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Praktikum am Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti in Buenos Aires

Ob beim Feierabendbier mit Kollegen, in einer der sich wie Lauffeuer ausbreitenden Craft-Beer-Bars, beim Damenfußball-Team aus der Nachbarschaft, das immer nach neuen Spielerinnen sucht oder beim Malkurs im Wohnzimmer der argentinisch-amerikanischen Künstlerin Dulce-María, überall findet man herzliche Menschen, die diese Stadt, die architektonisch und kulturell nicht vielseitiger sein könnte, zu etwas ganz besonderem macht und die durch meine starke Verbindung zu diesem Land sowieso schon längst eine zweite Heimat ist.


Studienfach: Angewandte Kulturwissenschaft und -semotik (MA)

Aufenthaltsdauer: 09/2018 - 12/2018

Praktikumsgeber: Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti

Gastland:Argentinien

Vorbereitung

Im Rahmen meines Masterstudienganges “Angewandte Kulturwissenschaft und Kultursemiotik” absolvierte ich ein Praktikum im Kulturzentrum Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti (CCMHC) in Buenos Aires. Dass ich das in diesem Studiengang vorausgesetzte Pflichtpraktikum im Ausland absolvieren wollte, stand für mich schon von Beginn an fest, denn internationale Arbeitserfahrung halte ich gerade im Kulturbereich für unentbehrlich.

Über die Internetseite des International Office der Uni Potsdam fand ich die Informationen über mögliche Kooperationspraktika. Da ich selbst lange Zeit in Lateinamerika gelebt habe, und ich fließend Spanisch und Portugiesisch spreche, interessierten mich vor allem die Angebote aus dieser Region. Meine Wahl fiel endgültig auf das CCMHC, ein Kulturzentrum, lokalisiert in den historisch bedeutsamen Gebäuden der ehemaligen Militärschule ESMA, die während des argentinischen Militärregimes zwischen 1976 und 1982 als geheime Haftanstalt und Folterkammer diente. In der ehemaligen Schiffbauhalle der Akademie betreibt dieses Zentrum Erinnerungskultur und setzt sich für den Erhalt von Menschenrechten ein, denn noch heute ist die Anzahl der Menschen, die der Diktatur zum Opfer fielen, unklar. Los desaparecidos – die Verschwundenen – nennt man die Männer und Frauen, die gewaltsam während des Regimes verschleppt wurden und deren Leichen zumeist nie gefunden wurden. Benannt wurde das Zentrum nach dem ebenfalls nach der Festnahme durch Militärs verschwundenen, linksorientierten Schriftsteller Haroldo Conti.

Literatur, Kunst und Musik spielen in dem Kulturzentrum eine große Rolle. Frei nach dem Motto „Keine Kunst ist unpolitisch“ findet im CCMHC eine große Bandbreite frei zugänglicher Ausstellungen, Lesungen, Konzerten und Filmdarbietungen statt, die mit klarer Botschaft für Freiheit, Gerechtigkeit und gegen das Vergessen plädieren. Ständig dabei im Fokus stehen auch aktuelle politische Debatten. Dieser Verbund zwischen Kunst und Politik war es, der mich an diesem Praktikum überzeugte. Ich erhoffte mir nicht nur praktischer Erfahrung in der Mitorganisation und Gestaltung kultureller Events, sondern auch Einblick in die gesellschaftliche Rolle einer solchen Institution, denn der Umgang mit einer tragischen Vergangenheit, die Bewahrung einer Erinnerungskultur, die Aufklärung und Gerechtigkeit fordert, sowie und die kritische Auseinandersetzung mit Staat und Politik sind Aspekte, die nicht nur in Argentinien, sondern auch in anderen Ländern mit ähnlicher Vergangenheit gesellschaftlich relevant sind.

