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Praktikum im Bereich Sprachtherapie im Autismus-Zentrum Cainna

Das Praktikum hat mich dazu motiviert, zurück an die Uni zu gehen und mich weiter auf die Dinge zu spezialisieren, die mich an der Arbeit als Sprachtherapeutin faszinieren. Ich habe  in Nicaragua viele wichtige Kontakte knüpfen und Arbeitserfahrungen sammeln dürfen.


Studienfach: Patholinguistik

Aufenthaltsdauer: 12/2017 - 04/2018

Praktikumsgeber: Autismuszentrum Cainna

Gastland:Nicaragua

Vorbereitung & Finanzierung

Ich studiere momentan Patholinguistik an der Uni Potsdam. Das aktuelle, 5. Semester besteht für uns aus einem 6-monatigen externen Praktikum im Bereich Kindersprache und neurogene Sprachstörungen. Da ich gerne nochmal längere Zeit ins Ausland wollte, habe ich beschlossen, vier Monate davon im Autismuszentum Cainna in Managua, Nicaragua zu absolvieren. Ich habe mich für Nicaragua entschieden, da ich vor ein paar Jahren schon einmal für längere Zeit hier gelebt habe und Managua für mich dadurch ein zweites Zuhause geworden ist.

Da sich in den letzten Jahren mein Spanisch enorm verbessert hat, konnte ich dieses Mal dann auch gleich richtig loslegen und in den nicaraguanischen Alltag starten.
Ich fand das Thema "Autismus" zwar auch vorher schon interessant, hatte aber keinerlei praktische Erfahrungen damit gemacht und vor allem noch nie eine Person mit Autismus kennengelernt. Wie divers und unterschiedlich ausgeprägt das Störungsbild sein kann, habe ich erst in Managua wirklich verstehen gelernt!

Autismus ist in Nicaragua immer noch ein recht unbekanntes und stark tabuisiertes Störungsbild. Die medizinische Versorgung und das Therapieangebot sind sehr beschränkt und als starker limitierender Faktor gilt vor allem die Tatsache, dass fast alle Therapien privat bezahlt werden müssen. Somit ist die Förderung von Kindern mit Autismus hier sehr exklusiv und die betroffenen Familien sind in ihren Möglichkeiten durch viele verschiedene Umstände sehr begrenzt. Im Autismuszentrum Cainna werden neben den Therapien vor allem Workshops für die Familienmitglieder und Betreuer angeboten, sowie Aktionstage für die ganze Familie. Aktuell ist ein autismus-freundliches Kino geplant, die Verhandlungen mit dem größten Kino der Stadt laufen noch. Das ist bspw. in England schon lange Standard, in Potsdam haben wir dieses Angebot aber auch erst seit 2017 (Kino für alle im Thalia Programmkino). Die Fundation leistet mit all ihren Aktionen einen großen Beitrag dazu, die Gesellschaft inklusiver zu gestalten und bietet vor allem eine ganz zentrale Anlaufstelle, in der sich betroffene Familien informieren, über Sorgen und Probleme sprechen und sich mit anderen Familien vernetzen können. Diese Arbeit ist unglaublich wertvoll und ich bin wahnsinnig froh darüber, dabei sein zu können.



Aufenthalt im Gastland

Managua: Eine Stadt, die viel zu bieten hat...

...auch, wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht!

Durch zwei sehr starke Erdbeben in den 70er und 90er Jahren, wurden mehr als 90% der Gebäude Managuas zerstört. Da man nicht sicher war, wann es wieder beben würde, hat man schlichtweg darauf verzichtet, das ursprüngliche historische Zentrum rund um die alte Kathedrale wieder aufzubauen. Stattdessen wurde kreuz und quer neu gebaut, so dass die Stadt auf den ersten Blick etwas zusammenhanglos wirkt. Für Touristen kann das verwirrend sein, daher raten alle Reiseführer dazu, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen und 'schönere' Orte aufzusuchen.

Dabei gibt es hier tolle Sachen zu entdecken und zu machen! Das Nationalmuseum hat wunderschöne Ausstellungssäle, gleich nebenan gibt es ein Arboretum, in dem man verrückte Baum- und Pflanzenarten bewundern und ein bisschen Schatten genießen kann, und wenn man noch ein Stück weiterläuft, dann kann man das Theater von außen begutachten. Von dort ist es dann nur noch ein Katzensprung zum ehemaligen Hafen, dem Puerto Salvador Allende. Dieser bietet heutzutage eine schöne Flaniermeile mit allerlei Bars und Restaurants, von deren Terassen aus man einen fantastischen Blick über den Managuasee bis zum Vulkan Momotombo, dem Riesen des Landes hat.

