Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Storkow

Storkow war für Juden offenbar lange uninteressant. Im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts lebten zwar einige wenige in der mittelalterlichen Stadt, ein großer Teil von ihnen wanderte aber bereits um 1720 ins nahegelegene Friedland ab. Aus einem Dokument über „das Juden Wesen in allen unseren Landen, also auch in unserer Chur Mark“, das König Friedrich Wilhelm I. am 3. April 1720 anforderte und an alle Kriegs- und Steuer-Kommissare sowie Magistrate seines Herrschaftsgebietes gerichtet war, geht hervor, dass nur der Schutzjude David Österreich in Storkow lebte. Begründet wurde dies damit, dass sich hier mehr als eine, aber höchstens zwei jüdische Familien ernähren können. David trieb Handel mit „lauter Kleinigkeiten“ und hatte einen Knecht, besaß aber so wenig, dass er vom Ehemann einer seiner drei Töchter versorgt werden musste. Er lebte wohl deshalb auch in dem Haus, das diesem Schwiegersohn gehörte. Offenbar beschäftigte dieser außerdem einen Schulmeister und zahlte ihm jährlich 24 Taler. Zum Gottesdienst kam man demnach bei Jesaja Joseph zusammen.
1801 zählte die Gemeinschaft dann gerade einmal 17 Personen in vier Familien. Sie wuchs in den Folgejahren aber stetig. Auf Grundlage des Emanzipationsedikts vom 11. März 1812 erhielten 15 Storkower Juden auf Antrag die preußische Staatsbürgerschaft: Levin Sussmann, Isaac Fliess, Jesajas Sussmann, Samuel David, Itzig David, die Witwe Sara Isaac, Mendel Levi, die drei ledigen Schwestern Beule, Hanne und Güttel David, Moses David, Güttel Joachim, Lazarus Salomon, Moses Sussmann, Hanne Rebecca Levin sowie Friedemann Samuel.
1831 war die Gemeinde auf 40 und 1855 auf 66 angewachsen – und erreichte um 1860 ihren Höchststand mit 82 Personen, von denen allein 30 schulpflichtige Kinder waren. Das hatte die bereits vor 1820 entstandene Jüdische Gemeinde Storkow veranlasst, mit Isaac Lazarus Jaffé einen Religions- und Hebräisch-Lehrer zu beschäftigen sowie, sich 1850 eine Synagoge einzurichten. Diese befand sich im Erdgeschoß eines um 1800 erbauten Gebäudes in der heutigen Kirchstraße. Riehl und Scheu gaben 1861 an, dass in Storkow und sieben umliegenden Dörfern insgesamt 63 Juden lebten, die sich laut Statut vom 16. Februar 1856 in einer Synagogengemeinde organisierten und einen Betsaal besaßen. Stets bildeten sie aber eine äußerst geringe Minderheit im Ort: 1875 machten sie ca. 3% der Stadtbevölkerung aus und 1910 noch lediglich 0,6%. Denn die Gemeinde war bis dahin wieder auf 18 Mitglieder geschrumpft. Am Vorabend des NS-Regimes lebten in Storkow schließlich nur noch sechs jüdische Familien; 1938 waren es neun Personen.
Die staatliche Verfolgungspolitik traf 1937 schließlich den Pferdehändler und Gemeindevorsteher Rosenberg mit voller Härte, weil er sich mehrfach über die Ausgrenzung und Gewalt beschwert hatte. Nach mehrwöchiger „Schutzhaft“ und verordnetem Berufsverbot verließ er Storkow und kehrte nie wieder zurück.
Am Markt 24, also im Zentrum von Storkow, betrieben der Kaufmann Felix Todtenkopf und seine Frau Olga seit langem ein Textilgeschäft, das Damen- und Herrenkonfektion sowie Manufaktur-Weißwaren führte. Auf der anderen Seite des Platzes wohnten sie mit ihren Kindern Anneliese und Harry. Dieser heiratete am 8. November 1938 seine Jugendliebe Gerda. Doch bereits am Folgetag wurden sowohl das Geschäft als auch der Synagogenraum durch eine aufgebrachten Menschenmenge völlig verwüstet. Familie Todtenkopf tat sich aber schwer, Storkow zu verlassen. Hinzu traten finanzielle, organisatorische und bürokratische Schwierigkeiten, aus Deutschland überhaupt zu fliehen. Erst 1940 gelang ihnen die Emigration; über Shanghai kamen sie schließlich in die USA. Dort starb Felix 1958.
Erna Kaplan, der verwitweten Else Groß sowie Pauline und ihrer hochbetagten Mutter Mathilde Grunewald war diese Option verschlossen. Sie wurden nach Warschau, Theresienstadt und Auschwitz deportiert und dort ermordet. 1942 lebten keine Juden mehr in Storkow.
Am 5. Oktober 2022 wurde am Standort des nicht mehr existierenden Geschäftshauses von Felix Todtenkopf ein Stolperstein verlegt; nur wenigen Wochen später wurde er gestohlen und musste ersetzt werden. Am Markt 16 erinnern seitdem mit Else Groß und Erna Kaplan zwei weitere Stolpersteine an verfolgte Storkower Juden.
Anke Geißler-Grünberg
Quellen, Literatur und Internet
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