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„Was jeder einzelne tut, zählt“ - Zafer Yilmaz erforscht von Potsdam aus den Vormarsch des Autoritarismus in der Türkei

Zafer Yilmaz. Foto: Karla Fritze.

Zafer Yilmaz hat getan, was viele Menschen in Deutschland täglich tun: Er hat eine Petition unterschrieben. Doch ihn kostete diese Unterschrift seinen Job an der Ankara University. Zudem wurde sein Pass eingezogen; er konnte nur durch den Gang ins Exil einer weiteren Verfolgung durch die türkischen Behörden entgehen. Seit Januar 2017 ist der Politik- und Sozialwissenschaftler als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung zu Gast an der Universität Potsdam. Doch seine Heimat hat er nicht aus dem Blick verloren. Er widmet sich den dortigen politischen Veränderungen auch als Wissenschaftler.

Im Januar 2016 unterzeichneten mehrere Tausend Wissenschaftler eine Petition, in der die türkische Regierung für das gewaltsame Vorgehen in den Kurdengebieten kritisiert und dazu aufgefordert wurde, den Friedensprozess wieder aufzunehmen. Für alle Türken unter ihnen hatte dies schwerwiegende Folgen, sagt Zafer Yilmaz: „Was dann kam, war eine wahre Hetzkampagne gegen die Unterzeichner der Petition – auch an den Hochschulen.“ Regierungsnahe Medien warfen ihnen „Propaganda für eine Terrororganisation“ vor, Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan beschimpfte sie als „Bande, die sich selbst Akademiker nennt“. Selbst die Verwaltungen vieler Universitäten arbeiteten der ErdoğanRegierung zu, stellten Listen mit Mitarbeitern zusammen, die die Petition unterschrieben hatten. Binnen kurzer Zeit verloren Hunderte ihre Stellen, viele wurden strafrechtlich verfolgt. „Es war klar, dass etwas passieren würde“, so Yilmaz. „Aber das Ausmaß war nicht abzusehen.“

Dass Erdoğan so hart gegen kritische Akademiker vorgeht, sieht Yilmaz in der Stellung der Universitäten begründet. Diese seien nicht nur Bildungsstätten, sondern auch wichtige politische und gesellschaftliche Zentren. „Der Eingriff in die akademische Freiheit ist Teil einer umfassenden Unterdrückung der Meinungsfreiheit.“
Aber es gab auch Zeichen der Hoffnung: In manchen Universitäten hängten Studierende Bilder der entlassenen und verfolgten Wissenschaftler auf, um gegen das Vorgehen der Regierung zu protestieren. Yilmaz selbst erhielt zahlreiche Solidaritäts-E-Mails. Dennoch war ihm schnell klar, dass er ins Ausland gehen musste, wenn er weiter als Wissenschaftler arbeiten wollte. Einen Weg bot die Humboldt-Stiftung – und der Potsdamer Soziologe Prof. Dr. Jürgen Mackert, der ihn bei der Antragstellung unterstützte und an die Universität einlud.

Die Zusage für das Stipendium kam keine Sekunde zu früh: Mittlerweile ist Yilmaz’ Pass für ungültig erklärt worden. Sollte er in die Türkei einreisen, droht ihm Haft. Gleichwohl fiel ihm der Weggang aus seiner akademischen wie persönlichen Heimat alles andere als leicht: „Ich habe viele Jahre an der Universität in Ankara geforscht und gelehrt“, sagt Yilmaz. „Die Verbindung zu meiner Uni und meinen Studierenden war eng. Das aufzugeben, wog schwer. Aber mir ist natürlich bewusst, dass ich Glück gehabt habe – anders als viele Kollegen, die noch in der Türkei festsitzen und dort nicht mehr arbeiten können oder gar verfolgt werden.“ Eine große Hilfe sei die Unterstützung, die er von vielen Kollegen und Mitarbeitern an der Uni Potsdam erhalte und dank der er sich inzwischen auch wieder der wissenschaftlichen Arbeit zugewandt hat. Nachdem er jahrelang zum Phänomen der Armut geforscht und auch promoviert hat, widmet sich Yilmaz nun dem Vormarsch des Autoritarismus in der Türkei. Dafür betrachtet der Forscher zwei eng miteinander verbundene Prozesse: den Wandel der Rechtsstaatlichkeit und die Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Eine Arbeit, der er in der Türkei nicht nachgehen könnte, da ist sich Yilmaz sicher: „Ich glaube nicht, dass unabhängige Forschung an einer türkischen Universität noch möglich ist.“

Umso wichtiger sei es, dass die Stimmen, die einen demokratischen Wandel anmahnen, nicht verstummten. „Politischer Druck auf Erdoğan ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, was jeder Einzelne tut“, sagt der Wissenschaftler. „Etwa wenn Wissenschaftler Netzwerke knüpfen und deutlich zeigen: Wir sind eine Community für freie Gedanken und Wahrheit!“ Zafer Yilmaz selbst will von Potsdam aus dazu beitragen – durch seine Forschung, aber auch im persönlichen Dialog.

Text:  Matthias Zimmermann
Online gestellt: Alina Grünky
Kontakt zur Online-Redaktion: onlineredaktion@uni-potsdam.nomorespam.de

 

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