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Zu Fuß in die 16 Hirtensiedlungen Rimellas – 9. Juni 2017

Studierende der Kulturwissenschaften auf Exkursion in den italienischen Alpen
Das Walserdorf Rimella. Foto: Scharnow.

Das Walserdorf Rimella. Foto: Scharnow.

An diesem Morgen ist die Wetterlage unsicher und wir beschließen, im Tal zu bleiben, um nicht in eine Gewitterfront zu geraten. Wir wollen den Tag nutzen, um uns ein Bild von den Menschen zu machen, die in Rimella leben. Auf dem Weg nach St. Antonio (1.151 m Höhe), eine ehemals belebte Gemeinde mit einer eigenen Dorfschule und Kirche, taucht mitten im Hang eine Almfläche auf und wir werden neugierig von einer Herde Ziegen beäugt. Der Weg führt weiter an unzähligen Holzstapeln vorbei. Hier lagert das lebenswichtige Brennmaterial für den Winter. In St. Antonio angekommen, werfen wir einen Blick in die Kirche, die steil am Hang über dem Bach gebaut ist. Der Schutzpatron St. Antonio hat hier alle Hände voll zu tun, um Unheil abzuwenden. Die Fresken der Kirche werden gerade restauriert. Selbst das Baumaterial, die Kalksäcke, müssen vom Ende der Straße bis hierher getragen werden. Es wird deutlich, wie mühselig und arbeitsintensiv die Tage der Menschen, die hier leben, sind. Als wir aus der Kirche kommen, sind vier neugierige Esel aus den verlassenen Häusern gekommen und interessieren sich für unsere Rucksäcke. Wir bringen sie in Sicherheit und suchen Denis, den wir am Bachlauf entdecken. Er hütet dort seine 200 Schafe und Ziegen. Sein Hund weicht ihm nicht von der Seite. Er ist 31 Jahre alt und berichtet uns, dass er seit 15 Jahren im Sommer hier als Hirte herkommt und sich kein anderes Leben vorstellen kann. Im Winter hält er seine Herde im Tal von Biella. Es ist ein weiter Weg über viele Straßen, den er mit seinen Tieren zu Fuß bis San Antonio zurückgelegt hat. Einen Tierarzt aus der Stadt kommen zu lassen, dauert viel zu lang und ist sehr teuer. So hat er gelernt, selbst zu helfen, aber immer wieder einmal verliert er eine Ziege durch Vipernbisse oder Absturz im steilen Gelände. Da seine Verlobte Frederica, die wir auch befragen wollen, erst am Nachmittag aus der Stadt zurückkommt, gehen wir nach Riva hinauf, um die Referate von Eva und Franziska über die Geschichte der Landflucht in Italien und die Geschichte Rimellas zu hören. Wir haben dazu ein passendes Plätzchen neben der kleinen Kirche gefunden. Dort lernen wir auch gleich Nadir kennen, der mit seinen zwei Kühen verbeikommt und ebenfalls für ein Interview eingeplant ist. Er lebt mit seinem Vater allein hier oben in Riva.

Danach geht’s wieder zurück nach San Antonio, wo uns Federica in ihr Haus bittet. Es besteht aus einen einzigen bewohnbaren Raum, mit einem kleinen Feuerofen in der Mitte, aber ohne TV, Internet und Radio. Federica ist eine selbstbewusste, muskulöse Frau mit stolzer Stimme. Sie ist Hirtin und arbeitet neben ihrem Beruf in Varallo in der Pasta- und Gebäckherstellung, um Geld dazu zu verdienen. Sie erzählt uns, dass das Leben nicht einfach ist, besonders seit zwei Jahren. Die Menschen sind misstrauisch geworden und glauben nicht mehr an die gute Produktion und Qualität einheimischer Produkte. Deshalb hat sie Probleme mit dem Schaffleischverkauf und muss zwei Jobs ausüben, um das einfache Leben zu finanzieren. Wir alle sind von ihrem Bericht gefesselt und jeder, der Federica zuhört, merkt, dass sie ihre Tiere und ihren Beruf über alles liebt. Sie hat zwar schon über einen Ortswechsel nachgedacht, aber ihre Arbeit als Hirtin möchte sie nicht aufgeben, obwohl ihr Alltag hart ist: früh morgens die Tiere melken und auf die Weiden bringen, am Abend erneut melken und Käse machen. Gegen 19 Uhr endet ihr langer Arbeitstag.

Am späten Nachmittag gehen wir zu Nando, der uns Pfeife rauchend in seiner winzigen Hütte erwartet. Nando ist 80 Jahre alt und berichtet uns von seinem Beruf als Holzfäller und Hirte. Auch erzählt er von seiner Kindheit, als er Angst hatte das Haus zu verlassen, weil auf den Straßen von Rimella Partisanen gegen Faschisten kämpften. Er erinnert sich, wie er später seine schwere Arbeit von Hand mit Axt und Beil verrichtete, weil es keine Maschinen gab. Nando hat heute, gezeichnet von den Anstrengungen, ein „schlimmes“ Knie. Er wohnt allein und einen Arzt im Ort gibt es nicht. Immer wieder betont er, wie schwierig alles geworden ist. Dass es kaum Rente und Unterstützung für die Alten gibt und er die heutigen Zeiten als noch schwieriger empfindet als die Vergangenheit, als sich die Einwohner sich gegenseitig unterstützt haben. Es ist spät geworden. Nachdenklich treten wir unseren Rückweg an. Heute haben uns die Menschen beeindruckt und zugleich betroffen gemacht. Wir überdenken den Überfluss, in dem wir leben und reflektieren die unterschiedlichen Lebensweisen. Eine Grenzerfahrung, die uns ans Herz geht. Die Menschen in Rimella kämpfen Tag für Tag für eine autonome Versorgung. Die Viehhaltung bestimmt ihren Tagesrhythmus. Zeit für westlichen Lifestyle, moderne Medien oder Konsum gibt es in ihrer Welt nicht. Die Liebe zu den Tieren aber ist die Lebensader in diesem Tal. Wir haben gesehen, wie stolz sie von ihren Tieren sprechen, mit ihnen reden, sie rufen und wie liebevoll sie mit ihnen umgehen.

Text: Fleur-Christine Schröder
Online gestellt: Agnetha Lang
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

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