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Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Frankfurt (Oder) / Słubice

Foto: Eckard Reiß
Blick auf die noch exististierende Friedhofsmauer mit Toreinfahrt, Herbst 1965

Der jüdische Friedhof der alten Jüdischen Gemeinde Frankfurt (Oder) befindet sich heute im polnischen Słubice, dem ehemaligen Stadtteil Dammvorstadt, auf einer Anhöhe an der Reppener Chaussee (Szosa Rzepińska).

Er gehört zu den ältesten Jüdischen Friedhöfen Mitteleuropas: Seine erste urkundliche Erwähnung erfolgte im Juli 1399, existierte er also bereits auf den jenseits der Oder liegenden „Judenbergen“ innerhalb der Gemarkung Kunersdorf. Denn Juden prägten seit der Gründung von Frankfurt/Oder das Bild der Stadt. Und daran änderte sich auch nichts in der Folgezeit. Deshalb ist davon auszugehen, dass der Friedhof mehrmals vergrößert werden musste. Überliefert ist eine Flächenerweiterung im Jahr 1704, der sich 1764 eine weitere anschloss. Umfriedet war das Gelände mit einer niedrigen Mauer.

In den Zeiträumen zwischen Vertreibungen und Wiederansiedlungen der Juden dürften keine Begräbnisse stattgefunden haben. Eine kontinuierliche Belegung erfolgte demnach erst nach 1671, zusätzlich belegt durch ein erhalten gebliebenes hebräisch-sprachiges Friedhofsregister, das 1940 durch den Leiter des Gesamtarchiv der deutschen Juden Jacob Jacobson ins Deutsche übersetzt worden war. Auffällig ist die hohe Zahl an gestorbenen Kindern, weshalb es für sie auf dem Friedhof ein separates Beerdigungsfeld gegeben haben muss. Außerdem muss es viele verarmte Juden gegeben haben, deren Grabmale aus Holz waren und die Zeiten nicht überdauert haben. Überhaupt wiesen bereits im 19. Jh. viele alte Grabsteine so starke Schäden auf, dass sie unlesbar waren. - Grundsätzlich hatte jeder Jude das Recht auf eine Grabstelle, wie 1853 das Statut der neuen Frankfurter Synagogengemeinde formulierte. Die Aufsicht über den Friedhof übernahm der Leiter des Jüdischen Krankhauses, Alexander Joseph. Allein für die Zeit bis 1866, dem Vorabend der Reichsgründung, zählte Jacobson über 1.200 Grabsteine und damit mindestens ebenso viele Beisetzungen. Zu den Berühmtheiten gehören aber drei Rabbiner, die das jüdische Geistesleben nachhaltig geprägt haben und den Friedhof zum Ziel alljährlicher Gedenkfahrten machten: Joseph Theomim, Jehuda Margolies sowie Mendel von Podeitz. Am 12. Oktober 1866 fand die letzte Beisetzung auf diesem ersten Beerdigungsabschnit statt.

Im März 1805 hatte die Jüdische Gemeinde Frankfurt (Oder) dem Bauern Hanschke, einem Anrainer des Friedhofs, eine Erweiterungsfläche für 300 Reichstaler abgekauft. Hinzu kamen noch einmal 1.000 Rth für eine 3 m hohe Friedhofsmauer und umfangreiche Kosten für die endgültige Erschließung des Geländes, das ab 1868 belegt wurde. Im Gegensatz zum ersten Beerdigungsabschnitt ist das entsprechende Beerdigungsregister aber verschollen. Ca. 1870 errichtete man auf diesem Abschnitt eine Trauerhalle in neormanischen Baustil, auf deren Kuppel ein vergoldeter Davidstern angebracht war. Direkt erreichbar war sie über eine eingefügte Toreinfahrt an der Chaussee, für die man die Mauer durchbrach. Außerdem wurde mit Heinrich Billerbeck ein (christlicher) Friedhofsgärtner angestellt, der mit seiner Familie in ein 1880 direkt neben der Toreinfahrt errichtetes Wohnhaus einzog. Ein in älteren Karten eingezeichneter Vorgängerbau, möglicherweise ein Tahara-Häuschen, wurde demzufolge abgerisssen. Im Jahr 1900 übernahm Robert Billerbeck die Aufgabe seines verstorbenen Vaters, auf den 1919 dessen Sohn Otto folgte. Indes, die Grabgestaltung orientierte sich zunehmend an der Mehrheitsgesellschaft. Ein herausstechendes Beispiel war jedoch ein hoher Obelisk aus grünem schwedischen Granit für den 1893 verstorbenen, hoch verehrten Rabbiner Dr. Moses Löwenmeyer.

