HiN - Humboldt im Netz

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Ottmar Ette

Die Ordnung der Weltkulturen.
Alexander von Humboldts Ansichten der Kultur

5. Vorläufige Einsichten in die Ansichten der Kultur

 

In seiner ausführlichen, geradezu ein Buch im Buch bildenden Beschäftigung mit dem im Jahre 1790 auf dem Hauptplatz der Hauptstadt Neu-Spaniens gefundenen mexikanischen Kalenderstein betonte Alexander von Humboldt die Vorläufigkeit allen Wissens und die Notwendigkeit, die über die Neue wie die Alte Welt verstreuten Quellen und Dokumente möglichst sorgfältig zusammenzutragen und auszuwerten:

 

Ob diese Auffassung zutrifft, wird erst zu beurteilen sein, wenn man eine größere Zahl mexikanischer Malereien in Europa und Amerika geprüft haben wird; denn, ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, alles, was wir bis heute über den früheren Zustand der Völker des neuen Kontinents erfahren haben, ist nichts im Vergleich zu den Erkenntnisen, die man eines Tages über diesen Gegenstand gewinnen wird, wenn es die Materialien zu versammeln gelingt, die in beiden Welten verstreut sind und Jahrhunderte des Unwissens und der Barbarei überlebt haben.[1]

 

Die von Humboldt in diesen Überlegungen skizzierte Bewegung wissenschaftlicher Arbeit ist analog zu jenen Bewegungen, welche die Kunstwerke Europas und Amerikas in einem imaginären Museum der Weltkulturen im Innenhof der Akademie der Schönen Künste in Mexico-Stadt versammeln. Erkenntnisprozesse setzen bei Humboldt Bewegungen - gerade auch in materieller, topographischer Hinsicht - voraus. Bei allem Bemühen um eine möglichst sorgfältige und vollständige Sichtung und Sammlung aller relevanten Daten und Informationen blieb sich Humboldt jedoch stets der Tatsache bewußt, daß das von ihm geknüpfte weltweite Netzwerk des Wissens nicht nur aus den unterschiedlichsten Verbindungen und Relationen, sondern auch aus hinsichtlich ihrer Größe kaum abschätzbaren Lücken bestand, deren Konsequenzen für den Wissensstand der Zukunft sicherlich nicht auszuloten waren. Dabei ging Humboldt - wie die obige Passage, aber auch viele andere Stellen zeigen - keineswegs von einem kontinuierlichen Zuwachs an Wissen, sondern auch von Zeiten des Vergessens, ja der Vernichtung umfangreicher Wissensbestände aus. Noch im zweiten Band seines Kosmos betonte er die Vorläufigkeit jeglichen Wissens- und Forschungsstandes und warnte damit zugleich vor jeder Überschätzung der Kenntnisse der jeweils eigenen Zeit:

 

Durch den Glanz neuer Entdeckungen angeregt, mit Hoffnungen genährt, deren Täuschung oft spät erst eintritt, wähnt jedes Zeitalter dem Culminationspunkte im Erkennen und Verstehen der Natur nahe gelangt zu sein. Ich bezweifle, daß bei ernstem Nachdenken ein solcher Glaube den Genuß der Gegenwart wahrhaft erhöhe. Belebender und der Idee von der großen Bestimmung unseres Geschlechtes angemessener ist die Ueberzeugung, daß der eroberte Besitz nur ein sehr unbeträchtlicher Theil von dem ist, was bei fortschreitender Thätigkeit und gemeinsamer Ausbildung die freie Menschheit in den kommenden Jahrhunderten erringen wird. Jedes Erforschte ist nur eine Stufe zu etwas Höherem in dem verhängnißvollen Laufe der Dinge.[2]

 

Die Offenheit aller Verstehensprozesse und die Unabgeschlossenheit aller Wege des Wissens prägen Humboldts Wissenschaftsbegriff ebenso zum Zeitpunkt der Abfassung seines ab 1845 erscheinenden Kosmos wie zur Zeit der ab 1810 einsetzenden Publikation seiner Vues des Cordillères. Der Wissensstand des wissenschaftlichen Subjekts und seiner Epoche wird stets als Übergangsstadium innerhalb einer Entwicklung verstanden, die für Humboldt im Zeichen der Freiheit zu stehen hatte.

