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Zu Fuß in die 16 Hirtensiedlungen Rimellas – 10. Juni 2017

Studierende der Kulturwissenschaften auf Exkursion in den italienischen Alpen
Aufstieg zur „Villa Supperiore“. Foto: Schröder.

Aufstieg zur „Villa Supperiore“. Foto: Schröder.

Es ist 10 Uhr und unser Aufstieg zur „Villa Supperiore“ (Oberdorf), in dem Graziella lebt und arbeitet, liegt bereits hinter uns. Wir hören schon von weitem das Muhen der Kühe und die saftigen Wiesen duften. Gestern haben wir alle hier lebenden Nutztiere kennengelernt und viel Wissenswertes über die Viehhaltung erfahren. Heute wollen wir in der gefliesten und zertifizierten Käseküche miterleben, was es bedeutet, TOMA-Käse herzustellen und wie zeitaufwendig dieser Prozess ist. Vor uns stehen bereits die ersten fertigen Kuhkäseformen, die Graziella heute Morgen gefüllt hat. Pro Tag schafft sie es, etwa 12 bis 16 Käse herzustellen. Ihr Tag mit 27 Milchkühen und etwa 40 Ziegen beginnt um 4.45 Uhr mit dem Melken. Erst seit zwei Jahren haben sie zwei Melkmaschinen. Die meisten Tiere werden von Hand gemolken. Graziella füllt die Milch, von der sie die Sahne zur Butterherstellung abgeschöpft hat, in den großen Kessel, den sie mit Gas heizt. Unter stetigem Erhitzen flockt die Milch bei Zugabe des Lab aus. Die sich im Kessel sammelnde Käsemasse wird per Hand zusammengeballt und in die Käseformen gefüllt. Maschinen und Waagen benötigt sie nicht. Sie verlässt sich bei der Arbeit einzig auf ihre über Jahre gesammelte Körpererfahrung. Die Milchtemperatur von 38 °C und das Gewicht von einem Kilogramm Abfüllmenge für die Käseform „misst“ sie mit ihrem Arm oder den Händen. Zufrieden ruft sie „Formaggio fatto!“. Wir sind beeindruckt. Aus dem abgelassenen Käsewasser wird in weiteren Arbeitsschritten Ricotta hergestellt. Auch Graziella berichtet uns, dass das Leben früher besser gewesen sei. Sie und ihre Tochter, die ein acht Monate altes Baby hat, leben zwar von der hauseigenen Käseproduktion, dem Rindfleisch und der eigenen kleinen Gemüseernte, doch die anfallenden Kosten erschweren das Leben. Es bleibt nicht viel übrig. Auch die Einnahmen aus dem Kälberverkauf reichen kaum aus, um alle Kosten zu decken. 

Wir laufen weiter zur Alpe Scarpiola auf 1.400 m Höhe, wohin Graziella, Anna und Corrado morgen ihre Tiere bringen werden. Von dort werden sie dann den Käse täglich hinunter ins Dorf bringen und die Lebensmittel, die sie brauchen, aus dem Dorf in die Alpe hinauftragen. Immer wieder wird uns in der heißen Sonne bewusst, wie eng Raum und Zeit verbunden sind und den Alltag der hier lebenden Menschen bestimmen. Am dritten Tag sehnen wir uns schon nach einem Bus. Zu Hause gehen wir oft nur kleine Distanzen bis zur nächsten Busstation. Im Sesiatal hingegen laufen wir oft Stunden, um an einer neuen Etappe anzukommen. Nachdem wir die Alpe besichtigt haben, in der bereits viele Häuser verfallen sind, steigen wir zur kleinen Kirche nach Sella ab. Denn dort findet heute Nachmittag eine Prozession und ein Incanto dello Offerte mit dem Pfarrer Don Guiseppe statt. Er ist Mitte 60 und versorgt die Kirchen der 16 rimellesischen Gemeinden abwechselnd. Die meisten erreicht er nur zu Fuß. Um die Messe nicht zu verpassen und bei der Versteigerung von Wein und Kuchen für den Erhalt der kleinen Kirche mitbieten zu können, legen wir einen Schritt zu. Wir schaffen es gerade noch pünktlich und erleben, wie wichtig das soziale Zusammentreffen und der Glaube für die Menschen im Valsesia ist. Wir haben eine Schachtel Kekse als Spende dabei und ersteigern einen Likör. Die Rimellesen bieten uns anschließend die von ihnen ersteigerten Kekse an. Als sich die Versammlung auflöst, halten Louise und Jessika neben der Kirche im Schatten ihr Referat. Sie sprechen über traditionelle Arbeitsweisen, Almwirtschaft und Erosion, aber auch über Hausbau und Holzwirtschaft. Danach geht es wieder talabwärts! Im Fontana erwartet uns schon Seniora Ada mit ihren Hühnern auf der Terrasse. Sie hat gerade ihren Garten gegossen und trällert uns ein Liedchen. Sie ist in Rimella geboren und erzählt uns, wie sie als junge Frau mit der Sichel und der Kiepe auf dem Rücken zur Bisse rosso hinaufzog, um Futter für die Tiere zu schneiden oder in dem hoch gelegen La Res Holz holte. Es war eine harte körperliche Arbeit, die sie bereits als Kind verrichten musste. Stolz holt sie uns ein Bild aus ihrem Haus, das sie, als junge Frau in regionaler Tracht gekleidet, zeigt. Damals war sie 22 Jahre alt und bildhübsch. Sie schwelgt in Erinnerungen über den ersten Kuss, die Tanzabende und ihren Ehemann. Tanzen kann sie heute nicht mehr, aber ihr Lied klingt noch immer durch die Gassen von Rimella. Die Kirchturmglocken läuten und es ist wieder spät geworden. Heute haben uns die „Powerfrauen“ Graziella, Anna und Ada tief beeindruckt und mit ihren Geschichten ein Fenster in eine andere Zeit geöffnet. Gestern hatten uns Dennis und Nando von ihrem Arbeitsalltag in den Bergen berichtet und heute konnten wir bei Graziella und Ada erleben, was es heißt, als Frau in den Bergen zu leben und auch im hohen Alter körperlich schwere Arbeit zu leisten. Wir sind voller Respekt und Bewunderung.

Text: Fleur-Christine Schröder
Online gestellt: Agnetha Lang
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

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