Buchcover "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"
Foto: Kunstmann

Buchtipp November 2021

Wie man über Bücher spricht,
die man nicht gelesen hat

 

 

Bayard, Pierre
2007, Kunstmann Verlag, 240 Seiten

ISBN 978-3888974861

 

Das Lesepensum im Studium kann manchmal ziemlich überwältigend sein. Bis zur nächsten Woche mal eben noch 300 Seiten lesen? Das ist vor allem in geisteswissenschaftlichen Fächern keine Seltenheit. Aber wer hat schon so viel Zeit? Und vor allem: wer hat über Jahre hinweg jede Woche so viel Zeit? Wahrscheinlich niemand.

Damit man sich im Seminar trotzdem nicht blamieren muss, gibt es zum Glück das Buch „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ des französischen Literaturprofessors Pierre Bayard. Darin erfahren wir, dass nicht unbedingt jedes ungelesene Buch dem anderen gleicht. Die „Arten des Nichtlesens“ unterteilt Bayard in „Bücher, die man nicht kennt“, „Bücher, die man quergelesen hat“, „Bücher, die man vom Hörensagen kennt“ und „Bücher, die man zwar gelesen, aber wieder vergessen hat“.

Für jede dieser Arten des Nichtlesens von Büchern gibt es eigene Strategien, um in Gesprächen über die Texte nicht in Fettnäpfchen zu treten. Bayard gibt uns zahlreiche Hinweise, wie wir in verschiedenen Gesprächssituationen von unserem Unwissen ablenken können. Wenn wir zum Beispiel erklären können, was ein in Lindenblütentee getränktes Madeleine-Gebäck mit Marcel Proust zu tun hat, brauchen wir die tausenden Seiten der „Suche nach der verlorenen Zeit“ nicht gelesen zu haben, um damit in den allermeisten Unterhaltungen belesen zu wirken. Und Bayards Strategien funktionieren nicht nur für literarische Texte, sondern auch für Fachliteratur.

„Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ ist dabei keinesfalls eine Anleitung zur Hochstapelei. Bayard zufolge müssen wir nur erst einmal anerkennen, dass kein Mensch alle Bücher gelesen haben kann. Diese Erkenntnis kann für Studierende überaus beruhigend sein. Andererseits zeigt uns Bayard, dass auch aus den verschiedenen „Arten des Nichtlesens“ anregende Gespräche erwachsen können.

Nicht wenige Professoren müssen zugeben, dass Studierende, die einen Text nicht gelesen haben, oft trotzdem die interessanteren Fragen stellen. Und mit Pierre Bayards Buch können wir in Zukunft noch effizienter nichtlesen – nämlich, indem wir es bewusst tun und Strategien entwickeln, um trotzdem von Gesprächen über Texte profitieren zu können.

PS: Ich selbst habe „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ vor über zehn Jahren einmal in einer Buchhandlung quergelesen. Trotzdem weiß ich noch, dass es existiert und wovon es handelt, sowie dass ich es gern weiterempfehle.

 

Rezensiert von Matthias Schulz

Buchcover "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat"
Foto: Kunstmann