 

Die logische Konsequenz aber ist, daß auch die Ordnung der Weltkulturen, die Humboldt mit seinen Fragmenten, mit seinen Exponaten wie in einem Innenhof seines gesamten Schriftgebäudes versammelte, stets nur eine vorläufige, keineswegs für alle Zukunft gültig festgelegte sein konnte. Seine Ansichten der Kultur situierten sich nicht umsonst fernab von jeglichem "Systemdenken", weit entfernt von jeglichem esprit de système[3]. Erwecken einige Passagen gerade auch zu den ersten Tafeln den Eindruck, Humboldt wäre ausschließlich am historisch-dokumentarischen Charakter der von ihm untersuchten »Monumente« der indigenen Völker Amerikas interessiert, wobei er diesen Gegenständen zugleich jeglichen Kunstcharakter absprechen würde, so lassen sich leicht dazu in Widerspruch stehende Überlegungen gerade auch im weiteren Fortgang der Vues finden, die belegen, daß er die indigenen monumens nicht aus dem Bereich der Künste ausgebürgert wissen wollte. So betont Humboldt etwa in seiner Diskussion der Möglichkeiten inkaischer Architektur (Tafel LXIII), daß "der Hautzweck (but principal) dieses Werkes darin besteht, eine genaue Vorstellung vom Zustand der Künste bei den zivilisierten Völkern Amerikas (une idée exacte des arts chez les peuples civilisés de l'Amérique) zu geben"[4]. Es gehört zu den Charakteristika der Humboldtschen Wissenschaft, daß der preußische Gelehrte und Schriftsteller immer wieder scheinbar eindeutige Aussagen an anderer Stelle durch dazu im Widerspruch oder gar in selbstkritischer Distanz stehende Passagen relativiert oder - wie in den Vues des Cordillères - ausführlich aus Stellungnahmen zitiert, die sich mit seinen eigenen Positionen kritisch auseinandersetzen.

 

Auf diese Weise entsteht ein offenes, neue Untersuchungsergebnisse und Einsichten möglichst rasch einbeziehendes Forschungs- und Diskussionsklima, in dem Wissen nicht als statischer Besitz eines Einzelnen, sondern als dynamischer Prozeß einer Gemeinschaft verstanden wird. Die Vielzahl unterschiedlicher Perspektivierungen und Ansichten der dargestellten Gegenstände wird ständig durch neue Einsichten angereichert, die durch eigene Untersuchungen oder die Forschungen anderer erzielt wurden.

 

Dabei stellt Humboldt mit Vorliebe transregionale Verbindungen zu neueren Forschungen über andere Regionen der Welt her. So verweist er bei der Diskussion möglicher Motive für die Anlage von Erdpyramiden und Erdhügeln in beiden Amerikas (deux Amériques) auf neuere Forschungen von Lord Macartney in China, könne doch  ein "in Ostasien geltender Brauch [...] einiges Licht auf diese wichtige Frage werfen"[5]. Charakteristisch für Humboldts Vorgehensweise ist aber auch der Beginn seiner Erläuterungen zur aztekischen Bilderhandschrift in der Königlichen Bibliothek zu Dresden (Tafel XLV):

 

Nach ebendiesem Prinzip, daß die Monumente sich wechselseitig erklären und daß man, um die Geschichte eines Volkes gründlich zu vertiefen, die Gesamtheit der Werke vor Augen haben muß, denen es seinen Charakter aufgeprägt hat, habe ich mich entschieden, auf den Tafeln XLV bis XLVIII Fragmente stechen zu lassen, die den mexikanischen Handschriften von Dresden und Wien entnommen sind. Die erste dieser Handschriften war mir noch gänzlich unbekannt, als mit dem Druck dieser Seiten begonnen wurde. Es ist nicht einfach, ein Verzeichnis aller Hieroglyphen-Gemälde zu erstellen, die der Zerstörung entgangen sind, von der sie während der Entdeckung Amerikas durch den mönchischen Fanatismus und die stumpfsinnige Unbekümmertheit der ersten Eroberer bedroht waren.[6] Ein Altertumsforscher, der gelehrte Forschungen über die Künste, die Mythologie und das häusliche Leben der Griechen und der Römer angestellt hat, Herr Böttiger, hat mich den Codex mexicanus der königlichen Bibliothek zu Dresden entdecken lassen; er hat jüngst in einem Werk darüber geschrieben, das ausführlichste Kenntnisse über die Malerei sowohl der barbarischen Völker als auch der Hindus, der Perser, der Chinesen, der Ägypter und der Griechen enthält.[7]

 

Humboldts Vorgehensweise zielt auf eine möglichst umfassende Relationierung bestimmter kultureller Artefakte sowohl innerhalb des jeweiligen kulturellen Systems als auch weltweit mit anderen Kulturen. Der Aufbau von Netzwerken sowohl innerhalb einer Disziplin als auch jenseits disziplinärer Grenzen und die Schnelligkeit, mit welcher auf diesem Wege eingeholte Informationen von Humboldt jeweils in die eigenen Veröffentlichungen integriert werden, verdeutlicht die raschen Zuwächse von Wissensbeständen wie auf die Formen des Austauschs innerhalb des Humboldtschen Korrespondenten- und Kollegenkreises. Humboldt selbst überspielt dabei die raschen Veränderungen seines (veröffentlichten) Wissensstandes keineswegs, sondern unterstreicht vielmehr den Charakter seines Buches als eines work in progress, das den jeweils aktuellsten Forschungs- und Reflexionsstand widerzugeben versucht.

