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Ottmar Ette
Universität Potsdam

Amerika in Asien
Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext

4. Gold und Diamanten in Amerika und Asien

In seinem Examen critique, dessen fünf Bände zwischen 1836 und 1839 in Paris erschienen, ging Alexander von Humboldt nicht nur auf den Mythos vom Dorado ein, sondern beschäftigte sich auch mit der seit der Antike anzutreffenden Überzeugung, daß das Vorkommen kostbarer Gewürze wie von Gold und Edelsteinen mit einem südlichen Klima verbunden sein müsse. Dieser Glaube, so wußte Humboldt, war auch im 19. Jahrhundert nicht gänzlich verschwunden:

Ces croyances, fondées sur des analogies incomplètes transmises par l'antiquité, croyances qui assujétissaient aux mêmes limites, au climat des tropiques, les épices et les gemmes, ont à peine disparu entièrement parmi nous.[1]

Aber Alexander von Humboldt hatte nicht nur als Historiker und Philologe die geschichtliche Entwicklung geographischer Vorstellungen sehr detailliert untersucht, sondern aus einer transkontinentalen und zugleich transdisziplinär ausgerichteten Perspektive nach den Ursachen für das tatsächliche Vorkommen etwa von Edelmetallen geforscht. So versuchte er, die aus der Antike überlieferten »unvollständigen Analogien« durch solche zu ergänzen, die auf einer weltweit vergleichenden Analyse der unterschiedlichsten geologischen Faktoren beruhten. Es ist die weltweite Perspektivik, die es Humboldt gestattete, in der Tat Voraussagen über das mögliche Vorkommen von Diamanten im Ural zu machen. Der Wissenschaftler als Prophet?

Diese Rolle lag Humboldt nicht gänzlich fern. Als Vertreter einer mit vielen verschiedenartigen Faktoren und folglich mit hoher Komplexität argumentierenden Wissenschaft ließ Humboldt keinen Zweifel daran, daß es sich bei der topographischen Lokalisierung derartiger Vorkommen keineswegs um einen Zufall handeln konnte. Ein wissenschaftlich fundierter weltweiter Datenaustausch versetzte den Forscher vielmehr in die Lage, die Analogien zwischen den amerikanischen und asiatischen Lagerstätten herauszuarbeiten und daraus Prognosen abzuleiten, die sich überdies auf seine historisch-philologischen Untersuchungen etwa im Examen critique stützen konnten. Ja mehr noch: Humboldt ging noch einen Schritt weiter, indem er sich durch den Analogieschluß mit Brasilien und insbesondere mit der Region von Minas Gerais[2] gleichsam zum Künder künftiger Diamantenfunde im Ural - und übrigens auch von Platinfunden in den USA[3] - stilisierte. Der Eindruck dieser Vorhersagen auf die Zarin, die älteste Tochter Friedrich Wilhelms III. von Preußen, muß bei Humboldts erstem Aufenthalt in St. Petersburg gewiß groß gewesen sein; enorm aber war der öffentliche Widerhall, als nach der Rückkehr des Wissenschaftlers an die Neva die tatsächlich - wie von Humboldt vorausgesagt - noch während der Reise erfolgten Diamantenfunde in der Gazette de St. Pétersbourg am 21. November 1829 öffentlich bekannt gegeben wurden. Humboldt verstand etwas von Öffentlichkeitsarbeit.

