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[Biographie] [Zitierhinweis] [Quellenkommentar]

Sabattia J. Wolff - Freymüthige Gedanken

Eine digitalisierte Version des Aufsatzes von Sabattia J. Wolff finden Sie auf den Seiten der Sächsischen Landesbibliothek.

aus: Freymüthige Gedanken über die vorgeschlagene Verbesserung der Juden in den Preußischen Staaten von einem Juden mit Zusätzen eines Christen. Halle, bey Johann Jacob Gebauer, 1792.

Eine digitalisierte Version des Aufsatzes von Sabattia J. Wolff finden Sie auf den Seiten der Sächsischen Landesbibliothek.

Freymüthige Gedanken über die vorgeschlagene Verbesserung der Juden in den Preußischen Staaten von einem Juden mit Zusätzen eines Christen. 

Berlin im April 1792

Werthester Freund!

Ich sende Ihnen hier den versprochenen Aufsatz über die vorgeschlagene Verbesserung der Juden, um ihn zu prüfen. Hat er zum Theil Ihren Beifall, so werde ich diesen nicht sowol dem Werthe der Schrift, als vielmehr Ihrer gütigen Nachsicht, Ihrer mir so unschätzbaren Freundschaft beizumessen geneigt seyn. Aber [4] ich bin auch überzeugt, durch Thatsachen überzeugt worden, wie sehr Sie als Christen das Wohl der Juden interessirt. Und gewiß, Ihre Kenntnisse sowol, als Ihr Herz, würden Sie schon längst aufgefordert haben, dieser unter der Presse des Kummers seufzenden Nation ein Wort zum Trost zu sprechen, wenn Ihre anderweitigen Geschaffte, die ja auch Menschenwohl befördern, es Ihnen hätten erlauben wollen. O daß doch alle Christen gegen die Juden, wie Sie, dächten!

Eigentlich wollte ich in diesem Aufsatze nur einen Wink darüber geben, was geschehen müsse, wenn die Gnade des menschenfreundlichen Monarchen nicht gemisbraucht werden solle, wollte darauf aufmerksam machen, daß es unweise sey, dem Kranken schon stärkende Mittel zu reichen, der noch der abführenden bedarf. Ich gestehe gern, daß es mir an meinem Theile keinesweges gefährlich scheint, dieses oder jenes Ceremoniel nach und nach durch Vernunftgründe aufzuheben, oder manches unbedeutende Gesetz um das Ansehen zu bringen, welches ihm nur die Länge der Zeit, und die Macht der Gewohnheit zu verschaffen vermochten. Ich leugne nicht, daß eine solche Reformation, wenn sie mit gehöriger Vorsicht und Mäßigung um des besseren Fortkommens der Nation willen vorgenommen würde, ganz meinen Wünschen entspre-[5]chen möchte. Aber eben so gern gestehe ich es auch, daß es mir gefährlich scheine, dieses Geschäfft jedem Einzelnen zu überlassen, oder ihn in die Nothwendigkeit zu setzen, es nach eigener Willkühr zu übernehmen und zu verwalten. Er wird keine Sittlichkeit mehr kennen. Er wird zum schwankenden Rohr werden, das der Wind hin und her wehet, er wird ungezügelt im Reiche der Phantasie umherirren, oder höchstens zur Fahne irgend eines Afterphilosophen schwören; alles verwerfen, was Religion dem Menschen als heilig und zu seiner Glückseligkeit nothwendig vorschreibt, und seinen Mammon zu seinem Gotte machen. Ich bin gar nicht der Meinung, daß die Talmudisten so gar etwas gutes gestiftet hätten, indem sie durch eine Menge von bedeutungsleeren Ceremonien und äußeren Gebräuchen das Wesentliche der Religion wie durch ein festes Bollwerk vor jedem Anfalle zu sichern meinten. Und so halte ich es denn für ganz falsch, was irgendwo ein Rabbi sagt: „wer die Religion mit Gesetzen beschwert, der hat den Segen zu hoffen“. Ich sage: wer die Religion, ohne ihr im Wesentlichen Gewalt anzuthun, so zu bilden weiß, daß ihre Gesetze und Gebräuche die Glückseligkeit der Menschen befördern, anstatt sie zu stören, sie zu guten und brauchbaren Bürgern machen, nicht aber ihnen die Fähigkeit rauben, solche Bürger zu wer-[6]den, der hat den größesten Segen des Himmels zu hoffen.

Wenn man von manchem beliebten Schriftsteller unserer Nation vergebens erwartet hat, daß er alle seine Geisteskräfte, all’ sein Ansehen aufbieten werde, dem lästigen Ceremoniel unserer Religion entgegenzuarbeiten, so lassen sie uns das Schweigen dieser Schriftsteller der Furcht zuschreiben, und glauben, die Überzeugung habe sie zurückgehalten, daß der Geist der Zeit einem solchen Versuche noch nicht günstig genug sey. Aber was soll ich von jenen menschenfreundlichen Christen sagen, die den Juden jeder moralischen und bürgerlichen Verbesserung auf immer unfähig erklären; die es mit Eisenmenger sogar für schädlich halten, ihn an den Rechten der Menschheit Antheil nehmen zu lassen, oder mit Warburton meynen, daß die Juden, so lange sie nicht Christen werden, auch nicht fordern könnten, in einem christlichen Staate aufgenommen zu werden, weil der Allmächtige sie dazu verdammt habe, unstät und flüchtig auf dem Erdboden zu leben. Wenn Hr. Michaelis im mosaischen Gesetze alles zu finden glaubt, was die Naturalisation der Juden nicht nur unmöglich, sondern auch gefährlich macht, so gebe ich zu, daß manches darin liegt, aber, wohlgemerkt, nicht sowol in dem Gesetze selbst, [7] als in dem misverstandenen und falscherklärten Gesetze.

Aber auch besser für diese Nation gesinnete Menschen irrten, wenn sie glaubten, daß mit der Naturalisation alles gethan sey. Freylich muß dem Juden eben das zugestanden werden, was man jedem anderen Erdbewohner zugesteht, und allerdings ist es, wie Mendelssohn sagt, ein schlechter Grund, dem Juden die Rechte des Menschen zu verweigern, weil es für ihn unreines Essen giebt. Aber bei weitem ist mit dieser Naturalisation noch nicht alles geschehen. Sie dieser Gnade des Monarchen empfänglich, sie dieser so lang’ entbehrten Rechte wieder fähig zu machen, das müßte jetzt die Bemühung derer seyn, die den Juden dieses Glück wünschen, und Einfluß und Kraft genug haben, es ihm auch endlich zu verschaffen. Jetzt ist er für das alles eben so wenig empfänglich, als der Christ tolerant genug ist, den Juden als seinen Mitbürger aufzunehmen und zu behandeln. Jene Empfänglichkeit aber würde man ihm verschaffen können, wenn Männer von Kraft und Ansehen es sich angelegen seyn lassen wollten, so manches Vorurtheil, und Aberglauben, so manche unnöthige Gesetze, die talmudistischen Ursprungs sind, so manche abgeschmackte äußerliche Gebräuche durch Vernunftgründe zu bekämpfen; wenn sie mit [8] Eifer darauf dringen wollten, daß man in den Synagogen den Vortrag einer vernünftigen Moral an die Stelle jener unnützen Ceremonien setzte, welche jetzt allein den Gottesdienst ausmachen; daß man endlich einmal aufhörte, den großen Haufen mit Hersagung von Gebeten zu quälen, die er nicht versteht, und bei denen er sich also auch nichts denken kann. Wie aber alles dieses meiner Meinung nach geschehen müsse, das — Doch lesen Sie den Aufsatz selbst!  [9]

Meine Absicht ist keinesweges, diejenigen einsichtsvollen Männer zu tadeln, die sich nun einmal vornahmen, eine Nation, die bis jetzt als unbrauchbar und schädlich für den Staat angesehen worden ist, und auch gewissermaßen so angesehen werden mußte, in so weit umzubilden, daß sie der Gesellschaft brauchbare Mitglieder liefern könnte. Das Verdienst eines solchen Unternehmens ist zu einleuchtend, als daß es auch nur von einem Blödsichtigen ganz verkannt werden könnte. Der Eifer, mit welchem sie die gute Sache zu betreiben suchen, bleibt lobenswürdig, und wird nur, wie jede gute Sache, die eine Neuerung enthält, anfänglich verkannt, um später erkannt, anfänglich verachtet, um späterhin geachtet zu werden.

Aber man wird mir verzeihen, und gewiß nicht wenige werden mit mir der Meinung seyn, daß allzu großer Enthusiasmus, wie so oft es [10] der Fall ist, auch hier die scharfsinnigsten Männer manche Schwierigkeiten habe übersehen lassen, welche nothwendig erst gehoben werden müssen, ehe man zur Ausführung jenes wohlthätigen Plans schreiten könne. Fast scheint es, als haben diese Männer, indem sie diesen Plan entwarfen, dabei nur auf ihresgleichen Rücksicht genommen, die doch bei weitem nur den kleinsten Theil ausmachen. Aber mußte nicht die Nation als ein weit größerer Cirkel betrachtet werden, als der war, worin sie betrachtet wurde? Scheint es nicht, als habe man nur daran gedacht, was man aus dieser Nation machen wolle, nicht aber daran: ob sie auch schon zubereitet genug sey, um das seyn zu können, was sie werden soll? Aber mußte nicht bei diesen Umstanden die Cur, welche man mit ihr vornehmen wollte, immer nur palliativ bleiben, wie ein Pflaster auf einer Wunde, die nicht durch Pflaster geheilt werden kann? Welche Vortheile kann man sich von einem solchen Verfahren versprechen? Wird man dadurch nicht, statt dem Elenden aufzuhelfen, ihn vielmehr völlig zu Boden stürzen? Wird man nicht, anstatt ein fest eingewurzeltes Gift zu tilgen, durch fälschlich gewählte Mittel es nur noch schärfer machen? Dies, deucht mir, verdient etwas genauer in Erwägung gezogen zu werden, und dies würde mein Endzweck seyn, wenn ich es so ganz in dem Gebiete meiner Kräfte liegen sähe, ihm Genüge [11] zu leisten. Indessen glaube ich etwas zu thun, wenn ich alles thue, was ich thun kann. Vielleicht, ja gewiß werden sich mehrere finden, die diesen Gegenstand ausführlicher zu bearbeiten Kräfte und Lust fühlen.