Vorausschauend erwarb die Jüdische Gemeinde zu Beginn des 20. Jh. abermals eine Erweiterungsfläche für den Friedhof, der damit seine endgültige Größe erreichen sollte. Begrenzt wurde dieser Bereich durch einen schlichten Maschendrahtzaun. Bereits vor Beginn seiner allgemeinen Nutzung beerdigte man hier Selbstmörder. Im Sommer 1937 weihte hier der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten unter Teilnahme sämtlicher Frankfurter Juden und unter strenger Aufsicht der Gestapo ein Denkmal zu Ehren der im Ersten Weltkrieg gefallen 17 jüdischen Soldaten aus Frankfurt (Oder). - 1940 begann die offizielle Belegung dieses Beerdigungsabschnittes, gezwungenermaßen nun zumeist ohne Grabstein. Er wurde auch letzter Ruheort vieler jüdischer Zwangsarbeiter, die in Frankfurt und Umgebung unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten und gestorben waren. Am 27. Mai 1941 entließ die Jüdische Gemeinde schließlich ihren Friedhofsgärtner, da es Nichtjuden nicht mehr erlaubt war, für Juden zu arbeiten. Otto Billerbeck wurde verhaftet, aber kurz darauf wieder freigelassen. Hinter dem Rücken der Nationalsozialisten pflegte er den Friedhof weiter und bereitete Beerdigungen vor. 1942 ging der Friedhof auf Anordnung des NS-Regimes in der Verwaltung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland über, Ende November 1942 verkaufte die Gemeinde das Wohnhaus und 700 m² Boden an Billerbeck. Gleichzeitig wurde die Reichsvereinigung gezwungen, den Friedhof der Stadt Frankfurt zum Kauf anzubieten. Seit April 1941 sahen städtische Planungen zudem vor, neben dem Friedhofs eine Ehrenhalle und direkter Nähe eine Wohnsiedlung mit Bahnanschluss zu errichten.

Als Frankfurt (Oder) im Februar 1944 Ziel eines britischen Bombenangriffs wurde, wurden auf dem Friedhof einige Grabanlagen zerstört und die Trauerhalle beschädigt. Mit der Beerdigung des Arztes Dr. Hermann Marcus fand Mitte Dezember 1944 schließlich die letzte Beisetzung eines Frankfurter Juden statt. Das NS-Regime hatte das jüdisches Leben in der Stadt ausgelöscht. Kurz zuvor, am 2. Dezember erfolgte der 1942 in die Wege geleitete Zwangsverkauf des Friedhofs an die Stadt Frankfurt (Oder). Dennoch gab es bis Kriegsende weitere Beerdigungen. So wurden ca. 80 Angehörige der deutschen Wehrmacht und weitere unbekannte Personen entlang des Hauptweges zur Trauerhalle beigesetzt, die bei den Kämpfen um die Stadt getötet worden waren.

Der Friedhof überstand den Krieg im Wesentlichen unbeschadet, er befand sich aber nun auf dem Gebiet der VR Polen und wurde Teil der neu gegründeten Stadt Słubice. Im November 1956 fand auf dem Friedhof eine kleine offizielle Gedenkveranstaltung statt, an der auch Otto Billerbeck teilnahm. Anschließend verwilderte der ungeschützte und ungenutzte Friedhof, Grabsteine, Gedenktafeln wurden zerstört und entwendet, Gräber geöffnet, Teile der Friedhofsmauer abgetragen. Die Entweihung des jüdischen Friedhofs nahm skandalöse Formen an. Denn 1978 begannen auf dem Friedhofsgelände Bauarbeiten für ein Hotel mit dazugehörigem Parkplatz. Zu diesem Zweck wurden störende Grabsteine abgetragen und zusammen mit den geborgenen Gebeinen am unteren Teil des Hanges plattgewalzt.

1988 zäunte die Warschauer Nissenbaum-Stiftung den nicht bebauten Teil des zerstörten Friedhofs ein. Als eine 1999 am Hotel angebrachte Gedenktafel von Unbekannt entfernt wurde, stellten die Städte Frankfurt (Oder) und Słubice noch im gleichen Jahr einen Gedenkstein neben den Fundamenten der ehemaligen Trauerhalle auf. Zeitgleich wurde die Existenz von drei jüdischen Grabsteinen bekannt, die man in einem nahe gelegenen Wald gefunden hatte. Mit der Privatisierung des Hotels zur Jahrtausendwende erreichte der Skandal im Umgang mit dem jüdischen Kulturerbe jedoch einen neuen Höhepunkt. Der abermals aus den USA angereiste Rabbiner Polatsek erreichte, dass der Platz der Grabstätten von drei herausragenden Rabbinern des ausgehenden 18. Jh. zeitnah in jüdisches Eigentum rückübertragen würde. Aufgrund politischen Drucks veranlasste die polnische Regierung unter Ministerpräsidenten Leszek Miller schließlich nach 2002 die Restitution des Friedhofs an die Jüdische Gemeinde Szczecin. Um für Erhalt und Restaurierung dieses Kulturerbes angemessen zu sorgen, ging die Eigentümerschaft des Friedhofs 2007 an die Stiftung zum Schutz des jüdischen Erbes (Fundacja Dziedzictwa Żydowskiego) mit Sitz in Warschau über. Allerdings gab es seitdem weitere Zerstörungen und Diebstähle am materiellen Bestand.

In den Jahren 2015 und 2016 wurden verschiedene Grabsteinfragmente im Uferbereich der Oder gefunden, die man anschließend auf den Friedhof brachte.

Anke Geißler-Grünberg