uni-potsdam.de

Sie verwenden einen veralteten Browser mit Sicherheitsschwachstellen und können die Funktionen dieser Webseite nicht nutzen.

Hier erfahren Sie, wie einfach Sie Ihren Browser aktualisieren können.

Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt (Oder)

Bild: L. Haase & Co (Foto Fricke)
Synagoge auf einer Postkarte von ca. 1930

Die Stadt Frankfurt an der Oder war bereits zum Zeitpunkt ihrer Gründung im Jahr 1253 ein wichtiges Zentrum für den Fernhandel. Juden, bekannt für ihre ausgeprägte Handelstätigkeit, gehörten somit zu denjenigen, die sich hier deshalb frühzeitig niederließen. Das Zusammenleben mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft war im Wesentlichen von Miteinander geprägt, denn die Überlieferungen geben wenig Auskunft über antijüdische Ausschreitungen. Indes, 1399 erfolgte die urkundliche Ersterwähnung des Jüdischen Friedhofs auf den „Judenbergen“ jenseits der Oder, der mindestens 100 Jahre zuvor angelegt worden sein muss.

Auf den Grundmauern einer zerstörten Synagoge entstand 1498/99 das erste Gebäude für die 1506 von Kurfürst Joachim I. gegründete erste Universität in der Mark Brandenburg, die Viadrina. Unter seiner Regentschaft wurden 1510 sämtliche Juden ausgewiesen, wovon auch Frankfurt betroffen war. Erst die Neuzulassung der Juden durch seinen Nachfolger Joachim II. erlaubte jüdischen Händlern wieder, nicht nur die Märkte zu besuchen, sondern sich auch in der Stadt anzusiedeln und eine Synagoge zu errichten. Dem standen allerdings der Rat der Stadt Frankfurt sowie christliche Händler und Einwohner ablehnend gegenüber, was sich in gewalttätigen antijüdischen Aktionen äußerte. Mit dem Tod des Kurfürsten 1571 wurden die Juden abermals des Landes verwiesen. Einzig jüdischen Händlern war der Aufenthalt in Frankfurt (Oder) zwecks Teilnahme an Markt und Messe erlaubt.

Mit der erneuten Wiederzulassung der Juden 1671 in Brandenburg durch den späteren Großen Kurfürsten kamen zehn jüdische Familien in die Stadt, womit die Gründung einer eigenen Jüdischen Gemeinde möglich wurde. Zur Jahrhundertwende war sie mit 74 Familien bereits die Zweitgrößte in der Mark Brandenburg. Im Umfeld der Viadrina entstand eine hebräischsprachige Druckerei, die Frankfurt schließlich zu einem bedeutenden Ort jüdischer Gelehrsamkeit machen sollte. Rabbiner wie Saul Berlin, Josef Ben Theomim, Jehuda Margolies wirkten und veröffentlichten hier. Außerdem immatrikulierten sich an der Hochschule, trotz prominentem Widerstand, erstmals jüdische Studenten in Deutschland. Im Jahr 1801 zählte die Jüdische Gemeinde Frankfurts schließlich 592 Mitglieder, weshalb man sich zu einer Friedhofserweiterung durch Landankauf entschloss.

Als die Juden in Preußen 1812 Staatsbürger wurden, fühlte sich die Mehrheit der Juden in der Oder-Stadt dem liberalen Judentum zugehörig. Im September 1823 weihten sie im Stadtzentrum, in der Tuchmacherstraße, ihre neue, wesentlich größere Synagoge ein und demonstrierten damit, dass sie im städtischen Bürgertum integriert waren. Es folgten eine jüdische Elementarschule und ein eigenes Krankenhaus. Allerdings spaltete sich die Jüdische Gemeinde Frankfurts 1836: die Orthodoxen gründeten eine eigene Gemeinde und nutzten fortan einen Betsaal in der Spornmachergasse für ihre Gottesdienste. Am 19. Oktober 1853 konstituierte sich die Gemeinde als Synagogengemeinde des öffentlichen Rechts, für die inzwischen 828 Juden der Stadt.

Am Ausgang des 19. Jahrhunderts erhielt die liberale Synagoge eine Orgel; 1911 musste das Haus jedoch einem dringend gebrauchten, größeren Neubau weichen. Denn durch den anhaltenden Zuzug von Juden aus Osteuropa, bedingt durch Pogrome einerseits und durch die Neuregelung der Staatsgrenzen nach dem verlorenen Weltkrieg andererseits, war die Gemeinde weiter angewachsen. 1925 lebten 669 Juden in Frankfurt (Oder). Ein nochmaliger Flächenankauf für den Friedhof wurde notwendig.

Zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nationalsozialisten lebten ca. 800 Juden in der Stadt: 1935 waren noch knapp 90 im Handel tätig, gab es neun Ärzte, fünf Apotheker, acht Juristen, vier Fabrikanten, vier Bankiers und neun Handwerker. In der Pogromnacht am 9. November 1938 fielen die liberale Synagoge und jüdische Geschäfte einer umfassenden Zerstörungswut zum Opfer. Alle jüdischen Männer wurden verhaftet und nach Sachsenhausen gebracht. Wer bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht geflohen war, sah sich nun veranlasst, die Stadt umgehend zu verlassen. 1939 gab es noch 168 Juden in Frankfurt/Oder. Einige Jugendliche bereiteten sich unter Leitung des Frankfurters Hermann Menachem Gerson in Hachschara-Lagern im brandenburgischen Umland auf ihre Emigration nach Palästina vor. Mehrere Frankfurter Juden wurden 1942/43 nach Theresienstadt deportiert. Von den 1944 noch verbliebenen 62 Juden lebte bei Kriegsende 1945 keiner mehr in Frankfurt (Oder). Der Friedhof wurde jedoch kontinuierlich weiter belegt, denn es kamen Beerdigungen von unzähligen jüdischen Zwangsarbeitern und schließlich noch von etlichen Angehörigen der deutschen Wehrmacht hinzu.

Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt (Oder) hatte aufgehört zu existieren, ihr Friedhof befand sich nun auf polnischem Staatsgebiet. Im Zuge der Neugestaltung der Frankfurter Innenstadt verschwanden seit Beginn der 1950er Jahre ganze Straßenzüge. Von diesem Kahlschlag betroffen war auch die eigentlich in ihrer Grundsubstanz erhalten gebliebene Synagoge. Erst Jahrzehnte später, am 9. November 1988, erfolgte an diesem, nun beräumten Ort die Aufstellung eines Gedenksteins.

Anke Geißler-Grünberg

 

Literatur:

Brigitte Meier: Frankfurt/Oder, in: Irene Diekmann/ Julius H. Schoeps (Hrsg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Edition Hentrich, Berlin 1995, S. 125 – 141.

Eckhard Reiß/ Magdalena Abraham-Diefenbach (Hrsg.): Makom tov – der gute Ort: Jüdischer Friedhof Frankfurt (Oder) / Slubice, Berlin 2012.

Klaus-Dieter Alicke: Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, in: www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/e-g/638-frankfurt-oder-brandenburg [20.08.18]

Homepage der Stadt Slubice, in: http://www.slubice.pl/pl/Friedhof [20.08.2018]