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Robert Hoffmann

Die Entstehung einer Legende.
Alexander von Humboldts angeblicher Ausspruch über Salzburg.

5. Zur Rezeption des angeblichen Humboldt-Zitats

Zunächst also einige Hinweise zur Rezeption des Humboldtzitats bis zum Ersten Weltkrieg. In Heinrich Dieters „Führer durch Salzburg und seine Umgebungen“, der bis über die Jahrhundertwende in zahlreichen Auflagen Verbreitung fand und dessen Titelblatt stets das Humboldtzitat zierte, setzte im Textteil schon bald die bedarfsgerechte Uminterpretation des Zitats ein. So heißt es ab der vierten Auflage, dass Salzburg mit Neapel und Constantinopel „nach des großen Humboldt begeisterter Schilderung“ den Ruhm teile, die „schönstgelegene Stadt“ der Erde zu sein.[1] Ab der sechsten Auflage von 1879 mußte sich das Humboldtzitat allerdings den Ehrenplatz am Titelblatt vorübergehend mit dem Salzburglob eines anderen prominenten Amerikareisenden teilen:

Wer die Tropen nicht sah, der eile nach Salzburg, zu

   schauen

Fülle und Pracht der Natur, fröhlich umwuchernd

  die Stadt.

Verfasser dieses kuriosen Distichons war Erzherzog Ferdinand Max, der spätere Kaiser von Mexiko.[2]

Heinrich Dieters Verlag verfügte naturgemäß nicht über das Copyright auf die Verwendung des Humboldtzitats, und so fand dieses binnen kurzem Eingang in beinahe alle Publikationen, die als Reiseführer, Stadtbeschreibung oder in sonst einer Form, die „schöne Stadt“ zum Thema hatten.[3] Das Zitat erwies sich im Dienste der Fremdenverkehrswerbung als von kaum überbietbarer Prägnanz, wenn es darum ging, Salzburgs Schönheit in nur einem Satz und mit der Autorität einer weltberühmten Persönlichkeit auf den Punkt zu bringen. Das Interesse für Humboldts tatsächlichen Salzburgbezug, also seine Aufenthalte in Salzburg, war dagegen zunächst nur gering. Erst unmittelbar vor dem Hundertjahrjubiläum seines sechsmonatigen Aufenthalts von 1797/98 entsann man sich der Chance, die Person Humboldts auch im räumlichen Gedächtnis der Stadt zu verankern. 1896 benannte Carl Leitner, Banquier und Besitzer von Schloß Mönchstein auf dem Mönchsberg, zur Erinnerung an Alexander von Humboldt, „welchen schon vor nahezu 100 Jahren Salzburgs Lage entzückte“, die von ihm erschlossene Klausenbastion in „Humboldt-Terrasse“ um. Außerdem ließ Leitner an diesem markanten Aussichtspunkt eine Marmortafel mit dem „Humboldtzitat“ anbringen.[4] Damit wurde die Erinnerung an Humboldt räumlich fixiert. Diese Tafel suggeriert seither allen unbefangenen Betrachtern, dass der berühmte Ausspruch an dieser Stelle gefallen ist. Im regionalen Kontext tritt die „Humboldt-Terrasse“ allerdings nicht als Erinnerungsort an den Gelehrten in Erscheinung, sie ist vielmehr berüchtigt wegen ihrer verhängnisvollen Anziehungskraft auf Lebensmüde.

Die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit „Alexander von Humboldts Aufenthalt in Salzburg“ erfolgte im Jahr 1900. Der Salzburger Altbürgermeister Gustav Zeller präsentierte vor der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde den Stand der damaligen Forschung. Zeller schloß seinen Vortrag mit den Worten: „Einem Alexander von Humboldt, der, begeistert von Salzburg’s Umgebung den leider heute nicht mehr nachweisbaren Ausspruch tat: (es folgte das Humboldtzitat) und der durch dieses Lob mächtig beigetragen hat, Salzburgs Naturschönheiten über alle Länder der Erde bekannt und berühmt zu machen – ihm wurde niemals dafür ein Dank gezollt, sein hiesiger Aufenthalt vielmehr nahezu vergessen!“[5]

