HiN - Humboldt im Netz

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Renato G. Mazzolini (Trento, Italien)

Bildnisse mit Berg: Goethe und Alexander von Humboldt

übers. von Wolfgang Böker (Göttingen)

3. Alexander von Humboldt und der Chimborazo

Zwischen 1799 und 1804 bereisten der Preuße Alexander von Humboldt und der mit ihm befreundete französische Botaniker Aimé Bonpland (1773-1858) etwa sechs Jahre lang Amerika. Diese Reise wird zu Recht als die größte private Forschungsexpedition in der Geschichte bezeichnet. Nach Europa zurückgekehrt, nahm Humboldt seinen Wohnsitz in Paris, dem damaligen Zentrum der europäischen Wissenschaft und Forschung. Er blieb dort bis Anfang 1827 und widmete sich fast ausschließlich der Bearbeitung des von ihm gesammelten Materials und der Publikation seiner Forschungsergebnisse in einem monumentalen Werk von mehr als dreißig Folio-Bänden. Es erschien zwischen 1805 und 1835 und trägt den Gesamttitel Voyages aux Régions Equinoxiales du Nouveau Continent, fait en 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 et 1804, par Alexandre de Humboldt et Aimé Bonpland.[1]

Bei Humboldts Rückkehr nach Europa wurde sein Name sofort mit der Besteigung des Chimborazo in Verbindung gebracht, den man damals für den höchsten Berg der Welt hielt.[2] Obwohl Humboldt und seine Begleiter wegen eines heftigen Schneesturms nicht bis auf den Gipfel kamen, war es ihnen doch gelungen, eine Höhe von etwa 5892 Metern zu erreichen, also bei weitem höher als der Mont Blanc. Tatsächlich hatte sich Humboldt viel wichtigere Verdienste in Hinblick auf die Erforschung der Anden erworben als nur die Besteigung des Chimborazo. Seine Forschungsreisen dort dauerten etwa zwei Jahre, von denen er sechs Monate lang das Gebiet von Quito erkundete und barometrische und trigonometrische Messungen auf allen größeren Vulkanen der Region vornahm, etwa dem Pichincha, dem Cotopaxi, dem Antisana, dem Tungurahua und dem Iliniza. Humboldt revidierte nicht nur die geographischen Kenntnisse von dieser Bergregion, indem er neue Messdaten zusammentrug, die in die zeitgenössischen Atlanten Eingang fanden, sondern machte auch seismologische Beobachtungen und sammelte gemeinsam mit Bonpland Exemplare einer großen Zahl von Pflanzen. In der öffentlichen Meinung aber erlangte die Besteigung des Chimborazo symbolische Bedeutung: Humboldt war der Mann, der den höchsten bis dahin von einem Menschen erstiegenen Punkt der Erde erreichte hatte.

In seinem Reisewerk Voyage aux Régions Equinoxiales du Nouveau Continent beschreibt Humboldt die schwierige Besteigung nicht; er tat dies erst viele Jahre später.[3] Dennoch ist der Chimborazo ein wesentlicher Bestandteil des ersten Bandes, den er über seine amerikanische Reise veröffentlichte, nämlich des Essai sur la géographie des plantes, accompagné d’un tableau physique des régions equinoxiales, gedruckt zwischen 1805 und 1807 und gewidmet den beiden französischen Botanikern Antoine Laurent de Jussieu (1748-1836) und René Desfontaines (1750-1833).[4] Das Hauptthema dieses Werkes sind die Veränderungen der Zusammensetzung der Vegetation in der Andenregion in Abhängigkeit von der Meereshöhe und von atmosphärischen Erscheinungen, die er mit Hilfe der besten Messinstrumente seiner Zeit erforscht hatte. Seine Beobachtungen fasste er in einer einzigen, von Chimborazo und Cotopaxi beherrschten Abbildung zusammen; die gesammelten Daten ergeben auf diese Weise ein großes Schaubild, ein „tableau physique“, das die Verwirklichung seines wichtigsten Forschungszieles zeigt.

Am Schluss desselben Buches veröffentlichte Humboldt eine Tabelle und eine Liste der höchsten damals bekannten Berge der Erde, die natürlich mit dem Chimborazo beginnt. Auf denselben Seiten berichtet er, dass Horace Bénédict de Saussure (1740-1799) den Gipfel des 4775 Meter hohen Mont Blanc erreicht hatte, dass er selbst bei der abgebrochenen Besteigung des Chimborazo bis auf 5892 Meter gelangt sei und schließlich, dass Joseph Louis Gay-Lussac (1778-1850) am 16. September 1804 beide übertroffen habe, indem er mit einer Montgolfiere in eine Höhe von 7016 Metern aufgestiegen war.[5]

1810 gab Humboldt bei der Veröffentlichung der beiden hier als Abbildung 3 und 4 wiedergegebenen Tafeln die folgende kurze Beschreibung des Chimborazo:

Tafel XXV zeigt den Chimborazo so, wie wir ihn nach einem besonders heftigen Schneefall am 24. Juni 1802 sahen, am Tag unmittelbar nach unserer Exkursion zum Gipfel. [...]

