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Zu Fuß in die 16 Hirtensiedlungen Rimellas – 12. Juni 2017

Studierende der Kulturwissenschaften auf Exkursion in den italienischen Alpen
Foto: Schröder.

Foto: Schröder.

Der Tag beginnt mit einen kulturellen Missverständnis, das unsere Paniniliste für die Tagesverpflegung betrifft! In den Tagen zuvor gab es trotz schriftlicher Strichlisten-Bestellung immer wieder Engpässe, trotz der äußerst zuvorkommenden und fürsorglichen Bewirtung im Albergo. Es zeigte sich, dass aus sieben bestellten Tomaten-Panini plötzlich nur zwei wurden. Franka hatte die Strichliste nicht als römische Ziffern gelesen und die fünf zusätzliche bestellten Panini als durchgestrichen gewertet. 

Wir müssen uns beeilen. Heute um 10 Uhr erwartet uns Ricardo Peco, der Bürgermeister von Rimella, im Rathaus. Er stammt aus Mailand und ist seit 2015 nebenberuflich als Bürgermeister für die Gemeinde tätig. Er berichtet uns, dass Rimella aktuell 136 Einwohner zählt, die in den 16 Gemeindesiedlungen gemeldet sind. Der sanfte Tourismus, der die GTA-Wanderer in den Ort bringt, ist die größte Einnahmequelle und von großer Bedeutung für den Ort. Der Bürgermeister wünscht sich für die Regionalentwicklung von Rimella vor allem, dass der gegenwärtige Zustand erhalten bleibt, denn Rimella kämpft gegen Verfall und Abwanderung. Stolz berichtet er vom materiellen UNESCO Weltkulturerbe, den Walserhäusern. Aber auch bei der Walsersprache und dem traditionellen Handwerk unternimmt Rimella die ersten Schritte, um sein kulturelles Erbe vor dem Vergessen zu retten. Wir sind neugierig geworden und wandern am Mittag weiter nach Sella auf 1.287 m Höhe, ins örtliche Walsermuseum, wo uns Paola in die Welt der Walser mitnimmt. Das Museum befindet sich in einem echten Walserhaus. Paola erklärt uns den dreiteiligen Aufbau: Im Untergeschoss befinden sich Stall und Tiere, da sie Wärme abgeben. Im Mittelgeschoss liegen die Wohnräume. Die dritte Etage bildet die Heustube, die isolierend wirkt. Das Dach besteht aus den charakteristischen Steinplatten, die in den Wintermonaten mühevoll per Schlitten ins Tal befördert werden. Umgeben ist das gesamte Walserhaus mit einem Balkon und den charakteristischen Chràfu, die zum Heutrocknen dienen. Im Museum sehen wir zunächst Arbeitsgeräte der Frauen: Käseformen aus Holz, Kiepen, Schlitten, Hacken. Der zweite Raum ist der Männerarbeit gewidmet. Dort befinden sich Sägewerkzeuge für Holz und Schneeschlitten zum Transport der schweren Schieferdachplatten. Im Kellergeschoss besichtigen wir eine Mühle. Paola erklärt uns eine besondere, in Rimella erfundene Art der Maismehlproduktion. Die Körner werden im Backofen geröstet, bevor sie gemahlen werden. Dass das Mehl dadurch auch glutenfrei wird, wusste man damals zwar noch nicht, aber es war länger haltbar und weicher. Daher verwendete man es für Babys, Alte und Kranke. Auch andere Arten der Nahrungsmittelherstellung wie die Nussölproduktion, die Obst-und Fruchtgewinnung sowie der Kartoffel- und Kräuteranbau werden uns erklärt. Deutlich werden die zwei Versorgungssäulen der Bergregion: Viehzucht und Milchwirtschaft einerseits und die Waldwirtschaft andererseits. 

Weiter geht es in die Bibliothek mit ihrem Schwerpunkt zur Walsersprache. Hier besichtigen wir zahlreiche Forschungsmaterialien zur Erhaltung des alten Dialektes und üben uns mit ein paar Wörtern und Sätzen in Tittschu. Über die typischen Walserwege laufen wir am späten Nachmittag talabwärts nach Riva. Dort erwartet uns Nadir, der uns versprochen hat, dass wir heute selbst Ziegen melken dürfen. Er zeigt uns, wie er eine kleine Ziege mit der Flasche füttert. Luna und Nuvola, seine beiden Hirtenhunde, tollen um uns herum. Es geht in den Stall. Luftanhalten! Der Ziegengeruch in Kombination mit dem Stallgeruch ist für unsere Großstädternasen eine Herausforderung. Jetzt dürfen wir das Melken probieren. Nadir zeigt uns genau, wie es geht. Wie wunderbar! Auch hier erleben wir, wie arbeits-und zeitintensiv die Gewinnung von Lebensmitteln ist. Wieder werden deutliche Unterschiede zu unserer eigenen Lebensweise sichtbar! Wir haben zu den Produkten, die wir im Laden kaufen, oft keinen Bezug mehr. Und auch nicht zu den Produzenten. Hier hingegen erleben wir die Herstellung mit allen Sinnen und erfahren, wie die Produktion den Tagesrhythmus der Menschen bestimmt.

Text: Fleur-Christine Schröder
Online gestellt: Agnetha Lang
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

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