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Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes

Durch eine Auslands-Infoveranstaltung der Uni kam ich auf die Idee, statt meiner eigentlichen Überlegung eines Auslandspraktikums ein Erasmus-Auslandssemester zu machen. Ich habe das Auslandssemester in meinem letzten Mastersemester vor der Masterarbeit durchgeführt, was für mich die letzte Gelegenheit war, während des Studiums ins Ausland zu gehen. Da die Erasmus-Semester für das gesamte akademische Jahr im Voraus geplant werden, sollte man sich frühzeitig kümmern. Man sollte sich auch über die Vorlesungszeiträume an den Wunsch-Gastunis informieren, da diese sich unterschiedlich mit den Unisemestern hier überschneiden und daher zB für meine Gastuni in Finnland organisatorisch am ehesten ein Aufenthalt im Wintersemester in Frage kommt, da sich das finnische Frühlingssemester sowohl mit dem Wintersemester hier als auch dem Sommersemester überschneidet. Außerdem ist der Bewerbungsprozess je nach Uni unterschiedlich, bei manchen ist die Bewerbung für das Studentenwohnheim direkt mit dabei.


Studienfach: Data Engineering

Aufenthaltsdauer: 08/2023 - 12/2023

Gastuniversität: University of Jyväskylä

Gastland: Finnland

Die Bewerbung für die Uni in Jyväskylä erfolgte unkompliziert über ein Online-Formular, inklusive Wohnheimplatzbewerbung. Bei der Bewerbung war direkt die Angabe der Kurse für das Learning Agreement notwendig, was basierend auf der Kursliste vom Vorjahr erfolgte, die teilweise aber nicht mehr aktuell war. Nach der Zusage gab es mehrere Online-Infoveranstaltungen und auch ziemlich detaillierte Emails mit Anweisungen, außerdem waren die zuständigen Stellen wie z.B. das International Office der JYU immer hilfreich bei Fragen. Bedenken sollte man hier, dass in Finnland der Juli generell Urlaubszeit ist und die Erreichbarkeit ggf. eingeschränkt.

Studium an der Gastuniversität

Die Kurse an der JYU sind unterschiedlich: Ich hatte teils eher klassische Vorlesungen mit Übungen, teils Flip-the-Classroom-Vorlesungen mit Lehrvideos, wo sich die Note aus Übungen ergab, und ein Seminar, in dem wir in Kleingruppen Paper lesen und diskutieren sollten. Der Aufwand war veranstaltungsabhängig. Generell sind die Kurse i.d.R. entweder 5 ECTS, die günstigerweise hier mit 6 ECTS anrechenbar sind, oder 3 ECTS. Es gibt die Möglichkeit, im August vor Beginn der Vorlesungszeit einen Finnisch-Sprachkurs zu belegen. Das kann ich nur empfehlen, da man dort auf unterhaltsame Weise einige finnische Wörter und Sätze für den Alltagsgebrauch beigebracht bekommt, genauso wie ein paar Fakten über die finnische Kultur. Außerdem ist der Kurs eine gute Gelegenheit, um Kontakte zu anderen Austauschstudierenden zu knüpfen. Die Unigebäude vor Ort sind unterschiedlich alt. Das Informatikgebäude, in dem ich die meisten Veranstaltungen hatte, ist modern mit einer schicken Eingangshalle. Sehr praktisch sind auch die vielen Mensen, die über die Stadt verteilt sind und teilweise auch am Wochenende offen haben, und in denen man für 3€ ein Essen mit Selbsbedienungsportionierung erhält. Die Uni hat auch ein Sportprogramm names uMove, bei dem man nach einer Anmeldung für 40€ für das gesamte Programm aus vielen verschiedenen Sportangeboten wählen kann.

Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden

Durch den erwähnten Sprachkurs, die Einführungstage und diverse weitere Veranstaltungen lässt sich leicht Kontakt zu anderen Austauschstudierenden finden. Meiner Erfahrung nach ändern sich allerdings soziale Konstellationen teilweise noch, wenn die Einführungstage vorbei sind und man mehr Zeit an der fachspezifischen Fakultät verbringt, manche Austauschstudierende sind auch an der anderen Uni im Ort. Generell sind die Leute aber aufgeschlossen und kontaktfreudig, es finden sich auch schnell Gruppen für Events. Ich persönlich hatte später, nach der ersten Zeit, mit anderen Austauschstudierenden bis auf wenige Ausnahmen nur noch für gemeinsame Konzertbesuche Kontakt, ansonsten habe ich meine Freizeit vor allem mit Finnen verbracht. Diese Kontakte enstanden über gemeinsame Unigruppenarbeiten und Freizeitgruppen, wie ein Brettspieleclub (und andere Clubs, denen man beitreten kann, zu finden auf der Clubs-Webseite des Soihtu-Wohnheims). Generell kann ich nur empfehlen, sich einer Gruppe anzuschließen, die zu einem eigenen Hobby passt, dadurch findet man schnell Kontakt zu Einheimischen und wird i.d.R. auch gut aufgenommen. Es gibt dieses Klischee über verschlossene und abweisende Finnen, in der Realität sind die Leute aber einfach nur oft etwas zurückhaltend (und keine Fans von Smalltalk) und mit einem gemeinsamen Hobby ist das Eis dann schon einigermaßen gebrochen. Es lohnt sich also, aus der Erasmus-Bubble herauszuschauen. Eine weitere Möglichkeit für Kontakt ist das Local Friendship Program, was ich auch empfehlen kann. Ich wurde mit einer Familie gematcht, mit deren Kindern ich dann über Brettspiele einen Finnisch-Deutsch-Austausch hatte.

Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt

Finnisch ist eine für Deutsche schwierige Sprache, da sie einer komplett anderen Sprachfamilie angehört und sich praktisch keine Assoziationen bilden lassen, außer bei Wörtern, die aus anderen Sprachen ins Finnische übernommen wurden. Die Aussprache ist ähnlich zum Deutschen, allerdings gibt es viele lange Wörter, die relativ ähnlich zueinander aussehen. Dementsprechend hat sich mein Gehirn überzeugt geweigert, sich finnische Worte zu merken, die ich nicht sehr oft wiederholt habe. Daher weiß ich nach dem Aufenthalt auch nur ein paar Alltagsworte (z.B. Zahlen, Lebensmittel im Supermarkt) und -sätze. Die Finnen sprechen aber glücklicherweise praktisch alle Englisch, in der Regel sehr gutes, und ich hatte nie eine Situation, wo ich mit Englisch nicht weiterkam.

Wohn- und Lebenssituation

Wie bereits erwähnt, konnte ich die Bewerbung für das Wohnheim mit der Unibewerbung zusammen ausfüllen. Ich habe einen Platz in Soihtu Kortepohja bekommen, was ich auch im Vergleich zu KOAS nur empfehlen kann, da es „das Studentendorf“ ist, in der Nähe eines 24/7-Supermarktes, und eine eigene Mensa hat, die auch am Wochenende bis 17 Uhr geöffnet hat. Ich war in einem Einzelapartment im E-Gebäude, das vor ein paar Jahren renoviert wurde und sehr modern und funktional-schick eingerichtet ist. Eine WG wollte ich nicht, da diese zufällig zusammengesetzt werden, aber meine Einzimmerwohnung wirkte nach einiger Zeit auch etwas beengt, weil es eben nur ein einziges Zimmer war. Die Miete war 371€ im Monat, inkl. Möblierung, Wasser, Strom, Internet und kostenlose Nutzung der Waschmaschinen und Trockner im Waschraum, also insgesamt ziemlich günstig. In Jyväskylä ist das Busnetz grob in Ordnung, allerdings meiner Meinung nach schlechter als in Potsdam. Nach Mitternacht fahren unter der Woche keine Busse mehr, am Wochenende noch gelegentlich bis 2 Uhr. Allerdings ist Jyväskylä auch relativ klein und man kann vom Stadtzentrum aus in 30-40min bis zum Studentenwohnheim laufen, was im Winter bei -10 Grad oder darunter aber keinen Spaß mehr macht. Sehr in Mode sind auch E-Scooter, die man sich an vielen Standorten ausleihen kann. Einige andere Studierende haben sich auch ein Fahrrad zugelegt, ich allerdings nicht, weil es im Herbst dann kalt und ab und zu regnerisch und damit mir persönlich zu ungemütlich zum regelmäßigen Radfahren wurde. Supermärtke haben in Jyväskylä i.d.R die ganze Woche von morgens bis 22 Uhr auf, der oben erwähnte sogar 24/7. Ansonsten haben viele andere Geschäfte auch am Wochenende noch eingeschränkte Öffnungszeiten. Einige Lebensmittel sind teurer als in Deutschland, manche allerdings auch nicht. Da man sowieso jeden Tag in der Mensa für 3€ essen kann, lohnt es sich wenig, selbst zu kochen. Alle Restaurants außer den Mensen kosten ziemlich viel. Alkohol ist auch relativ teuer und im Markt nur bis 9 Uhr abends erhältlich. Es gibt auch einige Bars und Clubs in der Stadt, mein Favorit war eine Rock/Metal-Bar. Generell ist man als Fan von Hard Rock und Metal hier gut aufgehoben, da das in Finnland praktisch Mainstream ist und es hier viele Konzerte und Events dazu gab, mehrmals im Monat. Viele Bars haben auch eine Karaoke-Ecke. Also: Wer schon immer einmal Nightwish- Karaoke singen wollte, kann sich den Wunsch hier erfüllen. Ein weiteres Highlight für die Freizeitgestaltung sind die ikonischen finnischen Wälder, in denen es in der Umgebung einige Naturlehrpfade für Wanderungen (mit vielen Blaubeeren im Sommer) gibt. Wanderschuhe mitzunehmen ist daher eine gute Idee. Regen- und dicke Wintersachen ebenfalls. Ich hatte im Oktober schon Minusgrade und weiße Halloween. Im Dezember wurde es regelmäßig zwischen -10 und -20 Grad, prinzipiell können in der Stadt im Winter aber auch Werte bis zu -30 Grad vorkommen. Es wird dann außerdem deutlich früher dunkel als in Potsdam.