Der Jude soll Professionen erlernen, der Jude soll Soldat werden, das heißt: der Jude soll ein brauchbares Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft seyn!

Schande der Menschheit! würde man ausrufen müssen, wenn es Menschen gäbe, die bei einem solchen Vorschlage unwillig die Stirn runzeln könnten. Verachtung und Fluch dem Menschen, der es nicht sehen kann, daß sein Mitbruder aus einem lästigen, verachteten Geschöpfe ein nützlicher Staatsbürger werde! Bei dem wahren Menschen leidet es also gewiß keinen Anstand: auch der Jude soll dies werden! Aber ganz etwas anderes ist es, wenn die Frage aufgeworfen wird: kann der Jude, als Jude, Professionist werden, Soldat seyn? Wird er als Jude dem Staate dadurch nützlicher? Wird er sich dadurch glücklicher sehen? Ich glaube, als Jude nie! Er wird vielmehr eben dadurch dem Staate schädlicher, muß sich selbst unglücklicher fühlen, als er bisher sich fühlte.

Ich will hier nur einige in die Augen fallende Schwierigkeiten berühren, die sich nothwen-[12]dig der Ausführung dieses Vorhabens entgegensetzen müßten.

Die jüdische Jugend soll bei christlichen Meistern in die Lehre gehen! Ich bin ganz überzeugt, daß es gutherzige, vorurtheilsfreie Männer unter ihnen giebt, die zu redlich denken, als daß sie es den jüdischen Lehrling sollten fühlen lassen, daß er ein Jude sey. Wer will aber diese redlichen, von Vorurtheilen freien Männer aus dem größeren Haufen heraussuchen? Denn ich befürchte, ohne zu suchen möchte man sie schwerlich finden. Denke ich mir noch hinzu, was so sehr wahrscheinlich ist, daß die christlichen Professionisten nur gezwungen gern den Juden in die Lehre nehmen werden, so sey Gott mit dir, lieber Lehrling! Denke ich mir so manches Vorurtheil, welches bei vielen, sonst so redlichen Meistern, gegen die Juden noch herrscht, noch herrschen muß; so manches Vorurtheil, welches du Lehrling wenigstens bei deiner Frau Meisterin, oder bei den Gesellen antreffen wirst; endlich so manches, das du selbst zum Meister gegen die Christen mitbringst; was wird dann aus dir werden? Alles, was man will; wahrlich nicht das, was man hofft. — Welche Kluft ist zwischen dem Lehrling und seinem Meister mit den Hausgenossen befestigt! Schon dies macht es so schwer, es dahin zu bringen, daß der Meister dem jüdischen Lehrlinge günstiger begegne; [13] ja es erregt sogar den Haß noch mehr. Der Lehrling darf nicht das, was der Meister mit seinen Hausgenossen speist, genießen. Dem wäre nun wol noch abzuhelfen, aber die genauere Verbindung mit einander wird und muß doch immer dabei leiden. Oder soll etwa der Jude sich die Gunst des Christen auf Unkosten seiner Religion zu erschleichen suchen? Soll er, wie so manche es wirklich thun, seinem Gesetze zum Trotz Schinken und Schweinfleisch genießen? Das könnte er freilich; aber bleibt er dann noch ein Jude? und bekehren will man ihn ja doch nicht. Und wenn man es auch wollte, so würde man es vergebens wollen. Demungeachtet wird es der intolerante Meister wollen, so wenig dies auch in dem Plane unserer gutmüthigen Reformatoren liegen mag. Und was wird nun das Schicksal des jüdischen Lehrlings seyn, der sich nicht bekehren lassen will? der von den Sitten und Gebräuchen seiner Väter nicht abweichen mag? Er wird verachtet, gehaßt, übel behandelt werden.

Wie verschieden sind nicht überdies die religiösen Gebräuche und die Gebete des Meisters und des Lehrlings? Wenn der Meister mit Anbruch des Tages an seine Arbeit geht, und bei derselben sein Morgengebet verrichten kann, so darf er den Lehrling noch nicht zur Arbeit auffordern, wenn er ihn nicht gegen seine Gesetze [14] sündigen machen will. Denn nach der Strenge der jüdischen Gesetze darf man zu keiner Arbeit schreiten, bevor man nicht sein Morgengebet verrichtet hat. Dieses darf aber vor Tagesanbruch nicht geschehen. Die Denkzeichen, die der Jude täglich um Arm und Kopf binden muß, hindern ihn während des Gebets, welches wenigstens eine halbe Stunde dauert, irgend eine Arbeit vorzunehmen, welches ihm auch ohnehin schon das Gesetz verbietet. Nicht zu gedenken, daß von Rechtswegen dieses Gebet in der Synagoge hätte verrichtet werden müssen, daß auch zum Abendgebete wiederum eine halbe Stunde erfordert wird, bin ich ganz der Meinung, daß der Lehrling lieber beten als arbeiten, und also diese Zeit keineswegs zu verkürzen, sondern vielmehr zu verlängern suchen werde. Freitags mit Untergang der Sonne muß der Lehrling aufhören zu arbeiten. Jedermann weiß, daß das Vieh sogar am heiligen Sabbathe ruhen muß. Dagegen sagt man: er kann Sonntags dafür arbeiten. Ich finde dies sehr unbillig, daß er allein arbeiten soll, wenn alles um ihn her von der Arbeit ruht. Auch möchte das dem Meister nicht einmal behagen. Denn außer so manchen anderen Einwendungen, die er dagegen machen kann, wird diese nicht weniger gerecht seyn, wenn er sagen sollte: mein Sabbath ist eben so heilig, wie der deinige. [15]

Man bedenke ferner, was für Hindernisse die vielen Feiertage noch hervorbringen, an denen der Jude oft ganze 8 Tage hindurch nicht arbeiten darf. Und es kann sich sehr leicht ereignen, daß diese Ferien noch weit größer werden, indem des Lehrlings Feiertage gerade dann anfangen können, wenn die des Meisters aufhören, oder umgekehrt. Da, wo von jüdischen Meistern die Rede seyn wird, soll man diese Ferien noch um vieles vergrößert erblicken. — Wohnt der Meister in einem Hause, worin auch Juden wohnen, und es stirbt in diesem Hause ein Jude, so muß der Lehrling, wenn er sich aus dem Stamme Aaron herschreibt, die Werkstatte des Meisters augenblicklich verlassen, darf weder im Hause bleiben, noch in dasselbe zurückkehren, so lange der Todte nicht herausgeschafft ist. Zur Schande der Juden muß ich hier sagen, daß diese Zeit leider nicht gar lange dauert. Denn noch immer begraben sie ihre Todten ungefähr zwei Stunden nach ihrem Absterben. Noch immer hört man die ungereimte Behauptung, daß ihre Kennzeichen, den Scheintodten vom Wirklichtodten zu unterscheiden, untrüglich waren, und daß sie in diesem Stücke mehr Einsicht, als selbst erfahrene Ärzte, hätten. — Ich glaube, daß folgende Anekdote hier nicht ganz am unrechten Orte stehen wird. Nach einer Seeschlacht ging der Schiffskapitän nebst einigen Matrosen auf den Schiffen umher, um [16] die Verwundeten, welche bewußtlos unter einem Haufen von Todten lagen, herauszusuchen, und ließ sofort diejenigen, welche er für wirklich todt hielt, über Bord werfen. Er stieß unter andern auch auf einen schwerverwundeten, der zwar todt zu seyn schien, in der That aber noch beim Leben war. Er ist todt! rief er, werfet ihn hinüber! Die Matrosen, welche sogleich zugriffen, um den Befehl zu vollstrecken, fanden Widerstand, weil sich dieser vermeinte Todte unterdessen ermuntert hatte, und ihnen zurief, ich lebe noch, ich bin nicht todt! Ei was! antworteten sie sehr unwillig: Du wirst es doch nicht besser, als der Kapitän, wissen wollen? Klingt es nicht fast eben so, wenn man die Juden behaupten hört, daß sie es besser, als alle Ärzte, verstünden, den wirklich todten von dem Scheintodten zu unterscheiden! Trefflicher Mann! deine Schrifft gegen die frühen Beerdigungen der Juden scheint, wie manche andere gute Schrift, selbst von ihnen zu frühe begraben worden zu seyn!

