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Flyer "Die 100 besten Traureden"
Foto: WEKA MEDIA
Flyer zur Bewerbung der 5. Auflage des Fachbuchs "Die 100 besten Traureden" (2011)

Säkularität und Sakralität in standesamtlichen und kirchlichen Trauungen 

Eine vergleichende Toposanalyse aktueller deutschsprachiger Musterreden

Jenny Vorpahl

„Für jede Braut die passende Rede“ – damit wirbt ein Flyer der WEKA MEDIA GmbH & Co. KG für ihr Fachbuch, welches sich vorrangig an Standesbeamt*innen richtet. Es gibt in Deutschland keine allgemeingültige Normen, die vorschreiben, überhaupt zu heiraten oder die fixieren, wie geheiratet wird. Mediale Darstellungen präsentieren hingegen Hochzeitsbilder, die sich zumindest in struktureller und ästhetischer Hinsicht stark ähneln – egal, ob es sich um eine kirchliche Trauung handelt oder nicht. Eine sichtbare Ähnlichkeit oder historische Aufeinanderfolge von Trauungsformen sagt jedoch noch nichts darüber aus, welche Deutungen von Hochzeit und Ehe aktuell als kollektiver Konsens im Rahmen der jeweiligen Institution vermittelt werden, was im Zuge dessen auf welche Weise von von Ritualleiter*innen rezipiert wird und welche Spielräume und Regeln dabei gegeben sind.

Der intrakulturelle Vergleich ähnlicher Quellen, hier Musteransprachen für standesamtliche und solche für kirchliche Trauungen, lässt Charakteristika der Eheschließungsmodelle, die in Deutschland aktuell dominieren, klarer identifizieren. Im Fokus meines Erkenntnisinteresses steht die Untersuchung von aktuellen Charakterisierungen, Deutungen und Legitimationen von Ehe und Eheschließung im Kontext deutscher Amtshandlungen. Daran anschließende weiterführenden Fragestellungen sind u. a.: Welche Funktionen der Ansprachen lassen sich aus den Analyseergebnissen ableiten und was sagen sie über das Verhältnis standesamtlicher und kirchlicher Trauungen zueinander aus? Welche Rolle spielen Transzendenzvorstellungen und religiöse Kommunikation in den Texten?

Die Trauansprachen sind neben dem Jawort und dessen Bestätigung Kern jeder Trauung. Sie sind deshalb interessant, weil sie ein gemeinsames Tableau bilden, auf dem Sprach- und Deutungsmuster, Wertpräferenzen und Lebenswelten lesbar, verknüpfbar und vergleichbar werden. Einerseits haben sie eine Nähe zur Praxis offizieller Repräsentant*innen von Staat bzw. Kirche und sind an deren Autorität, Wissen und Zeichenvorrat gebunden. Andererseits müssen sie ebenso auf die soziale Realität des Publikums und dessen Erwartungen eingehen und stehen damit auf einer Skala zwischen Offizialität und Popularität in der Mitte, um für beide Seiten anschlussfähig zu sein. Die Quellengrundlage besteht aus 182 standesamtlichen Trauansprachen und 190 Predigten (95 katholisch + 95 evangelisch). Der Kontextualisierung dienen zudem Quellentexte, welche im Handlungszusammenhang ‚Hochzeit‘ für die Akteure relevant sind (z. B. personenstandsrechtliche Fachliteratur und Dienstanweisungen, eherechtliche und liturgische Texte, Ratgeberliteratur). Damit können normative und rituelle Rahmungen der Ansprachen skizziert werden.

Als methodischer Rahmen dient ein komparatistisches Forschungsdesign. Dieses wird verbunden mit konkreten Schritten einer Toposanalyse zur Bearbeitung der Quellen, die maßgeblich aus Ansätzen der Intertextualitätsforschung abgeleitet wurden und das Verhältnis von Text und Kontext in den Mittelpunkt stellen. Topoi gehören zum Vorrat an Kollektivsymbolen einer Gesellschaft und sind entscheidend für die Verständlichkeit der Texte für ein breites Publikum. Sie gelten als Ausdruck kollektiv geteilter Wissensbestände, die sich in formelhaften Wendungen, Metaphern, Klischees, Zitaten u. Ä. niederschlagen und (re-)produziert werden. Insgesamt werden in der Arbeit sechs Topoi identifiziert. Sie fungieren dabei als Vergleichskategorien, die im Hinblick auf das tertium comparationis – das Ehe- und Hochzeitsbild – ausgewertet werden. Theorien und Studien zu Säkularisierung, Individualisierung und Sakralisierung werden schließlich zur Interpretation der Analyseergebnisse herangezogen. Auch wissenssoziologische Perspektiven zu kollektiven Wissensbeständen, anpassungsfähigen Deutungsmustern und kommunikativen Gattungen können hier gewinnbringend eingebracht werden.

Flyer "Die 100 besten Traureden"
Foto: WEKA MEDIA
Flyer zur Bewerbung der 5. Auflage des Fachbuchs "Die 100 besten Traureden" (2011)