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Nachruf auf William Hiscott

von Christoph Schulte, Februar 2013

 Am 31. Januar, kurz vor einer Vortragsreise nach Israel zum Leo Baeck Institute in Jerusalem, erlitt William Hiscott einen Herzinfarkt, fiel ins Koma und verstarb am 6. Februar 2013 im Herzzentrum in Berlin. Damit verloren wir an der Universität Potsdam völlig überraschend einen engagierten und äußerst beliebten Nachwuchsforscher und jungen Kollegen.

William Hiscott stand kurz vor dem Abschluss seiner philosophischen Dissertation über den Maskil Saul Ascher, von der sein über 600-seitiges, beinahe druckfertiges Typoskript vorliegt, welches umfassend Aschers Herkunft und Leben präsentiert und dessen intellektuelle Vita als Philosoph, als Anhänger der französischen Revolution, als Kämpfer gegen den romantischen Antisemitismus und die grassierende „Germanomanie“ (so ein berühmter Buchtitel Aschers), sowie als erster deutsch-jüdischer politischer Publizist nachzeichnet. Darüber hinaus wird Aschers Vita eingeordnet in die Sozialgeschichte der Berliner Juden im 18. Jahrhundert und in ein Panorama der deutschen Spätaufklärung mit ihren unterschiedlichen Debatten.

William Hiscott arbeitete viele Jahre an diesem Magnum Opus, neben seiner Arbeit als Research Assistant im von der German-Israeli Foundation finanzierten Forschungsprojekt The Emergence of the Modern Jewish Book Market and its Creators 1755–1812, wo er 2008–2012 insbesondere die Verlage, den Vertrieb, Preise, Formate, Erfolge und Verbreitung von Büchern der Haskala auf der marktbeherrschenden Leipziger Buchmesse umfassend erforschte und dabei detailliert zeigte, wie sich seit Mendelssohn von Juden geschriebene Bücher auf dem deutschsprachigen Buchmarkt durchsetzten.

William Hiscott lebte aus Überzeugung seit 1996 in Berlin, studierte bis 2003 an der Humboldt Universität Philosophie, Politikwissenschaft und Gender Studies, arbeitete dabei viele Jahre als freiberuflicher Übersetzer wissenschaftlicher Bücher und Aufsätze ins Amerikanische, übersetzte aber etwa auch Kinderbücher oder Internet-Seiten fürs Auslandsamt der Potsdamer Universität. Geboren 1974 und aufgewachsen in East Stroudsburg, Pennsylvania, wurde er in Berlin zu einem artikulierten, politisch linken US-amerikanischen Intellektuellen, der Artikel in Jungle World publizierte oder „als Berufs-Amerikaner“ kluge Vorträge über die US-Politik und US-Wahlkämpfe bei der Partei Die Linke hielt. Er konnte aber mit gleicher Begeisterung auch über die amerikanische Revolution von 1776, die deutschen Jakobiner, gender mainstreaming, die politische Philosophie der deutschen Aufklärung oder über seine neuen Funde historischer Bücher in der Berliner Staatsbibliothek unter den Linden berichten. Er verfasste neben ersten Fachaufsätzen zahlreiche neue Beiträge für haskala.net und stellte sie als Webmaster ins Netz. Historische Forschung und politischer Disput waren sein Medium, so kannten ihn seine Studierenden, seine Co-Doktoranden, seine Kolleginnen und Kollegen und seine Freunde an der Universität Potsdam: immer hilfsbereit und freundlich, aber unduldsam gegen Diskriminierung, ausgeglichen und fair, nie um einen Rat, ein Urteil, eine Begründung, ein Lächeln oder eine Meinung verlegen, profund belesen und gelehrt. Aufklärung war bei ihm Forschungsobjekt, Überzeugung und Aufgabe zugleich. Am 30.4.2013 wäre er 39 Jahre alt geworden. Wir vermissen ihn sehr.