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Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Cottbus

Foto: Anke Geißler-Grünberg
Gedenktafel am Standort der zerstörten und abgerissenen Synagoge

Bereits im 13. Jahrhundert ist die Existenz von Juden in der Lausitz belegt. Für 1437 wird von der Anwesenheit eines „Judenrichters“ in Cottbus berichtet. Kurz nachdem der brandenburgische Kurfürst Friedrich II. die mittlerweile abgetrennte Niederlausitz von der sächsischen Adelsfamilie Polenz erwarb, übertrug er der Stadt am 17. April 1448 die jüdische Familie Jordan als Eigentum, behielt sich für diese aber das landesherrliche Schutzrecht vor.  Damit begann eigentliches jüdisches Leben in Cottbus, folgten doch bald weitere Juden, die sich in der Nähe des alten Topfmarktes ansiedelten. Ende 1509 erteilte der neue Kurfürst Joachim I. einem Juden Nathan gegen Zahlung eines üblichen Schutzgeldes mit der Übergabe eines Schutzbriefes das Recht, sich in Cottbus anzusiedeln. Doch nur Monate später, im Sommer 1510, vertrieb der Monarch sämtliche Juden „auf ewig“ aus Brandenburg.

Noch vor Ende des 30-jährigen Krieges, 1635, das die Niederlausitz und damit Cottbus dem sächsischen Kurfürsten zusprach, scheiterte eine erneute Ansiedlung von Juden in der Stadt aufgrund des Widerstands der christlichen Zünfte. Erst 1740 war es ihnen mit der Familie der Witwe Keyla Israel Pinkus für Juden wieder möglich, sich auf Grundlage von Schutzbriefen in der Stadt dauerhaft niederzulassen. Bis 1752 erhöhte sich deren Zahl auf 14 Familien, die in der Folgezeit recht konstant blieb. Eine Betstube ist allerdings erst für das Jahr 1811 belegt, zur Miete im Haus eines Tuchhändlers in der Mauerstraße.

Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon gelangte Cottbus wieder zum preußischen Herrschaftsgebiet, das die Juden mit dem Emanzipationsedikt von 1812 zu Staatsbürgern gemacht hatte. Den jüdischen Familien der neu gebildeten Kreisstadt im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) war es 1817 schließlich möglich, sich ihren eigenen Friedhof an der Dresdner Straße anzulegen und ihre Toten nicht mehr ins entfernte Märkisch-Friedland bringen zu müssen. Dort hatten sie bis ca. 1810 auch ihre Gottesdienste gefeiert.

Mitte des 19. Jh. entschieden sich im Zuge einer neuen Gewerbeordnung mehrere jüdische Kaufleute mit ihren Familien für ein Leben in Cottbus, die in der Region Handel trieben. Dazu gehörte u.a. der Unternehmer David Reissner, dessen Getreide-, Saaten-, Futter- und Düngemittelhandel bald zum Großhandel avancierte. Juden wurden Teil der Stadtgesellschaft und beteiligten sich an ihrer ökonomischen und soziokulturellen Entwicklung. Es dauerte noch bis 1858, bis die ca. 50 Cottbuser Juden endlich ihre eigene Synagogengemeinde als Körperschaft des öffentlichen Rechts gründen konnten, der laut Statut auch die Juden in den Kreises Luckau, Calau und Spremberg mit angehörten. 1875 entstand ihre erste Synagoge in der Markstraße. Das rasante Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in der Stadt auf fast 400 machte eine Vergrößerung des Gotteshauses notwendig. Nach langen Vorbereitungen und umfangreichen Spendensammlungen erfolgte 1901 die Grundsteinlegung für einen repräsentativen Neubau im romanischen Stil mitten im Stadtzentrum, in der Jahrstraße. Mit dem Bau beauftragt war die renommierte Cottbuser Firma „Pabel & Co“. Am 1. September 1902 weihte sie der Görlitzer Rabbiner Dr. Siegfried Freund. Mit Dr. Salomon Posner konnte die Jüdische Gemeinde in Cottbus 1903 schließlich einen eigenen Rabbiner anstellen, der zugleich als Religionslehrer fungierte.

