Frau Plötner, hat es noch Sinn, in der Schule Fremdsprachen zu unterrichten, wenn Künstliche Intelligenz in Sekunden ganze Texte übersetzen kann?
Künstliche Intelligenz kann auch perfekt rechnen, aber niemand käme auf die Idee, den Mathematikunterricht einzustellen. Ich bin nicht nur davon überzeugt, sondern halte es für unerlässlich, in den Schulen weiterhin Fremdsprachen zu unterrichten. Denn es bedeutet so viel mehr als Vokabular und Grammatik zu vermitteln. Über eine Sprache lernen wir andere Kulturräume, deren Geschichte, deren Alltag und die Besonderheiten des Zusammenlebens kennen. Einander wirklich zu verstehen ist ohne ein tiefgreifendes Verständnis des Anderen nicht möglich.
Wie lässt sich das im Unterricht vermitteln?
Nehmen Sie das Französische, das auf verschiedenen Kontinenten gesprochen wird. Der Französischunterricht beginnt natürlich mit landeskundlichen und alltagsweltlichen Themen aus Frankreich und Belgien. Aber dann geht es schon über den Atlantik ins frankophone Kanada und schließlich in die Länder Afrikas, in denen Französisch Amtssprache ist. Hier richtig kommunizieren zu können, braucht kultur- und sprachspezifisches Wissen und interkulturelle Kompetenz. Wir bilden weltoffene Menschen aus, die Alterität aushalten und sich mit ihr auseinandersetzen.
Würde es nicht reichen, das weltweit verbreitete Englisch zu lernen?
Dann würde uns der kulturelle Reichtum anderer Sprachräume verborgen bleiben. Gerade hier in Europa wäre das fatal. Die verschiedenen Literaturen, die Filmkunst, Theater und Musik. Sprachen zu lernen, gehört zur allgemeinen und zur ästhetischen Bildung. Es dient dem reflektierten Umgang mit der eigenen und der Identität anderer. Das wiederum fördert den so wichtigen Austausch, auch und besonders zu gesellschaftspolitischen Fragen.
Kann hierfür nicht auch KI genutzt werden?
Sicher. Zur Unterstützung. Doch um sie verantwortungsvoll und kritisch einsetzen zu können, braucht es sprachliches, fachliches, methodisches und kulturelles Wissen, das man sich selbst aneignen muss. Das kann durch keine KI ersetzt werden. Zudem kommt es in der Kommunikation häufig auf stilistische Nuancen an, ein Verständnis für Metaphern, ja auch den Humor des anderen Sprachraums. Lexik, Grammatik und Phonetik allein reichen da nicht aus. Wir wissen ja auch noch nicht, wie sich die Echtzeit-Übersetzung auf die Art der Kommunikation auswirken wird. Schon im Deutschen fällt es vielen Menschen schwer zuzuhören, sich klar auszudrücken, Argumente auszutauschen oder sich konstruktiv zu streiten …
Es wird bereits diskutiert, den schulischen Fremdsprachenunterricht zugunsten der Medienbildung zu reduzieren.
Das ist keine Alternative. Medienbildung ist eine Querschnittsaufgabe. Sie muss den gesamten Schulunterricht durchziehen, jedes Fach. In der Lehrkräftebildung sind wir uns darüber einig, dass Medienkompetenzen stets im Zusammenhang mit fachlichen Inhalten und spezifischen Bedarfen vermittelt werden sollen. Wichtig ist, dass digitale Medien und KI im Unterricht didaktisch sinnvoll eingesetzt werden, also beim Lernen eine unterstützende und fördernde Funktion erfüllen.
Zum Beispiel?
360-Grad-Anwendungen und Virtual Reality, die sich auf die Lebenswelt der Lernenden beziehen, können zur Kommunikation anregen. Gegenüber Bildern und gewöhnlichen Videos bieten solche Technologien zum Beispiel den Vorteil, mit Avataren aktiv das Sprechen zu üben. Aber auch Collagen, die mithilfe von KI erstellt werden, oder Instagram-Reels, die sich in den Unterricht einbetten lassen, fördern Aktivität und Kreativität. Sprache, selbst wenn es nicht die eigene ist, ist immer auch Mittel der Reflexion und Ausdruck von Individualität.
Dennoch wird die Verlockung groß sein, Künstliche Intelligenz zu nutzen, anstatt den langen Weg des Sprachenlernens zu gehen.
Das gilt, wie gesagt, auch für alle anderen Fächer. Warum sollte man sich dann noch mit der eigenen Sprache beschäftigen? Oder Formeln lernen? Oder musizieren? Das alles kann auch die KI. Bei allem, was wir uns aneignen, braucht es Übung und Beharrlichkeit. Man muss Phasen der Unsicherheit durchhalten, in denen man Fehler macht und frustriert ist, weil man etwas noch nicht so gut beherrscht, wie man es möchte. Wenn wir diese Anstrengungen scheuen, werden wir über kurz oder lang auch nicht die Künstliche Intelligenz nutzen können. Denn will ich ein Übersetzungstool einsetzen, etwa um Zeit zu sparen, muss ich das Ergebnis auch bewerten können.
Würde in der Schule niemand mehr Französisch, Spanisch oder Italienisch lernen, wäre letztlich Ihr eigenes Fach bedroht.
Eine so frankophile Stadt wie Potsdam ohne Romanistik, das wäre undenkbar. Friedrich, Voltaire, Sanssouci – das Französische gehört hier einfach dazu. Aber auch der italienische Einfluss in der Architektur. Wir leben mitten im vielsprachigen Europa, kooperieren mit Partneruniversitäten weltweit. Sprachen, deren Erforschung und Vermittlung, sind ein Wesensmerkmal unserer Internationalität.
Kathleen Plötner ist Professorin für die Didaktik der romanischen Sprachen, Literaturen und Kulturen an der Universität Potsdam.
Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Zwei 2025 „Demokratie“.