Der Bewerbungsprozess verlief sehr einfach, Anfang März verfasste ich einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben auf Spanisch, und über das International Office wurde meine Bewerbung an das CCMHC weitergeleitet. Die positive Antwort kam ein paar Wochen später, ohne Vorstellungsgespräch über Skype oder ähnliches. Ab da verlief die Kommunikation etwas schleppend, über E-Mail, oft mit längeren Wartepausen zwischen den einzelnen Nachrichten. So klärte sich der genaue Zeitraum für meinen Aufenthalt (September bis Dezember 2018) erst kurz vor Ende Juni, was für den Kauf eines Langstreckenflugs schon etwas kurzfristig war. Den unterzeichneten Vertrag bekam ich Anfang Juli, gerade noch rechtzeitig für die Bewerbung auf das Promos Stipendium. Alle weiteren nötigen Unterlagen dafür waren leicht zu beschaffen. Dank meines Bachelorstudiums in Spanischer Philologie an der FU Berlin, konnte ich mir dort das benötigte DAAD-Sprachzeugnis besorgen, denn den offiziellen Termin für Sprachprüfungen an der Uni Potsdam hatte ich zu dem Zeitpunkt leider schon versäumt.

 

Aufenthalt im Gastland

Wegen der Unterkunft musste ich mir glücklicherweise keine Sorgen machen, denn ich konnte bei meiner Familie in Buenos Aires unterkommen. Dennoch ist es wichtig zu erwähnen, dass das Konzept von Studenten-Wohngemeinschaften in Argentinien längst nicht so verbreitet ist wie in Deutschland. Aus Kostengründen leben viele junge Menschen oft noch länger Zuhause. Trotzdem gibt es zahlreiche Möglichkeiten Zimmer zu mieten, oft in sogenannten Pensiones oder als Untermieter in privaten Haushalten. Etwas eigenes mieten ist als Ausländer ohne langfristige Aufenthaltserlaubnis und ohne argentinischen Bürgen leider nicht möglich, weshalb gerade Touristen für eine Unterkunft oftmals tiefer in die Tasche greifen müssen. Ein Zimmer ist in zentraler Lage ab ungefähr 300 Dollar zu haben -gerne auch bar in dieser Währung zu bezahlen.

Argentinien erlebte in den letzten Jahren immer wieder schwere Wirtschaftskrisen und leidet unter einer erdrückenden Inflation, die die Lebenshaltungskosten für die Einwohner in kaum tragbare Höhen treibt. Gerade Lebensmittel und Hygieneartikel sind deutlich teurer als in Deutschland, vor allem wenn es sich um importierte Produkte wie Shampoo, Damenbinden oder Zahnpasta handelt. Kurz nach meiner Ankunft in Argentinien fiel der Peso auf ein Rekordtief, 47 Pesos waren nun 1 Euro - im August waren es noch 27, im Juli 18 Peso pro Euro gewesen. Dies machte das Leben für Euro-Verdiener zwar erschwinglicher, sorgte im Land aber für viel Aufregung und Unruhen. Gerade in der Innenstadt kommt es öfters zu Protesten verschiedener Organisationen oder Gewerkschaften, die in sogenannten „piquetes“ komplette Straßenzüge sperren, was mit großem Verkehrschaos verbunden ist.

Es ist wichtig zu erwähnen, das in Argentinien auch in größeren Summen gerne mit Bargeld gehandelt wird, obwohl in den meisten Geschäften Kartenzahlung möglich ist, gibt es auf Barzahlungen oftmals Rabatt. Erst kürzlich wurde der neue 1000 Peso-Schein eingeführt, der nun größte Schein ist damit umgerechnet knapp 20 Euro wert. Das Geldabheben ist in Argentinien, je nach Bank auf maximal 6.000 Peso beschränkt und mit ausländischen Karten mit hohen Gebühren verbunden. Während des Aufenthalts mitgebrachtes Bargeld (Euro oder Dollar) in kleinen Mengen zu tauschen ist damit das Rentabelste. Eine weitere Konsequenz der wirtschaftlich instabilen Lage ist, nach dem Regierungswechsel 2015 mit dem Macri an die Macht kam, unter anderem die radikale Umsetzung eines staatlichen Sparprogramms. Es wurden Sozial- und Fördergelder gestrichen und der Verwaltungsapparat in vielen Aspekten umdisponiert. So wurde unter anderem das Ministerium für Kultur in eine Art Geschäftsstelle des Bildungsministeriums umgewandelt. Dies hatte besonderen Einfluss auf das CCMDH, da es als staatliches Kulturzentrum einen Teil seiner Gelder vom Kulturministerium bezog, die nun gestrichen wurden.