Studienfach: Data Engineering

Aufenthaltsdauer: 08/2023 - 12/2023

Gastuniversität: University of Jyväskylä

Gastland: Finnland


Rückblick

Ich kann nur sagen, dass das Auslandssemester definitiv die richtige Entscheidung war, ich habe viel erlebt und gelernt. Es ist auch definitiv gut für die Persönlichkeit und das Selbstbewusstsein, wenn man merkt, dass man trotz mancher zwischenzeitlicher Zweifel am Ende alles hinbekommt und auch herausfordernde Situationen meistert. Finnland ist ein sehr schönes und sicheres Land, um so eine Erfahrung zu machen. Kriminalität in Jyväskylä ist abgesehen von Fahrraddiebstählen praktisch kein Thema. Die meisten Finnen sind auch sehr hilfsbereit und freundlich, wenn man sie bei Schwierigkeiten anspricht. Ich kann auch nur empfehlen, sich auch andere finnische Städte einmal anzuschauen, und/oder die vom Erasmus-Netzwerk angebotenen Reisen mitzumachen, wenn man schon einmal da ist. Unabhängig vom Land: Es kann bzw. wird einem wahrscheinlich allerdings auch irgendwann einiges ausmachen, so lange so weit von Familie und Freunden weg zu sein, da die Kontakte hier nun einmal oberflächlicher sind, weil man sich nicht so lange kennt. Ich hatte teilweise Phasen mit viel Heimweh bzw. gefühlter Einsamkeit und depressionsartigen Zuständen. Da hat es geholfen, trotzdem so viel wie möglich rauszugehen und mich den etwas vertrauteren anderen Austauschstudierenden anzuvertrauen, die dann hinter der augenscheinlich fröhlichen Fassade doch ganz ähnliche Probleme hatten, es redet nur nie jemand darüber. Mein abschließender Tipp ist, sich auch nicht zu viel Stress zu machen bzgl. Fear of Missing Out, sich auch mal Ruhepausen zu gönnen, wenn man sich danach fühlt, und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn es mal zwischendurch nicht so gut läuft oder es eben auch mal wirklich emotional schlecht geht, es wird wieder besser und am Ende bekommt man das alles schon irgendwie hin. Und, falls die Frage im Raum steht: Ja, man kann Polarlichter sehen. I.d.R. bei einem Trip nach Lappland, ich habe aber auch schon an einem glücklichen Septemberabend auf einem Erasmus-Trip zu den Lofoten welche gesehen.

Finnland

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