Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Im Allgemeinen ist die Organisation eines Erasmus+-Aufenthaltes einfach und komfortabel. Tartu habe ich gewählt, weil ich in ein nordeuropäisches Land wollte, in dem ich mit Englisch gut zurechtkomme. Unter den Auswahlmöglichkeiten wirkte Estland dann wie ein guter Kompromiss: Es war mir neuer und unbekannter als Schweden, liegt aber doch noch etwas südlicher als Jyväskylä in Finnland. Außerdem hatte ich es in Potsdam stets bedauert, dass Potsdam keine „richtige“ Studistadt ist wie z.B. Freiburg oder Münster. Also eine relativ kleine Stadt, wo der Betrieb der verhältnismäßig großen Uni direkt im Kern der Stadt verankert ist, und die Studis und ihre Uni das Stadtbild und das öffentliche Leben prägen. Tartu ist ziemlich klein, beherbergt aber die größte Uni des Landes, welche eine lange und wechselhafte Geschichte vorzuweisen hat. Die meisten Unigebäude sind perfekt in der Innenstadt gelegen und wunderschön. Es lohnt sich hier aber, auf das Studienfach zu achten: Sowohl die Naturwissenschaften als auch die Agrar- und Umweltwissenschaften sind jeweils an eigenen, neueren Campi am Rande der Stadt. In der Bewerbung war Tartu meine Erstwahl, ich kann also nicht viel zur Platzverfügbarkeit sagen. Sobald ich mich beworben hatte, lief die restliche Koordination weitestgehend reibungslos. Umständlich war allein die Anrechnung der Kurse am HPI, die vor Abreise festgelegt werden muss. Zunächst war das einzige Vorlesungsverzeichnis des HPI zu der Zeit ein über 100-seitiges PDF, in dem jede Veranstaltung mehrmals aufgelistet war. Dort passende Veranstaltungen zur Anrechnung zu finden, war kein Vergnügen. Nachdem ich die entsprechenden Kurse im Erasmus-Portal eingereicht hatte, wollte das HPI zusätzlich, dass ich die Informationen in einer Excel-Tabelle eintrage, und später noch in einer HPI-eigenen Website, die nur aus dem HPI-Netz erreichbar ist. Die Bestätigung der Anrechnung dauerte dann enorm lange. Irgendwann meldete sich die UT, weil sie nun endlich wissen müssten, welche Kurse ich belegen wolle. Diese Information hätten sie bei rechtzeitiger Bestätigung der Anrechnung über das OLA erhalten. Der UT konnte ich die Kurse einfach per E-Mail schreiben, und nach einigen Wochen hatten auch endlich die Dozenten des HPI die Anrechnung bestätigt.
Allgemein ist die Betreuung vor dem Aufenthalt sowohl an der UP als auch an der UT sehr hilfreich, man wird an alle Fristen rechtzeitig erinnert, und kann auch in Problemfällen immer eine Lösung finden.
Studienfach: Computer Science
Aufenthaltsdauer: 08/2025 - 02/2026
Gastuniversität: Universität Tartu
Gastland: Estland
Studium an der Gastuniversität
Für mich als EU-Bürger war der Umzug nach Estland sehr einfach. Man kann mit dem Reisepass einreisen, mit dem Euro bezahlen, die Krankenversicherung gilt, das Handy funktioniert weiterhin und man kommt wirklich gut mit Englisch zurecht. Einige ältere Personen haben mich ab und zu auf Estnisch angesprochen. Dann war ich enttäuscht, nichts verstanden zu haben, und konnte manchmal auch nicht auf Englisch antworten. Ich habe mich entschieden, keinen Estnisch-Kurs zu belegen. Ich hatte zu viel Respekt vor der Schwierigkeit, und glaubte nicht, dass ich in nur fünf Monaten genug lernen kann. Im Nachhinein finde ich es schon etwas schade. Aber lesen kann ich trotzdem vieles. Mit der Zeit lernt man, Wörter zu identifizieren. Um diese richtig schreiben zu können, geschweige denn sie mit richtiger Grammatik in einem Satz zu verwenden, ist ein Estnisch-Kurs jedoch notwendig, denn die Sprache funktioniert grundlegend anders als Deutsch.