Als er am 15. September 1829 an Cancrin schrieb, wußte er bereits, daß seine Prophezeiung in Erfüllung gegangen war, auch wenn von diesen Diamantenfunden noch nicht öffentlich gesprochen werden durfte. Wie in einem Theatercoup sollte erst bei der Rückkehr des Forschers nach St. Petersburg der Schleier dieses Geheimnisses gelüftet und die Ankündigungen und Versprechen des preußischen Naturforschers als erfüllt und eingelöst präsentiert werden. Humboldt wußte, in welchem Maße diese Anekdote die Einbildungskraft nicht nur der Kaiserin, der Spitzen von Staat und Gesellschaft oder des breiten Volkes in Rußland, sondern vor allem auch seiner gesamten internationalen Leserschaft anregen mußte. Daher ließ er sich die Gelegenheit auch nicht entgehen, die Vorhersage von Diamantenfunden im Ural und die Nachricht von ihrer tatsächlichen Auffindung auch in seinem Reisewerk gebührend darzustellen. Allerdings erwähnte Humboldt klugerweise die Diamantenfunde in Asie centrale zunächst nur recht vereinzelt, indem er sie im Kontext der Gold- und Platinfunde etwa in Brasilien besprach oder nur zwischen den Zeilen auf sie anspielte. Zugleich betonte er, die Berühmtheit jener Orte im Ural, an denen Diamanten gefunden worden seien, rühre von der Tatsache her, daß es sich dabei um "la première découverte des diamants du nord"[4] gehandelt habe. Am Ende des dritten Bandes seines Werkes aber widmete er den »Eclaircissements sur les diamants de la chaîne de l'Oural, des îles Moluques et du Brésil«[5] einen eigenen umfangreichen Abschnitt, in welchem er betonte, es gehe ihm gerade auch um die Aufhellung einiger Mißverständnisse und Fehlinformationen, die sich schon früh im Umfeld dieser spektakulären Seite seiner Rußlandreise gebildet hatten. Geschickt zitierte er dort ausführlich aus den Berichten von Gustav Rose sowie der 1841 erschienenen Schilderung des russischen Reisenden Gregor von Helmersen, so daß die für ihn so schmeichelhafte Anekdote in seinem Werk präsent war, ohne daß er sie selbst hätte erzählen, erläutern und ins rechte Licht setzen müssen. Vor allem aber versuchte er, mit dem Verweis auf unterschiedlichste Quellen Gerüchten entgegenzutreten, es habe sich um eine simple Täuschung gehandelt und man habe brasilianische Diamanten als eigens herbeigeschaffte Fundstücke ausgegeben[6].

Humboldt kam es jenseits aller Werbeträchtigkeit der auch später noch oft kolportierten »Prophezeiung« aber in erster Linie darauf an, die Analogien und Beziehungen zwischen den verschiedenen Gold-, Platin- und Diamantlagerstätten herauszuarbeiten, die es - wie in den ebenfalls zitierten ausführungen Leopold von Buchs - erlaubten, zwischen Brasilien, den Molukken und dem Ural eine weltumspannende Relationalität herzustellen, die den einzelne Kontinente übergreifenden wissenschaftlichen Forschungen eine neue Qualität verlieh. Die Humboldtsche Wissenschaft war daran interessiert, durch die Herstellung weltweiter Korrespondenzen lokale und regionale Phänomene, die ansonsten im Dunkeln geblieben wären, auf einer transkontinentalen und transarealen Ebene zu erhellen. Humboldts Hoffnung, "andere lebendig anzuregen"[7], liegt in eben dieser asiatisch-amerikanischen Relationalität begründet; und diese bildet die epistemologische Grundlage für die gesamte Anlage seiner Asie centrale.



[1] Humboldt, Alexander von: Examen critique de l'histoire de la Géographie du Nouveau Continent et des progrès de l'astronomie nautique aux quinzième et seizième siècles. Bd. II. Paris: Librairie de Gide 1837, S. 48 f.

[2] Vgl. hierzu Humboldt, Alexander von: Asie centrale, a.a.O., Bd. I, S. 517-519. Vergleiche mit Brasilien durchziehen auch den zweiten und dritten Band dieses Werkes.

[3] Vgl. ebda., Bd. I, S. 526. Vgl. auch Schwarz, Ingo (Hg.): Alexander von Humboldt und die Vereinigten Staaten von Amerika. Briefwechsel. Berlin: Akademie Verlag 2004, S. 533-535.

[4] Humboldt, Alexander von: Asie Centrale, a.a.O., Bd. I, S. 515.

[5] Humboldt, Alexander von: Asie Centrale, a.a.O., Bd. III, S. 520-537.

[6] Ebda., S. 530 f.

[7] Humboldt, Alexander von: Brief an Georg von Cancrin am 3./15.9.1829. In: Im Ural und Altai, a.a.O., S. 94.

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Letzte Aktualisierung: 21 Juni 2007 | Kraft
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