Mit der Formulierung, daß Humboldts Ausspruch „leider heute nicht mehr nachweisbar“ sei, gestand Zeller zwar dessen unklare Provenienz offen ein. Indem er aber zugleich den Dank der Öffentlichkeit für Humboldts Salzburglob einforderte, wurden eventuell aufkeimende Zweifel an der Authentizität des Zitats sogleich wieder zerstreut.[6] Einer weiteren extensiven Verwendung des Zitats vor allem im Dienste der Tourismuswerbung stand damit nichts im Wege. Aber auch die Verfasser kunstgeschichtlicher oder historischer Studien übernahmen das angebliche Humboldtwort ohne große Skrupel. Nur wenige Autoren stellten Überlegungen darüber an, wann Humboldt den angeblichen Ausspruch niedergeschrieben oder geäußert haben könnte. Der Kunsthistoriker Heinrich Schwarz stufte in seiner 1926 erschienenen bahnbrechenden Studie über die künstlerische Entdeckung der Stadt und ihrer Landschaft im 19. Jahrhundert das Zitat zwar als authentisch ein. Er datierte seine Entstehung immerhin nicht – wie viele andere Autoren – auf die Jahre 1797/98: „Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts war Alexander von Humboldt mehr als ein halbes Jahr in Salzburg gewesen und hat sich später begeistert über das Land ausgesprochen“.[7]

Neben der wörtlichen Zitation kam zunehmend auch die freie Umgestaltung des Humboldtwortes – so kurz es im Original auch ist – in Mode: So schrieb der Schriftsteller Raoul Francé 1932 im Salzburgband der hochoffiziellen Reihe „Deutschösterreichs Städte“, „dass Alexander von Humboldt, der Weltreisende, Salzburg zu den fünf schönstgelegenen Städten der Erde“ gerechnet habe.[8] Friedrich Schönau (= Constantin Ramstedt) wiederum passte 1952 das Humboldtwort ungeniert dem Thema seiner Studie über Salzburg und Berchtesgaden in Kunst und Dichtung des 19. Jahrhundert an. Bei ihm lautet das Zitat: „Die Gegenden von Salzburg und Berchtesgaden, von Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde“.[9] In einer vor nicht allzu langer Zeit in hoher Auflage erschienenen Salzburger Heimatkunde schließlich konnte man lesen, dass Humboldt anlässlich seines Aufenthalts in Salzburg „vielleicht auch einmal auf jener Felskanzel am Mönchsberg hoch über dem Klausentor gestanden sein“ könnte, die man dann sehr viel später die Humboldtterrasse benannt habe. „Beim Anblick dieser seltsamen Stadt“ – schreibt der Autor Josef Brettenthaler – , „die da eingeengt zwischen dem wäldergrünen Kapuzinerberg und dem Mönchsberg lag, überragt von der altersgrauen Festung und verklärt im wehmütigen Glanze eines damals eben zu Ende gehenden vielhundertjährigen Fürstentums, kann es durchaus sein, dass Humboldt tatsächlich von hier aus zu seinem bekannten Ausspruch gekommen ist.“[10]

Die skurrilsten Auswüchse der Salzburger Humboldttradition finden sich freilich im neuen Medium Internet.[11] Dabei zeigt sich zum einen, dass dem Namen Humboldt nach wie vor eine beträchtliche Werbewirksamkeit beigemessen wird, zum andern, dass der Phantasie der Salzburger Tourismusbranche in der Auslegung des Zitats keine Grenzen gesetzt sind. Das neue Kongresshaus warb bereits vor seiner Fertigstellung mit dem Humboldt-Zitat, wobei man behauptete, daß der Ausspruch im Winter 1797/98 gefallen sei. Das passe auch hervorragend damit zusammen, dass die Salzburger Altstadt „fast genau 200 Jahre später (...) von der UNESCO zum ‚Weltkulturerbe’ ernannt“ wurde und seither somit auch offiziell zu den schönsten und daher schützenswertesten Plätzen dieser Welt“ zähle. [12]

Im Gegensatz zum Kongresshaus ist eine auf die Organisation von Tagungen spezialisierte Salzburger Agentur offenbar davon überzeugt, dass die gängige Version des Humboldtzitats so nicht stimmen könne. Bei ihr lautet es nämlich: Venedig, Konstantinopel und Salzburg gehören zu den schönsten Städten der Welt.“ Einige Hotels sind dagegen der Ansicht, dass man den potentiellen Gast am besten gar nicht mit konkreten Vergleichen verwirren solle und begnügen sich mit Sparversionen des Zitats, wie etwa: „Ich zähle die Gegend von Salzburg zu den drei schönsten Regionen der Erde“.[13] Mit einer besonderen Version wartet das sonst überaus seriöse Landespressbüro auf. So kann man im Rahmen einer kurzgefassten Geschichte des Bezirks Tennengau in der Salzburger Landeskorrespondenz lesen: „Der Tennengau gehört als südliche Randzone von Salzburg zu jener Landschaftskulisse, die der berühmte Humanist [sic!] Alexander von Humboldt in seinen Reisebeschreibungen euphorisch als einen der drei schönsten Plätze auf der Welt bezeichnete!“[14]

