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500 Jahre Reformation – Brandenburgische Städte entdecken ihre Reformationsgeschichte

Lutherlinde in Treuenbrietzen. Foto: Uwe Tresp.

Lutherlinde in Treuenbrietzen. Foto: Uwe Tresp.

In brandenburgischen Orten stößt man derzeit auf Bänke, Tische, Pulte und Tore aus rostbraunem Metall. Sie stehen auf Marktplätzen, vor Kirchen, Denkmälern, Rathäusern oder auf nackten Wiesen. Werden sie von der Sonne angestrahlt, werfen sie einen Schatten in Form eines Kreuzes. Es sind Ausstellungsobjekte, die die Reformationsgeschichte der Region anschaulich machen. „Wir möchten die Menschen durch die Stadt führen, an authentische historische Orte“, sagen Dr. Uwe Tresp und Dr. Sascha Bütow vom Historischen Institut der Universität Potsdam. Seit 2013 arbeiten sie mit einem Ausstellungsprojekt an der Vermittlung der Reformationsgeschichte in Brandenburg.

2017 wird das 500-jährige Jubiläum der Reformation gefeiert: Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben. Doch gefeiert wird eine ganze „Lutherdekade“: Bereits seit 2007 erinnern Veranstaltungen an die religiöse und gesellschaftliche Wende, die Luther im frühen 16. Jahrhundert eingeleitet hatte. Auch die Reformation selbst war schließlich kein Ereignis, sondern ein Prozess, der sich in andauernden Debatten sukzessive vollzog.

Für das Projekt „Prediger und Bürger. Reformation im städtischen Alltag“ recherchierten Forscher aus dem Arbeitsgebiet „Frühe Neuzeit“ der Universität Potsdam zunächst zur Reformationsgeschichte in Brandenburg. Unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz-Dieter Heimann erarbeiteten Tresp und Bütow anschließend das grundlegende Vermittlungskonzept für die Ausstellung. Die AG „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg, mit der das Historische Institut eine langjährige Kooperation verbindet, koordiniert das Projekt. Detlef Saalfeld, Professor für Raum- und Ausstellungsdesign an der Fachhochschule Potsdam, entwarf die Objekte zur „Stadtmöblierung“. Außerdem soll die Reformationsausstellung touristisch aufbereitet werden. Denn das Reformationsjubiläum bietet eine gute Gelegenheit, auf die Attraktivität der brandenburgischen Städte hinzuweisen: „Die historischen Stadtkerne sind in den vergangenen Jahren massiv saniert worden. Jetzt möchten wir Leben hineinbringen und den Menschen zeigen, wie schön es dort ist“, sagt Tresp. Für Bildungsund Kulturinteressierte bietet die Stadtmöblierung Anlass für einen lehrreichen Stadtspaziergang.

Zunächst nahmen am Ausstellungsprojekt acht Städte im Süden Brandenburgs teil: Herzberg, Doberlug-Kirchhain, Mühlberg, Jüterbog, Treuenbrietzen, Uebigau-Wahrenbrück, Bad Liebenwerda und Brück. Im Sommer letzten Jahres wurde die erste städtische Reformationsausstellung in Mühlberg an der Elbe offiziell eingeweiht. Seitdem sind Bad Belzig und Luckau hinzugekommen, die ebenfalls in der AG „Städte mit historischen Stadtkernen“ engagiert sind. Grundsätzlich können weitere Städte folgen, die Interesse an einer eigenen Reformationsausstellung haben und auch die finanziellen Mittel hierfür aufbringen können. „Wir erarbeiten für jede Stadt ein eigenes Vermittlungskonzept. Denn überall wurde die Reformation anders durchlebt“, erzählt Bütow.

Das „Auftaktelement“ an einem zentralen Platz der jeweiligen Stadt zeigt eine Karte mit den städtischen Orten, an denen Reformationsgeschichte stattgefunden hat. Anschließend beginnt eine Art Schnitzeljagd: Von der Karte aus können sich Interessierte auf den Weg zu den einzelnen historischen Stätten machen. Manche überdauerten die Jahrhunderte, wie die Lutherlinde in Treuenbrietzen – ein sagenumwobener Baum, an dem Luther Ende der 1530er Jahre gepredigt haben soll. Andernorts finden sich kaum noch Spuren der Vergangenheit. An das ehemalige Augustinerkloster in Herzberg wurden Besucher bislang nur noch durch einen Straßennamen erinnert. Erst mithilfe der Reformationsausstellung werden solche historischen Orte wieder lebendig.

Das besagte Stadtmobiliar, das Bütow und Tresp sowie der Mitarbeiter Felix Engel mit Text und Bildern versehen haben, markiert diese historischen Orte. Die verschiedenen Möbelstücke haben allegorischen Charakter und repräsentieren die städtischen Diskussionsprozesse, welche die Reformation in Gang setzten. So steht der Tisch für die Auseinandersetzungen, die während der Reformation gerade durch die Bürgerschaften initiiert wurden: Der Tisch, an dem gemeinsam diskutiert wird, soll die Reformation als gemeinschaftlichen Prozess „von unten“ symbolisieren. Das Pult verkörpert das Rednerpult des Predigers; das Tor stellt eine symbolische Zeitschleuse dar, die den Besucher in die Geschichte der Reformation versetzt. Ergänzt wird das Mobiliar durch Stellwände und Hinweistafeln, die im gleichen Design gestaltet sind. Es erschließt die Stadt historisch. „Wir wollen den Raum für Bewohner und Besucher erfahrbar machen“, erklärt Bütow. Im Projekt verstehen Tresp und Bütow sich vorrangig als „Ausstellungsmacher“ und erst in zweiter Linie als Historiker.