Nur die Reisenden, die die Gipfel des Mont Blanc und des Monte Rosa von Nahem gesehen haben, sind fähig, den Charakter dieser imposanten, ruhigen und majestätischen Szene zu erfassen. Die Masse des Chimborazo ist so gewaltig, dass der Teil, den das Auge auf einmal erfassen kann, nahe der Grenze der Region des ewigen Schnees, 7000 Meter in der Breite misst. Die Schichten extrem dünner Luft, durch die man die Andengipfel sieht, tragen viel zum Gleißen des Schnees und zum magischen Effekt seiner Lichtreflexe bei. In den Tropen, in einer Höhe von 5000 Metern, nimmt das blaue Himmelsgewölbe eine indigo-artige, violette Schattierung an. Die Umrisse des Berges heben sich von dieser reinen und durchsichtige Atmosphäre ab, während die unteren Luftschichten, die auf einer graslosen, die einstrahlende Wärme reflektierenden Ebene ruhen, dunstig sind und die letzten ebenen Zonen des Landstrichs zu verhüllen scheinen.

 

Abb. 3 - Vue du Chimborazo et du Carguairazo

Abb. 3    

Vue du Chimborazo et du Carguairazo nach der Tafel 16 (22,1 x 37,2 cm), gezeichnet von Wilhelm Friedrich Gmelin (1760-1820) in Rom auf der Grundlage einer Zeichnung von Humboldt, gestochen von Friedrich Arnold (†1809) aus Berlin, gedruckt bei Langlois und herausgegeben in der Reihe Voyage de Humboldt et Bonpland von A. von Humboldt in dem Band Atlas pittoresque. Vues des Cordillères, et monumens des peuples de l’Amérique. Planches. Paris: chez F. Schoell, 1810.

 

Das Plateau von Tapia, das sich nach Osten bis an den Fuß des El Altar und des Condorasto ausdehnt, liegt auf 3000 Metern Höhe. Seine Höhe entspricht beinahe der des Canigou, einem der hohen Berge in den Pyrenäen. Auf der trockenen Ebene wachsen einzelne Exemplare des peruanischen Pfefferbaums (schinus molle) und Kakteen, Agaven und Pflanzen der Gattung Molina. Im Vordergrund sieht man Lamas (camelus lacma), nach der Natur gezeichnet, und Gruppen von Indios, die auf dem Weg zum Markt von Lican sind. Die Abhänge des Berges zeigen jene Abstufung der Vegetation, der ich in meinem Tableau de la Géographie des Plantes nachzugehen versucht habe und die man an der östlichen Flanke der Anden verfolgen kann – von den undurchdringlichen Palmenwäldern bis zum ewigen Schnee mit seinem dünnen Saum aus flechtenartigen Pflanzen.

 

Abb. 4 - Le Chimborazo vu depuis le Plateau di Tapia

Abb. 4    

Le Chimborazo vu depuis le Plateau di Tapia nach der Tafel 25 (50,8 x 68,5 cm), gezeichnet von Jean-Thomas Thibaut (1757-1826) auf der Grundlage einer Zeichnung von Humboldt, gestochen von Louis(?) Bouquet (1765-1814), gedruckt bei Langlois und herausgegeben in der Reihe Voyage de Humboldt et Bonpland von A. von Humboldt in dem Band Atlas pittoresque. Vues des Cordillères, et monumens des peuples indigènes de l’Amérique. Planches. Paris: chez F. Schoell, 1810.

  

In 3500 Metern Meereshöhe verlieren sich allmählich die holzigen Gewächse mit zähen, glänzenden Blättern. Die Zone der Sträucher wird von der der Gräser getrennt durch alpinen Kräuter, durch Büschel von Nerteria, Baldriangewächsen, Steinbrech-Gewächsen (saxifragae) und Lobelien und kleine Labkrautgewächse (cruciatae). Die Gräser bilden eine sehr große Zone, die zeitweise schneebedeckt ist, aber immer nur für wenige Tage. Die Zone, die dort im Land der „pajonal“ genannt wird, erscheint aus der Ferne wie ein gold-gelber Teppich. Seine Färbung kontrastiert in angenehmer Weise mit der der darin verstreuten Schneeflächen. Sie rührt von den Stängeln und Blättern der Gräser her, die in Perioden großer Trockenheit von den Sonnenstrahlen versengt worden sind. Oberhalb des „pajonal“ befindet man sich im Reich der Flechten, die hier und dort auf porphyrartigen, nicht von Humus bedeckten Felsen wachsen. Weiter oben bildet der Rand des Eises die Grenze des organischen Lebens.

