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„10 Fragen für 1 Buch“ – Adorno und die Kabbala

Ansgar Martins. Foto: privat.

Ansgar Martins. Foto: privat.

„10 Fragen für 1 Buch“ – gestellt an Ansgar Martins, Autor von „Adorno und die Kabbala“. Universitätsverlag Potsdam, 2016.  

Was steht in Ihrem Buch - in drei Sätzen?

Ausgangspunkt ist die geistige Dreiecksbeziehung zwischen den Denkern Gershom Scholem, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Im Einzelnen geht es dann darum, wie Adornos Philosophie sich Ideen Scholems zur Kabbala anverwandelt, der sogenannten jüdischen Mystik. Solche „theologischen“ Überlegungen sind zwar für diese Philosophie zentral, ihre Explikation beschränkt sich aber weitgehend auf Randbemerkungen und Andeutungen. Mein Buch versucht, die religiösen, speziell eben kabbalistischen Topoi an ihren Ursprüngen zu konkretisieren und auf diesem Wege ihre Rolle und Relevanz in Adornos kritischer Theorie insgesamt zu bestimmen.

Hat Ihr Buch eine Geschichte? (Wie ist es entstanden: aus einer Tagung, einem Projekt, einer Dissertation?)

Ziemlich zu Beginn meiner Auseinandersetzung mit Adorno bin ich an seine posthum veröffentlichten „Beethoven“-Fragmente geraten. Sie münden in ein eigenwilliges und sehr frei interpretiertes Motiv aus dem kabbalistischen Buch „Sohar“: Gott erschaffe jeden Augenblick in großen Scharen Engel aus Gras, die sogleich wieder in seinem heiligen Feuer als Lobpreisung verglühen. Musik gleicht diesen Engeln, meint Adorno, und Beethoven habe das bis zur Vollendung gemeistert. Solche rätselhaften Stellen, irgendwo ununterscheidbar zwischen Metaphorik und Metaphysik, wollte ich dann endlich in der Magisterarbeit ausleuchten, aus der das Buch entstand. Das ist aber nur die Binnenperspektive: Zeitgleich mit der Verschriftlichung tagte in Frankfurt am Main das Studierendenkolleg „Kritische Theorie und Religion“, das ich mit Grazyna Jurewicz und Dirk Braunstein organisieren durfte. Die Geschichte des Buchs ist eigentlich nur eine Nebengeschichte zu der dieses großartigen Kolloquiums.

Warum hat die Welt auf Ihr Buch gewartet bzw. warum ist es wie kein anderes?

Die sachlichen Synergieeffekte zwischen Adorno und Scholem wurden bisher kaum in den Blick genommen. Neben der längst zu Tode zitierten Passage zum „messianischen Licht“ in seiner Aphorismensammlung „Minima Moralia“ stößt man zum Beispiel auf Anknüpfungspunkte an regelrecht legendäre Häresien wie Gnosis oder Sabbatianismus. Mit der Begeisterung für Scholem scheint auch sein spätes, dann aber eindeutiges Bekenntnis zum Zionismus zusammenzuhängen. In der Adorno-Forschung sind solche Themen bisher unverhältnismäßig wenig bearbeitet, was sie kaum zufällig mit vielen seiner marxistisch-materialistischen Bezüge teilen, denn diese scheinbar gegenläufigen Kontexte sind bei Adorno schlicht untrennbar. Aber um das klarzustellen: Besonders überraschend sind die Befunde meiner Arbeit nun auch nicht. Jeder Leser kommt früher oder später an den nämlichen Passagen vorbei. Ob die Welt auf ihre Exegese gewartet hat, ist eine andere Frage. Sie hat sich seit Adornos Tod weitergedreht und unsere im schlimmen Sinne postsäkulare Gegenwart lässt die Frage aufkommen, ob dem „sakralen Gehalt“ noch die subversiv-provokative Rolle zukommen kann, die Benjamin oder Adorno einst erkannten. Schon letzterer sprach von der „Scham, metaphysische Intentionen“ zu Papier zu bringen, weil man sich so dem „jubelnden Missverständnis“ ausliefere. Heute ist die anrüchige Situation verflüchtigt, ohne dass das Verständnis zugenommen hätte: Zu befürchten sind jubelnde Zustimmung wie wohlgesonnen-indifferentes Achselzucken.

