Nicht alle gleich behandeln – Lehramtsstudierende entwickeln Fallstudien zum Umgang mit Diversität und sozialer Ungerechtigkeit in der Schule

Lehrer als Quereinsteiger unterrichtet vor einer Schulklasse. Das Foto ist von AdobeStock/Svitlana.
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Quereinstieg in den Lehrerberuf – Ergebnisse einer Studiengangsevaluation veröffentlicht

Als sich die Universität Potsdam vor einigen Jahren verstärkt der Inklusionspädagogik zuwandte, ging es nicht allein um das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung. Vielmehr war der neue Schwerpunkt ein Bekenntnis, sich in Bildungsforschung und Lehrkräftebildung entschiedener als bisher mit dem Unterrichten in heterogen zusammengesetzten Schulklassen zu befassen. Anzuerkennen, dass in einer von Migration, kulturellen, religiösen und sozialen Unterschieden geprägten Gesellschaft sehr diverse Lernvoraussetzungen bestehen, bedeutet einmal mehr, jedes Kind mit seinen Bedürfnissen, seinen Fähigkeiten und Begabungen individuell zu fördern. Es bedeutet aber auch,
das Miteinander der Schülerinnen und Schüler zu stärken, den respektvollen Umgang genauso wie die Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen und Probleme gemeinsam zu lösen.

Doch werden die künftigen Lehrkräfte ausreichend darauf vorbereitet? Sind sie in der Lage, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Unterricht wahrzunehmen und pädagogisch klug darauf einzugehen? Dieser Frage widmete sich ein
von der Hochschulleitung gefördertes „Innovatives Lehrprojekt“, das die Doktorandin Tuğçe Aral gemeinsam mit ihrer Kollegin Sharleen Pevec und der Dozentin Dr. Miriam Schwarzenthal umsetzte. Es orientierte sich am Konzept der sogenannten „Equity Literacy“ des US-Amerikaners Paul Gorski, das die Fähigkeit von Lehrkräften beschreibt, soziale Ungerechtigkeiten im schulischen Kontext zu erkennen und abzubauen. Das Seminar nahm vor allem sozioökonomische Ursachen in den Blick, aber auch Nachteile, die sich aus dem Migrationsstatus oder der Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung einzelner Kinder und Jugendlicher ergeben. Als ein besonders praxisorientierter Ansatz bot sich hier die Arbeit mit Fallstudien an, die die Studierenden nach Interviews mit Bildungsfachleuten selbst entwickelten und nun als publiziertes Arbeitsmaterial der Lehrkräfte-Aus-und Weiterbildung zur Verfügung stellen. Bei der Analyse der einzelnen Fälle kommt es nicht so sehr darauf an, die „eine richtige Antwort“ zu finden. Vielmehr sollen nach einem Schritt-für-Schritt-Modell Denkprozesse in Bewegung gesetzt und verschiedene Lösungsansätze diskutiert werden.

Ein Beispiel: Der elfjährige Ayo, dessen Eltern aus Nigeria stammen, zieht mit seiner Familie aus seiner Heimatstadt Berlin in eine brandenburgische Kleinstadt. Er vermisst seine Freunde und seine Lieblingslehrerin, versucht aber dennoch, sich in der neuen Schule schnell einzuleben. Mit den Kindern in der Klasse versteht er sich gut. Doch im Englischunterricht, wo er mit seinen muttersprachlichen Kenntnissen bislang immer zu den Besten gehörte, verliert er nach und nach die Motivation. Obwohl er stets die richtige Antwort weiß und eifrig mitarbeitet, bekommt er einfach kein Lob. Hält es die Lehrerin für selbstverständlich, dass er sein Wissen mit den anderen teilt? Als der Junge beginnt, sich nicht mehr am Unterricht zu beteiligen und stattdessen malt und seinen Banknachbarn ablenkt, wird er ermahnt: „Es ist schade, dass Du so unaufmerksam bist. Gerade in Englisch hättest Du die Chance auf eine gute Note.“

Im Original dieser Fallstudien haben die Studentinnen Linda Marie Riedel, Sarah Hottenrott und Gina-Luise Schrey die Situation ausführlicher beschrieben und bieten so zahlreiche Ansatzpunkte, das Problem gründlich zu analysieren. Das
vorgeschlagene Schritt-für-Schritt-Modell fordert zunächst dazu auf, die Ursachen des Problems zu erkennen und zugrundeliegende Ungerechtigkeiten zu benennen. Im zweiten Schritt gilt es, den Fall aus dem Blickwinkel aller beteiligten
Personen zu betrachten, aber auch die schulische, gesellschaftliche und bildungspolitische Perspektive zu diskutieren. Danach sollen Herausforderungen und auch Chancen identifiziert werden, um schließlich darüber nachzudenken, wie sich in diesem konkreten Fall Gerechtigkeit herstellen lässt. Mit Nachdruck wird hier auf den Unterschied von Equality und Equity hingewiesen. Alle Kinder gleich zu behandeln, sei nicht immer ausreichend, weil sie eben nicht den gleichen sozialökonomischen Hintergrund, die gleichen Ressourcen und Privilegien in der Gesellschaft haben, heißt es im Leitfaden für die Fallanalyse.

Studierende und Lehrkräfte, die sich künftig in der Aus- und Weiterbildung mit den 23 Fallstudien des Projekts befassen werden, kommen spätestens jetzt an den Punkt, an dem sie über konkrete Lösungen nachdenken sollen: kurzfristige, die die Situation sofort ändern, und langfristige, die etwa die Schulkultur nachhaltig verbessern. Erst dann, wenn alle Ideen ausgetauscht sind, geht es an den konkreten Handlungsplan.

Und wie sieht der in Ayos Fall an der brandenburgischen Grundschule aus? Was hätte hier anders laufen können? Die Autorinnen der Fallstudie stellen Fragen und äußern eigene Gedanken, um die Diskussion anzuregen: Wenn die Lehrerin den Jungen nicht lobte, weil sie an einen Muttersprachler höhere Erwartungen hat, warum kommunizierte sie dies nicht? Kannte sie seine Geschichte, seine Verunsicherung, die ein fremdes Umfeld, eine neue Schule mit sich bringen? Hätte nicht gerade er Lob und Anerkennung benötigt, um sein Selbstwertgefühl zu stärken?

Angesichts steigender Zahlen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund auch im ländlichen Raum empfehlen die Autorinnen, Vielfalt in der Schule stärker zu thematisieren, pauschalisierende Einstellungen zu reflektieren und mit Problemen von Rassismus und Diskriminierung verantwortungsbewusst umzugehen.

Für die Analyse in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften stehen die Fallstudien online zur freien Verfügung: https://diversitygrouppotsdam.wordpress.com/fallstudien-zu-diversitat-sozialer-ungerechtigkeit/

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).