Logo :: HiN - Humboldt im Netz

______________________________________________________

Navigationselement: zurck Logo HiN 14 Navigationselement: weiter

Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

3. Wissenschaft und Leben

Die wechselseitige Überlappung von Wissenschafts- und Lebensprojekt zeigt sich vielleicht am deutlichsten in einem Brief, den Alexander von Humboldt am 3./15. September 1829 an den russischen Finanzminister schrieb:

Gestern habe ich hier meinen 60jährigen Geburtstag, auf der asiatischen Seite des Urals, erlebt, ein wichtiger Abschnitt des Lebens, ein Wendepunkt, auf dem es einen gereuet, so vieles nicht ausgeführt zu haben, ehe das hohe Alter die Kräfte dahin nimmt. Vor 30 Jahren war ich in den Wäldern des Orinoco und auf den Cordilleren. Ihnen verdanke ich es, daß dieses Jahr, durch die große Masse von Ideen, die ich auf einem weiten Raume habe sammeln können, (wir haben seit Petersburg schon über 9000 Werst vollendet), mir das wichtigste meines unruhigen Lebens geworden ist. [...] Ew. Excellenz wird es gewiß angenehm sein zu erfahren, daß unsere Reise nun auch die Gewißheit von der Existenz des Zinnes im Ural gegeben hat. [...] Der Ural ist ein wahres Dorado und ich bestehe fast darauf (alle analogen Verhältnisse mit Brasilien lassen es mich seit zwei Jahren behaupten), daß noch unter ihrem Ministerium Demanten in den Gold- und Platina-Wäschen des Ural werden entdekt werden. Ich gab der Kaiserin diese Gewißheit beim Weggehen, und wenn meine Freunde und ich die Entdekkung auch nicht selbst machen, so wird unsere Reise doch dahin wirken, andere lebendig anzuregen.[1]

Mit einer beeindruckenden Hellsichtigkeit überblickt hier Alexander von Humboldt von der Reise, von der Bewegung aus den Ablauf seines gesamten bisherigen »vielbewegten« Lebens und nimmt dabei vieles von dem ihm noch Bevorstehenden vorweg. Die Rekurrenz des Lexems »Leben« unterstreicht in diesem Brief dabei die für Humboldt typische Verbindung von Leben und Bewegung, wie sie sich nicht nur im Eingangssatz seines Kosmos[2], sondern an vielen Stellen seines gewaltigen Werkes findet. Das Verständnis seines eigenen "unruhigen Lebens" als eines, das durch seine Bewegungen, durch sein »Nomadisieren« und seine Reisen stets in der Lage sein will, nicht nur bei der Suche nach Diamanten "andere lebendig anzuregen", setzt die beiden einzigen transkontinentalen Reisen seines Lebens als die entscheidenden Wendepunkte der eigenen Biographie in Szene[3]. Sie untergliedern und rhythmisieren das, was man mit gutem Recht als ein Leben in Bewegung bezeichnen darf. Es muß Humboldt ungeheuer gefreut haben, am Ende seiner Reise aus dem Munde des Zaren zu hören, der preußische Reisende habe Rußland unendliche Fortschritte gebracht und verbreite überall Leben, wo er hinkäme[4].

Vom sechzigsten Lebensjahr her teilt Alexander von Humboldt folglich seinen eigenen Lebenslauf in zwei jeweils dreißigjährige Teile ein, die sich durch den "Wendepunkt" der gegenwärtigen Reise auf einen dritten und letzten Lebensabschnitt hin öffnen, der - wie Humboldt selbstverständlich noch nicht wissen konnte - weitere dreißig Jahre bis zu seinem Tode im Jahre 1859 umfassen sollte. Gewiß ist die russisch-sibirische Expedition nicht die letzte Reise im Leben des Alexander von Humboldt, der auch nach seiner Rückkehr nach Berlin noch zu einer Vielzahl kleinerer Reisen insbesondere in das von ihm geliebte Paris - mit oder ohne diplomatischem Auftrag - aufbrach. Doch Humboldt begreift und reflektiert zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Briefes an Cancrin mit hellem Bewußtsein sein Leben und weiß, daß er keine weitere transkontinentale Forschungsreise mehr unternehmen wird, obwohl sich ihm in der Folge noch einige wenige Gelegenheiten - wie etwa dank desselben Cancrin eine Reise zum Ararat - bieten sollten. Sein Lebensplan aber basiert auf seinem Lebenswissen, nach dieser Reise alle Kräfte auf die Auswertung der bisherigen Reisen richten zu müssen und im Angesicht schwindender Kräfte die nicht ausgeführten Pläne und Vorhaben zumindest hintanzustellen. Er weiß, daß ihm nur noch die Chance bleibt, sein eigenes Leben in ein Lebens-Werk umzuformen, das er genau fünfzehn Jahre später mit den folgenden, auf Potsdam im November 1844 datierten Worten eröffnen sollte:

Ich übergebe am späten Abend eines vielbewegten Lebens dem deutschen Publikum ein Werk, dessen Bild in unbestimmten Umrissen mir fast ein halbes Jahrhundert lang vor der Seele schwebte. In manchen Stimmungen habe ich dieses Werk für unausführbar gehalten: und bin, wenn ich es aufgegeben, wieder, vielleicht unvorsichtig, zu demselben zurückgekehrt. Ich widme es meinen Zeitgenossen mit der Schüchternheit, die ein gerechtes Mißtrauen in das Maaß meiner Kräfte mir einflößen muß.[5]

Von diesen berühmten Eröffnungszeilen seines Kosmos aus wird eine autobiographische Dimension erkennbar, die nicht nur die zentralen Lexeme »Leben«, »Bewegung«, »Werk« und (das Schwinden der eigenen) »Kräfte« zusammenbindet, sondern auf eine Zeit zurückweist, in der sich der junge Humboldt trotz immer wieder wechselnder und von den politischen Verhältnissen und Kriegen der heraufziehenden napoleonischen Ära abhängiger Reisepläne der Notwendigkeit stellte, prinzipiell eine Reise nach Amerika durch eine Reise nach Asien zu komplettieren. Der Brief vom 15. September 1829, vom Tag nach seinem sechzigsten Geburtstag, kündete zugleich von der Erfüllung seines Reiseprojekts und vom Bewußtsein eines sich nunmehr anschließenden letzten Lebensabschnitts im Zeichen des memento mori.

Zugleich aber setzt dieses (Selbst-) Bewußtsein die beiden großen Reisen gleichsam übereinander, werden doch unter dem sechzigsten der dreißigste Geburtstag, unter der asiatischen die amerikanische Reise sichtbar. Eben dies aber wird zu einem Strukturprinzip nicht nur des Lebensprojekts, sondern mehr noch des Wissenschaftsprojekts Alexander von Humboldts, wie es sich gerade auch in Asie centrale manifestiert. Gerade in der Reise(-bewegung) sind Wissenschaft und Leben aufs intimste miteinander verbunden.

In dieser tiefen Verschränkung erkennen wir nicht nur die doppelte empirische Grundlage seiner Summa, des Kosmos, sondern gerade auch seines asiatischen Werkes. Die oben zitierte Stelle seines Briefes an Georg Graf von Cancrin gibt uns für eine solche Deutung den Schlüssel in die Hand. Die Rede vom Ural als eines Dorado spielt nicht nur auf die Tatsache an, daß sich Humboldt im Verlauf seiner amerikanischen Reise mehrfach auf den Spuren jener Conquistadoren bewegte, die sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado, nach dem »vergoldeten« König und seinen unermeßlichen Schätzen gemacht hatten; und die Anspielung bleibt auch nicht darauf beschränkt, daß er selbst die historische Bedeutung dieser Suche herausarbeitete sowie zugleich am Orinoco beziehungsweise in der Welt der amerikanischen Tropen sein eigenes wissenschaftliches Eldorado fand. Vielmehr spielte er nicht zuletzt auf den enormen Reichtum an Edelmetallen an, welche sich - wie Humboldt des öfteren hervorhob - ebenso in der Neuen Welt wie in diesem großen Gebirgszug an der Grenze zwischen Europa und Asien finden lassen. War der Ural, war Sibirien für Humboldt zu einem zweiten wissenschaftlichen Eldorado geworden?



[1] Humboldt, Alexander von: Brief an Georg Graf von Cancrin am 3./15.9.1829. In: Im Ural und Altai, a.a.O., S. 92, 93 u. 94.

[2] Zitat s.u.

[3] Humboldt hielt sich am 14. September 1799 in der Mission San Antonio im heutigen Venezuela auf; die Orinoco-Fahrt und die Reise durch die Hochanden folgten erst später.

[4] Vgl. hierzu Beck, Hanno: Alexander von Humboldts Reise durchs Baltikum nach Russland und Sibirien 1829, a.a.O., S. 159.

[5] Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Ediert und mit einem Nachwort versehen von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2004, S. 3.

______________________________________________________

Navigationselement: zurck

hin-online.de. postmaster@hin-online.de
Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
Best viewed with Mozilla Firefox 2.

Navigationselement: weiter