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Online-Reisetagebuch: Kabul, 29. September 2014

Unterstützung für afghanische Verwaltungswissenschaften, Tag 8
Ankunft am Flughafen in Mazar, Foto: Julka Jantz

Ankunft am Flughafen in Mazar, Foto: Julka Jantz

Wir sind auf dem Flughafen Kabul gestrandet. Wegen der hochrangigen Gäste für die Amtseinführung des Präsidenten heute ist die Airport Road seit sechs Uhr morgens gesperrt. Auch zivile Flüge sind erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben – zumindest unserer nach Mazar. Die Piloten und die Crew waren wohl zu spät an der Straßensperre und wurden nicht mehr durchgelassen. Auch als unser Flug endgültig gecancelt wird, bringt das nicht viel. Der Dispatcher kann uns nicht vom Flughafen abholen, die Stadt hält den Atem an. Keine andere Chance also: Wir müssen acht Stunden auf den nächsten Flieger nach Mazar warten. Gefühlt bestehen Reisen in Afghanistan zu 50 Prozent aus Warten, Diskutieren, Planen. Mr. Sadeqar, der uns auf der Reise begleitet, ist andauernd am Telefon: Termine verschieben, jeweils das gesamte Drumherum anpassen und dabei freundlich und gut gelaunt bleiben. Er hat meine Anerkennung.

Irgendwann macht sich Entspannung bzw. Fatalismus breit – das einzig Wichtige: Etwas zu lesen und zu trinken. Mit unserem afghanischen Begleiter ziehe ich los, um Nahrung und Flüssigkeit aufzutreiben. Das klappt erst unten bei Parkplatz drei – schließlich ist heute außergewöhnlicher Feiertag. Mit einem Kaffeebecher in jeder Hand, Cola, Keksen und Nüssen passieren wir die Sicherheitskontrollen – die Wachbeamten fangen entweder an zu lachen oder schütteln den Kopf. Es ist jetzt mittags schon brütend heiß, die Soldaten der Spezialgarde des Präsidenten spannen blaue und gelbe Sonnenschirme über ihren schwarz-grau gemusterten Panzer auf, ich muss lachen. Mr. Sadeqar entdeckt vor uns einen berühmten Sänger aus Herat, den das Wachpersonal schnell durchscheucht, jetzt nur keine Zusammenrottung von Autogrammjägern. Eine Grundversorgung für das lange Warten haben wir also organisiert, und je tiefer wir in unseren Koffern wühlen, desto mehr Wertvolles kommt zu Tage: Herr Fuhr findet noch eine Tüte Gummibärchen, Thurid Fruchtschnitten. Na also: ein Computer, Gummibärchen, ein gutes Buch.

Wir bekommen per SMS Meldungen von Anschlägen und Explosionen. Aber es war klar, dass an diesem Tag die Stadt nicht ruhig bleiben würde. Hoffentlich sind wir bald in Mazar. Die Aussicht auf Bewegungsfreiheit, einen Spaziergang zur blauen Moschee und über den Bazar versöhnen uns. Und dann steht ja noch das Highlight der Reise an: der Besuch des neuen Fakultätsgebäudes – die Infrastrukturkomponente des Projektes.
Nach zwölf langen Stunden landen wir auf dem neuen Flughafen in Mazar, der mit deutscher Hilfe erbaut wurde. Die Hauptstadt der Provinz Balkh im Norden ist eine „Boom Town“. Hier soll sich ein Logistik-Knotenpunkt für die Region etablieren. Für die bald geräumten Hallen des Camps Marmal neben dem Flughafen, dem größten Feldlager der Bundeswehr, werden schon Pläne geschmiedet. Hier wird ein Großteil der Logistik des Afghanistan-Einsatzes und jetzt auch des Teilabzuges abgewickelt. Die Infrastruktur ließe sich später ideal zivil nutzen. Mal sehen, wie sich die Situation hier oben entwickelt: Der jetzige Gouverneur Atta, der mit rigiden Methoden für Ruhe sorgt, der ehemalige War-Lord Dostum und die Nordallianz spalten sich in Anhänger von Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah. Die neue Regierung wird auch hier auf eine harte Probe gestellt werden.

Text: Julka Jantz, Koordinatorin „Stärkung der Verwaltungsausbildung in Afghanistan“, Online gestellt: Silvana Seppä

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