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Zuhause – Studierende und Beschäftigte erzählen persönliche Geschichten rund um ihr Zuhause

Foto: Adobe Stock/ master1305. Ein Mann sitzt in einem Karton.

Zuhause: manchmal nur eine Notlösung. Foto: Adobe Stock/ master1305

Sechs ganz persönliche Einblicke dazu, was Zuhause bedeutet, liefern Mitarbeitende und Studierende der Universität Potsdam in diesem Beitrag.

„Ich bin auf einem Bauernhof in einem Drei- Generationen-Haushalt groß geworden. Meine eigenen Kinder wuchsen dagegen zunächst in Potsdam, in der Stadt, auf. Dies weckte meine Sehnsucht nach einem Ort, an dem sie sich frei bewegen, natur- und tiernah leben könnten. Ich wollte diesen Ort selbstbestimmt mitgestalten und mich von der Enge der Mietwohnung befreien. Wir teilten uns bereits einen Kleingarten mit einer anderen Familie – das gab den Anstoß, nach Menschen zu suchen, die ähnliche Visionen von einem nachhaltigen und gemeinschaftlichen Zusammenleben hatten. Seit einem Jahr wohnen wir nun mit insgesamt sieben, bald 15 Erwachsenen und etwa ebenso vielen Kindern auf einem gemeinsamen Hof auf dem Land in Brandenburg. Hier leben wir ein enges generationsübergreifendes Miteinander mit gemeinsamen Festen und Arbeitseinsätzen. Es ist für mich ein reicher Erfahrungsraum – in dem ich meine persönliche Vorstellung eines Zuhauses in engem Kontakt mit jedem dort lebenden Menschen weiterentwickeln und verwirklichen möchte.“

Juliane Burmester, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Empirische Kindheitsforschung


„Als wir 2017 nach Buenos Aires  kamen, war vieles ungewohnt. Der  Geräuschpegel war schon mal deutlich höher als in Caputh. Dort, in unserem eigenen Haus, wohnte jetzt eine junge Familie aus Holland. Das Welcome Center der Uni hatte sie uns vermittelt. Die Frau hatte eine Postdocstelle in der Mineralogie angenommen. Ob ihnen der Garten und das große Kinderzimmer im Dach gefallen würden? Auf jeden Fall hatten sie versprochen, die Kaninchen zu füttern. Wir hatten ihnen das Haus für zwölf Monate überlassen, während wir für einen Auslandsaufenthalt nach Buenos Aires gezogen waren. Unsere zwei Mädchen mussten sich nun ein Zimmer teilen. Die Wohnung hatte nur einfach-verglaste Fenster und im Hinterhof kläfften vier Hunde. Aber sie lag in der Stadt – hier gab es Bäcker, Gemüseläden, eine Pizzeria unten an der Ecke und argentinisches Rindfleisch direkt vom Metzger nebenan. Buenos Aires war für uns mehr als nur ein Wohnungswechsel, es war ein völlig neues Lebensgefühl auf Zeit, um nach einem Jahr ins ruhige Caputh zurückzukehren. Den Kaninchen ging es übrigens gut.“

Andreas Bergner, Projektkoordinator „Technologiecampus Golm“


„Ich habe vor ein paar Jahren an einem Sprachkurs in Frankreich teilgenommen und wollte  unbedingt in eine Gastfamilie, um so viel wie möglich von der Sprache und der Kultur des Landes aufzusaugen. Leider hatte ich damals etwas Pech mit meiner Gastfamilie. Daraus entstand der Anspruch, es selbst irgendwann mal besser zu machen. Als dann der Aufruf vom International Summer Campus Office kam, war mir klar: Ich werde Gastmutter! Seitdem habe ich drei Studierende aufgenommen – mit sehr unterschiedlichen Sprachkenntnissen,  Interessen und Persönlichkeiten. Es war immer spannend und unglaublich erfrischend, sie in ihren ersten Wochen zu erleben und ihnen die Sprache und den Alltag in Deutschland etwas näher zu bringen. Meine Vokabellisten und das gemeinsame Tatort- und Tagesschaugucken werden die Studierenden wohl nicht so schnell vergessen!“

