaktische Forschungsmethoden. Berlin. 295-317.

Projektpartner:

  • Prof. Dr. Nina Brendel, Juniorprofessur für Geographische Bildung
  • Dr. Katharina Mohring, AG  Angewandte Humangeographie und Regionalwissenschaften 

Projektlaufzeit:

seit 2018

Veröffentlichung:

Mohring, K., Brendel, N. (angenommen): Vom Ort zur virtuellen Welt - Studierende designen in Wien eine VR-Exkursion zu nachhaltiger Stadtentwicklung. In Hof, A. & Seckelmann, A. (Hrsg.) Exkursionsdidaktik in der Hochschullehre. Springer.