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Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Oderberg

Foto: Anke Geißler
Ehemaliger Standort der Synagoge in Oderberg

Oderberg ist ein altes Hanse- und Festungsstädtchen an der Oder, gelegen am Rande des Oderbruchs. Seit dem Mittelalter war hier ein wichtiger Umschlagplatz für Holz, Fisch und andere Waren aus dem Hafen in Stettin. Im 30-jährigen Krieg wurde die Stadt zerstört, ihren Wiederaufbau ab Mitte des 17. Jh. erschwerten Großbrände und Hochwasser.

In dieser Zeit ließen sich die ersten Juden in Oderberg nieder, die fortan nicht nur durch ihre Geschäftstätigkeit im Handel und durch ihre Netzwerke den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt beförderten. Mit der Bildung einer eigenen Religionsgemeinde trugen sie außerdem zur kulturellen Vielfalt Oderbergs bei. Bereits um 1700 legten sie ihren Friedhof auf dem „Mönkefeld“ nahe der Stadt an – ein deutliches Zeichen dafür, dass ihnen die christliche Mehrheitsgesellschaft Bleiberecht gewährte. 1786 lebten schließlich sechs jüdische Familien in Oderberg, die mit ihrem Schulmeister 46 Personen zählten.

Trotz großer Belastungen infolge der Befreiungskriege Anfang des 19. Jh. erholte sich Oderberg bald in ökonomischer Hinsicht mit der Ansiedlung holzverarbeitender Industrie, der Errichtung von Schiffswerften und der Anbindung an das Eisenbahnnetz. Oderberg profitierte außerdem von der Fischerei und einem wachsenden Tourismus. Diese Entwicklung wirkte sich auch positiv auf das jüdische Leben in der Stadt aus. Für 1824 ist die Anmietung einer Betstube in der Ritterstraße belegt. Bald darauf erwarb die Jüdische Gemeinde ein Grundstück, auf dem sie dann ihre Synagoge baute – im für Oderberg typischen Fachwerk-Baustil. 1850 lebten bereits 58 Juden in der Stadt, die sich aktiv im städtischen Leben engagierten.

1926 musste das Synagogen-Gebäude allerdings wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Einen Neubau gab es nicht, da sich die jüdische Gemeinde in Oderberg bereits aufgelöst hatte und die wenigen verbliebenen Juden am religiösen Leben im nahe gelegenen Angermünde teilnahmen. Grund für die schwindende Attraktivität der Stadt dürfte deren ökonomische Stagnation sein, die mit Beginn des 1. Weltkrieges einsetzte.

Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete die Zerstörung des gewachsenen jüdischen Lebens in Deutschland und Europa: Als 1938 die Deportationen begannen, lebten allerdings schon keine Juden mehr in Oderberg. Die meisten konnten sich ins Ausland retten. Der zurück gelassene jüdische Friedhof wurde geschändet, die Grabsteine auf einen Haufen geworfen und 1944 für 100 RM an die Stadt zwangsverkauft.

Nach 1945 kehrten keine Juden mehr nach Oderberg zurück. In ehrenamtlichem Engagement wurde das einzige sichtbare Zeugnis einzigen jüdischen Lebens, der Friedhof, wieder hergerichtet. Seitdem wird er liebevoll gepflegt. Ein „Stolperstein“ des Künstlers Gunter Demnig erinnert seit 2012 an den letzten freiwilligen Wohnort der Oderberger Jüdin Frieda Lesser, die 1943 ermordet worden war. Außerdem gibt es ein kleines Schild, das auf den Standort der ehemaligen Synagoge verweist.

Anke Geißler

 

Literatur:

Maria Berger, Uri Faber, Felicitas Grützmann u.a. (Hrsg.), Synagogen in Brandenburg. Spurensuche, Berlin 2013.

Horst Fleischer, Abriß der Chronik Oderbergs; 1-5: bis 1800, 1800 bis 1880, 1880-1930, 1930-1949, 1950-2000, in: Eberswalder Jahrbuch für Heimat-, Kultur- und Naturgeschichte / Verein für Heimatkunde zu Eberswalde e. V. (2001-2006).

Michael Brocke, Eckehart Ruthenberg, Kai Uwe Schulenberg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland. (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), Berlin 1994, S. 531-533.

Klaus-Dieter Alicke, Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, in: www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/e-g/528-eberswalde-brandenburg [letzter Aufruf: 16.6.16]

Reinhard Schmook, Zum Umgang mit jüdischen Spuren im Oderbruch (Barnim-Lebus), in: Transodra online. Deutsch polnische Grenzregion, in: http://www.transodra-online.net/de/node/1434 [letzter Aufruf: 16.6.16]