Dessen ungeachtet war die soziale Lage der Cottbuser Juden problematisch, denn ihre Mehrheit lebte in prekären Verhältnissen. Erst nach der Jahrhundertwende gelang es ihnen zunehmend, in freien Berufen Fuß zu fassen und im Bürgertum anzukommen, als Ärzte, Rechtsanwälte, Fabrikanten, Kaufleute. Vor dem Ersten Weltkrieg zählte die Jüdische Gemeinde schließlich 400 Mitglieder und es war abzusehen, dass die Kapazitätsgrenze des Friedhofs bald erreicht sein würde. Am 31. August 1916 beschloss deshalb die Stadtverordnetenversammlung Cottbus, der Synagogengemeinde gegen Tausch ein Grundstück auf dem städtischen Friedhof zu überlassen.

Zu denjenigen, denen der soziale Aufstieg gelang, gehörte auch Familie Reissner. Die seit 1925 als Aktiengesellschaft geführte Firma wurde allerdings 1939 arisiert, also enteignet. Dem ging die systematische Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft voraus, die durch das seit 1933 regierende NS-System forciert wurde. Die allermeisten verloren ihre Existenzgrundlage. Einer vom Vorsteher der Cottbuser Synagogengemeinde, Georg Schlesinger, angeforderten Liste zufolge lebten Ende 1936 noch 334 Juden in der Stadt, deren Zahl sich in den kommenden Monaten auf 500 erhöhte. Der Grund hierfür dürfte im Versuch liegen, in einer größeren Stadt untertauchen und sich vor den Verfolgungen schützen zu können. Ein Höhepunkt jüdischen Leiden war die Pogromnacht, in der die Cottbuser Synagoge bis auf die Grundmauer niederbrannte, in deren Folge jüdische Männer der Stadt in KZ gebracht wurden und man den Friedhof schändete. Diese Aktion hatte Konsequenzen, denn in den folgenden Monaten verließen mehr als 300 Juden die Stadt. Wer konnte, emigrierte ins Ausland. Die Verbliebenen wurden durch die Stadt in sogenannten „Judenhäusern“ interniert. Von hier aus erfolgten dann die Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager. Der Getreidegroßhändler Martin Reissner wurde mit seiner Frau Friedericke 1942 zuerst ins Warschauer Ghetto und anschließend ins Ghetto Piaski deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Georg Schlesinger wurde im August 1942 nach Theresienstadt und anschließend nach Treblinka gebracht und ermordet. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon keine Juden mehr in Cottbus, die nicht durch ihre „Mischehe“ geschützt gewesen waren.  Von einst 400 Juden der Stadt Cottbus überlebten lediglich 13 die NS-Zeit.  Auch war der alte Friedhof inzwischen zerstört worden.

In der Nachkriegszeit wurde hier eine bis heute existierende Gedenktafel angebracht. Am Standort der zerstörten und durch die Nazis abgeräumten Synagoge erinnert seit Ende der 1980er ebenfalls eine Gedenktafel. Darüber hinaus gibt es im Stadtbild sehr viele Stolpersteine. Seit 1997 existiert auch wieder eine jüdische Gemeinde in Cottbus, die der jüdischen Geschichte ihres Ortes aufgeschlossen gegenüber steht.

Nicole Schmitz

 

Literatur: 

Michael Brocke/Julius Carlebach (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Rabbiner, Teil 1: Carsten Wilke (Bearb.): Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und großpolnischen Ländern, 1781-1871, München 2009, S. 339.

Ebd:., Teil 2: Katrin N. Jansen (Bearb.): Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871-1945, S. 492.

Ulrich Knufinke: Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland (= Schriften der Bet Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Bd. 3), Petersberg 2007, S. 270f.

Steffen Krestin/Stadtgeschichtliche Sammlungen Cottbus u.a. (Hrsg.): Die jüdischen Friedhöfe in Cottbus (= Cottbuser Blätter), Cottbus 2004.

Wolfgang Weißleder: Der Gute Ort. Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, Potsdam 2002, S. 122f.

Klaus-Dieter Alicke: Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, in: www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1530-oranienburg-brandenburg

Märkischer Bote: Cottbus. Die Synagoge wurde durch die Baufirma Pabel & Co. 1902 errichtet und eingeweiht, vom 21. November 2010, in: maerkischer-bote.de

Luckauer Juden – Versuch einer Spurensuche, in: http://www.luckauer-juden.de/

Demokratisches Jugendforum Brandenburg e.V. (Hrsg.): Jüdische Geschichte in Cottbus, in:  MyBrandenburg - ein Steppenland?, in: www.mybrandenburg.net