 

Die wiederholte Betonung, ja geradezu Inszenierung der Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit aller Forschungsergebnisse ist bei Humboldt zweifellos ein Zeichen intellektueller Redlichkeit; darüber hinaus aber ist sie nicht zufälliger, sondern programmatischer Natur. Humboldt gibt seiner Leserschaft Einblicke in die Entstehung von Wissensbeständen, liefert gleichsam Momentaufnahmen wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse, wie sie sich innerhalb einer weltweiten Gemeinschaft vollziehen. So werden nicht nur die Gegenstände des Wissens historisch eingeordnet, sondern die Wissensprozesse selbst in ihrer Entwicklung verzeitlicht dargestellt. Die Ergebnisse des eigenen Forschens sind selbst in einen unabschließbaren und ergebnisoffenen Entwicklungsprozeß eingebunden, reflektieren also zeitbedingte Erkenntnisstufen, so daß - wie Humboldt in einem bereits angeführten Brief des Jahres 1841 an Varnhagen von Ense schrieb - selbst aus einer erhöhten, sich nicht in Details verlierenden Beobachterperspektive stets nur ein "Schweben über den Dingen, die wir 1841 wissen"[8], möglich ist. Wir könnten folglich von einem Schweben über einer sich rasch verändernden Welt und einem sich nicht weniger schnell aktualisierenden Wissen über die Welt und ihre Kulturen sprechen. Humboldts Ansichten setzen ihre Offenheit gegenüber neuen Einsichten bewußt in Szene.

 

Dies gilt gerade auch für seine Ansichten der Kultur, die Vues des Cordillères. Wie die Fußnote in der oben angeführten Passage zeigt, existiert innerhalb dieser Vues ein dichtes internes Verweissystem, das in vielerlei Hinsicht ständig wechselnde Leserichtungen einer sprunghaften, diskontinuierlichen Lesart vorgibt und die unterschiedlichen Wissensfragmente möglichst stark miteinander zu vernetzen sucht. Es ist keineswegs zufällig, daß die letzte der Notes[9] auf die beiden ersten Bildtafeln verweist, mit denen Humboldt seine Ansichten eröffnete: Hier wird nicht nur der Kreis des gesamten Textparcours geschlossen, dem Leser wird vielmehr eine erneute Lektüre des ihm bereits bekannten Werkes mit Einsichten in neue Zusammenhänge anempfohlen. Unter der Oberfläche der in Tafel III dargestellten »grande place de Mexico«, unter dem Pflaster des Zócalo vor der großen Kathedrale von Mexico-Stadt also, lagen mehrere der von Humboldt in diesen Ansichten der Kultur untersuchten aztekischen Monumente begraben. Gleichsam unter der Oberfläche des Bandes werden die Zeugnisse der aztekischen Kultur und Kunst wieder zusammengeführt und bilden interne Verweissysteme, die etwa den Kalenderstein der Azteken mit der Statue der Göttin Coatlicue oder der auf Tafel XXIX dargestellten aztekischen »Statue aus Basaltporphyr« verbinden.

 

Neben dieser internen (oder kotextuellen) Relationalität, welche die einzelnen Fundstücke in eine Sammlung und mehr noch in ein Museum integriert, stößt man häufig aber auch auf eine externe (oder intratextuelle) Relationalität, die Humboldts Vues des Cordillères in den Kontext seines gewaltigen, damals im Entstehen begriffenen Reisewerkes integrieren. Dabei finden sich explizite Verweise auf bereits erschienene oder kurz vor der Veröffentlichung stehende Bände - wie etwa den Politischen Versuch über das Vizekönigreich Neu-Spanien - ebenso wie Hinweise auf künftige Veröffentlichungen, die Humboldt - wie das Beispiel des Fragment gebliebenen Reiseberichts, der Relation historique, zeigt - zu Lebzeiten nicht mehr abschließen sollte. Gerade diese intratextuelle Dimension macht deutlich, in welchem Maße Humboldts so verschiedenartig konzipierte Buchprojekte auf ein Gesamtwerk hin ausgerichtet sind, das sich als work in progress wie ein Gewebe in Bewegung in ständiger Fortschreibung befindet.

 

Die Humboldtsche Wissenschaft wie das Humboldtsche Schreiben sind in einer kontinuierlichen Pendelbewegung zwischen Auseinander-Setzen und Zusammen-Denken begriffen. Die mit einer verwirrenden Vielzahl an Details argumentierenden Analysen Humboldts, welche die zergliedernde Scheidekunst seiner Auseinander-Setzungen darstellen, werden stets durch die überraschende Kombinatorik eines Zusammen-Denkens komplettiert, das gerade kein Zusammenschreiben ist, sondern den Versuch darstellt, ein ethisch fundiertes und an der in Entstehung begriffenen Wissensgesellschaft seiner Zeit ausgerichtetes Wissen gesellschaftsfähig zu machen und gesellschaftlich fruchtbar werden zu lassen. Auseinander-Setzen und Zusammen-Denken implizieren stets ein Auseinander-Denken und Zusammen-Setzen, das auf der epistemologischen Ebene transdisziplinär und transregional ausgerichtet ist, auf der Ebene des Schreibens aber einen fragmentarischen, hybriden Charakter besitzt, der in Humboldts Denk- und Schreibbewegungen bisweilen aus heutiger Sicht einen gewissen dekonstruktiven, in jedem Falle aber selbstreflexiven und selbstkritischen Charme besitzt.

 

Dies mag erklären, warum die Ordnung der Weltkulturen bei Alexander von Humboldt am kulturellen Meridian der abendländischen Antike ausgerichtet bleibt und zugleich eine multipolare und dialogisch gegenüber künftigen Einsichten und Ergebnissen offene Strukturierung darstellt. Diese Offenheit liefert ihm nicht nur die Grundlage dafür, jenseits seine stets empirisch fundierten, aber auch die Polemik nicht scheuenden Kampfes gegen den zu seiner Zeit in Europa vorherrschenden Inferioritätsdiskurs über die indianisch oder iberisch geprägte Neue Welt einen neuartigen, auf eigener Beobachtung basierenden Amerikadiskurs zu schaffen und zu entfalten. Sie läßt ihn auch anhand vieler Detailbeobachtungen jene Entwicklungen erkennen, für die ihm nicht anders als seinen Zeitgenossen noch keine (kulturwissenschaftliche) Begrifflichkeit zu Gebote steht. So heißt es in seinen Überlegungen zur »Kleidung der Indianer von Michoacán« (Tafeln LII und LIII):

 

Ich hatte für Ihre Majestät, die Königin von Preußen, eine mit viel Verstand hergestellte Gruppe dieser indianischen Figuren mitgebracht. Diese Fürstin, die einen aufgeklärten Sinn für die Künste mit außerordentlicher Charaktergröße verband, ließ diejenigen der Figuren zeichnen, welche unter dem Transport am wenigsten gelitten hatten. Diese Zeichnungen stellen die Tafeln LII und LIII vor; bei der sorgfältigen Betrachtung staunt man über die wunderliche Mischung (mélange bizarre) der alten indianischen Tracht mit der von den spanischen Kolonisten eingeführten Kleidung.[10]

 

Es ist dieses mit Überraschung gepaarte Staunen, das Humboldts Aufmerksamkeit auf die »Asynchronie« der Beziehungen zwischen gesellschaftlicher und künstlerischer Entwicklung in Asien und Europa lenkt[11]. Es bewahrt ihn auch davor, den aus dem Abendland bekannten Prozeß der Zivilisation mit seiner Abfolge vom Menschenopfer über Tieropfer zu Brand- und Ernteopfer leichtfertig auf die Entwicklung der Azteken zu übertragen, die er im Anschluß an Francisco Javier Clavijeros Geschichte des alten Mexico untersuchte[12]. So mag die hybride Kleiderordnung der Indianer von Michoacán zumindest andeuten, in welchem Maße die Ordnung der Kulturen dieser Welt im Sinne Alexander von Humboldts als ein mobiler, dynamischer und unterschiedlichste Elemente miteinander verbindender Prozeß zu begreifen ist. Gerade Humboldts Ansichten der amerikanischen Kulturen bieten genügend Raum für neue Einsichten und Perspektivierungen dessen, was die abendländische Zivilisation und ihre Barbarei auszeichnet:

 