Wird es, vorzüglich bei sitzenden Professionisten, unterbleiben, daß sich Meister oder Geselle mit unserem Lehrlinge in Religionsdiscurse verwickeln, und darüber mit ihm zusammengerathen? Ich höre schon jenen Meister sagen: euer Messias ist schon längst gekommen; den Lehrling aber behaupten, er solle noch kommen. An ei-[17]nem heißen Sommertage steigt ein fürchterliches Gewitter herauf. Alles fängt an zu beten, auch unser Lehrling nach seiner Art. Wenn ich aber bitten darf, nicht laut! die Harmonie möchte nicht die beste seyn. Wird es nicht in dergleichen Fällen unserem Lehrlinge wie dem großen Leibnitz gehn? Als dieser einst, wie bekannt, in einem kleinen Schiffe von Venedig nach Mesola über’s Meer fuhr, so entstand ein heftiges Ungewitter, und ein schrecklicher Sturm brachte das Schiff in den tobenden Wellen in die größte Gefahr. Der catholische Steuermann, der von einem Deutschen nicht glaubte verstanden zu werden, ihn aber, weil er ihn für einen Ketzer erkannt zu haben glaubte, für die Ursache des Ungewitters ansahe, schlug vor, ihn über Bord zu werfen. Leibnitz entging diesem traurigen Schicksale, welches ihm drohete, nur dadurch, daß er schnell einen Rosenkranz, welchen er glücklicherweise bei sich trug, in die Hand nahm, ihn, als betete er, andächtig herumdrehete, und so den Steuermann noch zu rechter Zeit irreführte. Aber wird der Jude eben so bereitwillig seyn, jede religiöse Form nach Beschaffenheit der Umstände anzunehmen, wie der Philosoph es war? Ich zweifle. Aber wie nimmt man ihnen denn den religiösen Zankapfel, der allen guten Einrichtungen so hinderlich ist? Was der Christ als nichtsbedeutend verachtet, und abgeschafft haben will, will der Jude als etwas sehr wichtiges ge-[18]achtet und erhalten wissen. Wer findet nun ein Mittel, diese ewigen Collisionen aufzuheben? Wer heilt den großen Haufen der Menschen von dem Eigensinne, der so alt, als die Welt ist, daß er sich gerade das, was am wenigsten zum Wesentlichen seiner Religion gehört, was nur Menschenerfindung ist, am allerwenigsten entreißen läßt, wol gar über dem hartnäckigen Festhalten solcher Kleinigkeiten das Wesentliche hingiebt?

Diese Schwierigkeiten, die ich unter so vielen nur ausgehoben habe, finden beim jüdischen Soldaten in einem noch weit höheren Grade statt. Aber wir wollen uns einmal einen Augenblick über das alles hinwegsetzen! Der Jude hat also ausgelernt, ist Gesell, wird endlich Meister. So wollen wir ihn als Meister beleuchten. Was ist sein Endzweck? Er heirathet, und will nun sein Brodt als Bürger auf eine anständige Art verdienen. Aber auch nur ein flüchtiger Blick wird es zeigen, daß er als Jude selbst in seiner Profession einen Schleichweg suchen müsse. Er kann nicht mit christlichen Arbeitern gleicharbeiten, am wenigsten mit ihnen gleiche Preise halten. Er hat unendlich mehr Abhaltungen, und bei weitem mehr Ausgaben, als diese. Abhaltungen sind die vielen Feier- Bet-und Fasttage; Todesfälle von nahen Verwandten, wo er 7 Tage vier Wochen lang den [19] Bart nicht scheeren lassen darf. Die Trauertage können, wie man Fälle der Art hat, so in einander greifen, daß die Zeit der gesetzmäßigen Unthätigkeit noch unendlich verlängert wird. Es kann zuweilen der Fall entstehen, daß am Ende der achttägigen Feiertage alsbald Trauertage eintreten, so daß er vier, ja bisweilen noch mehrere Wochen hindurch in gänzliche Unthätigkeit versetzt ist. Bei dem Tode seiner Ältern muß er ein ganzes Jahr hindurch täglich in einer Versammlung von zehen Erwachsenen das Morgen- und Abendgebet verrichten, um dabei durch ein vorgeschriebenes Gebet für die Seele der Verstorbenen zu sorgen, u. dgl. m. — Aber auch seine Ausgaben übertreffen die des Christen bei weitem. Seine Feiertage sind durchgehends mit größeren Kosten verknüpft, welche die Vorschrift des Gesetzes nun einmal nothwendig macht. Ich will nur an das Osterfest erinnern, an welchem er lauter neues Geschirr haben muß, und an welchem er gesäuerte Speise, und auch dergleichen Getränke nicht genießen darf; an die Laubhütten, und so manche andere nicht weniger lästige und kostbare Feiertage; will nur seiner Kleidung gedenken, welche dadurch so kostbar wird, daß er sie nicht mit Zwirn nähen lassen darf, indem das mosaische Gesetz ihm verbietet, Wolle und Zwirn zusammen zu tragen. Noch einer andern Ausgabe nicht zu gedenken, welche daraus für den Hausvater entsteht, daß seine Frau, [20] so oft sie ihre Reinigung hat, ins Bad gehen muß; denn hier könnte man freilich mit Grunde einwenden, daß mancher sich dadurch eine Apothekerrechnung erspare. — Eine andere dem Christen ganz fremde Ausgabe erwächst ihnen aus einem Gesetze, welches ihnen untersagt, Fleisch- und Milchspeisen zusammen zu essen, denn dies macht einem jeden Juden eine doppelte Küche an Geschirren und Geräthen nothwendig. Wer kann, oder wer will alle diese Kleinigkeiten aufsuchen? und doch kommen sie bei dieser Untersuchung so sehr in Betrachtung, denn sie beweisen doch, daß der Jude als Jude niemals mit den Christen gleiche Preise halten könne, ohne Schleichwege zu gehen. 

Der jüdische Meister wird also immer durch diese seine besonderen Verhältnisse gezwungen, sich auf irgend eine Art schadlos zu halten. Aber auf welche Art soll er dies nun bewerkstelligen? Soll er sich etwa seine Arbeit theurer bezahlen lassen? Dann dürfte er wol wieder eben so sehr am Absatz leiden. Schlechter arbeiten soll und darf er doch auch nicht. Er ist also genöthigt, sich einen Schleichweg zu suchen, und hiezu wird er sich auch gewiß weit eher, als dazu entschließen, irgend einen äußeren Gebrauch fahren zu lassen, oder gar ein Gesetz zu übertreten. Er muß also ein Wucherer in der Profession werden, wie er es im Handel seyn muß-[21]te. Man hat also nichts gewonnen, sondern nur eine kleine Veränderung in der Form, wahrlich keine der Gesellschaft vortheilhafte, bewirkt.

Ich darf wol nicht erst erwähnen, warum ich hier vom Juden im strengsten Sinne spreche? Ich rede ja überhaupt nur vom größeren Haufen, muß auf ihn hier allein Rücksicht nehmen, denn auf ihn zielt ja das jetzige Vorhaben vorzüglich. Er kann aber nicht anders, als so betrachtet werden, wie ich ihn betrachtet habe, denn leider ist er ja nicht anders. Doch da ich nur eine Übersicht zu verschaffen, keinesweges aber die Sache zu erschöpfen mich stark genug fühle, so übergehe ich billig manches Einzelne, welches sonst allerdings hier in Betrachtung zu ziehen seyn dürfte. 

Man frägt, wie machen es die Juden in Pohlen und in anderen Staaten, wo sie als Professionisten leben? Diese Frage ist kein Einwurf gegen das gesagte, sondern nur ein Beweis, daß man noch nicht mit der Art, wie sie es machen, bekannt ist. Was die pohlnischen jüdischen Professionisten betrifft, so ist bekannt, daß, da die dortige Menge der Juden die in unseren Landen bei weitem übertrifft, jene mehrentheils für Juden arbeiten, und auch nur von ihnen leben. Dagegen arbeiten die pohlnischen christlichen Professionisten sehr wenig für die Juden. Hiezu kommt, daß der jüdische Professionist in Pohlen [22] bei weitem kein so cultivirter Meister ist, als man ihn bei uns verlangt. Mir ist es also sehr wahrscheinlich, daß sie einen, vielleicht nicht kleinen, Nebenwucher treiben, und nur Professionisten sind, weil sie es seyn müssen. 

Was aber aus allem bishergesagten erhellet, ist, deucht mich, dies, daß der Jude so lange zu allen bürgerlichen Handtierungen unbrauchbar erscheinen werde und müsse, so lange er noch durch das Joch seiner Religionsgesetze, und aller der äußern Gebräuche, welche nur Alter, nicht über Vernunft heiligten, in jene drückende Lage eingezwängt bleibt, die ich bisher zu schildern mich bemühte. Und so war er denn bis jetzt in der That zum Handel noch am meisten, und beinahe einzig geschickt, besonders aus dem Grunde, weil es ihm gelungen ist, seinen Handel nach seinen Ceremonien und Gesetzen zuschneiden zu können. Der Christ selbst kam ihm hier, vielleicht mehr aus Nothwendigkeit und Eigennutz, als aus Nachsicht und Toleranz, zu Hülfe, und richtete seinen Negoz mit ihm so ein, daß er in der Abwartung seiner Religionsgebräuche nicht gestört wurde. Und das ging auch beim Handel recht wohl an, möchte aber bei bürgerlicher Handtierung schwerlich jemals auch so gehen.— Daß aber der Jude dessen ungeachtet auch selbst im Handel durch seine Religion litt; daß er bei so manchen Ausgaben, die nun einmal Ceremo-[23]nie und Gesetz fordern, mit den Christen nicht gleiche Öconomie treiben konnte, daß er also auch hier Schleichwege suchen mußte, da er ohnehin selten einen reellen Handel hat; daß er durch das alles genöthigt wurde, Wucher zu treiben, das scheint mir sehr natürliche Folge. Wollte ich hier noch außer der drückenden Last, welche seine Religion ihm auflegt, auch noch derjenigen erwähnen, welche er vom Staate erleidet, so wird man, meinem Gefühle nach, den Juden nicht als Wucherer verachten, sondern als Menschen bedauern. Denn ich glaube, daß der Übel größtes ist, gezwungen zu seyn, übles zu thun. 