Die teilnehmenden Städte im Süden Brandenburgs sind auf besondere Weise mit der Reformation verbunden. Sie waren damals Teil des Kurfürstentums Sachsen und gehören erst seit dem 19. Jahrhundert zu Brandenburg. „Im Süden ist das Bewusstsein für die sächsische Vergangenheit ausgeprägt“, sagt Tresp. Die Verbindung zu Luthers Wirken in Sachsen liegt für viele nahe, ist Bestandteil der regionalen Identität. In sächsischen Vorreiter-Städten spielten die Bürgerschaften eine wesentliche Rolle für die Reformationsbewegung. Sie initiierten Diskussionen und Auseinandersetzungen, während im Kurfürstentum Brandenburg die Reformation 1539 „von oben“, durch den Landesherren Joachim II. (1505–1571), durchgesetzt wurde. Luther hat zwar nicht alle heute am Projekt beteiligten Städte persönlich besucht, aber für ein Streitgespräch mit dem päpstlichen Nuntius Karl von Miltitz (um 1490–1529) reiste er 1519 in den heutigen Kurort Liebenwerda. Und für Herzberg entwarf er mit dem Reformator Philipp Melanchthon (1497–1560) eine neue Schulordnung. Als Mitglied einer Visitationskommission war Luther 1530 in Brück. Möglicherweise besuchte er sogar Treuenbrietzen, auch wenn dies nicht belegt ist.

„Jüterbog ist ein Leuchtturm im Projekt“, erzählt Bütow. Hier predigte Johann Tetzel (1460–1519) den Ablass, den Luther in seinem Thesenanschlag kritisierte. Immer mehr Christen seien aus Wittenberg nach Jüterbog gefahren, um dort Ablassbriefe von Tetzel zu erwerben. „Ohne uns keine Reformation“, heißt es deswegen in Jüterbog. Im Jüterboger Museum im Kulturquartier Mönchenkloster gibt es einen Ausstellungsbereich zur Reformation, und auf den „Tetzelkasten“ in der Jüterboger Nicolaikirche ist man in der Stadt besonders stolz. „Niemand kann sicher sagen, was hinter dem Tetzelkasten steckt“, so Tresp. Tetzel soll in der Truhe das Geld für die Ablassbriefe gesammelt haben, mit denen sich Gläubige von ihren Sünden freikaufen konnten. Angeblich sei er damals mit dem Kasten im Gepäck auf dem Weg zu Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490–1545), der Erzbischof von Mainz und Magdeburg war und hauptsächlich in Halle residierte, von Räubern überfallen worden – und der Kasten schließlich wieder in Jüterbog gelandet. „Es ist im Prinzip eine 500 Jahre alte Sage“, sagt Bütow. 2012 wurde der Stadt Jüterbog sogar das Europäische Kulturerbe-Siegel der Reformation verliehen.

„Spätestens seit den 1980er Jahren entdeckte man nach und nach das kulturelle Erbe der Reformation wieder und erkannte, dass Brandenburg authentische Stätten dieses Erbes hat“, erklärt Tresp. 2017 wird der Reformationstag am 31. Oktober erstmals ein bundesweiter Feiertag sein. Zentrale Stätte der Feierlichkeiten sollen die Partnerstädte des brandenburgischen Reformationsverbundes sein, die Lutherstadt Wittenberg und Torgau. Doch die Reformation war keine starre Bewegung, die sich nur an einem Ort vollzog. Sie breitete sich aus, schlug Wellen. Eines macht das Projekt in jedem Fall deutlich: Geschichte umgibt uns, sie ist immer da, aber sie muss auch erschlossen werden. Und warum nicht mit Bänken und Tischen, die Brandenburger und Besucher zum Sitzen, Diskutieren und Nachdenken einladen?

Die Wissenschaftler

Dr. Uwe Tresp studierte Geschichte, Geografie und Politikwissenschaft und promovierte in mittelalterlicher Geschichte an der Universität Potsdam. Seit dem Wintersemester 2014/15 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Außerdem ist er seit Oktober 2013 freier Mitarbeiter am Projekt „Prediger und Bürger. Reformation im städtischen Alltag“ an der Universität Potsdam.

Kontakt

Universität Potsdam
Historisches Institut
Am Neuen Palais 10, 14469 Potsdam
E-Mail: uwe.trespuni-potsdamde

Dr. Sascha Bütow studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universität Potsdam. 2014 erfolgte die Promotion an der dortigen Philosophischen Fakultät. Seit April 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Rostock. Daneben ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Drittmittelprojekt „Prediger und Bürger“ tätig.

Kontakt

E-Mail: sascha.buetowuni-rostockde

Das Projekt

Das Projekt „Prediger und Bürger. Reformation im städtischen Alltag“ wurde von der AG „Städte mit historischen Stadtkernen“ in Brandenburg 2012 zunächst unter dem Titel „Städteverbund Reformationsjubiläum“ ins Leben gerufen. Mittlerweile heißt es „Prediger und Bürger. Reformation im städtischen Alltag“, um noch mehr auf die Verflechtung von Kirche und Gesellschaft, von Stadt und Kirche hinzuweisen. Finanziell unterstützt wird es aus dem Programm „Reformationsjubiläum 2017“ des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg begleitet das Projekt inhaltlich. Zurzeit ist für zehn brandenburgische Orte eine eigene Reformationsausstellung geplant.

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Agnes Bressa
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde