Zum Hauptinhalt springen

Drei Rotkäppchen und kein Wolf

  • Rotkäppchen im Innenhof im Herbst
    Foto: larue

Wer den Campus Griebnitzsee zum ersten Mal betritt, ist meist kurz irritiert. Vor dem Hörsaalgebäude steht eine überlebensgroßes Märchenfigur mit roter Kappe und Korb, und wer weitergeht, begegnet ihm noch zweimal: im Wäldchen zwischen Alt- und Neubau sowie vor dem historischen Gebäude des ehemaligen DRK-Präsidiums. Die drei identischen Bronzefiguren sind 2,30 Meter hoch und wiegen jeweils rund 400 Kilogramm. Ihr Titel verrät bereits, worauf es ankommt. Die Installation heißt „Rotkäppchen und…“, und was hinter den Auslassungspunkten fehlt, ist die zweite Hauptfigur des Märchens. Ein Wolf ist nirgends zu sehen. Erschließen lässt sich sein Fehlen nur über die Pfotenspuren im Sockel und eine merkwürdig anmutende Einbuchtung im Rock der Figur.

Hinter dem Werk steht die Berliner Künstlergruppe Inges Idee, zu der Hans Hemmert, Axel Lieber, Thomas A. Schmidt und Georg Zey gehörten. Ihr Entwurf gewann einen zweistufigen Kunst-am-Bau-Wettbewerb des Landes Brandenburg, der 2008/2009 im Zuge des Hörsaalneubaus ausgelobt wurde und an dem 21 renommierte Künstlerinnen und Künstler teilnahmen. Ganz reibungslos verlief das nicht. Die Universität musste gegenüber dem Ministerium zunächst erklären, warum ausgerechnet eine Märchenfigur auf den Campus gehört; der damaligen Rektorin Sabine Kunst leuchtete der Hintersinn sofort ein, Teile der Jury blieben skeptischer. Gefertigt und bemalt wurden die Figuren 2010 in Schöneiche bei Berlin, aufgestellt wurden sie 2011. Als Vorbild diente ein handgroßes Porzellanensemble „Rotkäppchen und der Wolf“ aus den 1930er Jahren, das die Künstler auf 2,30 Meter vergrößerten und dabei um den Wolf reduzierten.

Dass die Wahl auf dieses Motiv fiel, erschließt sich erst über die Geschichte des Ortes. Die Märkische Allgemeine Zeitung nannte das alte Gebäude einmal den „Tatort zweier Diktaturen“. Um 1900 errichtete das Deutsche Rote Kreuz hier seine ersten Verwaltungsgebäude und Lager. In der NS-Zeit hatte das gleichgeschaltete DRK auf dem Gelände seine nationale Hauptgeschäftsstelle, bis die sowjetische Rote Armee das Areal am Ende des Zweiten Weltkriegs eroberte. Anschließend gab die Symbolfarbe des Sozialismus bis zur Wende 1989 den Ton an: Zunächst zog eine Kaderschmiede der Roten Armee ein, später die Akademie für Rechts- und Staatswissenschaften der DDR, bis die 1991 gegründete Universität Potsdam den Standort übernahm. Aus der NS-Zeit stammt auch das monumentale Eingangsportal des DRK-Präsidiums, dessen Architektur den Einzelnen bewusst klein erscheinen lassen sollte.

Rotes Kreuz, Rote Armee, roter Sozialismus: Die Farbe zieht sich als Konstante durch die Geschichte des Geländes. „Rot drängte sich uns in diesem Zusammenhang als symbolhaltige Farbe auf“, sagte Hans Hemmert, der 2025 verstorbene Mitgründer der Gruppe. Die Künstler selbst lasen ihre Figur als Sinnbild für ein „durch totalitäre Kräfte bedrohtes Individuum“. Weil der Wolf fehlt, wird das Böse entpersonifiziert und der Darstellung entzogen; die Gefahr verliert ihre konkrete Gestalt, und die Spuren am Sockel zeigen, dass sie keineswegs gebannt ist. 

Je nach Standort verschiebt sich dabei die Bedeutung. Vor dem Altbau lässt die stilistisch passende Figur an die 1930er und 1940er Jahre denken, im Gehölz wirkt sie ganz selbstverständlich wie im Märchen, und vor dem Neubau trifft sie auf die architektonische Gegenwart.

Geliebt wurden die drei Märchenfiguren anfangs nicht. Schon die Kosten von über 200.000 € sorgten für rege Diskussionen. Auch auf dem Campus stießen die Figuren nach der Aufstellung auf breite Ablehnung, eine Potsdamer Zeitung fragte süffisant nach einer „Rotkäppchenverschwörung oder tatsächlich Kunst am Bau?“, und selbst Wohlmeinende wünschten sich eine erklärende Hinweistafel. Genau diese Irritation ist allerdings einkalkuliert. Eine Skulptur, die auf unterschwellige Bedrohungen hinweisen will, darf nicht harmlos dekorativ wirken. Wer das nächste Mal an einem der drei Mädchen vorbeigeht, sollte deshalb ruhig einen Blick auf den Sockel werfen. Die Spuren sind noch da.

 

Quellen

Inges Idee: Rotkäppchen und… (Werkseite mit Künstlerkommentierung), https://ingesidee.de/de/kunst-im-oeffentlichen-raum/rotkaeppchen-und-universitaet-potsdam/ (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Lothar Krone: Drei Rotkäppchen und kein Wolf. Märkische Allgemeine Zeitung, 8.10.2017, https://www.maz-online.de/lokales/potsdam/drei-rotkaeppchen-und-kein-wolf-JCBPV5ERRT473246T2XNSK7LP4.html (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Richard Rabensaat: Inge und der Wolf. Der Tagesspiegel / Potsdamer Neueste Nachrichten, 27.9.2011, https://www.tagesspiegel.de/potsdam/potsdam-kultur/inge-und-der-wolf-7448383.html (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Bund gibt ein paar Rotkäppchen aus. Der Tagesspiegel, 12.11.2010, https://www.tagesspiegel.de/berlin/bund-gibt-ein-paar-rotkappchen-aus-1865968.html (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Brandenburgischer Landesbetrieb für Liegenschaften und Bauen: Kunst am Bau, https://blb.brandenburg.de/blb/de/aufgaben/baumanagement-land/kunst-am-bau/ (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Universität Potsdam: Einmal UPholen, bitte! Folge 4 – Mythen und Geschichten der Universität Potsdam (Transkript), https://www.uni-potsdam.de/fileadmin/projects/studium/docs/04_beratung_service/01_zsb/podcast_einmal_upholen_bitte/podcast_folge4_transkript.pdf (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Landtag Brandenburg Drucksache 6/3622: Kleine Anfrage 1364 vom 12.01.2016 Kunst am Bau (dort Anlage 2 Nr. 9) https://www.parlamentsdokumentation.brandenburg.de/parladoku/w6/drs/ab_3600/3622.pdf (zuletzt abgerufen am 31.7.2026)

Veröffentlicht

Online-Redaktion

Yannic Klutke