Wenn es also wahr ist, daß größtentheils die Religion es ist, die den Juden hindert, das zu seyn, was er seyn sollte und seyn könnte, so wird er auch nie das werden, so lange die Hindernisse von dieser Seite nicht wenigstens zum Theil gehoben sind. Es ist wahr, daß dies so leicht nicht ist, aber unmöglich ists doch auch nicht bei dem Geiste unserer Zeit. Dabei ists auch nicht zu leugnen, daß man bei der Fortdauer dieser Hindernisse nie etwas von den Juden fordern oder erwarten könne, was er nicht jetzt schon leistete, denn was er leisten kann, leistet er schon jetzt.— Es frägt sich nun: sind diese Hindernisse zu heben, wie soll man sie denn heben? Es scheint, sie könnten nach und nach [24] gehoben werden, und das Mittel hiezu kann kein anderes seyn, als eine den Umständen angemessene vollkommene Reform; denn da einmal der Fehler nicht in den einzelnen Gliedern, sondern in dem ganzen Körper der Nation steckt, so können auch einzelne Verbesserungen nichts helfen. — Leicht gesagt! höre ich von allen Seiten rufen; aber schwer anzufangen, und bei weitem noch schwerer auszuführen! Allein es soll und darf auch nicht leicht seyn! Es wird allerdings eine hinlängliche Zeit, es wird Vorbereitung, Behutsamkeit, Beharrlichkeit erfordert, aber solch eine Reform ist und bleibt auch das einzige Mittel zur Erreichung eines so großen und wohlthätigen Zweckes, als der ist, eine Nation, die bisher aller Rechte der Staatsbürger beraubt, die gänzlich zurückgesetzt und verachtet war, wieder emporzuheben, und ihr an jenen Rechten Antheil zu verschaffen. Wollte man hier gewaltsamere Mittel gebrauchen, so würde man seines Zwecks ganz verfehlen, und sie noch unbrauchbarer, noch unglücklicher machen, als sie es jetzt schon ist. Etwas befriedigendes über die Art, wie man eine solche Reformation unternehmen müsse, zu sagen, ist schwer. Mancher Weise, auf den die Nation stolz ist, starb darüber; — vielleicht, weil er sich fürchtete, in einem Wespenneste Tumult zu erregen. Auch scheint es mir, daß eine Nation, an der man eine solche Operation vornehmen will, schon [25] zu einiger Reife gediehen seyn müsse. Es gehört, so zu sagen, eine Reformation zur Reformation, eine gewisse Zubereitung, die schwerer noch als die Sache selbst ist. Auch scheint in dem Worte selbst ein Wink zu liegen, daß Umreißen und Aufbauen, und zwar nicht nur etwas neues, sondern auch etwas besseres aufbauen, bei einander seyn müsse. Hierin aber mag wol eigentlich das Schwierige liegen. Reißt man den schadhaften Theil eines Gebäudes behutsam ein, so kann man desto sicherer auf den alten Grund bauen, wenn er nemlich nicht an und für sich untauglich, und im sinken begriffen ist; ja man kann selbst die Materialien wieder brauchen, wenn sie gleich in ihrem Zusammenhange nicht die besten waren. Übereilt man sich aber beim Einreißen, so daß der Grund selbst leidet, und erschüttert wird, oder fängt man gar mit ihm an, so ist die Gefahr sehr groß, und es sieht mit dem wiederaufbauen mißlich aus. 

Wo ist aber die Reformation, die man mit den Juden vorgenommen hat? Wo sind ihre Reformatoren, und wo ihre Pädagogen? Diese letzteren müssen allem übrigen vorangehen, auf sie kommt das meiste an. Pädagogik ist die erste Grundlinie, woraus figurirt werden muß. Aber war denn unser Schulwesen bis jetzt das, was es hatte seyn können, seyn sollen? War [26] es hinlänglich, wenn einige Hauptstädte gute Schulen hatten, die doch auch, wie ich glaube, bei weitem nicht vollkommen genug waren. Und waren es auch einige, so waren doch wenigstens die meisten das nicht, was sie seyn müßten. Haben sich wol ihre Lehrer, gegen deren Fähigkeiten ich nichts einwenden kann — doch im Vorbeigehen soviel, daß Kenntnisse besitzen nicht hinreicht, dieselben anderen mitzutheilen; so wenig, als Philosoph seyn hinreichend ist, um philosophisch zu handeln; — haben sie sich wol ihrem wichtigen Geschäffte ganz gewidmet? Oder hatten sie noch andere Beschäfftigungen, die sie jenem Geschäfft des Unterrichts vorzuziehen genöthigt waren? Mag es immer daran liegen, daß kein gehöriger Fond da war, sie als Lehrer hinlänglich zu belohnen; genug, sie sahen ihr Lehramt als Nebensache an. Lehrer, in der ganzen edelsten Bedeutung des Worts, haben, wenn sie es treulich meinen, Beschäfftigung an diesem Geschäffte, dürfen durch kein anderes zerstreut oder abgeleitet werden. Sind sie es aber dennoch, so kann der Nutzen, den sie stiften, nur äußerst unbedeutend seyn. Bei welcher jüdischen Schule findet man wol jenes rühmliche Streben unter den Lehrern nach immer größerer Vollkommenheit, welches ich kürzlich an einer christlichen Schule zu bewundern Gelegenheit hatte? Hier macht ein jeder Lehrer täglich in der Stille seine Bemerkungen über die Vollkommenheiten [27] und Unvollkommenheiten der Anstalt, über das Betragen der Schüler in und außer den Lehrstunden, über den Geist, der im Ganzen unter den Schülern herrscht. Alle diese Bemerkungen sammelt er, um sie bei der wöchentlichen Zusammenkunft seinen Mitarbeitern mitzutheilen, und ihre Meinung darüber einzuholen, mit ihnen zu Rathe zu gehen, wie gute Einrichtungen noch vervollkommnet, mangelhafte verbessert, fehlerhafte abgeschafft werden könnten. Alle suchen sich untereinander zu vervollkommnen, um selbst vollkommener bilden zu können. Alle haben es sich zur Pflicht gemacht, aufmerksam zu seyn auf jede wichtige Veränderung, die etwa in der Seele dieses oder jenes Schülers, oder in dem Geiste einer ganzen Abtheilung von Schülern vorgegangen seyn möchte, sich denn das Bemerkte sorgfältig einander mitzutheilen, und dann darüber mit vereinten Kräften nachzudenken, wie man dieser geistigen Veränderung entweder zu Hülfe kommen, oder ihr eine bessere Richtung verschaffen, oder, wenn sie gefährlich ist, ihr entgegenarbeiten könnte. Alle sind nach reifer Überlegung dahin übereingekommen, sich derselben Methode beim Unterricht zu bedienen, überzeugt, daß sie dadurch ihre Nutzbarkeit vergrößern, indem sie sich einander in die Hände arbeiten. Alle Monate kommen sie zusammen, um sich einander ausführlichere Abhandlungen über [28] wichtige Gegenstände des Unterrichts oder der Erziehung und Disciplin vorzulesen, die sie selbst ausgearbeitet haben. Edle Freimüthigkeit hat in diesen Versammlungen den Vorsitz, und aufrichtige Freundschaft knüpft alle Glieder derselben fest aneinander. Solch ein Verfahren verspricht nicht nur bleibende Vortheile für die Zukunft, sondern führt auch dieselben unmittelbar schon mit sich. Wenn es nun aber leider sehr wahr ist, daß man bei unserer Nation dies alles noch nicht gehabt, noch an keine vollständige Pädagogik gedacht hat; wenn es wahr ist, daß unsere Schulen nicht das waren, was sie hätten seyn müssen, wenn sie einen merklich vortheilhaften Einfluß auf die Geistesbildung der künftigen Generation haben sollten; wenn auch die wenigen noch einigermaßen vollkommenen unter denselben einen zu engen Wirkungskreis hatten; wenn der größere Theil unserer Schullehrer weder ächte theoretische, noch ächte practische Pädagogen enthielt; wenn die meisten unter ihnen noch immer das Geschäfft des Unterrichts als Nebenbeschäftigung trieben, so können wol die Früchte eines solchen Unterrichts nur eine Abart, keine wahren, ächten Früchte seyn; so können sie höchstens nur den Schein der ächten haben, müssen aber nothwendig der inneren Güte nach sehr wesentlich von ihnen verschieden seyn. [29] 

Männer, die sich entschließen, das wichtige und schwere Geschäfft der Geistesreformation einer ganzen Nation, die in Ansehung der Cultur so wenig mit ihrem Zeitalter fortgegangen ist, zu übernehmen, müßten billig lange vorher schon aufgetreten seyn, ehe sie öffentlich auftreten; mußten, um mit Glück zu reformiren, schon lange zuvor einen gewissen Grad der Bildung, der zur gänzlichen Umbildung so unentbehrlich ist, vorbereitet, und zwar allgemeiner vorbereitet haben. Diese vorbereitende Bildung müßte unvermerkt, der Dämmerung gleich, erscheinen, welche den Übergang von finsterer Nacht zum hellen Tageslicht so unbemerkbar macht, und eine sichere Vorläuferin des wohlthätigen Sonnenlichtes ist. Jede moralische Verbesserung muß, so lange der Mensch Mensch bleibt, stufenweise bei ihm fortgeführt werden, wenn sie einen gewissen Grad der Reife erlangen soll. Aufklärung des Verstandes, und Bildung des Herzens (denn diese darf ja nicht, am wenigsten bei dem Juden vergessen werden) wäre denn also wol der Grund, auf dem das künftige Gebäude aufgeführt werden könnte. Wo sind aber unter uns die Anstalten dazu? Der größere Haufe ist mit Aberglauben und Vorurtheilen aufgewachsen, ist unter dem geistigen Drucke derselben alt und grau geworden, klebt an elenden Ceremonien, die er als göttliche Gesetze verehrt, und in bedauernswürdiger Verblendung als das [30] Wesentliche der Religion betrachtet. Wie kann man sich bei diesen Umständen noch wundern, daß es ungeheure Schwierigkeiten machte, ihn einsehen zu lehren, daß das jetzige Vorhaben auf sein Bestes ziele? Seine Weigerung, es so anzusehen, ist sehr natürlich. Denn wie kann man verlangen, daß er in etwas einwilligen solle, was seiner Meinung nach den völligen Umsturz seiner Religion, und mit ihr den Umsturz seiner ganzen künftigen Glückseligkeit drohet? Und diesen Anschein muß es, nach dem Maße seiner Einsichten, nothwendig für ihn haben. 

