Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer

Eine Kooperation zwischen der Universität Potsdam und der Université Bordeaux Montaigne


Wird heute in den Medien oder der Politik von den deutsch-französischen Beziehungen der Nachkriegszeit gesprochen, so geht es meist um de Gaulle und Adenauer, den Elysée-Vertrag oder das Deutsch-Französische Jugendwerk. Die ‚andere‘ Seite der deutsch-französischen Freundschaft wird häufig unterschätzt. Frankreichs Verbindungen zum ‚anderen‘ Deutschland sind bis 1973 durch die Nicht-Anerkennung der DDR und damit fehlende offizielle politische Kooperation geprägt. Umso bedeutsamer waren kulturelle und lokalpolitische Beziehungen.

Die ersten ostdeutsch-französischen Städtepartnerschaften entstanden schon 1959 – 27 Jahre vor den ersten deutsch-deutschen Partnerschaften. Französische Stars wie Mireille Mathieu oder Gilbert Bécaud traten in Shows der DDR auf, Filme mit Louis de Funès liefen in den Kinos, Camus und Sartre wurden in den Französischlehrbüchern präsentiert. In Frankreich rezipierte man Brecht, das Berliner Ensemble spielte mehrfach in Paris, DDR-Delegationen wurden beim Filmfestival in Cannes empfangen. Als einziger westlicher Staat eröffnete Frankreich ein Kulturzentrum in der DDR. Insbesondere die Parti Communiste Française und zivilgesellschaftliche Organisationen wie die 1958 gegründete Échanges franco-allemands engagierten sich für engere Zusammenarbeit. Zu keinem anderen kapitalistischen Land führte die DDR so weitreichende Beziehungen wie zu Frankreich.

Wieso spielte ausgerechnet Frankreich eine so bedeutsame Rolle für die DDR? Wie vollzog sich der Drahtseilakt der DDR zwischen Öffnung und Abgrenzung? Wie entstanden die Städtepartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR und welche Aktivitäten wurden durchgeführt? Wie lehrte man in den Schulen der DDR die Sprache eines Landes, das man selbst in den meisten Fällen nie bereisen durfte? Wie kam es dazu, dass jedes Jahr zahlreiche französische Kinder und Jugendliche in den Ferienlagern der DDR Urlaub machten?

Poster: Frankreich und die DDR
Foto: UP

Im Rahmen des bilateralen Lehrprojektes zwischen der Universität Potsdam und der Université Bordeaux Montaigne unter der Leitung von Anne Pirwitz und Charlotte Metzger gingen Studierende diesen und weiteren Fragen nach.

Im Fokus stand die menschliche Seite dieser politisch gewollten und beeinflussten Beziehungen. Es ging um die Nischen in der Gesellschaft, die sich durch den ostdeutsch-französischen Austausch entwickelten, um die Hürden vor denen ihre Akteur*innen standen, um die Potentiale, die sich ihnen dadurch boten und um die kleinen „Inseln der Freiheit“ die sich für die Beteiligten herausbildeten.

Den ersten Höhepunkt des Projektes stellte die Tagung „Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer“ dar, die als hybrides Format am 06.12.2021 im Bildungsforum Potsdam mit 90 Gästen stattfand. Den Tagungsbericht finden Sie hier

Poster: Frankreich und die DDR
Foto: UP
Tagung Frankreich und die DDR
Foto: Tobias Hopfgarten
Tagung „Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer“ am 06.12.2021

Im Anschluss an die Tagung führten die Studierenden Interviews mit Zeitzeug*innen, gestalteten Ausstellungsplakate, erwarben in vom MIZ Babelsberg geleiteten Workshops Grundkompetenzen der Medienproduktion und drehten dokumentarische Beiträge für die Sendung „Kulturen im Fokus“.

Der 30-minütige deutsch-französische Dokumentarfilm und die begleitende Plakatausstellung wurden erstmals am 07.05.2022 am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB) anlässlich des Potsdamer Tages der Wissenschaften präsentiert.

Vom 16.05.2022 bis 20.05.2022 reisten die Potsdamer Studierenden nach Bordeaux, wo sie ihre französischen Projektpartner*innen persönlich kennenlernten. Gemeinsam präsentierten sie ihren Film und die Ausstellung am 19.05.2022 im Goethe Institut Bordeaux. Weitere Informationen finden Sie hier.

Tagung Frankreich und die DDR
Foto: Tobias Hopfgarten
Tagung „Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer“ am 06.12.2021


Screenshot video DDR und Frankreich

Film zum Thema „Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer“

Den von Studierenden der Universität Potsdam gedrehten Film zum Thema „Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer“ finden Sie hier.

Für ein Folgeprojekt sind wir weiterhin auf der Suche nach Zeitzeugen-Berichten. Haben auch Sie zu DDR-Zeiten Kontakte nach Frankreich gepflegt? Konnten Sie im Ferienlager französische Kinder kennenlernen oder erhielten Sie durch Städtepartnerschaften Einblicke in die lokalpolitischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR? Konnten Sie als Französin oder Franzose von einem der zahlreichen Angebote, in die DDR zu reisen profitieren? Jegliche Erfahrungsberichte sind interessant für uns. Kontaktieren Sie uns unter: apirwitzuni-potsdamde