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[Die Porträtierte]  [Der Maler]  [Bildbeschreibung]  [Zitierhinweis]

Das Portrait des Marcus Herz (1795)

von Saro Gorgis

Quelle: Jüdisches Museum Berlin
Friedrich Georg Weitsch, Porträt Marcus Herz [Ausschnitt], Berlin 1795

Der Porträtierte: Marcus Herz

(Berlin 17.1.1747-19.1.1803 Berlin)

Marcus Herz, Kupferstich

Marcus Herz kommt in Berlin als Sohn einer armen jüdischen Familie zur Welt. Sein Vater ist Toraschreiber der jüdischen Gemeinde, seine Mutter die Tochter eines Bediensteten. Innerhalb weniger Jahre gelingt Marcus Herz ein sozialer Aufstieg, der ihm eine geachtete Position inmitten des sich neu formierenden Berliner Bürgertums einbringt. Gefördert durch die Familie Moses Friedländers besucht Herz parellel zu seinem Medizinstudium die Philosophie-Vorlesungen Immanuel Kants in Königsberg und hinterlässt Eindruck: Gegen Widerstände der Fakultät erwählt der Königsberger Philosoph den jüdischen Studenten zum Respondenten seiner Inauguraldissertation. Mit den besten Empfehlungen Kants kehrt Herz 1770 nach Berlin zurück, um sich dem Kreis um Moses Mendelssohn anzuschließen. Hier setzt er auch sein Medizinstudium am Collegium medico-chirurgicum fort. Da das Collegium jedoch kein Promotionsrecht besitzt, beendet Herz sein Studium 1774 in Halle, um endlich in Berlin als praktischer Arzt tätig zu werden. Schon bald beruft man ihn ans jüdische Krankenhaus, wo er ab 1782 die Direktion inne hat. 1787 ernennt ihn König Friedrich Wilhelm II. zum ersten jüdischen Professor der Philosophie. Mit diesem Titel bewirbt er sich 1792 um eine Aufnahme in die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, die ihm jedoch wegen seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde verweigert wird.

Marcus Herz, Kupferstich
Quelle: Alte Nationalgalerie
H. Herz, 1792

Als Friedrich Georg Weitsch 1795 Marcus Herz porträtiert, ist dieser nicht nur innerjüdisch bereits zu einer Leitfigur der Berliner Aufklärung avanciert. In seinem Privathaus hält er Vorlesungen über Philosophie und Medizin, die auch von der bürgerlichen nicht-jüdischen Avantgarde und dem preußischen Hochadel, wie dem Minister Karl Abraham von Zedlitz, rege besucht und geschätzt werden. Während Henriette Herz, seine Frau, in einem der Nebenräume ihren bekannten literarischen Salon führt, verbreitet Marcus Herz als Kantianer der ersten Stunde die philosophischen Gedanken seines Lehrers oder referiert anschaulich über seine neuesten wissenschaftlichen Ansätze zur Experimentalphysik.

Literatur: LEDER, Christoph Maria: Die Grenzgänge des Marcus Herz. Beruf, Haltung und Identität eines jüdischen Arztes gegen Ende des 18. Jahrhunderts, Münster 2007; DAVIES, Martin L.: Identity or History? Marcus Herz and the End of the Enlightenment, Detroit 1995; SCHULTE, Christoph: Die jüdische Aufklärung, München 2002.

Quelle: Alte Nationalgalerie
H. Herz, 1792

Marcus Herz: Biographie und Werk

Erfahren Sie mehr über den Aufklärer Marcus Herz



Der Maler: Friedrich Georg Weitsch

(Braunschweig 8.8.1758-30.5.1828 Berlin)