Den Hauptteil der Finanzierung des Zentrums stützt das Sekretariat für Menschenrechte, welches wiederum Teil des Justizministeriums ist, dass das Kulturzentrum gleichzeitig verwaltet. So änderte sich mit der Regierung auch die Direktion des CCMDH, die das Organigramm der Institution mehrfach völlig neu strukturierte.  Kurz vor meiner Abreise nach Argentinien startete das neu aufgebaute Ministerium für Modernisierung einen „Regulierungsplan der staatlich Beschäftigten“, der für viele staatliche Behörden-  das Justizministerium inbegriffen- eine Personalkürzung von bis zu 20% vorsah.

Unter diesen Umständen startet ich mein Praktikum „in einer sehr schwierige Situation“- wie es mein Betreuer gleich in unserem ersten gemeinsamen Gespräch nannte und mich darüber informierte, dass die kommenden drei Tage auf Grund der drohenden Entlassungen gestreikt werden würde. Der Streik wurde von der Gewerkschaft „ATE-Vereinigung der staatlich Angestellten“ geleitet, eine linksliberal orientierte Gewerkschaft, die ideologisch mit der rechts-konservativen Macri-Regierung kollidiert. Zum Zeitpunkt meiner Ankunft im CCMHC herrschten also drei grosse Probleme: ein finanzielles, ein strukturelles und ein ideologisches...

 

Zufriedenheit mit dem Auslandspraktikum und persönlicher Mehrgewinn

Dementsprechend chaotisch verlief daher auch mein Praktikum. Die Abteilung für Entwicklung von Kulturprojekten, in der ich eigentlich beschäftigt werden sollte, wurde mehr oder weniger aufgelöst, womit die Vermittlungsinstanz zwischen Verwaltung, Direktion, Presse und den künstlerischen Abteilungen wegfiel. Die im Zentrum in Film, Literatur, Theater, Musik, Fotografie und Bildende Kunst unterteilten Abteilungen, planten nun autonom eigenen Veranstaltungen. Die dafür vorgesehenen, ohnehin schon stark eingeschränkte Gelder, die von der Verwaltung genehmigt und ausgezahlt werden sollten, stehen dabei stark im Vollzug. So wurde beispielsweise der größte Teil der ab August für Events engagierten Künstler und Künstlerinnen bis heute immer noch nicht ausbezahlt.

Auf internen Sitzungen der Angestellten wurde daher debattiert, ob es sich überhaupt noch lohnte, für das kommende Jahr weiter Veranstaltungen zu planen oder die Räumlichkeiten des Zentrums lieber externen Veranstaltern zu überlassen. Viele sehen ihre Jobs in Gefahr und gleichzeitig ist eine derartige Veränderung für viele ideologisch nicht vertretbar. Als Ort der Erinnerung steht das Zentrum auch für den Erhalt von Menschenrechten, dass nach Regierungswechsel die Fördergelder so stark eingeschränkt wurden, verstehen viele der Beschäftigten als eine Art Aussage, wie die neuen Machthaber zu dieser Thematik stehen. Das Programm am CCMHC muss also weitergehen, um es nun selbst vor dem Vergessen und der ideologischen Leere zu bewahren. Wie lange das allerdings ohne Budget und mit fehlender Kommunikation unter den einzelnen Abteilungen noch möglich ist, bleibt leider fraglich.

