Vorbereitung des Auslandsaufenthaltes
Brno war von Anfang an meine erste Wahl, und das aus mehreren Gründen. Bei den meisten anderen Universitäten, die für mein Studium infrage kamen (und wo es vielleicht auch etwas wärmer gewesen wäre), war es Voraussetzung, die jeweilige Landessprache zu beherrschen. In Brno war das nicht der Fall, hier konnte ich mein gesamtes Studium auf Englisch absolvieren. Außerdem wollte ich das Erasmus gemeinsam mit einer Freundin aus einem anderen Studiengang bestreiten, was die Auswahl an Universitäten nochmals einschränkte. Ein weiterer wichtiger Punkt war das Modulangebot: Die Masaryk University bietet einige wirklich interessante Kurse an, die es so in Potsdam nicht gibt.
Der Bewerbungsprozess selbst war relativ unkompliziert. Ich habe ein Motivationsschreiben eingereicht, und nachdem ich angenommen wurde, hat die Koordinatorin vor Ort einen wirklich guten Job gemacht. Sie hat uns sehr strukturiert durch den gesamten Unterlagenprozess geführt, sodass man sich zu keinem Zeitpunkt verloren gefühlt hat.
Studienfach: Volkswirtschaftslehre (VWL)
Aufenthaltsdauer: 09/2025 - 02/2026
Gastuniversität: Brünn Masaryk Universität
Gastland: Tschechien
Studium an der Gastuniversität
Die Masaryk University nutzt ein eigenes Online-System, das im Grunde die Funktionen von PULS und Moodle kombiniert. Es ist sehr intuitiv zu bedienen, und in der ersten Woche gibt es zusätzlich Schulungen dafür. Das Notensystem geht von A bis F, was sich bei der Umrechnung in das deutsche Notensystem eher zu unseren Gunsten auswirkt.
Die Qualität der Lehre war durchweg auf einem hohen Niveau. Was mir besonders aufgefallen ist: Die Professoren und Dozierenden waren deutlich nahbarer als ich es aus Deutschland gewohnt bin, und die Veranstaltungen wurden sehr interaktiv gestaltet. Meine Module bestanden größtenteils aus Erasmus-Studierenden, was den Kontakt zu einheimischen Studierenden in diesen Kursen etwas einschränkte. In Fächern mit weniger Austauschstudierenden, wie zum Beispiel Physik, sah das aber ganz anders aus. Die Universität verfügt über zahlreiche Bibliotheken, darunter eine, die rund um die Uhr geöffnet ist, was vor allem zum Schreiben von Hausarbeiten vorteilhaft sein kann.
Kontakte zu einheimischen und internationalen Studierenden
Mein Freundeskreis bestand vor allem aus anderen Erasmus-Studierenden, aus vielen verschiedenen, größtenteils europäischen Ländern. Es gab viele internationale Gruppierungen und Events, bei denen man schnell Leute kennenlernen konnte. Der Kontakt zu einheimischen tschechischen Studierenden war hingegen eher begrenzt, auch wenn man einzelne tschechische Kontakte knüpfen konnte. Interessant zu erwähnen ist, dass rund 50% der Studierenden an der Masaryk University aus der Slowakei kommen.
Sprachkompetenz vor und nach dem Auslandsaufenthalt
Vor meinem Erasmus hatte ich ein C1-Niveau in Englisch, aber vor allem im gesprochenen Englisch fehlte mir viel Vertrauen und Routine. Über die fünf Monate in Brno ist mein Selbstvertrauen, mich auf Englisch auszudrücken und wirklich ich selbst zu sein, immens gestiegen. Das ist für mich einer der wertvollsten Aspekte des gesamten Aufenthalts. Was Tschechisch angeht: Durch Duolingo und einen tschechischen Sprachkurs an der Universität konnte ich mir Grundkenntnisse aneignen, die zumindest in alltäglichen Situationen hilfreich waren.
Wohn- und Lebenssituation
Es gibt die Möglichkeit, für rund 300 € im Wohnheim zu wohnen, wobei man sich in der Regel ein Zimmer mit mindestens einer weiteren Person teilt. Mich hat das zunächst abgeschreckt, allerdings habe ich fast ausschließlich Positives von den Leuten gehört, die im Wohnheim gewohnt haben. Wer für ein halbes Jahr alleine nach Brno geht, dem würde ich persönlich einen Wohnheimsplatz bei „Vinařská“ empfehlen. Man spart Aufwand und Geld und gewinnt im besten Fall gleich einen Freund dazu.