Außerdem ist Managua das Zentrum der (Jugend-)kultur. Wer auf der Suche nach Konzerten auch jenseits von Salsa und Merengue ist, der wird hier fündig. Es gibt Independent-Kinos und Lesungen, Vorträge zu gesellschaftlichen Themen und Ausstellungen.

Was ich an Managua am meisten liebe ist die Energie, die in der Arbeit der Kollektive steckt! Da es wenig Programme seitens der Regierung gibt, um das Leben moderner, umwelt- und individuen-freundlicher zu gestalten, hat sich eine sehr starke do-it-yourself-Bewegung gebildet, die bspw. gemeinsame Fahrradtouren anbietet und sich für den Bau von Radwegen einsetzt, oder die im Laufe mehrerer Jahre endlich den langersehnten Busfahrplan für alle Ruten der Stadt designet und gedruckt hat.

 

Sicherheit in Managua

Die Frage nach Sicherheit in einer lateinamerikanischen Hauptstadt sollte nicht unbeantwortet bleiben. Sicherheit ist nämlich nicht immer gegeben, aber wenn man die Spielregeln kennt (und sich an sie hält), ist man schon mal bedeutend besser dran. Und ich denke, dass es nur zu richtig ist, in diesem Land nicht nur Vulkane, Palmen und wunderschöne Sonnenauf- und untergänge, sondern eben auch die schwierigen Seiten zu sehen. Man hat all die Ratschläge (nicht allein im Dunkeln rumlaufen, noch weniger in Gegenden, die du nicht kennst - nachts für den Heimweg den Taxifahrer deines Vertrauens anrufen - das Telefon in der Öffentlichkeit nur im Notfall aus der Tasche holen - Geld in verschiedenen Taschen am Körper aufbewahren - vorm Bankautomaten kein großes Tamtam machen usw.) zwar schon gefühlt hundert mal gehört, will sie aber irgendwie dann doch nicht so ganz ernst nehmen, denn das ist ganz schön aufwendig und macht irgendwie auch noch mehr Angst, als einfach so draufloszulaufen... all diese Ratschläge machen aber bei genauerer Betrachtung sehr viel Sinn. Leider steht mir als europäische, weiße Frau der Satz "Raub mich aus!" quasi in neon-Lettern auf die Stirn geschrieben, aber auch alle meine nicaraguanischen Freunde haben wilde Geschichten zu berichten... Nachdem ich bei meinem letzten längeren Aufenthalt in Nicaragua mehrmals überfallen und ausgeraubt worden bin, bin ich jetzt wesentlich vorsichtiger geworden. Manchmal nervt das, ja, aber im Großen und Ganzen trägt es sehr zu meiner Lebensqualität bei. Man muss eben planen, wie man abends von A nach B und dann möglichst wieder nach A oder wenigstens nach C kommt. Mit der Zeit hat man sich jedoch daran gewöhnt.


Wohnen in Managua

In Managua unterscheidet man zwischen drei Typen von Wohngegenden: Barrios, Colonias und Residenciales. Als Barrios werden eher einfache Gegenden bezeichnet, in denen meist ein Haus ans andere gebaut ist und insgesamt alles eher eng und mit viel Wellblech ist. Colonias sind etwas offener, die Häuser sind meist alleinstehend und haben Terassen oder zur Straße vergitterte Vorzimmer. In den Colonias sind die Nachbarschaften sehr gemischt und es gibt neben kleinen Kiosks auch Bars und hier und da mal ein Restaurant. Sowohl in den Colonias, als auch in den Barrios gibt es sonst recht viele Fritangas, also kleine Barbecue-Restaurants, die häufig nur aus einem Grill, einem Partyzelt und Plastiktischen und -stühlen bestehen. Ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber das Essen ist meist günstig und lecker und ich persönlich würde die Fritangas jedem herkömmlichen Restaurant vorziehen. Viel mehr Charme! Residenciales sind da schon etwas schicker, häufig sind die Wohngebiete eingezäunt oder es gibt Wachleute, die in den Straßen sitzen oder auf und ab gehen.