So lange also der gemeine Mann unter den Juden nicht fähig gemacht worden ist, Gründe anzuhören und anzunehmen, die es ihm deutlich machen, daß dieses oder jenes Gesetz, diese oder jene Ceremonie ganz und gar nicht zum Wesentlichen der Religion gehöre: so lange er es nicht einzusehen vermag, daß das Wesen der Religion bei Abstellung manches Gesetzes, mancher Gebräuche, keineswegs leide: so lange es ihm nicht begreiflich ist, daß so manche religiöse Einrichtung für unsere Zeiten eben so wenig passe, als ein Kleid anderer Himmelsgegend und anderer Zeiten; so lange läßt sich auch von allgemeinerer Verbesserung nichts hoffen. 

Um dieses zu bewirken, dazu gehören denn aber freilich Männer vom größesten Gewicht un-[31]ter der Nation selbst, und es fehlt gottlob an solchen Männern, besonders in unsern Tagen, nicht. Manche von ihnen werden vom großen Haufen verkannt, er sieht sie wol gar als seine Feinde an. Gott weiß, welcher Absichten man sie beschuldigt! Und so läßt sich denn, auch selbst bei der Unterstützung eines so überaus gnädigen Monarchen, zur Zeit noch nichts erhebliches erwarten. 

Daß diese Nation ohne vorhergegangene gehörige Zubereitung, ohne Reformation, weder als Professionisten, noch als Soldaten, noch zu irgend einem andern bürgerlichen Geschäffte dem Staate nützen könne, ist eben so wenig dem mindesten Zweifel unterworfen, als es ausgemacht ist, daß sie nach einer solchen Zubereitung zu allen bürgerlichen Handtierungen vorzüglich brauchbar seyn werde. Freilich finden hier keine schnellen Fortschritte statt; aber mit dem Schneckengange wird man gewiß Riesenschritte machen. 

Doch ich würde mich gegen die einsichtsvollsten Männer und Wohlthäter der Nation versündigen, wenn ich mir zu glauben einkommen ließe, daß sie ihre Mitbrüder sich selbst zu überlassen geneigt wären. Diese Männer können es nicht hoffen, können es nicht wünschen, daß der [32] Jude sich von selbst in sein Schicksal finden lernen, und zur Veranstaltung eigener beliebiger Reformation gezwungen seyn werde, wenn er nur erst als Professionist oder Soldat, selbst in seinem jetzigen moralischen Zustande, angesetzt seyn werde. Sie können es nicht wünschen, daß er denn, gedrängt durch die äußeren Umstände, dahin gebracht werden möge, dieses oder jenes Gesetz, welches ihm im Wege steht, ihn in seinen Geschäfften stört, überhaupt seinem irdischen Glücke hinderlich ist, abzuschaffen. Zwar würde denn der Vorwurf, seine Religion willkührlich nach seinen Vortheilen geformt, sie diesen accommodirt zu haben, den Juden nicht allein, sondern mit ihm den größeren Theil der Bekenner jeder anderen Religion, ja sogar manchen in der Theorie sehr strengen Moralisten, und nicht weniger manchen ernsten Philosophen treffen, denn auch Moral und Philosophie mußten, und müssen noch jetzt, so oft dem Eigennutz weichen. Allein die Allgemeinheit dieser menschlichen Schwachheit macht sie nicht geringer, entschuldigt sie noch weniger, sondern beweist nur, daß man desto mehr, sie zu verhüten oder zu vertilgen, bemüht seyn müsse. Vielleicht steht hier nicht am unrechten Orte die Anekdote von einem Juden, der am heiligen Sabbath eine goldene Uhr zu einem sehr billigen Preise kaufte. Als man ihn darüber zur Rede stellte, entschul-[33]digte er sich sehr ruhig damit: Sabbath komme alle acht Tage unfehlbar, eine goldene Uhr für diesen Preis aber nur äußerst selten. 

Eine solche Reformation, oder Aufklärung dieser Art, wird denn also gewiß ein jeder, der es mit dem Wohl der Nation aufrichtig meint, mehr fürchten als wünschen. Der sich selbst überlassene Laie wird es nicht bei der Abschaffung der ihm hinderlichen Gesetze bewenden lassen; er wird mehr thun. Er wird sich daran gewöhnen, sich alles zu erlauben, was nur sein Vortheil heischt. Und was fordert nicht alles der Vortheil eines Einzelnen, was der Vortheil eines Eigennützigen? Was ist bei einer so schönen Reformation unausbleiblicher, als daß endlich das Wesentliche der Religion selbst von dem Unwesentlichen nicht mehr unterschieden, sondern mit diesem aufgegeben werden wird? Und was nun? Wollen wir die Ausübung seiner Pflichten, die Erfüllung seiner Verbindlichkeiten, die Art, wie er seine Handtierung treibe, wollen wir endlich sein Leben und Sterben allein auf seine Moralität ankommen lassen? Die Gleichgültigkeit gegen den Tod mag er aus der Voraussetzung der Sterblichkeit seiner Seele schöpfen, und nun sich einen willkührlichen Maaßstab seiner Handlungen erwählen. Ich glaube, man läuft große Gefahr, wenn seine Moralität für ihn bürgen soll. Die Anweisungen zu moralisch guten [34] Handlungen, die er erhielt, waren wenigstens nicht die besten. Er, der sich gewöhnt hat, seinem Vortheil Ceremonie, Gesetz und Religion aufzuopfern, wird seinen Vortheil endlich allein zum Maaßstabe seiner Handlungen machen. Und ich erblicke schon das Thier, das fürchterliche Ungeheuer in der Ferne. Ich fürchte seine Klauen! Kerker, Eisen und Henker mögen es von mir entfernen! [35] 

Zusätze zu vorstehendem Aufsatze

von einem Christen.

