Bayern Forscht: Kleine Genies - Immer dabei, immer bereit: Handys sollen künftig noch mehr können

Von Monika GoetschAm 18.01.08 erschienen in Bayerische Staatszeitung


Mobiltelefone sind ein einträgliches Geschäft - mit dem Handy bezahlen kann man allerdings kaum. Dabei wünschten sich viele Menschen hierzulande ein Ende des Ärgers mit fehlenden Münzen für Parkuhr und Schließfächer. Aber Banken und Mobilfunkanbieter weigern sich, an einem Strang zu ziehen, kritisiert der Wirtschaftswissenschaftler Key Pousttchi von der Uni Augsburg. Natürlich ist das Mobiltelefon herkömmlichen Zahlungsarten nicht grundsätzlich überlegen. Aber es gibt Bereiche, in denen es für Kunden besonders interessant wäre, per Tastendruck ins Geschäft zu kommen. Deshalb könnte die Einführung von Mobile Payment vor allem an Automaten ein voller Erfolg werden.

Vielleicht entstehen neue Ideen und Produkte auf dem Markt ja immer noch so wie zu Beginn des Internets, in dessen Urzeit, als es noch kein ebay gab und kein amazon und kein Second World: In Kellern und Garagen und überall dort, wo man systematische Produktentwicklung nicht vermuten würde, beim Tüfteln und Ausprobieren. Ohne eine Institution, die draufschaut. Ohne Wiedervorlagemappen und Konferenzmarathons und Auseinandersetzung mit all den Skeptikern und Zweiflern, die vernichten, worin vielleicht der Keim einer Innovation stecken könnte. An Orten, wo quer gedacht werden darf und muss. Key Pousttchi jedenfalls ist davon überzeugt: Innovationen, die das Handy betreffen, werden aus solchen kreativen Zellen kommen, nicht von den Firmen selbst, seien die Anstrengungen auch noch so groß; Entwicklung sei schließlich nicht deren „Kerngeschäft“. Junge, unabhängige Leute mit guten Ideen und viel Engagement gibt es dagegen genug. Insofern könnte ein großer Markt an Anbietern entstehen, die den Konsumenten mit immer attraktiveren, per Handy abrufbaren Angeboten verlocken. Wäre nicht der Markt gleichzeitig ein so schwieriger, hemmender. Der Augsburger Wissenschaftler Pousttchi, der seit 2001 die Arbeitsgruppe Mobile Commerce am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Systems Engineering der Uni Augsburg leitet, lässt die Phantasie spielen: Würden sich heute zwei Studenten in seiner Vorlesung an der Universität langweilen und aus eben dieser Langweile auf eine ganz besondere Geschäftsidee kommen, auf ein mobiles Angebot, das die Welt noch nicht gesehen hat, die Idee landete noch im Hörsaal im Papierkorb. Denn wie könnten sie eine Firma gründen und den neuen Dienst anbieten? Wie direkte Erlöse erzielen? Im Moment, meint Pousttchi, sei das schier unmöglich. An einem erfundenen Beispiel erläutert er, warum: Hätte eine Gruppe engagierter Leute die geniale Möglichkeit, einen Menschen sicher aus einem Autobahnstau zu dirigieren, weil sie über alle relevanten Informationen verfügten und die Umleitung mit hundertprozentiger Sicherheit berechnen könnten, und verlangten sie hierfür 99 Cent, erzielten sie derzeit lediglich zehn Cent Gewinn.

