Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Ich hatte das Glück, im vergangenen halben Jahr über das Erasmus-Programm in Pau studieren zu dürfen. Ich hatte alles in allem eine total schöne Zeit und die Heimreise ist mir sehr schwergefallen …
Aber der Reihe nach: Für meinen Studiengang (LinK) war es nicht ganz einfach, in Frankreich eine geeignete Gastuni zu finden. Zunächst hat man die Qual der Wahl, ob man sich über die Romanistik oder Germanistik bewirbt, da hier unterschiedliche Partnerunis aufgeführt sind; für andere Länder kommen auch noch Slavistik und Anglistik in Betracht, aber hier gibt es keine französischen Partner; auch über die Humanwissenschaftliche hätte man sich wahrscheinlich bewerben können. Abhängig vom gewählten Institut stehen einem dann wohl unter Umständen andere Kurse zur Verfügung, allerdings hatte ich letzten Endes dann doch freie Auswahl aus dem Angebot in Pau – da scheinen Partnerunis unterschiedlich flexibel zu sein, was man belegen darf. Meine Wahl wurde außerdem davon beeinflusst, dass ich Pau bereits von einer vorigen Reise kannte und ich mit Paris einen nicht unerheblichen Teil aller französischen Universitäten ausschloss. Die Kommunikation mit allen Beteiligten war stets sehr umgänglich, sowohl auf deutscher Seite als auch auf französischer. Der Hauptaufwand bestand tatsächlich darin, zusätzliche Versicherungen, eine Bürgschaft (kostenlos) und generell die französische Bürokratie zu bewältigen, auch da nicht jeder Begriff eine deutsche Entsprechung hat. Die zuständige Sachbearbeiterin für Erasmus an der UPPA hat hierbei jedoch sehr geholfen und auch an etwas erinnert, wenn es untergegangen sein sollte.
Studienfach: Master Linguistik im Kontext
Aufenthaltsdauer: 09/2025 - 01/2026
Gastuniversität: Université de Pau et des Pays de l’Adour (UPPA)
Gastland: Frankreich
Studium an der Gastuniversität
Für die Auswahl meiner Kurse musste ich mich dann durch die verschiedenen Kurse auf der UPPA-Website wühlen. Dort fand ich nur für etwa die Hälfte der benötigten ECTS-Kurse, was allerdings auch daran lag, dass ich bereits relativ viele Module in Potsdam abgeschlossen hatte – es lohnt wohl, zeitig im Studium ins Ausland zu gehen. Da ich aber nun laut Erasmus 30 ECTS zu belegen hatte, blieben mir noch ca. 15, die eh nicht im Masterzeugnis auftauchen würden; um diese ungewohnte Freiheit zu nutzen, habe ich auch abseits meines Kernstudiums sowohl in Master- als auch Bachelorstudiengängen Kurse ausgesucht. Die Angaben der Website erwiesen sich später allerdings als teilweise veraltet und vier meiner neun ausgewählten Kurse fanden gar nicht statt. Die finale Auswahl habe ich also vor Ort erst getroffen, was mir allerdings ganz gut passte, denn so konnte ich nach der ersten Woche noch entscheiden, ob der eine Kurs etwas für mich ist oder ob der*die Dozent*in vielleicht einfach zu schnell spricht für mein Sprachniveau. Ich musste in diesem Zusammenhang auf alle Dozierenden nach dem ersten Kurs einmal zugehen, wobei sich erneut herausstellte, dass Erasmusstudierende wahnsinnig wohlwollend aufgenommen werden.
Bei den Lehrveranstaltungen würde ich zwischen zwei Arten unterscheiden: Da gibt es moderne Dozierende, die häufig mit Slides arbeiten, viele interaktive Unterrichtsgespräche führen und viel Material mitbringen. Und dann gibt es traditionell angelegte, die streckenweise einen langen Monolog halten und die Studierenden Wort für Wort mittippen müssen. Auch bei Letzteren gibt es manchmal Material und Raum für Rückfragen bzw. Unterrichtsgespräche – trotzdem konnte ich in der ersten Form wesentlich mehr aus dem Unterricht mitnehmen als in der anderen. Das war zudem ein kleiner Kulturschock. Ich habe schlussendlich doch ausschließlich Master-Kurse belegt, vor allem auch, weil diese im Ergebnis deutlich weniger arbeitsintensiv waren; mit einer Kurs-Note (überträgt sich m. E. als Prüfungsnebenleistung) und einer Modul-Note (für mich uninteressant, da ich keine ganzen Module anrechnen lassen konnte) entsprach das Pensum ungefähr dem, was ich aus Potsdam gewöhnt war. Hinzu kam lediglich eine Note für „aktive Beteiligung am Kurs“, die für uns Erasmus-Leute aber tendenziell entspannt gesehen wurde und nur in einem Lektürekurs wirklich Arbeitsaufwand bedeutete. Die Kurs-Noten entstanden aus Essays, Vorträgen oder in Sprachkursen auch in mehreren Klausuren über das Semester verteilt. In den meisten Bachelorkursen gab es diese regelmäßigen Kontrollen auch, deren Noten wurden zum Schluss aber sogar noch mit einer finalen Klausur verrechnet. Das übertrug sich bei diesen Kommiliton*innen in durchschnittlich 1-2 Klausuren die Woche, während ich den Hauptteil der Arbeit dann in der Prüfungsphase hatte – die war mit 5 Arbeiten à 5-10 Seiten rund um Weihnachten (Deadlines vom 19.12. bis 15.01.) aber dann auch nicht ohne.