Kommentarlos und ohne Nennung des Namens sei die Direktorin eines der renommierten Salzburger 5-Stern-Hotels zitiert, die in einem Interview behauptet haben soll, es hätten „schon die Erzbischöfe gesagt, dass „Salzburg eine der drittschönsten [sic!] Städte Europas ist“.[15] Nicht alle Konsumenten lassen sich jedoch mit der in Tourismusprospekten weitverbreiteten Schrumpfversion des Zitats abspeisen. Als ein Leser des britischen „Guardian“ im Frühjahr 2000 nach der Lektüre eines österreichischen Tourismusprospekts die Frage aufwarf, welches die beiden anderen schönsten Städte der Welt nun denn seien, trafen in der Redaktion zahlreiche Hinweise ein. Sydney und Cape Town wurden unter anderem genannt, Prag im Winter – Siena im ganzen Jahr, ein Witzbold schlug Doncaster und Sunderland vor, zwei englische Bergbau- und Industriestädte. Wieder andere rieten davon ab, österreichischen Tourismusprospekten Glauben zu schenken. Eine Zuschrift aus Salzburg sorgte schließlich für Aufklärung.[16]

Noch zwei weitere Skurrilitäten dokumentieren den phantasievollen Umgang mit Humboldt in Salzburg: Hotel Schloß Mönchstein, das sich das „bezauberndste Stadthotel der Welt“ nennen darf, behauptet nicht nur, daß sich der „Poet“ Alexander von Humboldt voll des Lobes über dieses „Stück Paradies“ im Herzen Salzburgs geäußert habe. Humboldt findet sich außerdem im Verein mit Kaiserin Katharina von Russland (nicht die „Große“, Anm. d. Vf.), Dr. Kurt Waldheim, Luciano Pavarotti und Peter Ustinov auf der Liste der prominenten Gäste des Hauses.[17] Als letztes zitiere ich aus der Eröffnungsrede des früheren Verkehrsministers Caspar von Einem anlässlich eines Meetings der „European air transport industry“ vom April 1999: „Nun da Sie sich in Salzburg versammelt haben, sollten sie diese Stadt auch genießen. Salzburg wurde von einem berühmten Reisenden als eine der drei schönsten Städte dieser Erde bezeichnet; die anderen waren Venedig und Rio de Janeiro. Alexander von Humboldt hat dies im späten 18. Jahrhundert niedergeschrieben, als Globalisierung noch unbekannt war, als von Luftfahrt noch keine Rede war und Persönlichkeiten wie Sie noch die Zeit hatten, sich etwas anderes anzuschauen als Flughäfen, Hotels und Konferenzzentren“.[18]

 


[1] Führer durch Salzburg und seine Umgebungen. Mit besonderer Berücksichtigung von Berchtesgaden und Reichenhall. Vierte gänzlich umgearbeitete Auflage, Verlag von Heinrich Dieter, Salzburg 1876. Titelblatt: Neu: „Nach des großen Humboldt begeisterter Schilderung theilt Salzburg mit Neapel und Constantinopel den Ruhm, die schönstgelegene Stadt der Erde zu sein. In der That können sich wenige Städte einer nur annähernd gleich reizenden und grossartigen Umgebung rühmen“. (S. 4).

[2] Führer durch Salzburg und seine Umgebungen. Mit besonderer Berücksichtigung von Berchtesgaden und Reichenhall. Sechste verbesserte Auflage, Verlag von Heinrich Dieter, Salzburg 1879.

[3] Den Anfang machte: Adolph Bühler: Salzburg, seine Monumente und seine Fürsten. Historisch-topographischer Führer durch die Stadt und ihre Umgebung, Salzburg Mayrische Buchhandlung, 1873, 19.

[4] Salzburger Volksblatt, Nr. 109 v. 12.5.1896; 1907 wurde außerdem eine Seitenstraße in der Neustadt nach H. benannt.

