Portemonnaie der Zukunft

Von Michael GneussAm 07.08.05 erschienen in "Welt am Sonntag"


Mit dem Handy können Bezahlvorgänge verbraucherfreundlicher werden. Erste Anwendungen gibt es bereits. Experten glauben an den Durchbruch.

Haben Sie schon einmal eine SMS von ihrem Parkplatz bekommen? Nein? Für viele klingt es sicherlich etwas abwegig. Aber das ist es absolut nicht. Bald könnte es ein alltägliches Ereignis sein, wenn während des Wühlens auf dem Grabbeltisch das Handy den Ablauf des Parkscheins vermeldet. Die Schnäppchenjagd muß nur für ein paar Sekunden unterbrochen werden und schon ist das Ticket verlängert. Das Risiko, einen Strafzettel wegen des Überschreitens der Parkzeit zu erhalten, ist mit Hilfe des Handys minimiert.

Mit solchen Szenarien versuchen Lösungsentwickler, das Handy als elektronische Geldbörse interessant zu machen. Mit Erfolg: Vor allem dann, wenn Technologie den Bezahlvorgang mit zusätzlichen Services - wie zum Beispiel die Erinnerungs-SMS - anreichert, hat das Handy beste Chancen beim Verbraucher als Instrument für den Zahlungsverkehr akzeptiert zu werden, meint Martin Schurig, Vertriebsleiter von der Münchner Firma Tecways AG, einem Anbieter von Telekommunikationslösungen. "Das ist eine schicke Lösung, die im Lifestyle gut verankert ist", so Schurig.

In die gleiche Richtung zielt auch das Check-in-check-out-Verfahren, das sowohl in der Parkraumbewirtschaftung als auch im öffentlichen Personennahverkehr erprobt wird. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) erprobt in einem Pilotprojekt das Handy als den Fahrschein der Zukunft.

Beim Ein- und Aussteigen hält der Fahrgast sein Handy einfach vor ein Lesegerät. Am Monatsende erhält er eine Liste mit allen abgerechneten Fahrten, der Betrag wird per Lastschriftverfahren vom Konto des Kunden abgebucht.

Der Clou ist, daß das System den günstigsten Tarif automatisch errechnet. Der Fahrgast muß also nicht im voraus abschätzen, ob sich eine Monatskarte wirklich lohnt. "Wir wollen einerseits die Vertriebskosten senken, vor allem aber den Zugang für den Kunden so einfach wie möglich machen", erklärt RMV-Sprecherin Petra Eckweiler.

Auch in Köln, Bonn, Osnabrück und Hürth kaufen Fahrgäste im Personennahverkehr bereits Tickets per Handy. Beim System der Hamburger Firma Teltix erhält der Fahrgast nach dem Anruf einer kostenlosen Telefonnummer eine SMS mit der Fahrkarte, die er bei einer Kontrolle vorzeigt.

In einer Reihe von Städten werden bereits Parkscheine per Handy gelöst. In Saarbrücken, Neunkirchen und Wiesbaden kommt das Mopas-System von Moltomedia zum Einsatz. Nach einmaliger Registrierung ruft der Nutzer bei Ankunft und Abfahrt kostenlos das System an, das per SMS Parkdauer und Gebühr mitteilt. Auf Wunsch erhält der Parker vor Ablauf der Höchstparkdauer eine Kurzmitteilung zur Erinnerung. Abgebucht wird über die Mobilfunkrechung oder über ein Kundenkonto. Kontrolleure nutzen einen Taschencomputer, der online die Kennzeichen aller regulär parkenden Autos erhält.

Der Bedarf an solchen Systemen ist da, meint Key Pousttchi, Leiter der Arbeitsgruppe Mobile Commerce am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Systems Engineering der Universität Augsburg. Im Moment seien allerdings alle Verfahren Insellösungen, kritisiert der Wissenschaftler. "Um Mobile-Payment auf breiter Front zu etablieren, müssen die Mobilfunknetzbetreiber und die Banken zusammenarbeiten", sagt Pousttchi.

Die Chancen dafür bewertet er inzwischen aber als gar nicht so schlecht. Hintergrund: Das Unternehmen Simpay, das von führenden europäischen Mobilfunkbetreibern vor zwei Jahren gegründet wurde, um Mobile-Payment aus der Taufe zu heben, hat im Juni seine Aktivitäten eingestellt. Nicht nur Pousttchi hält das Scheitern für eine Chance. Allgemein überwiegt unter Experten die Einschätzung, daß jetzt der Weg frei sei, um auch mit den Banken eine breit angelegte Lösung zu etablieren.

Wie die aussehen könnte, hat Pousttchi mit seinem Institut bereits erarbeitet. Für ihn geht es vor allem darum, die Fehler der Vergangenheit abzustellen. "Die Bedürfnisse des Kunden werden viel zu sehr außer acht gelassen", moniert der Augsburger.

Verbrauchern geht es nicht darum, welche Technologien hinter dem Zahlvorgang stehen. Um simple Funktionsfähigkeit und Transparenz geht es, haben die bayerischen Wissenschaftlicher in Studien herausgefunden. "Und dazu muß eigentlich nichts neu erfunden werden", so Pousttchi. Bezahlung über die Handy-Rechnung, EC-Karten- und Geldkarten-Funktionalität müßten nebeneinander über das Mobiltelefon zur Verfügung stehen. Pousttchi glaubt, daß dann auch die Geschäftsmodelle sowohl für Netzbetreiber als auch für Banken attraktiv sind. Die Kreditinstitute könnten von den ungeliebten EC-Karten-Zahlungen per Unterschrift, an denen sie nichts verdienen, wegkommen. Die Zahlung würde per Pin-Eingabe auf dem Handy bestätigt. Die Netzbetreiber verdienen zum Beispiel an den SMS, die durch Zusatzfunktionen generiert werden.

Doch das Problem ist, daß sich in Deutschland gerade bei den Banken viele Manager mit innovativen Lösungen aus dem Mobile-Banking oder -Payment die Finger verbrannt haben und nun davor zurückschrecken, einen neuen Anlauf zu unternehmen. So hat auch die Firma Paybox in Deutschland noch nicht viele gute Erfahrungen gemacht. Ralph Meister, Vorstand für Marketing und Vertrieb bei der Paybox Solutions AG, ist daher skeptisch, daß in Deutschland schnell ein neuer erfolgversprechender Anlauf unternommen wird. "Es gibt niemand, der das Thema hier wirklich vorantreibt."

In Österreich ist das anders. Dort nimmt der Mobilfunkbetreiber Mobilkom Austria für sein A1-Netz die Paybox-Plattform in Anspruch und ermöglicht seinen Kunden mobile Zahlverfahren zum Beispiel für den Kauf von Konzerttickets, Park- oder Fahrscheinen. "Eine Goldgrube ist das noch nicht", weiß auch Meister.

Doch in Österreich herrscht inzwischen ein brutaler Wettbewerb unter den fünf Mobilfunknetzbetreibern, die um die acht Millionen Einwohner im Alpenstaat rangeln. In Deutschland kämpfen vier Operatoren in einem Land mit 80 Millionen Bewohnern. "Der Druck, verbraucherfreundliche Lösungen und zukunftsweisende Dinge einzuführen, ist in Österreich einfach größer", erklärt Paybox-Manager Meister.