Sehen wir nicht auch in weniger entfernten Zeiten die barbarischen Auswirkungen religiöser Intoleranz, inmitten einer der großen Zivilisationen der Menschheit, in einer Zeit, da Charakter und Sitten allgemein sanfter werden? Wie verschieden die Völker im Fortschritt ihrer Kultur auch sein mögen, Fanatismus und Eigennutz behalten stets ihre unheilvolle Macht. Die Nachwelt wird Mühe haben zu begreifen, daß es im zivilisierten Europa, unter dem Einfluß einer Religion, die dem Wesen ihrer Prinzipien nach die Freiheit begünstigt und die heiligen Rechte der Menschheit proklamiert, Gesetze gibt, welche die Sklaverei der Schwarzen billigen, welche es den Kolonisten erlauben, Kinder aus den Armen ihrer Mütter zu reißen, um sie in einem fernen Land zu verkaufen. Diese Betrachtungen beweisen uns, und dies ist kein tröstliches Ergebnis, daß ganze Nationen schnell fortschreiten können auf dem Weg zur Zivilisation, ohne daß die politischen Institutionen und die Formen ihres Kults ihre alte Barbarei gänzlich verlieren.[13]

 

Diese von Humboldt herausgearbeitete Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen macht deutlich, daß die abendländische Zivilisation innerhalb der Ordnung der Kulturen der Welt sich der Unabgeschlossenheit und Vorläufigkeit ihres eigenen zivilisatorischen Prozesses stets (welt-)bewußt bleiben muß, will sie aus dem Fortbestehen des Barbarischen in ihr selbst die Lehren ziehen.



[1] Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères, a.a.O., S. 188.

 

[2] Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. 5 Bde. Stuttgart - Tübingen: Cotta 1845-1862, hier Bd. 2, S. 398 f.

 

[3] Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères, a.a.O., S. 2. Humboldt mokierte sich über die Ansichten von "de Pauw und einiger anderer ebenfalls systematischer Schriftsteller (écrivains également systématiques)", keines der indianischen Völker sei in der Lage, in der eigenen Sprache über die Zahl 3 hinaus zu zählen (ebda., S. 249).

 

[4] Ebda., S. 294.

 

[5] Ebda., S. 316: "Zweitausenddreihundert Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in China dem Höchsten Wesen, Chan-ty, auf vier hohen Bergen geopfert, genannt die Vier Yo. Die Herrscher fanden es unbequem, sich persönlich dorthin zu begeben, und ließen in der Nähe ihrer Wohnstätten von Menschenhand Erhebungen errichten, welche diese Berge darstellten."

 

[6] S. xx [Anmerkung des Autors A.v.H. im Text].

 

[7] Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères, a.a.O., S. 266.

 

[8] Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense aus den Jahren 1827 bis 1858, a.a.O., S. 92.

 

[9] Ebda., S. 321.

 

[10] Ebda., S. 275.

 

[11] Ebda., S. 215: "Man mag überrascht sein, bei einem Volk, dessen politisches Leben seit Jahrhunderten von einem gewissen Zivilisationsgrad kündete und bei dem Götzenanbetung, astrologischer Aberglaube und der Wunsch, Ereignisse im Gedächtnis zu bewahren, eine große Zahl von Idolen wie von Steinskulpturen und historischen Gemälden hervorbrachten, die nachahmenden Künste in einem solchen Zustand der Barbarei zu finden. Indes darf man nicht vergessen, daß einige Nationen, die auf der Bühne der Welt eine Rolle gespielt haben, hauptsächlich die Völker Zentral- und Ostasiens, mit denen die Bewohner Mexikos durch recht enge Bande verknüpft scheinen, den gleichen Kontrast zwischen sozialer Vervollkommnung und Kindheitszustand in den Künsten erkennen lassen."

 

[12] Ebda., S. 96: "Überall, wo wir auf dem alten Kontinent noch Spuren von Menschenopfern finden, verliert sich ihr Ursprung in grauer Vorzeit. Die Geschichte der Mexikaner hingegen hat uns die Erzählung jener Ereignisse überliefert, die dem Kult eines Volkes, das der Gottheit ursprünglich nur Tiere oder die Erstlinge der Früchte opferte, einen grausamen und blutigen Charakter verliehen haben. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, diese Überlieferungen wiederzugeben, die gewiß einen wahren historischen Kern haben; sie hängen eng mit der Erforschung der Sitten und der moralischen Entwicklung unserer Gattung zusammen und erscheinen insofern mir interessanter als die kindlichen Märchen der Hindus über die zahlreichen Verkörperungen ihrer Gottheiten."

 

[13] Ebda., S. 99.

 

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