PNN: An der Schwelle zur digitalisierten Wirtschaft

Am 02.03.2016 ist in den Potsdamer Neuste Nachrichten ein Artikel über die Arbeit von Prof. Dr. Key Pousttchi an der Universität Potsdam erschienen. Potsdamer Neueste Nachrichten, 02.03.2016, S. 21

An der Schwelle zur digitalisierten Wirtschaft

von Richard Rabensaat

 

Key Pousttchi ist seit 2015 Inhaber des SAP-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Uni Potsdam

Die „digitale Revolution“ ist noch lange nicht zu Ende, da ist sich Key Pousttchi sicher. Wenn der Wissenschaftler heute seine Studierenden fragt, wer noch kein Smartphone habe, meldet sich niemand. 60 Jahre benötigte das Telefon, bis jeder Haushalt über eines verfügte. In nur 30 Jahren vollendete der „PC“ seinen Siegeszug. Das Mobiltelefon war schon nach 15 Jahren in den Händen nahezu aller Verbraucher, so Pousttchi. 

Key Pousttchi ist seit 2015 Inhaber des SAP-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung. Sein Forschungsgebiet ist die Verbreitung mobiler Technologien und Bezahlsysteme. Pousttchi konzentriert sich auf die digitalen Wandlungsprozesse. Das Forschungsgebiet ist neu und in Deutschland wohl einmalig. Der digitale Wandel ist erst in Ansätzen in der globalen Wirtschaft zu erkennen. Amazon, PayPal, Zalando, das sei erst der Anfang einer grundlegenden Umwälzung der bisherigen „Warendistributionsprozesse“, sagt Pousttchi. Was unter dem Stichwort Wirtschaft 4.0 oder „Internet der Dinge“ aktuell diskutiert wird, das habe Auswirkungen auf das Leben der Bürger, die noch gar nicht absehbar seien. Daher sei es notwendig, die Umwälzungen gründlich zu erforschen. Auch wenn immer noch 85 Prozent der Verkäufe im realen Leben und nicht im Internet stattfinden würden, verändere sich das Verhältnis doch rasant. „Die Gewinnmargen der Händler sinken. Auch kleine Einzelhändler müssen sich auf die digitalisierte Wirtschaft einstellen“, so der IT-Forscher. 

Einen Großteil seiner bisherigen Forschungsarbeit hat Pousttchi mobilen Zahlvorgängen, dem E-Commerce und den steten Veränderungen gewidmet, die sich aus der immer weiteren Digitalisierung und Mobilisierung von Kauf- und Zahlvorgängen ergeben. Big Data ist ein Schlagwort, das in aller Munde ist. Doch Pousttchi will herausfinden, was wirklich dahinter steckt. Aus einer Vielzahl von Studien, Statistiken und Befragungen ergebe sich ein Bild der gesellschaftlichen Umwälzungen durch die mobile und allgegenwärtige Verfügbarkeit von Datenströmen und Datensammlungen. „Data Grabbing“ und „Big Data“, das seien Stichworte, die gesellschaftlich diskutiert werden müssten. 

Pousttchi weist darauf hin, dass viele Apps sich auf einem Smartphone nur installieren lassen, wenn zugleich die Erlaubnis gegeben wird, die übermittelten Daten auf dem weiterleitenden Server zu speichern und zu verwerten. So würde nicht nur eine ungeheure Datenmenge verfügbar gemacht. Es würden sich auch Möglichkeiten zur Nutzung und Auswertung der Daten ergeben, die früher überhaupt nicht denkbar gewesen seien. 

Überraschend sei, wie genau sich aus dem wertfrei gesammelten Zahlenmaterial Schlussfolgerungen über menschliches Verhalten ziehen lassen. Diese würden vergleichbare Prognosen von Psychologen oder Sozialwissenschaftlern häufig übertreffen. Informatiker haben den gegenseitigen Gebrauch der Zahlkarten von Ehepartnern und die Frequenz des Zugriffs auf das Partnerkonto ausgewertet. Daraus haben sie erheblich genauere Rückschlüsse auf das Scheidungsrisiko und den Scheidungszeitpunkt eines Ehepaares ziehen lassen, als dies Psychologen und Soziologen überhaupt nur zur träumen wagten. Big Data sei daher nicht nur das Ergebnis einer sinnlosen Sammelwut. Die Genauigkeit der Folgerungen aus der Datenhäufung übertreffe häufig diejenige von Statistiken und Befragungen. Andererseits würden Geschäftsmodelle und Verwertungsmöglichkeiten eröffnet, die früher überhaupt nicht existiert hätten. Hieraus erwüchsen ab er auch erhebliche Missbrauchsmöglichkeiten, so Pousttchi. 

Was ist zu tun? Eine staatliche Regulierung der Datennutzung sei nicht sinnvoll, so Pousttchi. Einem demokratischen Staat stehe es nicht gut an, Datenverkehr wie in China oder Nordkorea einzuschränken. Es sei Sache der Verbraucher, eine Vorstellung von den Missbrauchsmöglichkeiten ihrer Daten zu entwickeln und sich entsprechend zu schützen. Hier stecke die Gesellschaft noch ganz am Anfang einer Entwicklung. Diese müsse auf ein viel größeres Bewusstsein um Datenschutz und Datensicherheit hinauslaufen. Denn die Weiterleitung eines breiten Datenstroms sei allgegenwärtig. 

Mobilfunk werde häufig genutzt, um Zeit totzuschlagen, etwa in der U-Bahn oder beim Warten auf den Bus. Doch auch beim Online–Spiel oder Surfen würden häufig Datenströme auf die übertragenden Server geleitet und gespeichert. Hinzu kommen neue Nutzungsmöglichkeiten durch mobile, mit dem Datenstrom vernetzte Geräte. Durch Kontaktlinsen mit eingebautem Mikrochip oder sensitive Armbänder würden sich ganz neuen Möglichkeiten ergeben. Ob allerdings elektronische Streicheleinheiten durch solche Armbänder ein ausreichender Ersatz für die reale Präsenz eines abwesenden Partners sind, das weiß der Datenforscher nicht. Richard Rabensaat