Wollte man mit einigem Erfolge an der geistigen, sittlichen und bürgerlichen Verbesserung der jüdischen Nation arbeiten, nachdem man sie lange genug zurückgesetzt, und ihr den Antheil an den Rechten der Menschheit verweigert hat; so müßte man der Quelle des Übels, das sie bisher so unglücklich machte, nachspüren, [36] und diese verstopfen. Diese Quelle aber ist in nichts anderem, als in ihrer Erziehung, und in der Art, wie man sie in den Schulen bildete, zu suchen. Man betrachte den großen Haufen der Juden nur mit einiger Aufmerksamkeit, und die Bemerkung dringt sich sogleich auf: ein jeder dieser so verachteten Menschen sog schon in seiner frühesten Jugend Grundsätze ein, von denen er nachher nie wieder sich zu trennen, oder unabhängig zu machen vermochte; und diesen Grundsätzen hat er die allgemeine Verachtung zu danken, die ihn überall unter Christen verfolgt. Denn alle diese Grundsätze lassen sich am Ende unter den einen Gesichtspunct zusammenfassen: siehe wohl zu, daß du nichts thust, was dir nicht Vortheil verschaffen, oder dein Vermögen vergrößern könnte. Diese Aussicht ist für den großen Haufen der Juden das einzige Ziel, wohin alle seine Handlungen, Wünsche und Begierden gerichtet sind, und es kümmert ihn wenig, was für Mittel es sind, durch welche er sich immer mehr diesem seinem einzigen großen Ziele nähert. Und woher sollte es auch kommen, daß er in diesem Puncte anders dächte? Wer lehrte ihn denn, auf die Gründe seiner Handlungen zu achten, sie nach den Regeln der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Menschenliebe zu untersuchen? Wer lehrte ihn, wer machte ihn fähig, nach edleren Principien, als denen des Eigennutzes, zu handeln? Hat er auch noch [37] einen andern Weg, sich Achtung unter Christen zu verschaffen, als dadurch, daß er sein Gold immer mehr anzuhäufen bemüht ist? Sagt man, er solle studiren, so gehört ja auch dazu des Goldes sehr viel, denn die einzige Wissenschaft, die man ihm zu erlernen übriggelassen hat, ist ja gerade diejenige, deren Erlernung mit den meisten Schwierigkeiten verknüpft, und nicht ohne große Kosten möglich ist; bei der er jeden Schritt, den er vorwärts thut, gleichsam mit Golde erkaufen muß. Kann also dieser Weg für alle, kann er selbst für viele nur seyn? Auch die Wenigen sogar, welche ihn zu betreten im Stande sind, weil ihre Vorfahren jene Principien des Eigennutzes nie auch nur einen Augenblick aus den Augen verlohren hatten; auch diese haben ja noch immer, trotz ihres Goldes, mit den größesten Schwierigkeiten zu kämpfen. Denn, stehen ihnen auch gleich unsere gelehrten Schulen offen, woher haben sie doch die Vorkenntnisse, um sie gehörig benutzen zu können? Wie viele Juden entschließen sich auch, ihre Kinder in christliche Schulen zu schicken? Und wenn sie sich auch dazu entschließen, wie spät pflegt es immer zu geschehen! Aber gesetzt auch, diese Geneigtheit, ihre Kinder dem Unterrichte christlicher Schullehrer zu überlassen, fände sich bei allen, die diesen Unterricht zu bezahlen im Stande sind; so bleibt doch noch immer die Frage: Wie sieht es nun mit der Bildung aller derer aus, die ihn [38] nicht bezahlen, also auch nicht haben können? Und diese machen ja doch immer die größere Zahl aus. Alle diese werden sich ja doch endlich, auch bei dem besten Willen, ihren Kindern eine gute Erziehung zu geben, genöthigt sehen, ihre Zuflucht zu den jüdischen Schulen zu nehmen. Und nun höre man, wie da für die Bildung ihres Verstandes und Herzens gesorgt wird! Erlernung der ehemaligen Muttersprache, des Hebräischen, ist noch immer Hauptsache; und das wäre noch ganz gut, wenn diese Beschäfftigung nur nicht ganz mechanisch getrieben würde, wenn sie nicht von der Art wäre, daß sie höchstens nur das Gedächtniß, aber keinesweges auch noch eine andere, edlere Kraft der Seele schärfte und übte. Doch das ist nicht einmal der einzige Nachtheil dieses zwecklosen Sprachunterrichts, daß dabei eine Seelenkraft auf Kosten aller übrigen geübt wird. Der größeste Nachtheil, den er unausbleiblich mit sich führt, besteht darin, daß die Jugend hiebei vorzüglich zu jenem unausstehlichen Gesange beim Aussprechen der Wörter sich gewöhnt, der denn natürlich auch beim deutschsprechen sich einschleicht, und von jeher den Juden auf eine so verächtliche Art von allen übrigen Menschen auszeichnete, und ihm die bittersten Spöttereien zuzog.— Sucht man diesen so widrigen Ton nicht ganz bei ihnen zu verbannen, so kann man sich nie mit einiger Sicherheit versprechen, daß ihr äußerer Zustand besser wer-[39]den möchte, denn schon dieser Ton würde ja z. B. im Stande seyn, den Meister von seinem Lehrlinge zu entfernen, oder diesem wenigstens von seinen christlichen Mitlehrlingen Spott oder Verachtung zuzuziehen; würde immer noch in jedem bürgerlichen Verhältnisse zu sehr den Juden verrathen, diesen eben dadurch um manchen Vortheil bringen, dagegen ihm manchen Nachtheil, manche Unannehmlichkeit bereiten. Denn wie verhaßt dieser Ton unter der niedrigen Volksclasse der Christen sey, wie der Jude es ihm vorzüglich zu danken habe, daß er so oft ein Gegenstand des Spotts und Hohns wird, davon kann man sich täglich durch die Erfahrung überzeugen. Kaum läßt ein Jude seine singende Stimme erschallen, so macht sie der vorübergehende Lehrjunge ihm nach, und spottet darüber. Geräth nun gar der Jude in einige leidenschaftliche Bewegung, so ist vollends der Ton seiner Stimme unausstehlich, und er wird noch immer mehr zum Spott und Hohngelächter. Also auf Ausrottung dieses so unangenehmen Tones würde man ganz vorzüglich mit sein Augenmerk richten müssen, wenn man wünschte, daß der Jude sich mehr seinem christlichen Mitbürger nähern möchte. Wie aber könnte man dies schneller und besser bewirken, als wenn man in den Schulen jene sinnlose Methode des Sprachunterrichtes abschaffte, und eine bessere an ihre Stelle setzte? Man sage nicht, daß der Umgang mit [40] den Alten, bei denen nun doch in dieser Absicht nichts mehr auszurichten sey, alle jene Bemühungen in den Schulen scheitern machen würde. Die Erfahrung ist dagegen. Denn die wenigen gebildeten Juden, die es fühlten, wie wenig zu ihrem Vortheile sie dieser Ton unter Christen auszeichne, und daher nach und nach ihn ablegten, gehen doch auch häufig genug noch mit denen von ihren Glaubensgenossen um, welche ihn noch haben, nehmen ihn aber dessen ungeachtet nicht wieder an. Man sieht daraus, daß es so schwer nicht ist, diesen häßlichen Gesang bei den Juden zu verdrängen; daß man nur die Methode des Sprachunterrichtes in den Schulen abschaffen dürfte, um ihn sogleich verschwinden zu sehen. Denn so lange die Lehrer selbst noch diejenigen sind, die solch einen Nationalfehler fortpflanzen; so lange kann doch wol keine große Hoffnung, ihn auszurotten, daseyn. Also bei ihnen fange man zu reformiren [an], und alles übrige wird leicht werden, wenn dies eine große Hinderniß erst überwunden ist. Aber freilich ist es, wie alle tief eingewurzelte Übel, so leicht nicht überwunden: vielmehr ist gar keine Hoffnung da, es noch bei denen zu überwinden, welche schon in den Jahren sind, da die menschliche Seele nicht mehr für neue und bessere Eindrücke empfänglich genug ist. Bei diesen mache man nicht einmal erst Versuche; denn, wenn die Beschuldigung wahr ist, die man so gewöhnlich den Juden im [41] Allgemeinen zu machen pflegt, daß sie einen störrischen, unbiegsamen Sinn hätten, so werden schon um deswillen alle Versuche bei älteren vergeblich seyn. Man hat deswegen nicht Ursach, völlig an der Reformation der jetzigen Generation zu verzweifeln; sie ist noch immer, wenigstens zum Theil, möglich, da der Geist unseres Zeitalters auch auf die Juden hin und wieder seine wohlthätigen Wirkungen geäußert hat. Nur bei den Alten fange man das Reformationswerk nicht an, sondern erwarte, daß die bessere, sorgfältigere Bildung der Jugend auf die Alten zurückwirken werde; man reformire also diese durch jene, denn die Erfahrung hat schon oft genug gelehrt, daß das kein verkehrtes Mittel zur Verbreitung heilsamer Aufklärung sey.

Um aber mit Nachdruck auf die Bildung des Geistes der aufwachsenden Generation zu wirken, müßte man nicht dabei stehen bleiben, blos jenen sinnlosen Sprachunterricht abgeschafft zu haben, sondern man müßte nun auch darauf denken, die Zweige des Unterrichts zu vervielfältigen, damit endlich einmal, auch aus den Köpfen der gemeineren Juden, die aller wahren Aufklärung so äußerst nachtheilige Idee verdrängt würde: es ist genug, daß der Mensch das lerne, wovon er mit Gewißheit vorhersehen kann, es werde ihm einmal zu seinem Fortkommen in der Welt unmittelbar nützlich seyn. Diese traurige [42] Idee hat wol den jüdischen Schulen ihre jetzige so elende Einrichtung verschafft. Ihr hat man es unstreitig zu verdanken, daß alles aus dem Plane des Unterrichts ausgeschlossen wurde, was zu allgemeinerer Aufklärung des Verstandes, zu Berichtigung der Begriffe, zur Bildung des Herzens führen konnte, denn freilich konnte dem Juden, als einer handelnden Maschine betrachtet, das alles nichts helfen! Er hatte genug, wenn er klug und verschlagen war; der Weisheit bedurfte er nicht. So wurden denn also bisher in den jüdischen Schulen größtentheils blos Menschen gebildet, welche künftig einmal weder Hand noch Fuß rühren, wenn sie nicht zum voraus schon mit höchster Wahrscheinlichkeit den Gewinn absehen können, der ihnen daraus entstehen möchte. Also kann man nicht einmal sagen: sie sind erzogen, gebildet; sondern nur: man hat sie mechanisch abgerichtet. Eine gewöhnliche jüdische Schule ist immer noch einer großen ungeschickten Maschine ähnlich, welche zu gewissen Stunden des Tages aufgezogen wird, und nun mechanisch abläuft, einen Tag wie den andern. Aber es fällt in die Augen, daß es mit demjenigen menschlichen Geiste ärmlich aussehen müsse, den man so maschinenmäßig behandelte. Er müßte ganz außerordentliche innere Stärke haben, wenn er bei einer solchen Behandlung nicht sehr bald auf immer eine schiefe Richtung bekommen sollte. Demungeachtet widerstand so man-[43]cher jüdische Kopf dieser gewaltsamen Behandlung, und wurde nicht verschroben, so lange man ihn auch durch jenen pädagogischen Mechanismus eingezwängt hatte: ein sicherer Beweis, daß man bei vernünftiger Behandlung alles aus der Nation machen könne, was man nur wolle. Aber das ist wol sehr natürlich, daß man denjenigen nicht sogleich ins helle Sonnenlicht führen müsse, dessen Augen so viele Jahre hindurch des wohlthätigen Lichtes beraubt gewesen waren; das hieße, ihn auf immer blind machen wollen!

Der Jude muß erst empfänglich werden der großen Wohlthat, welche man ihm zu ertheilen in unseren Tagen so sehr geneigt ist. Jetzt ist er’s noch nicht, und was Wunder also, daß er auch verstockt genug ist, das nicht einmal als Wohlthat anerkennen zu wollen, was man ihm als solche aufdringen will? Welcher Vernünftige wird sich wundern, daß einer, der den Fuß zerbrach, und dem er so eben erst wieder geheilt, aber nur schlecht geheilt worden ist, noch nicht tanzen, sondern nur langsam hin und her gehen will? — Ist denn etwa die menschliche Seele einer Pflanze gleich, welche durch Hitze und Glut auch vor der Zeit zur Reife gebracht werden kann? Sie ist und bleibt nur für die stufenweis fortgehende Vervollkommnung empfänglich. Aber die Seele eines Juden ist vielleicht anderer Na-[44]tur? Die Erfahrung hat es noch nicht bewiesen! 

