Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Kontaktaufnahme mit der Gasthochschule
Die Kontaktaufnahme mit der Università degli Studi di Milano-Bicocca verlief in meinem Fall insgesamt unkompliziert – auch wenn sie anfangs von einem Moment typischer Erasmus-„Unschärfe“ begleitet war: Durch ein Durcheinander rund um meine Nominierung wusste die Partneruniversität zunächst nicht recht, wer ich „sein“ sollte. Nach kurzer Klärung (einige Mails, ein bisschen Geduld, ein bisschen Struktur) ließ sich das jedoch schnell auflösen. Rückblickend war das weniger ein echtes Problem als vielmehr eine frühe Lektion darin, das deutsche Bedürfnis nach eindeutiger Zuständigkeit und lückenloser Prozesskette für eine Weile auszusetzen. (Denn: Es regelt sich - nur eben anders.)
Bewerbungsunterlagen für die Gasthochschule / Kurswahl
Auch bei den Bewerbungsunterlagen und insbesondere bei der Kurswahl gilt: Ruhe bewahren. Ich habe mich zu Beginn unnötig gestresst – vor allem in Bezug auf das OLA (Online Learning Agreement) und die Frage, wie „fest“ Kurse im Vorhinein gewählt werden müssen. An der Bicocca ist dieser Prozess deutlich weniger bürokratisch organisiert als an vielen deutschen Universitäten: Man trägt die Kurse im OLA ein, stimmt eine potenzielle Auswahl mit dem Erasmus-Koordinator ab – und geht dann schlicht zu den Veranstaltungen. Eine „Online-Fixierung“ im Sinne eines endgültigen, verbindlichen Stundenplans im Voraus ist in dieser Form nicht nötig.
Herausfordernd war weniger die Wahl an sich als die Transparenz der Kursinformationen: Insbesondere, wenn man Kurse aus unterschiedlichen Jahrgängen (Year 1 und Year 2) kombinieren möchte, wird es schnell unübersichtlich, Überschneidungen zuverlässig auszuschließen. Hilfreich ist hier das Stundenplan-Portal der Universität, über das sich die tatsächlichen Kurszeiten nachvollziehen lassen:
https://gestioneorari.didattica.unimib.it/PortaleStudentiUnimib/index.php?view=easycourse&_lang=en&include=corso
Dort wählt man Studiengang und relevante Lehrangebote aus und kann sich – nach einigem Durchklicken – eine Übersicht der Termine generieren lassen. Ich habe diesen Schritt zusätzlich durch einen Zoom-Call mit einem der „Bicocca Angels“ begleitet, was ich bei Unsicherheiten sehr empfehlen kann: In 20–30 Minuten wird dann aus einem diffusen Gefühl von Chaos ein praktikabler Plan.
Pragmatisch hat sich für mich folgendes Vorgehen bewährt:
- Kurse identifizieren, die inhaltlich interessant klingen. (Syllabi findet man meist am schnellsten, indem man den Kurstitel googelt und „bicocca syllabus“ ergänzt.)
- Termine im Stundenplan-Portal prüfen (Überlappungen, Rhythmus, Kursfrequenz).
- Abstimmung per Mail mit Dr. Pisoni (Erasmus-Koordinator Psychologie).
- Nach dem „Ok“: Eintrag ins OLA.
Ich habe im Bereich Psychologie u.a. folgende Kurse besucht:
- Cognitive Ergonomics (Year 2)
- Cognitive Development (vermutlich Year 2)
- Cognitive Neuroscience (Year 1)
Das Anforderungsniveau empfand ich als sehr gut machbar – angenehm, wenn man neben dem Studium bewusst Raum für Stadt, Kultur und Alltag lassen möchte. Mit 2–3 Tagen Vorbereitung waren die Prüfungsleistungen in meinem Fall gut zu bewältigen; außerdem können Prüfungen mehrfach wiederholt werden. Wenn man also beim ersten Termin mitschreibt und mit der Note nicht zufrieden ist, lässt sich diese ablehnen und eine erneute Teilnahme ist möglich. Formal verbindlich ist im Kern nur die Anmeldung zur Klausur über das Online-Sekretariat: https://s3w.si.unimib.it/
Der wichtigste Punkt bleibt dabei: Es lässt sich nahezu alles klären. Panik ist zu keinem Zeitpunkt ein produktives Organisationsprinzip – und gerade hier lohnt es sich, das „deutsche Uni-Mindset“ bewusst zu pausieren (und damit, im besten Sinne, anders zu denken als man denkt).
Studium an der Gastuniversität
Studiensystem / Organisation / Anforderungen / Leistungsbewertung
Das Studiensystem an der Bicocca ist insgesamt unbürokratisch und im Alltag überraschend direkt: Man geht zu den Veranstaltungen, die man im OLA angegeben hat, tritt dem jeweiligen Moodle-Kurs bei – und ist damit im System. Es gibt in vielen Kursen keine Anwesenheitspflicht, die Lehre war häufig informell und fand teils in kleinen Gruppen statt, was Diskussionen erleichtert und Hemmschwellen senkt.
Besonders empfehlen kann ich den Kurs „Cognitive Development“, auch weil Dr. Nava und Dr. Marzocchi nicht nur fachlich sehr anregend, sondern auch ausgesprochen freundlich und zugänglich sind. Der Kurs hatte eine klare Struktur, ohne „verschult“ zu wirken, und bot gleichzeitig genug Raum, um Fragen und Interessen der Studierenden mitzunehmen.