Das Porträt des jüdischen Aufklärers (Maskil) Marcus Herz entsteht etwa ein Jahr nach dem ersten Berlin-Besuch des Malers, Friedrich Georg Weitsch. Weitsch sah sich 1794 nach zahlreichen Lehrjahren in Kassel, Düsseldorf, Holland und Italien finanziell gezwungen, seine Geburtsstadt Braunschweig zu verlassen und seine Künstlertätigkeit in Berlin fortzusetzen. Hier erhoffte er sich ergiebige Aufträge, nachdem seine zwei ausgestellten Porträts in der Kunstakademie Berlin wohlwollende Kritik erhalten hatten. Per Inserat empfahl er sich im Frühjahr seiner Ankunft mit einer breiten Angebotspalette: Er male Bildnisse „in Ölfarbe, von allerlei Größe, das heißt von Lebensgröße bis zu der Größe eines Eyes, auch in Pastellfarbe und Zeichnungen in der Manier von Schwarzkunst Kupferstich“ (Lacher, 72). In Friedrich Georg Weitschs Œuvre sind alle diese Techniken zu finden, wenn auch zu ungleichen Anteilen. Das Metier des Porträtisten Weitsch scheint offenbar das Ölgemälde zu sein, wobei er nur selten vom lebensgroßen Format abweicht.In seinen Werken spiegelt sich der Porträtdiskurs des ausgehenden 18. Jahrhunderts insofern wieder, als sämtliche Nobilitierungsstrategien zur Aufwertung der Porträtmalerei von Weitsch eingesetzt werden. Der weit verbreiteten Kritik, ein Porträt sei bloß die mechanische Nachahmung des Porträtierten, entgeht er meisterhaft, indem er die idealistische Position von Sonnenfels mit den Forderungen der physiognomischen Lehre Lavaters verbindet. Dem Ausspruch Sulzers „der Körper sei das Bild der Seele“ (Lacher, 71) wird er ebenso gerecht, wie dem Zeitgeschmack einer sittlichen Funktionalisierung des Porträts.

Literatur: LACHER, Reimar F.: Friedrich Georg Weitsch, Berlin 2005.

Bildbeschreibung

Quelle: JMB, Dauerleihgabe Israel Museum Jerusalem
F. G. Weitsch, Porträt Marcus Herz, Berlin 1795, Öl auf Leinwand 155 x 110,5 cm, aus Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde (Inventarnr.: 506/52)

Weitsch malt das Porträt des Marcus Herz als Kniestück in lebensgroßem Format. Er situiert den Arztphilosophen an einem Schreibtisch sitzend vor abstrakt-schwarzem Hintergrund. Während das klassische Gelehrtenporträt den Tisch üblicherweise in der Diagonalen zeigt, gibt ihn Weitsch unkonventionell bildparallel und im Raum zurückversetzt wieder. Der Oberkörper des Dargestellten ist dem Betrachter zugewandt, während sein Kopf in einer spontanen Drehung nach rechts weist. Mit der linken Hand blättert er in einem Manuskript, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt, während seine Rechte elegant eine Feder hält. Die ungezwungene Haltung und die dynamisch fallende Kleidung des Porträtierten vermitteln eine Lebhaftigkeit der abgebildeten Szenerie. Weitsch mimt mit dieser Anordnung eine Interaktionssituation und weist den Betrachter mit der gewählten Frontalperspektive auf die Zuhörerbank im Auditorium.

Eingehende Betrachtung verdient das dargestellte Beiwerk. Am rechten unteren Bildrand ist ein Forschungsinstrument, anscheinend mit einem gläsernen Kolben, zu erkennen, das Marcus Herz höchstwahrscheinlich für seine Vorlesungen zur Experimentalphysik verwendet hat. 

Quelle: JMB, Dauerleihgabe Israel Museum Jerusalem
F. G. Weitsch, Porträt Marcus Herz, Berlin 1795, Öl auf Leinwand 155 x 110,5 cm, aus Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde (Inventarnr.: 506/52)
Ausschnitt

Außerdem finden sich in der Komposition zwei seiner bedeutenden Schriften. Beide sind klar zu identifizieren. Das eine Buch liegt mit dem Buchrücken zum Betrachter, wodurch der Titel zur Geltung kommt: In Versuch über den Schwindel (Berlin 1786) untersucht Herz die Verbindung von Körper und Seele und bietet dem Leser eine psychosomatische Erklärung des Schwindels. Das andere Werk liegt offen, der Betrachter kann also aus der Überschrift schließen, um welches Buch es sich hier handelt. Dargestellt ist ein Stich aus Herz’ umstrittenem Büchlein Über die frühe Beerdigung der Juden (Berlin 1787), in dem Herz eine unorthodoxe Position einnimmt und dem rabbinischen Brauch der frühen Beerdigung (teilweise schon am Todestag) zuwider eine dreitägige Wartezeit zwischen Tod und Begräbnis von Verstorbenen einfordert. Anschaulich dokumentiert Herz in seiner Darlegung die Angst jener Zeit vor Scheintoten sowie den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit, dem sich jene aussetzen müssen, die einen Scheintoten durch vorschnelles Bestatten ermordeten. Der Beerdigungsstreit, der nun zum zweiten Mal innerjüdisch verhandelt wurde, erhielt mit eben dieser Abhandlung erneut Zündstoff und spaltete die jüdische Gemeinde in Erneuerer und Traditionalisten.