Wer nur einigermaßen gerecht gegen den Juden seyn will, kann ihm viel natürlichen Verstand, viel Scharfsinn und richtige Beurtheilungskraft nicht absprechen. Und ist das alles nicht bei ihm, der des Druckes von außen her so viel erfährt, mehr noch werth, als bei dem Christen, dem alles zu seiner Hülfe bereit steht? — Man baue also nur bei dem Juden an, man übe und schärfe nur, was so lange ungeweckt und ungeübt in ihm geschlummert hat. Aber man überlasse das nicht ihm allein, sonst wird schwerlich viel daraus werden. Denn die Erfahrung lehrt, daß Menschen, welche lange an einer Gemüths- oder Seelenkrankheit laborirten, endlich des Übels so gewohnt wurden, daß ihnen nun nicht einmal mehr so viel Einsicht und Empfindung übrig blieb, es zu erkennen, daß das ein Übel sey, was sie so mit sich umhertragen. Will man sie also davon befreien, so darf man anfangs auf ihren eigenen guten Willen nicht viel rechnen; man muß ihnen vielmehr ein wenig Gewalt anthun, muß halb wider ihren Willen die Verbesserung ihres Kopfes oder Gemüths vornehmen; endlich werden sie es doch einsehen, daß die Gewalt wohlthätig war, die man ihnen angethan hatte. Man wende dies auf die geistige Verbesserung der Ju-[45]den an, die doch der bürgerlichen nothwendig vorangehen muß, und es fällt in die Augen, daß man der Nation selbst das Wenigste hiebei überlassen dürfe, daß der Staat das Beste dabei thun müsse, wenn der Erfolg so seyn soll, wie man ihn wünscht. Die Gründe dafür ergeben sich aus dem vorher gesagten.

Was soll, und was kann aber nun des Staat hiezu thun? — Er müßte zuförderst das gesammte jüdische Schulwesen unter seine Aufsicht und Leitung nehmen. Hier würde alles umgeschaffen werden müssen. Man müßte zuförderst für die Bildung der Lehrer selbst sorgen, dann würde die Bildung der Jugend von selbst einen anderen und besseren Gang nehmen. Zu dem ehrwürdigen und wichtigen Geschäffte des Lehramts aber müßte man, zuförderst aus den Christen, und weiterhin auch aus den Juden, nur solche junge Männer erwählen, welche, frei von allen Nationalvorurtheilen, Eigenheiten und Bizarrerien, die Bildung der Jugend zu ihrem einzigen Geschäffte zu machen, und es nicht mehr als Nebensache zu treiben, entschlossen wären. Denn wie kann ein Geschäfft, welches einen so großen Umfang von Kenntnissen, einen solchen Aufwand von Kraft des Geistes und Körpers, so viel Sorgfalt und Thätigkeit erfordert, jemals Nebensache werden, wie kann es je das [46] Nebengeschäfft eines Menschen seyn! Demungeachtet wurde es als solches bis hieher noch immer von den Lehrern der jüdischen Schulen, wenigstens von dem größeren Theile derselben, betrachtet, und wie war es da möglich, daß sie etwas vorzügliches leisten konnten?

Hätte man nun solche junge Männer gefunden, die sich einzig, und mit ganzer Anstrengung ihres Geistes, so wie mit voller Theilnahme ihres Herzens (diese letztere sehe man doch ja nicht als entbehrlich an!) diesem wichtigen Geschäfft zu widmen entschlossen wären, (und wie bald wird man sie finden, wenn man sie anständig belohnt!) so mache man es ihnen zur unerläßlichen Pflicht, eine gewisse Zeit hindurch sich nur erst vorzubereiten auf das Geschäfft des Unterrichts, und sich zu prüfen, ob sie auch die mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften besitzen, welche zu demselben erfordert werden. Beides, Prüfung und Vorbereitung, würde jedoch nur denn möglich seyn, wenn man sie zugleich verpflichtete, die ganze Zeit ihrer Vorbereitung hindurch die besten christlichen Schulen unausgesetzt zu besuchen, alle Zweige des Unterrichts zu studiren, und von Zeit zu Zeit unter der Aufsicht schon vollendeter Schulmänner Versuche im Unterricht zu machen. Wenn diese mehrmals mit gutem Erfolge wären angestellt worden, wenn der ange-[47]hende Lehrer dabei Freimüthigkeit, Popularität, Bestimmtheit der Begriffe, und eine gewisse Lebhaftigkeit, die ihm so unentbehrlich ist, gezeigt hätte; nur dann erst würde man es wagen können, ihm selbst einige Zweige des Unterrichts anzuvertrauen. Aber nur einige; denn, bürdet man ihm zu viele auf einmal auf, so wird man entweder sehr bald ihn abspannen, oder viele Zweige des Unterrichts werden sehr vernachlässigt werden. Auch ist es ja sehr wohl möglich, daß er in dem einen Fache ein sehr brauchbarer Lehrer seyn, und in einem andern wenig oder gar nichts leisten kann. Alle zu ihrem erhabenen Geschäfft so vorbereitete junge Männer aber müßten auch selbst dann noch, wenn man sie nun wirklich bei den Schulen angesetzt hätte, unter der genaueren Aufsicht eines Mannes stehen, welcher Fähigkeit und guten Willen genug hätte, sie zurechtzuweisen, wenn sie gefehlt haben, sie auf eine gute Art wieder zurückzubringen, wenn sie von der eingeführten und durch die Erfahrung bewährten Unterrichtsmethode entweder aus Eigensinn, oder aus Nachlässigkeit, merklich abgewichen seyn sollten. Die Gegenstände des Unterrichtes aber müßten so mannigfaltig seyn, als sie es in den christlichen Schulen sind; nur dann erst ließe sich hoffen, daß gute Köpfe nicht unterdrückt, sondern gehoben würden, daß überhaupt dem Geiste der Nation durch die Schulen eine [48] andere und bessere Richtung werde gegeben werden. Nun könnte aber auch der hebräische Sprachunterricht unmöglich länger noch Hauptsache bleiben; dies bleibe er allenfalls nur noch in denjenigen Schulen, in welchen der Nation eigentliche Gelehrte, oder Schriftlehrer gebildet werden sollen, in allen übrigen verbanne man ihn ganz, oder widme ihm doch wenigstens nur einige Stunden in der Woche. Denn wozu soll denn der größere Theil der Juden die Kenntniß dieser nun nicht mehr lebenden Sprache nutzen? Giebt es denn etwa in dieser Sprache so viele nützliche Bücher, daß er darum ihre Kenntniß wünschen möchte? Nichts weniger, als das! Oder giebt die Sprache selbst seinem Scharfsinne und seinem Nachdenken vorzügliche Nahrung? Auch das nicht, denn ihr Ursprung fällt ja in das Kindheitsalter der Menschen, und unter allen alten Sprachen ist sie am wenigsten bereichert worden durch die folgenden Zeitalter, weil sie so wenige Schriftsteller hatte; unter allen ist sie am wenigsten der Zusammensetzung fähig; unter allen ist sie am meisten arm an solchen Wörtern, durch welche abstracte Begriffe angedeutet werden könnten. Wozu also ihre mühsame Erlernung, durch welche schon so mancher lebhafte Kopf ermüdet und unterdrückt wurde? Man lasse sie ein Eigenthum der Gelehrten des Volkes werden, wie unter uns die lateinische Sprache [49] es ist. Man nutze die Zeit, die man sonst in den jüdischen Schulen verschwendete, um sie der zartesten Jugend schon, nicht vernünftig zu lehren, sondern gleichsam einzupfropfen, dazu, die Kinder schon frühe mit dem Geiste der Sprache vertraut zu machen, die doch jetzt als ihre Muttersprache angesehen werden muß, und die so viele Nahrung für ihren Geist verspricht, mit dem Geiste unserer so reichhaltigen deutschen Sprache. Dann widme man auch dem wissenschaftlichen Unterricht eine hinlängliche Zeit, sehe aber hiebei vorzüglich auf einen zweckmäßigen Vortrag der Geschichte; denn sie ist ja so vorzüglich geschickt, den Geist zu befreien von den drückenden Fesseln des Vorurtheils und Aberglaubens, das Herz zu erwärmen für das Gute und Edle, den Verstand empfänglich zu machen für gute Grundsätze, ihn zu bereichern mit Welt- und Menschenkenntniß, ihn zu reinigen von den falschen Grundsätzen, schiefen Ideen, irrigen Vorstellungen, welche eine mangelhafte Erziehung oder der lange Umgang mit Menschen, welche schwach am Geiste sind, in ihm erzeugt hatte. Aber immer muß der deutsche Sprachunterricht Hauptaugenmerk bleiben; und warum er das bleiben müsse, fällt in die Augen, wenn man sich erinnert, daß ja die Sprache das einzige, oder wenigstens beste Vehikel sey, um nützliche Kenntnisse in eine mensch-[50]liche Seele zu bringen; nicht zu gedenken, daß bis hieher immer das größeste Hinderniß, welches der Geistesreformation der Juden im Wege stand, der Mangel an Kenntniß der deutschen Sprache war. Nur die allergebildetsten unter ihnen ausgenommen, sind alle übrigen nicht im Stande, ein deutsches Buch ganz zu verstehen, oder dem, der in der edleren Conversationssprache mit ihnen redet, ganz zu folgen. Dabei fehlt es ihnen gänzlich an den kleinen Vorkenntnissen, ohne welche auch das faßlichste, populärste Buch unverständlich werden kann. Der Mangel an Sprachkenntniß und Sprachfertigkeit machte so lange schon die Juden größtentheils unfähig zum edleren gesellschaftlichen Umgange mit den Christen, scheuchte diese von ihnen zurück; der Mangel an Sprachkenntniß würde ihnen auch ein ewiges Hinderniß werden bei so manchem bürgerlichen Geschäffte, und sie zu demselben völlig untauglich machen. Und überdies, wie viele Nahrung giebt nicht ein vernünftiger Sprachunterricht dem Scharfsinn und der Urtheilskraft des Jünglings; wie wird durch ihn sein ästhetisches Gefühl so sehr verfeinert! Aber wohl gemerkt, nur ein vernünftiger, nach einer guten Methode eingerichteter, Sprachunterricht schafft diese Vortheile.