So überwältigend die Höhe des Chimborazo auch sein mag, so liegt sein Gipfel doch um vierhundertfünfzig Meter niedriger als der Punkt, an dem Monsieur Gay-Lussac bei seiner denkwürdigen Reise in die Luft, Experimente durchgeführt hat, die in gleicher Weise wichtig für die Meteorologie und die Erkundung des Magnetismus sind. Bei den Eingeborenen der Provinz Quito gibt es eine Überlieferung, nach der ein Berg am Ostrand der Anden, der heute den Namen „Der Altar“ (El Altar) trägt, im 15. Jahrhundert teilweise in sich zusammengestürzt und früher noch höher als der Chimborazo gewesen sei. Der höchste Berg, von dem uns englische Reisende aus Bhutan berichten, der Soumounang, ist nur 4419 Meter (2268 Toisen) hoch; jedoch versichert Colonel Crawford, der höchste Gipfel der tibetischen Kordillere sei mehr als 25.000 englische Fuß oder 7617 Meter (3909 Toisen) hoch. Wenn diese Angabe auf einer genauen Messung beruht, dann ist einer der Berge Zentralasiens 1090 Meter höher als der Chimborazo. In den Augen des wahren Geologen, der sich mit dem Studium der Gesteinsformationen beschäftigt und daran gewöhnt ist, die Natur in großem Maßstab zu sehen, ist die absolute Höhe der Berge ein Phänomen von geringer Bedeutung: Es wird ihn kaum überraschen, wenn man in der Folgezeit in irgendeinem Teil der Welt einen Berg entdeckt, dessen Höhe selbst die des Chimborazo übertrifft, so wie die höchsten Gipfel der Alpen den Kamm der Pyrenäen übersteigen.[6]



[1] Zur sehr komplizierten Bibliographie dieses Werks vgl. Fiedler, Horst und Leitner, Ulrike: Alexander von Humboldts Schriften. Bibliographie der selbständig erschienenen Werke. Berlin: Akademie Verlag, 2000, S. 70-342; zur Biographie Humboldts vgl. außerdem Bruhns, Karl (Hg.): Alexander von Humboldt: eine wissenschaftliche Biographie. 3 Bde, Leipzig: Brockhaus, 1872; Beck, Hanno: Alexander von Humboldt. 2 Bde, Wiesbaden: Franz Steiner Verlag 1959; oder die knapperen Übersichten bei Botting, Douglas: Alexander von Humboldt: Biographie eines großen Forschungsreisenden. 3. Aufl. München: Prestel Verlag, 1982 und Schleucher, Kurt: Alexander von Humboldt. Der Mensch, der Forscher, der Schriftsteller. Darmstadt: Eduard Roether Verlag, 1984.

[2] Vgl. Botting [wie Anm. 15], S. 185, 210-211.

[3] Humboldt, Alexander von: „Ueber zwei Versuche, den Chimborazo zu ersteigen“ in: Jahrbuch für 1837. Hg. v. H. C. Schumacher, S.176-206; und Humboldt, Alexander von: „Notice sur deux tentatives d’ascension du Chimborazo“ in: Annales de Chimie et de Physique, vol. 69 (1838), S. 401-434. Die endgültige Fassung des Berichts in Humboldt, Alexander von: Kleinere Schriften, Bd. 1. Stuttgart u. Tübingen: Cotta, 1853, S. 133-174, mit dem geänderten Titel „Ueber einen Versuch, den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen“.

[4] Das Erscheinungsdatum dieses Werks ist ein bibliographisches Problem. Das innere Titelblatt hat die Angabe „1805“ , das äußere „1807“, weshalb hier 1805-1807 angegeben wird. Verfasst und gedruckt wurde es aber mit Sicherheit vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer. Paris: Fr. Schoell; Tübingen: J. G. Cotta, 1807; vgl. hierzu Fiedler u. Leitner [wie Anm. 15], S. 234-247.

[5] Humboldt, Alexander von: Essai sur la géographie des plantes, accompagné d’un tableau physique des régions équinoxiales. Paris: Fr. Schoell; Tübingen: Cotta, 1805/7, S. 147-152.

[6] Humboldt, Alexander von (1810), Voyage de Humboldt et Bonpland. Première partie, Relation historique. Atlas pittoresque. Vues des Cordillères, et monumens des peuples de l’Amérique. Paris: chez F. Schoell, 1810, S. 200-202, hier in eig. Übersetung aus dem Französischen; eine gedruckte deutsche Übersetzung des Textes zu dieser Tafel existiert bisher nicht, vgl. Fiedler u. Leitner [wie Anm. 15], S. 146.

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