Mehr als eine Utopie – Das House of One in Berlin wird drei Weltreligionen unter einem Dach vereinen

Die drei Geistlichen des „House of One“ Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg (v.l.n.r.)
Kadir Sanci
Photo : House of One/René Arnold
Die drei Geistlichen des „House of One“ Rabbiner Andreas Nachama, Imam Kadir Sanci und Pfarrer Gregor Hohberg (v.l.n.r.)
Photo : House of One/René Arnold
Kadir Sanci

„Es haben die richtigen Menschen zueinandergefunden“, sagt Kadir Sanci. „Das ist für mich ein Segen Gottes.“ Sanci ist Religionswissenschaftler an der Universität Potsdam und Imam im „House of One“, einer beinahe utopischen Initiative: Drei Gemeinden errichten mit der Unterstützung von Spenderinnen und Spendern ein interreligiöses Gotteshaus und vertreten darin exemplarisch Judentum, Christentum und Islam. Den drei Geistlichen, Rabbiner Andreas Nachama, Pfarrer Gregor Hohberg und Imam Kadir Sanci, geht es um nicht weniger als das friedliche Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Weltanschauung.

Der Sakralbau entsteht mitten in Berlin, am Petriplatz auf der Museumsinsel. Für die Stadtgeschichte ist dies ein besonderer Ort. Bezieht sich doch die erste urkundliche Erwähnung Berlins im Jahr 1237 auf die Petrikirche, die damals an diesem „Urort Berlins“, wie Kadir Sanci den Platz nennt, stand. Nach dieser ersten Petrikirche folgten weitere, die letzte musste in der DDR einem Parkplatz weichen. „Eigentlich ein Glücksfall“, sagt Sanci, denn so blieben die archäologischen Schätze unter dem Beton geschützt und kamen erst 2007 bei Grabungen ans Licht – darunter fast 4.000 Skelette aus den Gräbern des Kirchhofs. Damals begann sich die Stadt für den historischen Ort zu interessieren und sprach die Evangelische Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien an, ob sie ihn mit neuem Leben füllen wolle. Daraus entstand die Grundidee, ein interreligiöses Gotteshaus zu bauen. Allein ging es nicht, und so holte die evangelische die Jüdische Gemeinde zu Berlin mit dem Abraham Geiger Kolleg (AGK) ins Boot. „Unser Kolleg hat die Initiative für das House of One von Anfang an mitgetragen“, sagt der Direktor des AGK und Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka. „Denn unser Alltag zeigt, dass wir diese Plattform für Begegnung und Austausch brauchen: für Glaubende ebenso wie für Nichtglaubende.“ Schwieriger gestaltete sich zunächst die Suche nach einem islamischen Partner. Doch schließlich gelang es, mit dem Forum Dialog e.V. eine islamische Gemeinde in Berlin an Bord zu holen.

Ein internationaler Architektur-Wettbewerb sollte 2012 darüber entscheiden, welche Gestalt die Utopie annehmen wird. Als Sieger ging der minimalistisch-kühle Entwurf des Berliner Architekturbüros Kuehn Malvezzi hervor: Er bietet Synagoge, Kirche, Moschee und einen vierten Raum, den Kuppelsaal, für die Begegnung mit anderen Glaubensgemeinschaften und der Stadtgesellschaft. Der Grundstein wurde aber erst neun Jahre später, im Mai 2021, gelegt – die Berliner Bürokratie und die Corona-Pandemie waren dem Baubeginn in die Quere gekommen. „Doch der Betrieb ist schon da, auch ohne Haus“, sagt Kadir Sanci. „Und wenn es in drei Jahren steht, werden wir dort eine sichere Heimat haben.“

Der Religionswissenschaftler Kadir Sanci hatte schon sehr lange mit dem Amt des Imams geliebäugelt. „Als Grundschüler hatte ich zwei Ideen: Imam zu werden und einen Juwelierladen zu führen“, erzählt Sanci und schmunzelt. „Schon damals wollte ich wohl Geistliches und Weltliches verbinden.“ Nach der Schule studierte er zunächst Mathe und Physik auf Lehramt, wechselte dann aber zur Religionswissenschaft. Als Sanci anschließend im Selbststudium in Istanbul war, wurde er von einem Kollegen gefragt, ob er im Berliner Verein „Forum Dialog“ das House of One mitaufbauen wolle. So zog Sanci mit seiner Familie von Istanbul nach Berlin. Hin und wieder vernachlässigt der Doktorand seither seine Dissertation über die Vereinbarkeit von Säkularismus und Islam bei dem Potsdamer Religionswissenschaftler Johann Ev. Hafner. „Für einen guten Zweck“, erzählt Sanci und lächelt.