Bei meinem letzten Aufenthalt hier habe ich in der Colonia Centroamerica gelebt. Dort leben mittlerweile viele junge Leute und es gibt alles, was das Herz begehrt! Außerdem ist das Viertel recht zentral gelegen und auch abends kommen da noch viele Taxis vorbei. Dieses Mal wohne ich in Santo Domingo, dem sogenannten 'Reichenviertel'. Hier gibt es zwar auch recht viele Villen und schicke Häuser, aber es gibt auch einfachere, normale Häuser und Wellblechhütten. Der Kontrast ist sehr irritierend. Es gibt auch eigentlich keine Bars, sondern nur schicke Restaurants, sodass man hier als junger Mensch am Wochenende nicht besonders viel anfangen kann. Man muss dabei aber auch beachten, dass es nach 18 Uhr schwierig wird, hier überhaupt wegzukommen, da der Bus nicht ewig fährt und nur alle Jubeljahre mal ein Taxi vorbeikommt. Man sollte sich also spätestens bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg machen und sich ein kleines Mototaxi schnappen, das einen dann zur Hauptstraße bringt, an der die Busse Richtung Zentrum fahren.

Das Gute an der Wohnlage ist, dass es schön ruhig ist und die Luft nicht so schmutzig ist. Das Haus meiner Freundin, in dem ich gewohnt habe, wurde zu Zeiten der Revolution gebaut und hat einen ganz eigenen Charme. Ein großes Grundstück mit viel Platz und Dschungelcharakter.

 

Persönlicher Mehrgewinn

Ich habe doch relativ lange gebraucht, um mich erstmal wieder an den Rhythmus zu gewöhnen und auch die Arbeit hat mir anfangs Angst gemacht und eine riesige Herausforderung dargestellt. Die ersten zwei Monate waren quasi wie eine nicht enden wollende Achterbahnfahrt. Den einen Tag dachte ich, dass jetzt doch eigentlich alles ganz gut klappt und am nächsten Tag hat wieder nichts funktioniert. Doch es hat sich alles eingependelt und ich fühlte mich nach einer Weile pudelwohl bei meiner Arbeit mit den Kids. Es war schön, bei den abschließenden Elterngesprächen zu hören, dass die Eltern Fortschritte im Kommunikationsverhalten ihrer Kinder sehen können und das Gefühl haben, dass sie verbaler und extrovertierter sind. Allgemein habe ich festgestellt, dass Managua nicht mehr unbedingt der Ort ist, an dem ich leben will. Die Stadt ist zu groß und zu trubelig, um sich hier auf Dauer wohlzufühlen. Das ist mir eigentlich erst klar geworden, als ich für eine Woche als Übersetzerin in einer Klinik in den Bergen im Norden unterwegs war. Dort fangen die Tage morgens um sechs an und sind abends um sieben zu Ende. Man geht zu Fuß oder fährt Fahrrad und mittags macht man Siesta. Die Leute sind in jedem Moment für einen kleinen Plausch oder Scherz zu haben, das passiert in Managua eher selten. Vor allem jedoch macht mir hier der lange Arbeitsweg zu schaffen. Dafür gibt es mehr Optionen, was das Abendprogramm angeht.

Das Praktikum hat mich dazu motiviert, zurück an die Uni zu gehen und mich weiter auf die Dinge zu spezialisieren, die mich an der Arbeit als Sprachtherapeutin faszinieren. Ich habe  in Nicaragua viele wichtige Kontakte knüpfen und Arbeitserfahrungen sammeln dürfen. Ich werde also mit viel Inspiration und mit dem Kopf voller Ideen in Deutschland versuchen, all die neuen Pläne zu sortieren und dann nach und nach in die Tat umzusetzen. Insgesamt fühle ich, dass mir der Auslandsaufenthalt in ganz vielen Bereichen meines Lebens gutgetan hat. Der altbekannte Blick über den Tellerrand erlaubt uns, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen und zwingt uns, unsere eigenen Motive und Wünsche zu hinterfragen.

Studienfach: Patholinguistik

Aufenthaltsdauer: 12/2017 - 04/2018

Praktikumsgeber: Autismuszentrum Cainna

Gastland:Nicaragua


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