„Nur wenige Menschen wissen, dass nicht nur Privatpersonen oder Organisationen, sondern auch eine Universität in einem Testament bedacht werden kann“, sagt Karina Jung, Referentin für Friend- und Fundraising. „So besteht die Möglichkeit, die Universität Potsdam als Erbin oder Miterbin einzusetzen – mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten. Alternativ kann ein Vermächtnis festgelegt werden, durch das der Universität bestimmte Vermögenswerte, etwa eine Geldsumme, übertragen wird.“
Ein dritter Weg sei die Gründung einer eigenen Stiftung, die unter dem Dach der Universität verwaltet wird. Diesen Weg ist Jürgen Lewerenz gegangen. Dabei ist er weder Absolvent noch war er beruflich mit der Uni verbandelt oder hat familiäre Bezüge zur Universität. Vielmehr führte ein Zufall den Stifter und die Hochschule zusammen.
Eine Uni mit Osterfahrung
„Mein Freund Manfred Nitsch, den ich seit über 60 Jahren kenne, hat mich auf einen Beitrag in der Zeitung aufmerksam gemacht“, erinnert sich der 89-Jährige. Darin beschrieben: die Denkfabrik „Translating EVROPA“, die im Format des Deutschlandstipendiums speziell der Erforschung Osteuropas und des postsowjetischen Raums gewidmet ist. Eine Herzensangelegenheit für Jürgen Lewerenz, und das nicht nur aufgrund seiner Kindheit im damaligen Ostpreußen.
„Unser Osteuropa-Bild ist seit dem Ersten Weltkrieg pervertiert“, sagt der Wirtschaftsexperte, der sich mit der Geschichte von Genossenschaften vertieft befasst hat. „Dabei haben wir an Osteuropa bis heute eine große Schuld abzutragen. In der Auslandstätigkeit der Stiftungen und Genossenschaften, die aus dem großen Kapital der deutschen Wirtschaft hervorgegangen sind, kommt Osteuropa praktisch überhaupt nicht vor.“
Da passt die Osteuropa-Expertise an der Uni Potsdam zu Lewerenz’ Suche nach einer gemeinnützigen Verwendung seines Erbes wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Schließlich hat er immer wieder zur Wirtschaftsgeschichte des baltischen und slawischen Raums recherchiert und geforscht. Einer Geschichte, in der er selbst eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat.
Prägende Jahre nach der estnischen Unabhängigkeit
Viele Stationen kennzeichnen den Lebensweg des Stifters. Von der Bundesbank wechselte er ins Entwicklungshilfe-Ministerium und arbeitete zunächst in Bonn und später etwa 25 Jahre lang im globalen Süden: als Doktorand in Chile in den 1960er Jahren, als Berater für Genossenschaften in Kolumbien, als Entwicklungshilfereferent der deutschen Botschaft in Peru, später auch in Bangladesch. Nach dem Mauerfall trat Lewerenz – damals schon über 60 Jahre alt – im Anschluss an ein Jahr in Brüssel eine Stelle als EU-Berater im Baltikum an. Dort half er von 1992 bis 1993 der Zentralbank Estlands bei der Abkehr vom Rubel und dem Aufbau eines nationalen Währungssystems.
„Estland hatte damals keine eigene Geldproduktion, weil das Bargeld aus Sowjetrussland gekommen war“, sagt der gelernte Bankkaufmann mit Jura-Examen und Qualifizierung für den „Höheren Dienst“ in der Bundesbank. Zur Einführung der estnischen Krone nahm er kurzerhand die erfolgreiche D-Mark-Einführung in der Bundesrepublik zum Vorbild. Auf dem holprigen Weg in die Marktwirtschaft erlebte auch Estland so manche Räuberpistole, die der Bezeichnung „wilder Osten“ durchaus gerecht wurde.
Für Jürgen Lewerenz sind es zwei kurze, aber prägende Jahre. Schon damals stößt er in Tartu auf Archivunterlagen über genossenschaftliche Strukturen zu vorsowjetischer Zeit. Ein Thema, das ihn seither nicht mehr loslässt. „Oft werden Genossenschaften als Alternative zum Kapitalismus missverstanden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Auch Genossenschaften sind marktwirtschaftliche Organisationen.“ Nur eben in Bürgerhand, und darin sieht Jürgen Lewerenz ihr Potenzial für Demokratisierung in der Wirtschaft.
Bereits seit einigen Jahren unterstützt der Potsdamer über die „Stiftung Livländische Gemeinnützige“ die wirtschaftshistorische Erforschung des osteuropäischen Genossenschaftswesens vor der Sowjetherrschaft an der Uni Potsdam. Nach seinem Tod wird sein Privatvermögen – in Summe etwa eine halbe Million Euro – an die neue Treuhandstiftung übergehen. Auch sein Weggefährte Manfred Nitsch will Vermögen darin einbringen.
Beide Stifter bilden gemeinsam mit zwei Angehörigen der Universität und einem Mitglied der Universitätsgesellschaft Potsdam e.V. den Stiftungsrat der neuen „Potsdam-Stiftung“. Deren Zweck kann beispielsweise durch Stipendien, Seminare, Rechercheprojekte und Vorhaben zur Stärkung der Wirtschaftsdemokratie in Osteuropa verwirklicht werden: Konferenzen, Datenbanken mit historischem Schwerpunkt, Dokumentationen zu Familiengeschichten, Forschungsarbeiten oder auch Partnerschaften mit anderen Universitäten.
Noch können Nitsch und Lewerenz im Stiftungsrat die ersten Gehversuche ihrer gemeinnützigen Organisation begleiten. Wer sich eines Tages, also nach ihrem Ableben, als Vorsitzender des Stiftungsrats um all das kümmern wird? „Die Uni muss in diese Rolle reinwachsen“, sagt Jürgen Lewerenz und ist sicher, dass sein Anliegen und sein Erbe bei der Universität Potsdam in guten Händen sind.
Weitere Informationen zum Friend- & Fundraising an der Universität Potsdam: https://www.uni-potsdam.de/de/wirtschaft-transfer-gesellschaft/foerdern-und-stiften/foerdern-stiften-uebersicht
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2025 „Demokratie“.