Das Studium an der UT ist in Semester gegliedert, die jeweils etwa einen Monat vor den Semestern an der UP beginnen. War das Semester davor ein Bachelor-Semester am HPI, hat man nach der Klausurenphase also kaum freie Zeit, während man nach der Rückkehr besonders lange frei hat. Da ich mein erstes Master-Semester in Estland verbracht habe, bedeutete dies aber auch, dass ich im ersten Monat in Tartu noch viel mit der Bachelor-Arbeit beschäftigt war, die ich in Deutschland noch vor dem nächsten Semesterbeginn beendet hätte. Zu Semesterbeginn waren die Veranstaltungen in Tartu noch nicht allzu zeitintensiv, aber trotzdem musste ich zu Beginn einige Wochenenden in die Bachelorarbeit stecken. Je nach Bachelor-Projekt und eigener Planung kann die Bachelorarbeit natürlich auch schon vorher fertiggestellt werden, aber sie dauert am Ende meist doch länger als geplant.
Das sollte aber niemanden davon abhalten, das erste Master-Semester als Erasmus-Semester zu nutzen. Der Auslandsaufenthalt nach drei Jahren stressigem HPI-Bachelor war absoluter Balsam für meine Seele. Es tat mir sehr gut, den ganzen Stress, die Erfahrungen und Strukturen der letzten drei Jahre hinter mir zu lassen und in ein völlig neues Umfeld zu stoßen. Nachdem ich ein Jahr lang mit dem Bachelorprojekt beschäftigt gewesen war, war es toll, nun aus ganz anderen Bereichen neue Herausforderungen zu wählen, und zu erfahren, dass ich diesen durchaus gewachsen war.
Bei der Wohnheimsuche habe ich einen großen Fehler gemacht. Weil die Bewerbungszeit für das öffentliche Wohnheim in Tartu (https://studenthostel.campus.ee/) einen Monat lang ging, also ein festes Ende hatte, war ich nicht von First-Come-First-Serve ausgegangen, und bewarb mich deshalb erst in der Mitte des Zeitraums. Dadurch hätte ich nur noch einen Platz in einem geteilten Zimmer bekommen. Weil ich vor einer Wohnsituation komplett ohne Privatsphäre doch zu viel Angst hatte, machte ich mich also auf die Suche nach Alternativen. Von der UT werden private Wohnheime empfohlen, und bei zweien bewarb ich mich. Es stellte sich jedoch heraus, dass für diese Wohnheime ein fünfmonatiger Aufenthalt nicht als „Long term“ gilt und man dort deshalb nur zu Hotelzimmerpreisen als „Short term stay“ buchen konnte. Wer also nur ein Semester in Tartu verbringt, hat vermutlich bei Hugo.Stay und Hector Design Hostel keine Chance. Letztendlich habe ich recht einfach im Spätsommer ein Zimmer bei Rare Apartements (https://rareapartments.ee/) buchen können, welche ebenfalls von der UT empfohlen werden. Der Aufenthalt dort war sehr angenehm, alles ist sehr schick und hochwertig, und das Gebäude befindet sich direkt neben dem öffentlichen Wohnheim für Internationals, ist also ebenfalls sehr gut gelegen. Die Miete ist hier natürlich deutlich höher, die beste Option ist also wahrscheinlich ein Einzelzimmer in einer WG im öffentlichen Wohnheim. Mit dem Erasmus-Stipendium war es für fünf Monate für mich trotzdem finanzierbar. Leider ist es dort unverhältnismäßig teuer, Bettsachen (also auch Kissen und Bettdecke) zu mieten. Die erste Nacht habe ich also ohne diese Dinge verbracht, und dann welche beim Ikea in Tartu gekauft. Die Sachen habe ich nun mit nach Potsdam genommen, weil ich in einem halben Jahr aus dem Wohnheim ausziehen muss und sie dann wahrscheinlich gebrauchen kann.