Reformstau ist überall

Zwei Drittel des Geldes, das ihnen zustünde, zögen die Mobilfunkbetreiber ab. „Tolle mobile Dienste und keine Chance, daraus ein Geschäftsmodell zu machen: So bleiben Ideen auf der Strecke.“ Die Herausforderungen des mobilen Bezahlens, meint Pousttchi, „liegen derzeit nicht im technischen, sondern im wirtschaftlichen Bereich“. Sein Ziel: ein vernünftiges „Mobile Payment“-System, das dem Endverbraucher ermögliche, nur für einzelne Dienste zu bezahlen, und dem Anbieter eines mobilen Dienstes eine angemessene Vergütung bietet. Das aber sei noch Utopie - trotz aller Versuche, Banken und Mobilfunkanbieter an einen Tisch zu bringen und ertragreiche Konditionen zu entwickeln. Reformstau also auch hier, in einer der neuesten boomenden Technologien, die noch dazu auf reges Kundeninteresse stößt Immerhin könnte es für die Entwicklung des „Mobile Payments“ von Vorteil sein, so einen wie Pousttchi zu haben, einen der führenden Experten auf diesem Gebiet, der weder in der Industrie arbeitet, noch aus dem unmittelbaren Universitätsumfeld stammt. Nicht, dass Pousttchi keinen Sinn hätte für die Erfordernisse des Wissenschaftsbetriebs, all die Messungen und Prüfungen der Ergebnisse, die Qualitätskontrollen. Wie also den Markt ankurbeln für den kreativen Nachwuchs? Eine der Fragen, die sich Pousttchi und sein Augsburger Uniteam stellen („wir stehen mit einem Bein in der Industrie, aber nur mit einem“) gilt den Möglichkeiten, umstandslos mit dem Handy zu bezahlen, für Dienste, die das Handy selbst stellt ebenso wie an Automaten und anderen Orten des üblichen Geldverkehrs. Wäre der Bezahlvorgang optimiert, könnte das auch künftigen Anbietern den Sprung auf den Markt zu erleichtern - „Mobile Commerce“ würde florieren. Schließlich besitzt inzwischen fast jeder ein Handy. Selbst viele ältere Menschen hat der Trend eingeholt, das Sicherheitsbedürfnis siegt über die Furcht vor neuer Technik und deren ungeheures Kränkungspotenzial für den, der sie nicht beherrscht. So ein kleiner, verlässlicher Partner ist ein Handy, immer dabei, meist aktiv, ungeheuer beliebt bei seinem Besitzer, dem es auch als Prestigeobjekt und Nachweis höheren Geschmacks taugt - da ist es für die Industrie schon verlockend, das trendige Gerät unablässig mit neuen Funktionen auszustatten, an denen man gut verdienen kann. Und tatsächlich kommen laufend Möglichkeiten hinzu, von denen man früher nicht zu träumen gewagt hätte. Man kann damit fotografieren und kleine Film drehen, ins Internet einsteigen und sogar fernsehen (was eigentlich keiner macht), Logos, Klingeltöne und ein paar andere Dinge kaufen, die auch oft unseriös sind. Mit alldem, so Pousttchi, lasse sich viel Geld machen. Aber andere Bezahlvorgänge mit dem Handy zu erledigen, das ist in Deutschland, anders als zum Beispiel in Spanien, bislang noch nicht wirklich angekommen. „Kaum einer nutzt bislang die Möglichkeiten von Mobile Payment“. Man lese viel darüber in der Presse, „aber wenn man die Nutzungszahlen sieht, wird einem Angst und Bange“. Mobile Payment: Das ist qua Definition ein Vorgang, in dem Bezahlvorgänge abgewickelt werden, „bei denen im Rahmen eines elektronischen Verfahrens mindestens der Zahlungspflichtige mobile elektronische Kommunikationstechniken im Verbindung mit mobilen Endgeräten für Initiierung, Authentifizierung oder Realisierung der Zahlung einsetzt.“ Einfacher gesagt: Wer mit dem Handy bezahlt, betreibt Mobile Payment, wer mit dem Laptop bezahlt, nicht. Um es gleich vorweg zu schicken: Natürlich verhält es sich mit dem Handy so wie mit anderen technischen Neuerungen auch: Viele Menschen nutzen die Funktionen ihrer Geräte nur teilweise: Den Computer so ähnlich wie früher die Schreibmaschine, vielleicht um eine gelegentliche Googelei erweitert. Die kleine Filmkamera eben als Filmkamera, nicht aber, um Standbilder zu isolieren. Und das Handy zum Telefonieren, zum Angerufen werden, besonders Mutige: zum Verschicken von SMS. Diese technikfernen Menschen vom Nutzen des Mobile Payment zu überzeugen, gleicht dem Versuch, Sauerbier zu verkaufen: Es ist verlorene Liebesmüh. Aber immerhin: eine im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums 2004 von Pousttchi durchgeführte Studie ergab, dass 49,6 Prozent der Deutschen gern mit Handy bezahlen würden. Denn es gibt sie ja, die technikaffineren Menschen, meist zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt, interessiert an elektronischen Spielereien genauso wie an praktischen Antworten auf bislang wenig praktisch gelöste Fragen. Also haben Pousttchi uncl seine Mitarbeiter an der Augsburger Universität Menschen befragt, in welchen Bereichen sie sich vorstellen könnten, das Handy zum Bezahlen einzusetzen (siehe auch Seite 8). Denn einer der Gründe, so Pousttchi, warum in Deutschland das Mobile Payment nicht floriere, sei, dass man nicht vernünftig erhoben habe, wo Handynutzer wirklich per Handy zahlen wollen. Und wo sie mit Geldkarte, EC-Karte und Bargeld einfach zufrieden sind. Vor allem die so genannten „Automatenszenarien“, Interaktionen also zwischen Mensch und Maschine, regten die Phantasie der Befragten an und erhielten besonders viel Zuspruch. In jenem heiklen Moment zum Beispiel, in dem der Reisende sich mit riesengroßem, unhandlichem Gepäckstück so fürchterlich allein gelassen fühlt: Hätte er doch beizeiten voraus gedacht und ein paar Münzen bereit gehalten, um dieses Fach, in das er gerade seinen Koffer geschoben hat, verschließen zu können! Er steht also da und sieht bereits vor sich, wie ihn die Dame am stark frequentierten Zeitschriftenkiosk abschmettert, wenn er von ihr verlangt, einen großen Schein in viele kleine Münzen zu tauschen. Eine Situation zum Verzweifeln. In dieser prekären Lage wäre es einfach genial, wie Pousttchi träumt, das Handy einfach ans Schloss zu halten, eine Taste zu drücken -und schwupp schlösse sich das Fach, der Betrag würde automatisch von einem der ans Handy gekoppelten Konten abgebucht werden.