Pia Kettmann, International Office


„Meinen Freund habe ich während unseres Erasmussemesters in Budapest kennengelernt. Bald darauf ist er zu mir in meine 1-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg gezogen – hier wohne ich seit Abschluss meiner Ausbildung zur Krankenschwester, für die ich ursprünglich nach Berlin gezogen bin. Nach einer Weile kam unser erstes Kind auf die Welt und wir begannen, nach größeren Wohnungen zu suchen. Über das Studierendenwerk in Berlin wurde uns 2016 eine große und bezahlbare Familienwohnung angeboten, welche wir jedoch letztendlich nicht beziehen konnten, da ich genau zu diesem Zeitpunkt für mein Masterstudium in Psychologie von der FU Berlin an die Uni Potsdam gewechselt bin. Mit unseren Minijobs ist es uns bis jetzt nicht gelungen, eine Wohnung auf dem freien  Wohnungsmarkt zu finden; wenn wir vor der Besichtigung einen Bewerbungsbogen schicken müssen, haben wir oft nicht einmal die Möglichkeit, die Wohnung zu sehen. Ganz klar: Was zählt, ist das monatliche Gehalt. Unser erstes Kind kommt nächstes Jahr schon in die Schule, und das zweite Kind ist auf dem Weg. In der Zukunft, wenn ich mein Masterstudium abgeschlossen habe, werden wir sicher in eine schöne Wohnung ziehen können – und solange machen wir es uns in unserer winzigen Wohnung so gemütlich wie möglich.“

Rebecca Riechers, Studentin, 33 Jahre


„Home sweet home: Wem kommt das in Zeiten von Wohnungsmangel, steigenden Mieten und unsicherer Wohnungspolitik noch über die Lippen? Bei dem Wort „Zuhause“ denken viele Menschen an Schutz und Geborgenheit. Aber was bedeutet Zuhause, wenn das Dach über dem Kopf unsicher wird, wie es gerade in Großstädten immer mehr Menschen erleben? In meiner Forschungsarbeit „Losing Home?“ versuche ich herauszufinden, was Menschen meinen, wenn sie „Zuhause“ sagen, und wie sich diese Bedeutungen verändern, wenn das Wohnen immer unsicherer wird. Dazu spreche ich mit Personen, deren Wohnsituation aus verschiedenen Gründen bedroht ist, zum Beispiel durch unsichere Mietverträge, Kündigungen oder Zwangsräumungen. „Es ist, als ob der Stuhl wackelt“, beschreibt es ein Interviewpartner; ein anderer berichtet von generellem Misstrauen und davon, wie sich ein Gefühl der Unsicherheit auf alle Lebensbereiche ausbreitet. So wird aus Wohnungsnot Zukunftsangst. Zuhause ist dabei mal ein konkreter Ort, an dem Sorge, Wut und Scham zusammenkommen; aber Zuhause ist auch eine Idee: Wunsch und Suche nach Stabilität und Verortung. Mit einer fremden Person darüber zu sprechen, fällt den meisten Menschen nicht leicht, und umso dankbarer bin ich, dass viele mich dahin einladen, wo sie im Moment leben. Sei es die gerade gekündigte Wohnung oder die Notunterkunft – wenn dort Besuch erlaubt ist. So verschieden die Erzählungen und Erfahrungen sind, eins haben sie gemeinsam: Mit dem Verlust von Zuhause steht die ganze Existenz auf dem Spiel.“

Hannah Wolf, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine Soziologie


„Als akademische Nomadin pendele ich seit 1993 von verschiedenen Universitätsstandorten in mein Zuhause in Süddeutschland. Das hat sich aus meiner wissenschaftlichen Laufbahn und meiner familiären Situation ergeben. Wir leben auf einem Aussiedlerhof naturnah und mit Tieren, da kann man nicht so leicht umziehen. Außerdem liegt mein Wohnort nahe der französischen und Schweizer Grenze. Als Romanistin ist mir das wichtig, ich bin in drei Stunden in Paris und auch Italien ist in vier Stunden erreichbar. Nicht zuletzt sind für mich als Schwarzwälderin die Berge ein Lebenselixier, auch sie sind immer nah. Das Zugfahren habe ich für mich positiv gewendet, es gehört zu meinem Lebensalltag. Die Fahrten sind für mich einerseits eine fruchtbare Arbeitszeit: Da ich weder zu Hause noch im Büro bin, bin ich absolut ungestört, mein Umfeld habe ich auszublenden gelernt. Andererseits schafft die Reisezeit Distanz zum Unialltag und zu den Sorgen des häuslichen Alltags. Nicht zuletzt habe ich, wenn ich nicht arbeite, auch immer wieder mal interessante Begegnungen mit Pendlerinnen und Pendlern aus ganz anderen Berufsfeldern oder ich nutze die Fahrt für ausgiebiges Zeitunglesen. Zuhause? Das bin ich auf dem Unicampus, auf unserem Hof und in gewisser Weise auch im Zug.“

Eva Kimminich, Professorin für Kulturen romanischer Länder


Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal 2/2019.

Text: Jana Scholz
Online gestellt: Magda Pchalek
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktionuni-potsdamde