Die Veranstaltungs-Auswahl in Tartu finde ich sehr spannend, da viele Bereiche so nicht am HPI abgedeckt werden. Leider hatte ich Pech mit den Veranstaltungen, die ich tatsächlich belegt habe. Der Kurs „Perception and Control of Quadrotor Drones“ hat an sich ein sehr interessantes Konzept: die autonome Hindernisvermeidung von Drohnen, also Consumer-Kamera-Quadcoptern. Allerdings waren nur im ersten Monat die Termine mit Inhalt über Algorithmen und Techniken gefüllt. Darauf folgten etwa 1,5 Monate, in denen wir die Algorithmen implementieren sollten, und die restliche Zeit verbrachten wir mit endloser Fehlersuche bei der Anwendung der Algorithmen auf richtigen Drohnen. Das ganze Setup ist sehr fragil, läuft nur auf x86-Hardware mit Grafikkarte unter einer einzigen Ubuntu-LTS-Version, und die TAs konnten uns meistens nur wenig helfen. Der Dozent war derweil vom etwa fünften bis zum vorletzten Termin nicht mehr anwesend. Die Hinderniserkennung ist in der Theorie auf LiDAR basiert. In der Praxis ist aber kein LiDAR-Gerät auf den Drohnen montiert, sondern ein Motion-Capture-System ermöglicht die Simulation einer Punktwolke aus Sicht der Drohne. Die Daten dieses Motion-Capture-Systems waren uns nur durch ein einziges Ethernet-Kabel verfügbar, welches wir herumreichen mussten. Zudem gab es auch nur eine einzige Drohne zum Testen. Das hat das Troubleshooting der Hardware-Implementierung unglaublich verlangsamt, und so haben wir fast zwei Monate damit verbracht. Am Ende war das Anwendungsgebiet trotzdem interessant, und beim Troubleshooting lernt man ja auch etwas, aber das Verhältnis von Arbeit und Frustration zu der Menge an Lerninhalt war schlecht.
Leider war auch die Betreuung in der Veranstaltung zu Transformern nicht gut. Im ersten Monat hatten wir interessante Vorlesungen und Übungen, in denen wir Transformer-Sprachmodelle selbst in PyTorch implementiert und trainiert haben. Danach hat sich der Dozent jedoch für fast zwei Monate verabschiedet; mit dem Versprechen, stattdessen Aufzeichnungen hochzuladen. Das ist nicht passiert, und so haben wir in der Zeit nichts gelernt. Danach begann die Projektarbeit, in der wir uns frei für ein Transformer-basiertes Projekt entscheiden konnten. Das Projekt hat Spaß gemacht, jedoch war die Gruppenarbeit mit einem Esten und einem weiteren deutschen Austauschstudenten nicht gut. Insgesamt ist es sehr schade, dass auch hier die Menge an Lerninhalten so gering war. Allgemein war die Koordination der Veranstaltung seitens der Dozierenden schlecht. Fristen und Anforderungen für Abgaben wurden oft nur auf mehrmalige Nachfrage mit wenigen Tagen Vorlauf kommuniziert.
Die Veranstaltung zu Quantencomputern hat viel Spaß gemacht und war gut strukturiert und organisiert. Sie fand im Physikgebäude statt, am Rande der Stadt. Einige Male kam ich aufgrund der Reisezeit dorthin zu spät, aber das stellte kein Problem dar, und es war schön, dadurch mehr von der Stadt zu sehen.
Besonders empfehlen kann ich die beiden Kurse zu Estland und estnischer Kultur, „Estonia and Estonians“ sowie „Insights to Estonian Culture“. Ersterer hat normale Seminarstruktur. Die Dozentin war wunderbar herzlich, der Kurs war sehr informativ, und es war einfach schön, am Anfang eine Anlaufstelle für alle Fragen über die Stadt und das Land zu haben. Der zweite Kurs bestand aus Filmen und Museumsbesuchen. Die Filme hatten meistens Bezug zur Geschichte von Estland und den baltischen Staaten, die zumindest in meinem Geschichtsunterricht nie vorkam und so anders als die deutsche ist. Allgemein bietet ein Aufenthalt in Estland im Vergleich zu anderen Ländern in bspw. Nord- und Westeuropa den großen Vorteil, ein Land mit einer gänzlich anderen jüngeren Geschichte und Perspektive auf die Welt kennenzulernen, als sie etwa Deutschland hat. Diese Perspektive erhält meiner Ansicht nach in Deutschland viel zu wenig Aufmerksamkeit, obwohl Deutschbalten jahrhundertelang in Estland die Oberschicht stellten und die Esten ihre Leibeigenen waren, und das Land noch bis 1991 von der Sowjetunion besetzt und unterdrückt war. Diese Möglichkeit des Einblicks in spannende Perspektiven gesellt sich zu dem auch sonst sehr angenehmen Aufenthalt in der wunderschönen Studistadt Tartu.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden
Das Erasmus Student Network ist sehr aktiv in Tartu (https://www.instagram.com/esntartu/?hl=de, die eigene Website ist leider nichtssagend). Dieser Verein von Freiwilligen organisiert viele verschiedene Events, wie Kennenlerntreffen, Partys, Wanderungen und Filmabende. Auch Reisen mit Studigruppen können über sie vergünstigt gebucht werden (https://www.timetravels.com/student-trips/baltic-countries/esn-estonia/esn-tartu.html?page=1). Zwei solcher Reisen habe ich gemacht: eine viertägige Tour durch alle baltischen Hauptstädte, und eine Reise nach Saariselkä im Norden von Finnland. Beide Reisen kann ich unbedingt empfehlen. Erstere ist mit ihrem straffen Zeitplan zwar ziemlich anstrengend, aber Riga und Vilnius sind sehr interessante, schöne Städte, und die Stadtführungen und Museumsbesuche sind interessant. Es waren auch viele Erasmus-Studis aus anderen Ländern dabei. Letztere war eine erstaunlich erholsame Reise in wunderschöne Landschaften, mit vielen Aktivitäten wie Skilanglauf, Eislaufen, und einer Fahrt nach Norwegen mit Sauna und Baden im arktischen Ozean. Auch wenn Estland landschaftlich vielleicht nicht so anders ist als Norddeutschland, hat man von hier aus doch die Möglichkeit, ganz andere Orte zu sehen. Und die Polarlichter in Tartu waren wunderschön, hell und intensiv!
Wohn- und Lebenssituation
In Tartu gibt es seit ein paar Jahren Leihfahrräder (https://tartu.ee/en/bike-share), die im Sommer meist auch elektrisch sind. Ich hatte ein Monatsabo, welches etwa 10€ kostet. Wenn man spät dran ist, kann man damit auch auf kurzen Fahrten noch ein paar Minuten rausholen. Auch sonst macht Fahrradfahren in Tartu viel Spaß. Es gibt zwar wenige Fahrradwege, aber man darf meistens auf dem Gehweg fahren. Bei den Leihfahrrädern ist der Abstand zwischen Lenker und Sattel jedoch sehr groß, viel größer als bei Nextbikes. Einige kleinere Studis konnten auf ihnen nicht fahren. Auch das Bussystem ist praktisch und günstig. Es gibt eine Buskarte (https://tartu.pilet.ee/en/home), mit der sich auch die Fahrräder entsperren lassen. Sie kostet einmalig 3 € und lässt sich personalisieren und mit Einwohner- und Studirabatt verknüpfen. Bezahlt wird mit Abo oder Prepaid-Guthaben. Mit letzterem kostet eine Fahrt nur 60 Cent, und es lässt sich damit auch vergünstigt in Regionalbussen und im Tallinner Nahverkehr bezahlen. Weil die Leihfahrrad-App auf meinem Handy nicht funktioniert hat, war es nützlich, dass die Räder auch durch Auflegen der Buskarte entsperrt werden können. Für weitere Strecken gibt es in Estland zwar Züge, die jedoch selten und auf einem kleinen Netz fahren. Wenn es die Möglichkeit zur Zugreise gibt, dann sind sie eine gute Option. Seit wenigen Monaten kann man auch mit dem Zug nach Riga und Vilnius fahren, mit einem Zugwechsel an der Grenze zu Lettland (https://ltglink.lt/en/vilnius-tallinn). Ansonsten bietet das Baltikum jedoch die hervorragenden Lux Express Fernbusse (https://luxexpress.eu/). Tickets kosten auch kurz vor Abfahrt meist um die 10€, lassen sich für nur 1 € Baltikum zu entdecken.
Viele Lebensmittel sind in Estland erstaunlich teuer. Die Mehrwertsteuer wurde in den letzten Jahren zugunsten der Militärausgaben drastisch erhöht und liegt nun bei 24%. Einige Produkte wie Kartoffeln, Tomaten, Äpfel, Pflaumen, Haferflocken und Brot sind sehr günstig. Grünes Gemüse wie Gurken und Salat ist hingegen enorm teuer, weil es unter hohem Energieaufwand in beleuchteten Gewächshäusern lokal produziert wird. Bei vielen Lebensmitteln haben die estnischen Supermärkte keine günstigen Eigenmarken. Stattdessen gibt es importierte Markenprodukte, die oft deutlich teurer sind als in Deutschland. Manchmal gibt es Eigenmarken von dänischen oder schwedischen Supermärkten. Insgesamt lässt sich mit der kleinen Auswahl sehr günstiger Lebensmittel auch günstig leben, aber besonders Produkte wie vegane Alternativen, Schokolade, asiatische Lebensmittel, Gewürze und einige Gemüsesorten lassen die Ausgaben steigen.