Das House of One sei mehr als ein religiöses Projekt, so der Imam. „Tourismus, Bildung, Kultur – alles drin.“ Im „archäologischen Fenster“, einer acht Meter hohen Halle, sind die Ausgrabungen am Petriplatz zu besichtigen; es wird außerdem ein Atelier, eine Bibliothek und Raum für Ausstellungen, Konzerte oder Konferenzen geben. Eine Stadtloggia gibt in 40 Metern Höhe den Blick über die Stadt frei. Schon jetzt halten Pfarrer Hohberg, Rabbiner Nachama und Imam Sanci Andachten – etwa zur Bundesversammlung oder zum Gedenken an das Attentat vom Breitscheidplatz. Dabei gestalten sie paritätisch ein Gebet. Die Gottesdienste wird jede Gemeinde im eigenen Raum mit ihren je eigenen Liturgien abhalten, „religiös unvermischt“, wie Sanci erklärt. In dem „Bet- und Lehrhaus“ sollen nicht nur die Festkalender der drei Religionen gepflegt werden, auch die interessierte Öffentlichkeit sowie Schulklassen und Studierende erhalten dort einen Einblick in die Welt des Glaubens. Bei Veranstaltungsformaten wie dem „Lesezeichen“ diskutieren wechselnde Gäste einmal monatlich aktuelle Themen, zum Frauentag am 8. März beispielsweise die Geschlechterverhältnisse in den Religionen.

„Außerdem sind wir für Behörden und Institutionen wichtige Ansprechpartner geworden“, sagt der Religionswissenschaftler. Als Partner des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ engagiert sich die Stiftung House of One gegen Antisemitismus und Diskriminierung. Und sie gibt wissenschaftlichen Input beim Berliner Projekt „streetwork@online“, das Jugendliche im virtuellen Raum vor religiöser Radikalisierung schützen soll. Sanci kann sich gut vorstellen, die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Stiftung mit der Uni Potsdam weiter auszubauen. „Wir haben so viele Anknüpfungspunkte, auch mit dem Potsdamer Forum Religionen im Kontext.“

Der Dialog, den das House of One in Gang setzt, finde auf mehreren Ebenen statt: zwischen den Geistlichen und ihren Gemeinden, mit anderen Konfessionen sowie mit anderen Religionen und säkularen Gemeinschaften. Der Austausch zwischen den drei Geistlichen sei sehr befreiend, erzählt der Imam und Wissenschaftler. „Nach jeder Andacht, die wir zusammen gestalten, gehe ich mit mehr Energie aus dem Kreis heraus.“ Der Verständigung zuliebe haben die drei „vorgesorgt“, wie Sanci beschreibt, und eine Charta entwickelt, mit der sie sich unter anderem der Gewaltlosigkeit, der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann und der Nachhaltigkeit verpflichten. „Bei uns herrscht eine Kultur des Respekts und alle, die dazukommen, müssen diese Werte mittragen.“

Die friedensstiftende Mission des Hauses steht jedoch schon auf dem Prüfstand, bevor es überhaupt errichtet ist. Oder anders gesagt: Allein der Versuch, alle an einen Tisch zu bringen, ist Teil der Verständigungsarbeit, die die Beteiligten leisten. Als vor über zehn Jahren nach Gleichgesinnten gesucht wurde, hatte Ditib, die größte islamische Gemeinschaft in Deutschland, ihre Teilnahme nur unter der Bedingung zugesagt, der einzige muslimische Verband im House of One zu sein. „Daher haben wir die Suche fortgeführt.“ Sanci besuchte über Wochen jeden Freitag unterschiedliche Moscheegemeinden in Berlin, trank Tee mit den Imamen – und fragte sie, ob sie mitmachen wollten. „Entweder es hieß: Auch wenn ich es versuchen würde, kann ich es meiner Gemeinde nicht erklären. Oder: Das ist alles schön und gut, aber es ist nur eine Utopie und kann niemals funktionieren.“ Besonders der jüdisch-islamische Dialog war für die muslimischen Gemeindevorsteher damals schwer vorstellbar gewesen.

Der Religionsphilosoph Walter Homolka betont dagegen die Gemeinsamkeiten zwischen den drei monotheistischen Glaubensgemeinschaften: „Wir alle wissen, dass Juden und Christen Geschwister im Glauben sind. Aber vielen ist nicht bewusst, dass es auch zwischen Juden und Muslimen große Berührungspunkte gibt: Wir sind uns einig in unserem Gottesbild, unserer Vorstellung von Offenbarung und von Gottes Geboten.“ Und tatsächlich gebe es nach zehn Jahren Verständigungsarbeit heute viele Imame, die mit Rabbinern in engem Kontakt seien, erzählt Kadir Sanci. Er meint, dass dies auch der Pionierleistung der Stiftung „House of One“ zu verdanken sei.

Den Religionswissenschaftler Johann Hafner, der seit einigen Jahren Stiftungsratsmitglied ist, überrascht es nicht, dass nicht jede religiöse Gruppe zum Dialog bereit ist. „In jeder Glaubensgemeinschaft trennen sich die Dialogbereiten von Nicht-Dialogbereiten.“ Immer gebe es Konfessionen oder Gemeinden, die es nicht gutheißen, dass man sich an einen Tisch setzt oder miteinander betet. „Die friedenstiftende Kraft des Projekts besteht eben darin, dass sich die dialogbereiten Teile der Religionen verständigen“, ist Hafner überzeugt. Das House of One werde von großem Rückendwind getragen. „Es ist die richtige Zeit und der richtige Ort für dieses Gotteshaus. Wir erleben viel gesellschaftliche Sympathie – schließlich gibt es so etwas in ganz Europa nicht: ein Sakralbau, der von drei Religionen getragen wird.“

 

Dieser Text erschien (in gekürzter Fassung) Portal - Eins 2022 „Diversity“ (PDF).