Bei Ansicht der aktuellen Lage finde ich es verständlich, dass es für eine von außen kommende Praktikantin nicht wirklich eine klare Aufgabe gab. Mein Betreuer, welcher ursprünglich für die Zusammensetzung und Leitung von Projektgruppen zuständig war, wurde unter der Umstrukturierung zum Leiter der Online-Zeitschrift des CCMHC, gleichzeitig arbeitet er auch als Gastprofessor an einer Universität, weshalb er an vielen Tagen nicht ins Büro kam und ein Großteil unserer Kommunikation nur über WhatsApp verlief.  Beschäftigung suchte ich mir daher oft selbst in den einzelnen künstlerischen Abteilungen. So half ich beim Aufbau einer Ausstellung von Installationskunst, begleitet die Organisation eines Musik- und Theaterfestivals der argentinischen Afro-Gemeinschaft und prüfte die Qualität des Filmmaterials für anstehende Kinovorstellungen. Außerdem half ich bei der Auswahl und Erstellung von Artikeln der Online-Zeitschrift „Haroldo“ und organisierte die Filmvorstellung des uruguayischen Dokumentarfilms „Fe en la Resistencia“, für den ich anschließend deutsche Untertitel verfasste.

Für Forschungszwecke bietet das CCMHC und die weiteren Gebäude der ESMA reichlich Gelegenheiten. 2006 wurde die bis dahin für die Militärschule genutzten Gebäude umfunktioniert. Das Offizierskasino, der Ort an dem schätzungsweise mehr als 4000 Menschen unter inhumanen Zuständen festgehalten und gefoltert wurden, ist heute Museum und Gedenkstätte. In den anderen Räumlichkeiten der 17 ha großen Anlage siedelten sich verschieden staatliche Vertreter für Menschenrechte, NGOs und Stiftungen an, die sich aktiv für die Erinnerung und Gerechtigkeit einsetzen. So findet man neben dem CCMHC unter anderem auch die Stiftung der “Abuelas de Plaza de Mayo”, die bis heute die vom Militärregime illegal verschleppten Kinder der desaparecidos sucht, oder die Organisation “Memoria Abierta”, die an der Entwicklung einer digitalen Datenbank arbeitet, die sämtliche Informationen über die Ereignisse der Militärdiktatur und ihre Opfer zusammenträgt. Die Einrichtungen zählen mit gut bestückten Bibliotheken, Archiven und hilfsbereiten Fachpersonal, das einen gerne bei Forschungsarbeiten unterstützt. So konnte ich meine Kenntnisse über die politischen Entwicklungen in Argentinien vertiefen und die Geschehnisse und Auswirkungen der Militärdiktatur ‘76 und die Rolle dieser Menschenrechtsorganisationen aus neuen Aspekten betrachten. Trotz der chaotischen Zustände- die eigentlich nur eine Reflektion der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage kurz vor dem kommenden Wahljahr sind- konnte ich so einige interessante und aufschlussreichen Erfahrungen mitnehmen.

 

Resümee, abschließende Tipps und hilfreiche Links

 “La seguimos remando”- “wir machen einfach weiter”, ist hier wohl der angebrachte Abschluss. Denn trotz der kritischen Lage und der damit verbundenen Spannungen, die man am Arbeitsplatz deutlich spürte, bleiben die Argentinier und Argentinierinnen weiterhin lebensfrohe und aufgeschlossene Menschen.
Ob beim Feierabendbier mit Kollegen, in einer der sich wie Lauffeuer ausbreitenden Craft-Beer-Bars, beim Damenfußball-Team aus der Nachbarschaft, das immer nach neuen Spielerinnen sucht oder beim Malkurs im Wohnzimmer der argentinisch-amerikanischen Künstlerin Dulce-María, überall findet man herzliche Menschen, die diese Stadt, die architektonisch und kulturell nicht vielseitiger sein könnte, zu etwas ganz besonderem macht und die durch meine starke Verbindung zu diesem Land sowieso schon längst eine zweite Heimat ist.

Studienfach: Angewandte Kulturwissenschaft und -semotik (MA)

Aufenthaltsdauer: 09/2018 - 12/2018

Praktikumsgeber: Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti

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