Das Porträt, „erstmals nicht nach einem Muster, sondern an der darzustellenden Persönlichkeit entwickelt und mit reicherem Beiwerk [...] ausgestattet“ (Lacher, 92), vermittelt eine besondere Individualität. Weitsch gelingt die Wiedergabe einer zyklischen Begebenheit aus dem Leben des Porträtierten, nämlich dessen privaten Vorlesungen. Er eröffnet dem Betrachter dadurch eine biographische Dimension, wobei er gleichzeitig die Konventionen eines Porträts mit Repräsentationscharakter wahrt: „Für das anspruchsvolle und auf Dauer berechnete Genre wurde dieses Motiv [die zyklische Begebenheit der Vorlesungen] als zu wenig tragfähig erachtet und deshalb in der bildlichen Verarbeitung durch Manuskripte auf dem Tisch, Feder und Tintenfass mit der konventionellen Gelehrtenikonographie vermengt und in seiner Ereignishaftigkeit relativiert“ (Lacher, 94). Weitsch erzielt eine Idealisierung des Gelehrten mit Betonung seines ganzheitlich aufklärerischen Anspruchs durch das Nebeneinander von physikalischem, medizinischem und philosophisch-politischem Beiwerk. Allegorisch unterstreicht er das allumfassende Wissen des Porträtierten mit antiken Masken, die die Stuhllehnen verzieren und seinen Kopf flankieren: rechts Athene, die Göttin der Weisheit - links Hippokrates, der antike Begründer der ###.

Ausschnitt
Ausschnitt

Ebenso wie die atypische Ausstattung des Gemäldes, ist auch dessen Farbgebung vergleichsweise ungewöhnlich. Der Künstler experimentiert mit einer an Rembrandt erinnernden Malweise nach dem Vorbild des französischen und später preußischen Hofmalers Antoine Pesne, dessen zahlreiche Werke zu dieser Zeit in Berlin den Hof schmückten. Gleichzeitig weicht seine bis dahin verwendete akkurate Pinselführung einem „temperamentvollen, stellenweise pastosen Vortrag, der das Gesicht in kraftvollen Zügen mit breitem Pinsel nass in nass“ (Lacher, 75) modelliert. Kunstvoll setzt er Lichtakzente, spielt mit der für die Aufklärung charakteristischen Lichtmetapher: Das während eines geistesprühenden und temperamentvollen Vortrags zur Seite gewandte Antlitz leuchtet in karstig auf die Stirn fallendem Licht jäh auf. Dieses Moment unterstreicht das zeitgenössische Genieverständnis eines kreativen, inspirierten Geistes.Abgesehen von den leicht zu entziffernden Schriften auf dem Pult, weist in dem Gemälde Weitschs nichts auf die jüdische Identität des Dargestellten hin. Die Kleidung ist „christlich“-bürgerlich, das Inventar „wissenschaftlich“. Präsentiert wird ein Forscher, der durch Naturforschung und Experimente („Experimentalphysik“) neues Wissen schafft - kein Gelehrter, der hergebrachtes Wissen lediglich neu zusammenfaßt, präsentiert und tradiert. Unter diesem Blickwinkel erhalten die dem Betrachter dargebotenen Schriftstücke politische Brisanz: Herz lässt sich mit einem innerjüdisch umstrittenen Werk abbilden und betont dadurch noch einmal die Priorität der Wissenschaft vor der religiösen Tradition.

Literatur: KANZ, Roland: Dichter und Denker im Porträt. Spurengänge zur deutschen Porträtkultur des 18. Jahrhunderts, München 1993; KLUXEN, Andrea M.: Das Ende des Standesporträts. Die Bedeutung der englischen Malerei für das deutsche Porträt 1760-1848, München 1989; KOTOWSKI, Elke-Vera / SCHOEPS, Julius H. (Hg.): Vom Hekdesch zum Hightech. 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus im Spiegel der Geschichte der Juden in Berlin, Berlin 2007; LACHER, Reimar F.: Friedrich Georg Weitsch, Berlin 2005.

Ausschnitt

Zitierhinweis:

Saro Gorgis: Das Portrait des Marcus Herz. Bildbeschreibung (Version II, 2017), in: haskala.net. Das online-Lexikon zur jüdischen Aufklärung / hg. von Christoph Schulte, URL<>, letzter Zugriff [Datum, Uhrzeit].