Kontakt zu einheimischen und internationalen Studierenden
Auch mit den Kommiliton*innen kam ich sehr gut zurecht und bei Bedarf fand man immer jemanden, der*die einem nochmal Fragen beantworten konnte. Gleichzeitig hatten die Studierenden in „M2“ (Master im 2. Jahr) ihre sozialen Gruppen mehrheitlich gefunden, sodass der Anschluss unter Erasmusstudierenden und innerhalb von Freizeitangeboten leichter fiel. Hier war wohl für jeden was dabei, egal ob Gesellschaftsspiele, Filme, Garten & Öko, Orchester, Impro-Theater, Sport … Lediglich auf der Suche nach einem Chor wurde ich erst in der Stadt fündig.
Daneben bot die studentische Bühne („La Centrifugeuse“) ein vielseitiges kulturelles Programm und die Bibliothek hatte auch oft Angebote verschiedenster Art. In letzterer konnte man sich generell hervorragend die Abende vertreiben, ob nun arbeitend und bei Bedarf im Computerpool oder aber puzzlend, spielend oder lesend in der Comicecke. Öffnungszeiten changierten zwischen bis 18 Uhr (vorlesungsfreie Zeit) und bis 22 Uhr (Prüfungszeit). Für einen anderen Aufenthaltsraum (der noch etwas gemütlicher eingerichtet ist) musste man sich dagegen für die Abende im Voraus als Gruppe anmelden.
Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt
In Pau scheinen sich nicht so viele zu bewerben und als Sprachzertifikat reichte ein zuhause am Rechner absolvierter ~30-Minuten-Test, daher war mir der Platz rechtzeitig schon sicher. Einige Regelungen waren aber dennoch frustrierend, wie etwa, dass die Sprachkurse in Pau maximal 3 ECTS bringen und sich daher nicht (und auch nicht 2 für einen) für unsere 6-LP-Sprachkurse anrechnen ließen! Wobei ich nicht ausschließen kann, dass ich hier einen Sonderfall darstellte.
Wohn- und Lebenssituation
Die Wohnheime „Gaston Phoebus“, die Erasmusstudierenden standardmäßig und unkompliziert angeboten werden, sind vor allem preislich ansprechend, mit 10 m² inkl. Bad und zwei kleinen Küchen für einen Flur aber wirklich minimalistisch gehalten. Ich hatte dort alles, was ich brauchte (außer einem Kochtopf, den es aber im benachbarten Leclerc zu kaufen gab), aber ich kann auch verstehen, dass manche schnell wieder ausgezogen sind. Es gab auch Gerüchte von Kakerlaken, gesichert weiß ich aber nur davon, dass z. B. Pulver gegen Bettwanzen an einzelne Bewohner im anderen Gebäude verteilt wurde. Denkwürdig war allerdings, als ein Mitarbeiter des Studentenwerks plötzlich bei mir klopfte, um ein Insektizid gegen Kakerlaken an meiner Duschlüftung zu applizieren. Andere haben sich in der Innenstadt WGs gesucht, womit zumindest der Großteil meiner Wahrnehmung nach auch glücklich wurde.
Den besagten Leclerc würde ich mit Kaufland vergleichen, aber etwas weiter weg gibt es auch Lidl, Aldi, Carrefour, und eine Markthalle, wo man insgesamt nur wenig teurere Lebenshaltungskosten hat als in Potsdam – es sei denn, man geht zum Naturalia und legt es darauf an. Auch ansonsten ist Pau gut ausgestattet: Mit einer Größe vergleichbar zu Potsdam stellt es die einzige größere Stadt im Umkreis dar, wodurch es deutlich mehr Bars, ca. drei Nachtclubs, regelmäßige Straßenfestivals und auch speziellere Läden wie z. B. einen Decathlon gibt. Um Letzteren zu erreichen, muss man allerdings einen Bus bemühen, was nicht immer einfach war. Die Tickets sind billig, aber die Zuverlässigkeit ist mit dem Potsdamer ÖPNV vergleichbar – und am Wochenende noch deutlich reduzierter als bei uns! Kein Wunder, dass einige sich vor Ort ein Rad organisiert haben (am einfachsten über das französische eBay: leboncoin.fr). Ich selbst habe es mit den Mieträdern an Stationen vor Ort (wie teureren NextBikes mit E-Bikes) versucht, die Infrastruktur wurde dafür allerdings gerade erst aufgebaut. Die Mensa war erschwinglich und mit ihren drei Standorten auf dem Campus sehr vielseitig (immer mit vegetarischer Option) aufgestellt, Omnivore in meinem Umfeld beschwerten sich allerdings manchmal über die Fleischqualität. Insgesamt war der Campus zu guten Teilen ca. aus den 60er Jahren und damit schon etwas in die Jahre gekommen, aber es gibt ganz schöne Ecken und er ist sehr grün. Zur Innenstadt fährt man mit dem Bus ca. 10 min.
Rückblick
Ich hatte eine wahnsinnig schöne Zeit in Pau und würde die Stadt gerne jedem empfehlen; gleichzeitig hatte ich Kommilitonen, die glücklich waren, möglichst schnell abreisen zu können. Ich hoffe, dieser Text konnte dir dabei helfen, zu entscheiden, zu welcher Gruppe du gehören würdest.
Abschließende Empfehlungen:
• Man braucht unbedingt eine Kreditkarte, allein um die Miete im Wohnheim zu überweisen.
• Mittwochs im Durango Cafe gibt es Jazz und kostenlose Pizza!
• Zwischen Campus und Innenstadt ist das Problemviertel Saragosse. Hier sind wir nachts nur in Gruppen durchgelaufen.