Studienklima
Das Studienklima habe ich als offen und kooperativ erlebt. Der Einstieg gelang unkompliziert – u.a. durch den Beitritt zu WhatsApp-Gruppen, in denen Informationen schnell geteilt werden. Das Englischniveau der Studierenden ist insgesamt hoch; Rückfragen werden geduldig und hilfsbereit beantwortet.
Betreuung durch Studierende / Verwaltung / Dozierende
Die Dozierenden waren ebenfalls sehr hilfsbereit. Bei organisatorischen Themen (Fristen, Kurszuordnung, formale Fragen) würde ich jedoch empfehlen, direkt Dr. Pisoni zu kontaktieren – nicht, weil andere Stellen nicht helfen, sondern weil es dort am schnellsten klar und verbindlich wird.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden
Meine Kontakte haben sich – abgesehen von einer weiteren Erasmus-Studentin – eher außerhalb der Universität entwickelt. Mailand ist eine bemerkenswert zugängliche Stadt: Wenn man sich ein kleines bisschen bewegt (Kurse, Cafés, Sport, Freundesfreunde), findet man schnell Anschluss. Die Dichte der Stadt ist sehr schnell spürbar: Man trifft Menschen wieder und Orte werden sehr schnell vertraut.
Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt
Ich würde klar empfehlen, vor dem Aufenthalt einen Sprachkurs zu machen oder zumindest Grundlagen systematisch aufzubauen. Fast alle Mailänder:innen sprechen sehr gut Englisch – was komfortabel ist, aber eine gewisse Falle birgt: Ohne initialen „Druck“ oder bewusste Entscheidung verfällt man schnell ins Englische, und echte sprachliche Immersion wird deutlich schwieriger.
Gleichzeitig reagieren Italiener:innen nach meiner Erfahrung sehr positiv, wenn man versucht, Italienisch zu sprechen – selbst wenn es holprig ist. Es lohnt sich also, diese Schwelle früh aktiv zu überschreiten.
Wohn- und Lebenssituation
Unterkunftssuche (wann und wie)
Die Wohnungssuche in Mailand ist – ähnlich wie in anderen europäischen Großstädten – schwierig, schnell und oft frustrierend. Ich habe meine Unterkunft letztlich über Airbnb gefunden und anschließend privat mit dem Anbieter einen Preis verhandelt.
Hilfreich sind außerdem:
- Facebook-Gruppen (z.B. für Deutsche/Internationals in Mailand)
- Plattformen wie Habyt (insbesondere für möblierte, befristete Lösungen)
Öffentliche Verkehrsmittel / Mobilität
Mailand ist sehr gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewohnbar. Zur Uni bin ich meist mit dem Rad gefahren (die Bicocca liegt nördlicher, was den Alltag etwas „pendeliger“ macht). Ich habe mich für ein BikeMi-Abo entschieden (ca. 32 € im Jahr): Das städtische Bikesharing hat viele Stationen, auch an der Uni, und mit dem Abo kann man Räder unkompliziert ausleihen und an anderen Stationen wieder abgeben. Für E-Bikes zahlt man zusätzlich (z.B. 25 Cent pro halbe Stunde). Insgesamt: sehr empfehlenswert.
Der ÖPNV ist ebenfalls stark: Bahn/Bus/Tram funktionieren zuverlässig. Tickets kosten etwa 2,20 € für 90 Minuten; besonders angenehm ist, dass man keine physische Karte braucht – Apple Pay an der Schranke reicht.
Alltag / Orte (Cafés, Aperitif, Essen)
Mailand lässt sich hervorragend „im Takt“ leben: Caffè am Tag, Aperitivo am Abend – dazwischen Uni, Spaziergänge, Ausstellungen, Stadt. Besonders gefallen haben mir:
- Città Studi: Bar Basso, Bar dell’Angolo, Balay, Sandi (Restaurant)
- Nolo: Leila, Bar Tabacchi Varisco, Silviano, Fòla (Café), Salumeria del Design
- Porta Venezia: La Bottega del Pane Artistico; abends lebhafte Stimmung rund um Bar Picchio
Kulinarisch kann ich „La Bettola di Piero“ sehr empfehlen – meines Erachtens einer der Orte, an denen die mailändische Küche besonders authentisch und herzlich umgesetzt wird (Familienbetrieb, ohne viel „Show“, dafür mit Substanz). Sehr nett sind außerdem: La Notte (Weinbar) und Bar Paradiso (Weinbar & Essen).
Studienfach: Master „Psychologie mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie“ (Potsdam) und
M.Sc. in Applied Experimental Psychological Sciences (Bicocca)
Aufenthaltsdauer: 09/2025 - 02/2026
Gastuniversität: Università degli studi di Milano-Bicocca
Gastland: Italien
Rückblick
Mailand ist eine Stadt, die unglaublich schnell vertraut wird. Man hat nach wenigen Wochen einen sehr guten Überblick und findet sich insgesamt sowohl in der Uni als auch der Stadt zurecht. Ich habe gerade diese Überschaubarkeit im Vergleich zu Berlin sehr genossen. Die Stadt vermittelt einfach ein großartiges Lebensgefühl!