06/2022 - Antje Ravik Strubel

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Photo: Dietrich Kuehne

Die in Potsdam geborene Schriftstellerin und Übersetzerin Antje Rávik Strubel studierte nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin an der Universität Potsdam und der New York University Literaturwissenschaften, Psychologie und Amerikanistik. Neben vielen weiteren Preisen wurde sie 2021 für Ihren Roman Blaue Frau mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In diesem Jahr hält sie für die Absolventinnen und Absolventen auf der zentralen Abschlussfeier der Universität Potsdam die Festrede. Wie sie Ihr Studium an der Universität Potsdam erlebt hat und welche Rolle Geschlechtergerechtigkeit für sie spielt, hat sie uns in einem Interview verraten.


Wie haben Sie die Zeit Ihres Studiums an der Universität Potsdam in Erinnerung?

Es war eine aufregende, abwechslungsreiche Zeit. Ein Jahr lang wohnte ich im Studentenwohnheim Golm, die anderen Jahre pendelte ich aus Berlin nach Golm, fuhr meistens mit dem Fahrrad vom Hauptbahnhof quer durch die Stadt. Es war eine Zeit, in der sich viele Dinge veränderten, in der die Universität sich neu sortierte und oft die Studienpläne wechselten. Schön waren die relativ kleinen Seminare und die Möglichkeit, die Dozent*innen auch außerhalb der Veranstaltungen zu Gesprächen treffen zu können, etwa im Lesecafé von Golm, das damals von Studierenden betrieben wurde. Ich erinnere mich an viele tolle Veranstaltungen dort, unter anderem kam Ingo Schulze, um seinen soeben erschienen Erzählband „Simple Stories“ vorzustellen.

An welche Orte und/oder Vorlesungen/Seminare an der UP erinnern Sie sich am liebsten zurück?

Es gab eine Vorlesung des Mediävistik-Professors Hans-Jürgen Bachorski zur Bibel. Er hat die Bibel unglaublich erhellend, unterhaltsam und kenntnisreich gegen den Strich gebürstet. Ohne ihn hätte ich diesem Buch nie eine solche Aufmerksamkeit gewidmet. Er las es als Epos. Sehr aufschlussreich. Meine skurrilste Vorlesung drehte sich um die Weitsprunggrube. Ich habe ja auch zwei Semester Sport studiert. Und dort erfuhr ich, in welchem Winkel ich vom Brett abspringen muss, um im Sandkasten am weitesten zu kommen. Da musste ich feststellen, dass ich in diesem Fach nicht ehrgeizig genug war.   

Wie sehr hat das Studium an der Universität Potsdam Ihre heutige Identität als erfolgreiche Autorin und Übersetzerin beeinflusst?

Das Studium bot mir die Zeit und den denkerischen Hallraum, meinen ersten Roman zu schreiben. Und natürlich hat es meinen Horizont erweitert. Ich habe Texte gelesen, auch theoretische Texte, auf die ich sonst nie gestoßen wäre. Mein Denkvermögen wurde geschärft. Ich bekam eine gewisse Sicherheit darin, Literatur zu beurteilen. Allerdings hat sich meine Erwartung, mit dem Studium der Psychologie nun ganz einfach Figuren erfinden zu können, leider nicht erfüllt. So einfach funktioniert weder das Schreiben, noch das Leben. 

Sie haben 2021 den Deutschen Buchpreis für ihren Roman „Blaue Frau“ bekommen. Haben es Erfahrungen aus Ihrer Studienzeit oder der Uni Potsdam in Ihr Buch geschafft?

Das ist tatsächlich der Fall. Obwohl es auf den ersten Blick überrascht, da das Buch in Helsinki spielt. Aber es gibt eine Passage, die sich um das Studentenwohnheim im Golm dreht.

In Ihrem Buch spielt auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit eine große Rolle. Inwiefern hat Sie das Thema auch schon während Ihres Studiums beschäftigt?