Sehr schade ist, dass es in Tartu keine Mensa gibt. Sowohl das günstige Essen, als auch die soziale Komponente haben mir sehr gefehlt. Es gibt an einigen Uni-Standorten Cafés mit Mittagessen um die 7€, doch diese werden aufgrund des Preises nur selten von Studis genutzt. Mittags muss die Backstation im Supermarkt oder selbst mitgebrachtes Essen herhalten, welches dann irgendwo im Flur gegessen wird. Letztendlich war eine beliebte Alternative auch Hesburger, wo es einen doppelten vegetarischen Cheeseburger für 2,50€ gibt.
Nach meiner Erfahrung gibt es im Master viele Veranstaltungen, die nicht mit einer Klausur enden. Stattdessen zählen oft die Übungen während des Semesters in die Note, und es gibt ein Projekt, welches in kleinen Gruppen absolviert wird. Es ist angenehm, dass man die letzten Wochen im Ausland nicht mit allzu viel Lernen verbringen muss. Durch diese Projekte hatte ich auch den meisten Kontakt zu estnischen Studierenden. Diese sind aufgeschlossen und kommen auf die Austauschstudierenden zu, ich habe mich sehr willkommen gefühlt.
Dennoch hatte ich den meisten Kontakt zu anderen Austauschstudierenden. Es hat mir viel Spaß gemacht, mich mit Menschen aus Neuseeland, Taiwan, Pakistan, der Ukraine, Frankreich oder Griechenland auszutauschen. Es gibt sehr viele Deutsche in Tartu, was vielleicht dazu verleitet, in der deutschen Bubble zu bleiben. Aber in den Kursen und in ESN-Events gibt es viele Möglichkeiten, auch Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen. Und weil die Austauschstudierenden auch gerade erst das Land und die Stadt entdecken, kann man sich gut für Ausflüge verabreden. Der Austausch mit den vielen Menschen aus anderen Ländern ist sehr interessant, besonders auch mit denen aus Nicht-EU-Ländern. Und mit Leuten aus Taiwan das erste Mal in ihrem Leben Schlitten zu fahren, macht einfach viel Spaß.
In Estland läuft die Verwaltung digital und komfortabel ab. Wenn man jedoch als Ausländer noch nicht im System registriert ist, muss man trotzdem zum Bürgeramt. Wenn sich also zu Beginn des Semesters alle Studis, die länger als drei Monate bleiben, melden müssen, wartet man dort leicht den ganzen Tag. Bei der Registrierung erhält man eine Identifikationsnummer, die für viele Anwendungsfälle wie die Buskarte und sogar Wahlen ausreicht. Für andere Zwecke, wie die Supermarkt-Rabattkarte, braucht man jedoch auch eine Chipkarte. Es ist möglich, als Austauschstudi eine zu bekommen, ich habe gehört, dass man dafür zur Polizeistation muss. Ich bin aber auch gut ohne klargekommen. Studirabatt gibt es manchmal nur mit der kostenpflichtigen ISIC-Karte (https://isic.de/de/). Oft reicht es aber auch aus, auf dem Handy das eingeloggte Moodle zu zeigen.
Die Planung und Koordinierung des Studiengangs und die Kursbelegung sind in Tartu hervorragend gelöst, im völligen Gegensatz zum HPI. Es gibt eine einzige Website mit dem Kursverzeichnis, der Kursbelegung, einem Kalender, Benachrichtigungen aus Veranstaltungen und einer Notenübersicht. Kurse können angenehm durchstöbert werden, es gibt Filteroptionen und umfangreiche Informationen zu Kursinhalt, Prüfungsform und Terminen. Mit einem Klick können Kurse zu einem Planungskalender hinzugefügt werden, um Zeitüberschneidungen festzustellen. Von dort können Kurse mit einem weiteren Klick belegt werden, oder man setzt sich auf die Warteliste. Das Tool scheint von der Uni selbst entwickelt worden zu sein, und ist eine willkommene Abwechslung zu dem zerklüfteten deutschen System aus einer Ansammlung von Websites mit altertümlicher und umständlicher Software mit tausenden sich überschneidenden oder nicht funktionierenden Funktionen, abenteuerlicher Benutzerführung und Anmeldungs-Prozedere (Puls, HPI my campus und Confluence) und endlos langen PDF-Dateien des Grauens. In manchen Situationen ist es auch ein echter Komfortgewinn, dass die eigene E-Mail-Adresse auf @ut.ee liegt, statt auf @student.hpi.uni-potsdam.de.