Die Erleichterung könnte so groß sein

Welche Erleichterung würde es darüber hinaus bedeuten, Bahnfahrkarten und Fahrkarten des öffentlichen Nahverkehrs künftig per Handy aus dem Automaten ziehen zu können. Häufig genug versagt, wie auch der vielreisende Pousttchi bemerkt hat, die Technik, wenn es gilt, per Kreditkarte vorbestellte Tickets zu ziehen. Und der Geldchip erschwere oft den Einkauf mehr, als dass er ihn erleichtere, schließlich muss er beizeiten (und wann ist: beizeiten?) aufgeladen werden an strategisch nicht immer günstigen Orten. Pousttchi erinnert sich an einen solchen Bezahlvorgang am Augsburger Bahnsteig, der Zug fuhr gerade ein, die Metallklammer des Automaten allerdings hielt seine Karte fest, die Transaktion konnte, so ist das bei Chipkarten, nicht abgebrochen werden - mit dem Ergebnis, dass der Zug ohne den Forscher an Bord abfuhr. Auch Parktickets und - es gibt sie schließlich noch - Zigaretten ließe die übergroße Mehrheit der technikaffinen Befragten gern per Handy aus den Automaten. Tatsächlich ist das eine attraktive Vorstellung: die Unabhängigkeit von der Münze. Für die Einführung solcher Neuerungen allerdings gilt: „Man muss mit dem Begehrtesten anfangen“. Mit der Automateninteraktion im Niedrigpreissegment also. Danach, so Pousttchi, könne man die Möglichkeiten des Mobile Payment auch in jenen Bereichen nutzen, die zunächst etwas weniger attraktiv scheinen. Zudem ist man in seiner Arbeitsgruppe überzeugt, dass „nur Bezahlverfahren, die für den Nutzer weitgehend kostenfrei sind“ eine Zukunft haben. Aber: „In Deutschland fehlt eine durchdachte Strategie von Banken und Mobilfunkanbietern.“ Wenn nicht alle an einem Strang zögen, entstünde das bekannte „Henne-Ei-Problem“, so Pousttchi: Man biete eine neue Bezahlmethode an, aber der Händler akzeptiere den Mehraufwand nicht, weil noch so wenige Menschen die neue Bezahlmethode in Anspruch nähmen. Die Käufer wiederum wehren sich gegen die neue Bezahlmethode, weil zu wenig Händler sie akzeptieren. Man dreht sich im Kreis, die Bewegung heißt: Stillstand. Der Markt ist fragmentiert. Statt zusammenzuarbeiten, schimpft Pousttchi, würden unüberlegte Verfahren auf den Markt geworfen, die niemandem Vorteile bringen. Im Discounter per SMS den Inhalt des Einkaufswagens bezahlen: „Ein Anfängerfehler. Die Tipperei dauert Stunden. Hinterher hat man einen blauen Rücken. Weil die Oma in der Schlange einem mit dem Stock draufhaut. Zu recht.“ Auch den Schweizer Vorstoß, die Tagesschau aufs Handy zu laden, bezeichnet Pousttchi als „Luftblase“: „Wer will schon täglich die Tagesschau auf dem Handy anschauen?“ Hin und wieder allerdings wäre das sicher für den Kunden attraktiv. „Aber dann kommt man mit einem Abonnement, wie es die Schweizer anbieten, nicht weiter.“ Aller Kritik an mangelnder Kooperationen zum Trotz ringen Pousttchi und seine Leute weiter um Lösungen. Seine Arbeitsgruppe ist auch Mitglied des Internationalen Konsortiums von SEMOPS (Secure Mobile Payment Service International Introduction), einem Projekt der Europäischen Union. Ziel des flexiblen Geschäftsmodells ist die Einführung eines pan-europäischen, sicheren mobilen Zahlungssystems. SEMOPS will die Zusammenarbeit zwischen Banken und Mobilfunkanbietern fördern und Ergebnisse auf den Weg bringen, die dem Kunden das Leben nicht, wie so manche technische Neuerung, komplizierter, sondern einfacher machen. In Deutschland, wo sich die Banken „beobachtend“ verhalten, erwartet Pousttchi demnächst Weiterentwicklungen vor allem von den Anbietern Vodafone und O2. Die allerdings haben nur dann eine Chance, wenn sie für den Kunden einen „unmittelbaren Nutzen“ garantieren können. Ob das so ist, bezweifeln die Forscher allerdings bislang.