Doch die Untersuchung, wie so manchen noch unbefriedigten geistigen Bedürfnissen unter den [51] Juden abzuhelfen sey, würde mich zu weit führen, wenn ich sie fortsetzen wollte. Also zum Schluß nur noch die eine Bemerkung, daß man so lange vergebens an der Ausbildung des großen Haufens der Juden arbeiten werde, als man fortfährt, einseitig hiebei zu verfahren. Denn offenbar ist das eine sehr einseitige Cultur, welche sich nur auf das männliche Geschlecht in einer Nation, mit gänzlicher Zurücksetzung des weiblichen, erstreckt. In unseren Tagen sollte man doch billig von dem Irrthum zurückgekommen seyn, als sey es gleichgültig, ob ein Frauenzimmer überall einen gewissen Grad der Geistesbildung habe. Am wenigsten kann dies gleichgültig seyn bei einer Nation, deren Cultur man erst befördern will. Denn wenn es einmal ein richtiger Erfahrungssatz ist, daß Grundsätze, Begriffe und Vorstellungen, welche wir in unserer frühesten Jugend eingesogen haben, auf immer eine fast unerschütterliche Herrschaft über unsere Denkungsart behaupten, und selbst der thätigsten Vernunft nicht weichen; wie unaussprechlich viel kommt dann bei der Geistesreformation einer Nation auf diejenigen an, die bei der Abwartung eines Geschäfftes, welches die Natur selbst ihnen anwies, es so ganz in ihrer Gewalt haben, die neue Generation für wahre Aufklärung empfänglich oder auf immer unempfänglich zu machen! Denn größtentheils ist [52] doch das Kind in den Jahren, da sein Verstand sich zu entwickeln, Ideen aufzufassen und zu verarbeiten anfängt, am meisten unter der Aufsicht und Leitung der Mutter. Und noch in den späteren Jahren räumt ihr ja die kindliche Liebe, welche sie in einem vorzüglichen Grade sich zu erwerben vermag, noch immer so viele und große Gewalt über den Verstand und das Herz des Kindes ein, so daß sie lange die Herrschaft behält über alles, was nur zum Gebiete der Aufklärung gehört, und also im Stande ist, entweder ihr zu Hülfe zu kommen, oder auf immer den Eingang bei dem Kinde zu verwehren. Ist aber hier schon der Einfluß des weiblichen Geschlechts auf die Bildung eines Volkes so einleuchtend, so wird er es noch mehr seyn müssen, wenn von sittlicher Bildung, von Verfeinerung des Gefühls die Rede ist. Denn wenn es auch dem Knaben möglich seyn sollte, (was wir bei sehr fähigen Köpfen nicht ganz in Abrede seyn wollen,) seinen Verstand nachmals wieder zu reinigen von den Vorurtheilen, schiefen oder halb wahren Begriffen und falschen Grundsätzen, welche der mütterliche Einfluß in ihm hervorgebracht hatte, so wird es ihm doch nicht möglich seyn, sein Herz zu sanfteren Empfindungen, edleren Gefühlen, größerer Theilnahme an dem Wohl seiner Mitbrüder zu stimmen, wenn es einmal durch die mütterliche Leitung für das alles ver-[53]schlossen worden war. Und da nun auch von Seiten der sittlichen Bildung und Veredlung des Herzens so viel für die Juden zu wünschen und zu thun ist; so fällt es in die Augen, wie viel auf die Erziehung des weiblichen Geschlechts bei ihnen ankomme. Aber wo ist für diese auch nur im allergeringsten gesorgt? Das Mädchen bleibt von Jugend auf ganz sich selbst überlassen, und bekommt nur dann einen sehr geringen Grad von Cultur, wenn ihm die Natur ganz besonders gute Anlagen verliehen hatte, bekommt gar keine, wenn diese fehlen. – Man möchte vielleicht hier einwerfen, daß gerade das weibliche Geschlecht unter den Juden jetzt am meisten an der christlichen Aufklärung Theil nehme, am meisten sich von alle dem entferne, was bisher den Juden schon im gesellschaftlichen Umgange zu seinem Nachtheil so sehr verrieth; daß, die Sprache etwa ausgenommen, beinahe kein Schatten der jüdischen Form mehr an den Frauenzimmern übrig sey. Gern gebe ich dies zu, aber dafür wird man hoffentlich auch mir zugeben, daß nur bei der äußeren Form die guten Wirkungen hievon sichtbar sind. Das jüdische Mädchen hat also christlichen Anstand, christliche Freimüthigkeit und Ungezwungenheit im Umgange, christliche Art sich zu kleiden; (dies letztere ist doch wenigstens bei den meisten der Fall) aber nur leider auch noch manches andere angenommen, was [54] man bei Christinnen und Jüdinnen wegwünschen möchte! Auch die Coquetterie, die Lesesucht, die Empfindelei und romaneske Denkungsart, auch der Leichtsinn der Christen hat sich bei ihnen schon in einem sehr hohen Grade eingeschlichen, und möchte wol mit der Länge der Zeit weit traurigere Folgen bei ihnen hervorbringen, als es bei Christen möglich ist, wo denn doch gute Erziehung, wahre Aufklärung, und gute Grundsätze noch hie und da ein gutes Gegengewicht gegen diese so sehr einreißenden Übel sind. Aber was soll jetzt aus dem weiblichen Geschlechte der Juden werden, das seinen größesten Werth darin setzt, recht viel Romane und Schauspiele gelesen, recht viel zärtliche Arien singen und spielen gelernt, und die beliebtesten theatralischen Stücke so oft gesehen zu haben, daß man beinahe aus ihnen das Heer der Actricen bei einbrechendem Mangel recrutiren könnte. Was soll aus ihnen werden, so lange sie noch von einem Schwarme christlicher Afterphilosophen umlagert sind, die ihrer Eitelkeit, und mit unter auch ihrer Sinnlichkeit, hier volle Nahrung zu verschaffen wissen, und unter den Juden als Orakel glänzen, indeß sie unter den Christen so kleine unbedeutende Lichter sind? Was soll sich der Staat von solchen Mädchen als künftigen Müttern versprechen, die es noch immer zu ihrem Hauptgeschäfft machen, an öffentlichen Orten im Geleite jener [55] philosophischen Gecken zu glänzen, oder im Schauspielhause den eigentlichen Stamm der Zuschauer auszumachen, oder in Concerten die Künste der Coquetterie zu üben? Und wer thut denn diesem einreißenden Verderben Einhalt? Die häusliche Erziehung wahrlich nicht, denn eine solche giebts ja gar nicht bei den meisten unter ihnen; man müßte sie denn darin setzen, daß den ganzen Morgen hindurch die Lehrmeister im Spielen, Zeichnen, Tanzen und Philosophiren sich ablösen? — Etwa die Orthodoxie der Vater? Sie ist nicht mehr! die Eitelkeit oder das Interesse hat sie auch bei ihnen, in dieser Rücksicht wenigstens, schon längst verdrängt! Aber die Mütter bleiben noch übrig? — Bedarf es noch der Bemerkung, daß auch hier weibliche Schwachheit und Eitelkeit schon längst alles Gefühl der Pflicht unterdrückt, daß sie die Mutter der Tochter unterworfen habe?

Alles bisher gesagte zeigt ganz offenbar, wie nothwendig es bei dem Geiste unserer Zeit sey, die Juden an einer besseren Aufklärung Antheil nehmen zu lassen, als diejenige ist, welche sie bisher aus den Händen und durch den Umgang der Christen erhielten, und es ist daher ein sehr auffallender Beweis, wie wenig noch auch die Besseren und Aufgeklärteren unter ihnen warmes Interesse und edlen Eifer für die sittliche und [56] geistige Veredlung ihres Volkes fühlen, da sie bei all diesen Übeln, welche mit jedem Tage ihre Nation mehr verderben, und den Juden immer mehr zu einem elenden Mitteldinge zwischen Juden und Christen machen, (welches keine Achtung fordern kann, da es für sich selbst keine zeigt) unthätige Zuschauer abgeben, ohne die Schätze ihres Kopfes und ihrer Chatoullen zum allgemeinen Besten herzugeben, oder wenigstens sie mit ihren verlassenen Brüdern zu theilen.

Zitierhinweis:

Sabattia Joseph Satanow: Freymüthige Gedanken über die vorgeschlagene Verbesserung der Juden in den Preußischen Staaten (1792)in: haskala.net. Das online-Lexikon zur jüdischen Aufklärung / hg. von Christoph Schulte, URL<>, letzter Zugriff [Datum, Uhrzeit].