Unterwegs in den Anden – Tag 10: Schmuggelrouten in jungen Becken

Geoforschende auf Exkursion in Argentinien
Blick auf die Siete Hermanos, eine schräggestellte Gesteinsabfolge mit der uns bekannten Yacoraite-Formation. Das Foto ist von Bodo Bookhagen.
Photo : Bodo Bookhagen
Blick auf die Siete Hermanos, die sieben Brüder, eine schräggestellte Gesteinsabfolge mit der uns bekannten Yacoraite-Formation. Im Vordergrund die von uns auf 1,5 Millionen Jahre datierte Landschaftsoberfläche als jüngste Einheit des Beckens von Yavi.

Wir verlassen Yavi am Morgen, um mächtige Sedimentfüllungen zu studieren, die in einem ehemals abflusslosen Becken innerhalb des Puna-Hochplateaus auf 3600 Metern Höhe abgelagert wurden. Diese Becken war also vom Rest der Anden und der Vorlandregion isoliert, man spricht auch von sogenannten endorheischen Becken, die hier seit einigen Millionen Jahren Sediment im Gebirge aufgenommen haben. Heute wird dieses Becken allerdings durch das Entwässerungssystem des bolivianischen Río Oro und des Río Pilcomayo in das Vorland entwässert, wo später der Zusammenfluss mit dem mächtigen Río Paraná erfolgt, der Sedimente von unserer Quellregion im Gebirge in die marine Senke des Atlantiks transportiert. Unsere Aufschlüsse sind Zeugen dieses Prozesses der rückschreitenden Erosion im Oberlauf. Wir sehen durch die Erosion freigelegte Ablagerungen aus dem Erdzeitalter Tertiär. Die Sedimente zeigen eine allmähliche Verfüllung in einer abflusslosen Senke an, in der wir zahlreiche Horizonte mit versteinerten Wurzeln in Paläoböden identifizieren können. Nach oben werden die Sedimente immer gröber und zeugen dann allerdings von Schwemmfächerablagerungen. Während unserer letzten Geländesaison vor mehr als zwei Jahren haben wir in diesen Schichten Proben für kosmogene Nukliddatierungen gesammelt, die uns eine Altersbestimmung der jüngsten Sedimente erlauben: Die Oberflächen sind etwa zwei Millionen Jahre alt und werden nun tiefgründig erodiert. Wir sammeln dieses Mal allerdings auch vulkanische Ascheproben in tieferen aufgeschlossenen Schichten, die auf eine mächtige Vulkanexplosion in der Nähe hindeuten. Wir benutzen diese Aschen aber vor allem für eine radiometrische Datierung, um weitere Altersbestimmungen der Sedimentabfolge zu ermöglichen. Wir fahren weiter zum nächsten Aufschluss und wollen nun herausfinden, aus welcher Region diese Sedimente in das Becken transportiert wurden. Dabei haben wir einen schönen Blick auf Yavi.

Yavi ist eine indigene Siedlung ohne Telefonverbindung (gemäß Gemeinderatsbeschluss), aber glücklicherweise gibt es im Hotel eine Anbindung an das neue Glasfasernetz der Region, deshalb können wir diesen Bericht termingerecht nach Potsdam schicken. Im Zentrum des Adobe-Dorfes steht die wunderschöne Kirche aus dem 17. Jahrhundert, die mit religiösen Ölbildern aus dem ehemaligen Alto Peru geschmückt ist. Während der Unabhängigkeitskriege war Yavi Schauplatz zahlreicher Schlachten. Der von der spanischen Kolonialregierung eingesetzte Marques de Yavi schloss sich 1813 im sogenannten Gaucho-Krieg General Martín Miguel de Güemes an. Allerdings wurde der Marques de Yavi 1816 von den Royalisten gefangengenommen, starb auf dem Transport nach Spanien und wurde im November 1820 auf Jamaika beigesetzt. Alle anderen Gefangenen wurden nach Potosi verlegt und exekutiert. Heute ist es hier oben ruhiger, denn offiziell ist coronabedingt der benachbarte Grenzübergang zwischen La Quiaca und Villazón in Bolivien gesperrt. Allerdings sehen wir bei der Geländearbeit Karawanen von Geländewagen und Kleinlastern auf unbefestigten Wegen – die Llameros, also die Lama-Karawanen des 21. Jahrhunderts –, die illegal Waren des täglichen Bedarfs nach Bolivien transportieren und dort für harte Devisen verkaufen. Was dabei alles auf dem Rückweg transportiert wird, bleibt geheim.

Viele dieser Fahrzeuge kommen an unserem nächsten Aufschluss vorbei; wir werden etwas argwöhnisch betrachtet, aber wir fokussieren uns auf ein faszinierendes Phänomen: Alle Ablagerungen des Beckens sind von zahlreichen Störungszonen und Klüften durchzogen. Das, was man im Elbsandsteingebirge als Folge der Alpenbildung in der späten Kreidezeit vor über 65 Millionen Jahren beobachten kann, sehen wir hier in den Strukturen der jungen Ablagerungen, die jünger als zwei Millionen Jahre sind, für unser Zeitgefühl also gestern!

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