Wir haben uns für eine eigene Wohnung entschieden und diese über das Unternehmen Chillhills gefunden. Für ein geteiltes Zimmer mit Küche und Flur (insgesamt rund 35 Quadratmeter) haben wir knapp 900 € gezahlt. Die Lage war sehr zentral, direkt am Hauptbahnhof. Chillhills würde ich nicht uneingeschränkt empfehlen, aber man wird zumindest nicht komplett abgezockt. Generell ist der Wohnungsmarkt in Brno ziemlich knapp, was die Suche weder einfach noch günstig macht.
Der öffentliche Nahverkehr in Brno ist hervorragend ausgebaut. Man kommt mit Tram oder Bus praktisch überall hin, und selbst nachts fahren stündlich Nachtbusse. Als Student bekommt man ein dreimonatiges Dauerticket für etwa 40 €. Als Bank empfiehlt sich alles, bei dem man keinen Währungsaufschlag bei jeder Transaktion zahlen muss, die meisten Erasmus-Studierenden haben hier Revolut genutzt.
Einer der größten Pluspunkte von Brno sind die Lebenshaltungskosten. Die Supermarktpreise liegen je nach Produkt etwa 20 % unter dem deutschen Niveau, aber der wirklich große Unterschied zeigt sich in der Gastronomie: Ein Essen mit Getränk bekommt man schon für 10 €, und ein großes Bier in einer Bar kostet rund 2 €. Bier ist übrigens ein wesentlicher Teil der tschechischen Kultur, und die Qualität ist hervorragend. Das bedeutet, dass man sich mit Freunden in eine Bar setzen oder Kaffee trinken gehen kann, ohne dass es ein großer finanzieller Aufwand ist. Verglichen mit Deutschland oder gar einem Erasmus in Skandinavien ist das ein enormer Vorteil.
Brno hat eine unglaubliche Ausgehkultur. Selbst unter der Woche sind viele Restaurants und Bars gut gefüllt. Unsere persönlichen Lieblingsorte waren Utopia (eine riesige Bar und Shisha-Bar mit unzähligen Pooltischen, Darts, Schach und Gesellschaftsspielen), High Five (eine Karaoke-Bar mit Sonderangeboten und einem wöchentlichen Erasmus-Tag) und Sugar Life (ein in jeder Hinsicht süßer Laden mit wirklich guter Qualität). Im Sommer gibt es außerdem einen See, an dem man baden und Volleyball spielen kann. Brno hat auch einige sehenswerte Museen und vor allem eine wunderschöne Kirche, von der aus man einen Panoramablick über verschiedene Seiten der Stadt genießen kann.
Ich liebe diese Kirche!
Rückblick
Ein Punkt, den man erwähnen sollte: An manchen Orten in der Stadt gibt es relativ viele Obdachlose. Soweit ich das mitbekommen habe, geht davon wenig Gefahr aus, aber es kann gerade am Anfang zu etwas Unwohlsein führen. Das ist allerdings der einzige Aspekt, der mir negativ aufgefallen ist.
Als Tipps für nachfolgende Studierende: Revolut oder eine ähnliche App ohne Währungsaufschlag einrichten, bevor es losgeht. Ein Wohnheimplatz bei Vinařská ist für Alleinreisende die stressfreiste und günstigste Wahl. Das 3-Monats-Ticket für den Nahverkehr lohnt sich sofort. Duolingo oder einen Sprachkurs für die Grundlagen in Tschechisch nutzen und der vielleicht wichtigste Tipp: So viel mitnehmen wie möglich und einfach Erlebnisse sammeln.
Mein Erasmus-Semester in Brno war eine wundervolle Erfahrung. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, von denen ich hoffe, dass sie auch langfristig ein Teil meines Lebens bleiben. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die persönliche Weiterentwicklung, die ich bei mir selbst und bei den Menschen um mich herum in nur fünf Monaten wahrgenommen habe. Das gewachsene Selbstvertrauen im Englischen, die Freundschaften über Ländergrenzen hinweg und die vielen gemeinsamen Erlebnisse machen dieses Semester zu der besten Erfahrung meines bisherigen Studiums. Ich kann Brno als Erasmus-Ziel absolut und ohne Einschränkungen empfehlen.