[5] Zeller, Alexander von Humboldts Aufenthalt in Salzburg (wie Anm. 3), 66.

[6] Anläßlich verschiedener Humboldtjubiläen gedachte die Salzburger Presse mehrfach des Salzburgbesuchs des berühmten Weltreisenden, wobei – wie schon bei Zeller – Authentizität des Ausspruchs nie ernsthaft in Frage gestellt wurde. Vgl. z. B. Friedrich Breitinger, Rufer der Schönheit Salzburgs. Zu Alexander von Humboldts 175. Geburtstag, in: Salzburger Zeitung, Nr. 251, 14.9.1944; Alexander von Humboldt in Salzburg, in: Salzburger Volkszeitung, Nr. 221, 23.9.1949; ernsthaft in Frage gestellt wurde die Authentizität des Zitats von Em. Univ.-Prof. Dr. Franz Horak (Innsbruck) in einem Leserbrief v. 23.9.1997, in den Salzburger Nachrichten. (Für diese Hinweise danke ich Guido Müller.)

[7] Schwarz, Salzburg und das Salzkammergut (wie Anm. 13), 9.

[8] Raoul Francé: Landschaft um Salzburg. In: Erwin Stein (Hg.), Die Städte Deutschösterreichs. Bd. VIII: Salzburg; Berlin-Friedenau 1932, 25 – 30, hier 25; Francé stellt zudem die folgenden Überlegungen an: „Aber trotz gebührender Hochachtung vor Humboldts Größe sei es mir erlaubt, als einer, der auch alle schönsten Gegenden der Erde mit eigenen Augen gesehen hat, dieses Urteil etwas zu korrigieren. Denn sowohl die Schönheit Neapels wie die von Istanbul beruht auf ganz anderen Komponenten als die des Salzburger Naturbildes. Die beiden Seestädte können wohl miteinander verglichen werden, und da tut dann die Wahl wehe, aber Salzburg ist eine Eigenschönheit für sich und für unsere Stadt möchte ich denn doch sagen, sie sei schlechthin unvergleichlich“.

[9] Friedrich Schönau: Hochlandromantik um den Königsee. Die Unterberglandschaft von Salzburg und Berchtesgaden in Kunst und Dichtung des 19. Jahrhunderts, Berchtesgaden-Schellenberg 1952, 5; Schönaus Phantasie bei der Interpretation des Humboldtwortes kennt keine Grenzen: „Kein geringerer als Alexander von Humboldt hatte zum ersten Male den Ruf der Salzburger Landschaftsschönheit in die Welt erklingen lassen, als er sich im Jahre 1797 einige Monate zur naturwissenschaftlichen Erforschung der Untersberglandschaft hier aufhielt, (...). Diesem geistreichen Beobachter verdanken die Hochländer Salzburg und Berchtesgaden ihre ästhetische Gleichsetzung mit den weltberühmten Gegenden des Golfs von Neapel und Konstantinopel am Goldenen Horn. Sein Wort bekam Flügel, es eröffnete eine neue verhängnisvolle Epoche für die schon von der Totenstarre des heiligen römischen Reiches ergriffenen Gebiete der beiden Priesterstaaten von Salzburg und Berchtesgaden (...) Sein pathetischer Ausruf hat in seiner Kürze etwas von einer nüchtern objektiven Feststellung, einer wissenschaftlichen Klassifizierung an sich. Man ermisst die Resonanz seiner Worte, wenn man bedenkt, dass Humboldt von Jena, aus dem Kreise Schillers und Goethes kam, von Salzburg über Berchtesgaden nach Paris reiste, um den nächsten Winter (...) in Spanien zu verbringen und dann seine große Forschungsfahrt nach Ibero-Amerika anzutreten“. (S. 12)

[10] Josef Brettenthaler: Die Landeshauptstadt zwischen gestern und morgen. In: Unser Salzburg. Heimatkunde in Wort und Bild, 2 Aufl., Salzburg 1987, 19.

[11] Erhebungsstand Oktober 2000 , für HiN 12 überprüft im April 2006.

[13] Z. B. das ehemalige Hotel Dorint, heute Hotel Mercure Salzburg Kapuzinerberg (d. Red.: Zitat ist auf den neuen Seiten leider nicht mehr vorhanden!).

[18] http://www.bmv.gv.at/vke/speeches/air.htm (d. Red.: Link ist veraltet).

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Letzte Aktualisierung: 29 April 2006 | Kraft

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