Das hat mich schon als Kind beschäftigt. Warum soll ich anders behandelt werden als andere? Warum sollte ein zufälliges physisches Merkmal Anlass dafür bieten, weniger Wert zu sein als Leute mit einem anderen physischen Merkmal? Warum soll dieses banale Merkmal auch noch mein ganzes Leben bestimmen? Warum geben wir, die wir uns für wahnsinnig individuell halten, uns damit zufrieden, in exakt zwei, einander ausschließende Kategorien eingeteilt zu werden. Und zwar schon vor der Geburt und bis weit über den Tod hinaus? Und zwischen diesen beiden können wir noch nicht einmal wählen! Mit unserer Einzigartigkeit ist es offenbar nicht so weit her...  Beim Studium stieß ich auf Judith Butler. Was für eine Erleichterung! 

Geschlechtergerechtigkeit und die Macht der Sprache spielen an der Universität auch eine zunehmend große Rolle, sei es beispielsweise bei der Debatte um die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache. Wie sehen Sie das als Literaturwissenschaftlerin und Autorin?

An guten Tagen finde ich die Erregung darüber, dass Sprache in ständiger Veränderung begriffen ist, skurril. An schlechten Tagen einfach nur dämlich. Als hätten wir je eine „reine Sprache“ besessen, bar aller Ideologie. Als handele es sich da um ein abstraktes Ding und nicht einfach um uns. Jede Zeit trägt ihre Kämpfe darüber, wie wir leben und zusammenleben wollen, auf dem Rücken der Sprache aus. Und so wie die Sprache (wir) Wörter verschleißt, hat sie ein Bedürfnis nach neuen. Für bisher Ungesagtes. Für bisher Unsichtbares. Immer wieder tauchen im Wandel der Sprache – dem Wandel der Zeiten geschuldet – Wörter und Zeichen auf, deren Ausdruckskraft sich an der Kraft des Gegenwindes messen lässt, der sie empfängt. Ein Gegenwind, der davon kündet, dass die Machtverhältnisse sich verschieben. Und die, die am meisten Wind machen, sind eben oft die, die etwas von ihrer Macht abgeben sollen. Nebenbei bemerkt: Hat irgendjemand Tobsuchtsanfälle bekommen, als das „ß“ weitgehend abgeschafft wurde? DAS nenne ich einen Beschluss „von oben“...      

Wie gelang Ihnen der Weg vom Studium hin zu einer ausgezeichneten Schriftstellerin?

Wie Samuel Beckett schon sagte: Scheitern, weiter scheitern, besser scheitern.

Was würden Sie heutigen Studierenden raten, die selbst gerne den Weg in die Schriftstellerei schaffen möchten?

Wer schreiben möchte, sollte zunächst einmal viel lesen. Genau lesen. Sich an den Lieblingsautor*innen schulen. (Sie sehen, das * gefällt mir!) Den Schritt ins Schriftsteller*inleben würde ich allerdings nur dann wagen, wenn wirklich nichts anderes übrigbleibt. Wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt. Ich muss brennen, sonst bringt es nichts. Es braucht Disziplin, Wagemut und Verrücktheit, soviel Unsicherheit und die ständigen Abgründe, die sich beim Schreiben auftun, in Kauf zu nehmen. Ich kann mir allerdings auch kein schöneres Dasein vorstellen. Was die praktische Seite betrifft, kann eine Agentur als Verbündete nicht schaden. Auch die Teilnahme an Workshops und Schreibwettbewerben erleichtert den Zugang zum Literaturbetrieb.

Am 30.6 werden Sie die Festrede auf der diesjährigen Abschlussfeier der Absolventinnen und Absolventen an der Universität Potsdam halten. Ohne etwas vorwegnehmen zu wollen: Was möchten Sie den frisch gebackenen Graduierten mit auf den Weg geben, insbesondere denen, die wie Sie Literaturwissenschaften/ Anglistik/ Psychologie studiert haben?

Die gut gemeinten und natürlich mit der nötigen Strenge formulierten Ratschläge hebe ich mir für meine Rede auf!

Vielen Dank für das Interview, wir sind sehr gespannt auf Ihre Rede und freuen uns Sie auf der zentralen Abschlussfeier begrüßen zu dürfen!

Die zentrale Abschlussfeier & Graduation Party 2022

Am 30. Juni 2022 findet die nächste zentrale Abschlussfeier mit anschließender Graduation Party für die Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs 2021/2022 statt.

Redaktion
Alumni-Team I Juliane Seip

Veröffentlicht:
Juni 2022

Kontakt zu Antje Ravik Strubel


http://www.antjestrubel.de/