Sie veröffentlichen im Universitätsverlag Potsdam - und damit open access. Warum?

Vor allem ist das Rebekka Denz und Michal Szulc zu verdanken, die das Buch in die hiesige Buchreihe „Pri Ha-Pardes“ aufgenommen haben. Aber ich finde das Modell überzeugend: Open access ist einfach aus Nutzerperspektive praktisch, weil unkompliziert, und eine Printfassung, die man sich auch leisten kann, ohnehin zu begrüßen.

Wer sollte Ihr Buch lesen – und wann?

Die Interessierten – jederzeit.

Was lesen Sie selbst?

Auf die Empfehlung einer Freundin habe ich eben Silvia Bovenschens „Über-Empfindlichkeit“ angefangen. Ansonsten bin ich zurzeit tief in Werke von Hans Jonas und Siegfried Kracauer eingegraben.

Was hat Spaß gemacht beim „Buchmachen“ - und was eher nicht?

Dazu am besten auch gleich ein Satz aus Kracauers Roman „Georg“: „Aus der Tatsache nämlich, dass der Name unter dem Artikel sein eigener war, hatte er sofort geschlossen, dass er selber der Urheber des Artikels sei. Wahrscheinlich hätte er ihn ohne diesen Anhaltspunkt verleugnet, so fremd nahm sich der Text im Druck aus ... Alle einst gefürchteten Ausdrücke traten mit einer Selbstverständlichkeit auf, die jeden Zweifel an ihnen benahm ...“ Auch für mich war das Erstaunliche und Hilfreiche dieser Art der Textproduktion das bangende Ringen um finale Formulierungen und der überraschende Verfremdungsprozess in deren Weiterverarbeitung. Freilich läuft das alles nicht ohne zwischenzeitliche Frustrationen und Ermüdigungen ab. Mitunter kennt man die Arbeit fast auswendig und kann sie nicht mehr sehen. Eine wahre Freude war dabei bis zum Schluss die Zusammenarbeit mit den beiden Herausgebern, die in ziemlich kurzer Zeit einen verdammt guten Job gemacht haben.  

Auf einer Skala von 1 bis 10: wie gut ist Ihr Buch?

Das würde ich gern allen anderen überlassen. Persönlich bin ich einigermaßen glücklich, kann das aber nicht quantifizieren.

Wenn Sie könnten: Würden Sie sich für das Buch einen Preis verleihen - und wenn ja, welchen?

Ich weiß nicht.

Und nun noch 3 Sätze zu Ihnen ...

Ich lebe in Frankfurt am Main und habe an der dortigen Universität bis vor Kurzem Religionsphilosophie, Soziologie und Geschichte studiert. Inzwischen recherchiere ich an Ort und Stelle für ein Promotionsprojekt zur Philosophie des schon erwähnten Siegfried Kracauer. Ansonsten habe ich hier und da was zur Kritik der modernen Esoterik geschrieben und betreibe auf waldorfblog.wordpress.com seit einigen Jahren eine kleine Dokumentationsstelle zur „Anthroposophie“, der vermutlich erfolgreichsten esoterischen Strömung Europas.  

Zehn Fragen für ein Buch“ öffnet die Tür zum Potsdamer Universitätsverlag und stellt regelmäßig Neuerscheinungen vor. „Adorno und die Kabbala“ ist hier (http://verlag.ub.uni-potsdam.de/cgi-bin/publika/view.pl?id=907) online verfügbar. Weitere Neuerscheinungen aus dem Universitätsverlag hier (http://verlag.ub.uni-potsdam.de/aktuell.php).  

Text/Fragen: Matthias Zimmermann
Online gestellt: Daniela Großmann
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de 

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