Rückblick
Ok, nun ein paar Tipps:
Geh nicht immer nur zu Lidl! Bei den Einheimischen und nicht-deutschen Austauschstudis ist Lidl aufgrund der günstigen Preise sehr beliebt. Es macht aber zu viel Spaß, durch die estnischen Supermärkte zu laufen, und irgendwas zu kaufen, was man noch nie gesehen hat! In estnischen Supermärkten gibt es oft ein Nachtisch-Regal, sehr zu empfehlen sich dort durchzuprobieren!
Der Ikea in Tartu ist klein (wie in Potsdam), hat aber alles, was man so braucht. Wenn also der Unterkunft etwas fehlt, oder sie Dinge teuer vermietet, kann man sich dort weiterhelfen. Im öffentlichen Wohnheim für Internationals Raatuse (https://studenthostel.campus.ee/) gibt es jedoch auch ein „Zu verschenken“-Regal, und in der Whatsapp-Gruppe vom Erasmus Student Network gibt es neben einer Vielzahl von Scam-Links auch viele Sachen zu verschenken. Es gibt jedes Semester eine neue Gruppe, deshalb kann ich keinen Link geben. Bei den Einführungstagen wird man aber mit allem notwendigen Wissen und Kontakten versorgt.
Belege Kurse über Estland, estnische Sprache oder estnische Kultur! Ich habe mich auf jede Stunde gefreut, es war immer so herzlich, und man fühlt sich gleich willkommen und gut aufgehoben in der neuen Stadt. Ich habe außerdem gemerkt, wie gut es mir tut, nicht nur mit Informatik-Studis zu tun zu haben. Es macht Spaß, sich mit Leuten in diese neue Situation zu stürzen, mit denen man nicht später noch die Projektabgabe oder die letzte Vorlesung besprechen muss oder kann. Und man kann sich auch viel weniger vergleichen, sondern einfach neugierig sein auf die andere Person.
Nutze die letzten warmen Wochen nach der Ankunft, wenn der Aufenthalt im Wintersemester stattfindet. Dann kann man noch in Pärnu in der Ostsee baden, oder in Wasserlöchern im Moor, oder in den zahlreichen Seen. Generell: Besuche das Moor! Im Sommer kann man auch auf dem Emajõgi in Tartu mit großen runden Holzschiffen fahren, oder im Kanu auf anderen Flüssen.
Die Kälte und die Dunkelheit sind nicht so schlimm. Es war während meines Aufenthaltes lange sehr kalt, aber es ist eben auch kalt genug, dass es kaum Schneematsch und kein Blitzeis gibt. Es ist kein nasskaltes, ekliges, matschiges Wetter. Und die zugefrorene Ostsee in Pärnu ist im Winter unglaublich beeindruckend! Anders als in Deutschland funktioniert auch weiterhin alles, wenn es mal schneit. Die Dunkelheit ist auch in Ordnung, in der Stadt ist für schöne Beleuchtung gesorgt, und man trifft sich dann halt im Café, zum Eislaufen auf dem Marktplatz oder eben in der Uni zum Lernen. Und so viel weniger Sonne als in Potsdam ist es auch wieder nicht.
Das estnische Nationalmuseum in Tartu ist richtig gut (https://erm.ee/), ebenso wie das KGB-Museum in Vilnius (https://olkm.lt/en/). Generell: Vilnius ist toll! Gerade im Vergleich zu Tallin ein ganz anderer, viel urbanerer Flair.
Auf der Rückfahrt bin ich über Nacht mit der Fähre nach Stockholm gefahren, habe dort zwei Tage verbracht, und bin dann mit dem Nachtzug nach Hause gefahren. Wenn man nicht fliegen möchte, ist das eine schöne und interessante Alternative zum Flixbus-Marathon über Polen nach Berlin, und es gibt oft auch relativ günstige Optionen.