Im Labyrinth der Gedanken – Die Romanistin Cornelia Klettke über die Arbeit der neu eingerichteten Forschungsstelle Leopardi

Die Grafik zeigt den italienischen Dichterphilosophen Giacomo Leopardi
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Die Romanistin Prof. Dr. Cornelia Klettke leitet die neu eingerichtete Forschungsstelle Leopardi an der Philosophischen Fakultät der Uni Potsdam und beleuchtet im Interview Leben, Werk und Bedeutung des früh verstorbenen Schriftstellers.

„Die zuverlässigste Lust dieses Lebens ist die eitle Lust der Illusionen.“ Das philosophische Problem der Illusion prägt das Denken des italienischen Dichterphilosophen Giacomo Leopardi (1798-1837) und macht ihn zum Wegbereiter der Moderne. Gleichzeitig zeigt sein Werk enge Bezüge zur deutschen Dichtung – dennoch gibt es bisher keine deutschsprachige Fassung von Leopardis Mammutwerk „Zibaldone di pensieri“. Die Romanistin Prof. Dr. Cornelia Klettke leitet die neu eingerichtete Forschungsstelle Leopardi an der Philosophischen Fakultät der Uni Potsdam und beleuchtet im Interview Leben, Werk und Bedeutung des früh verstorbenen Schriftstellers.

Graf Giacomo Leopardi, Sprössling einer italienischen Adelsfamilie, hatte zeitlebens mit seiner schlechten Gesundheit zu kämpfen. Schon im Jugendalter beginnt er zu schreiben – Gedichte, Aphorismen und Essays, von Ironie und Melancholie geprägt. Mit 39 Jahren stirbt er. Wer war Giacomo Leopardi?

Giacomo war ein Wunderkind und ein früh Vollendeter. Bereits als Kind hat er zahlreiche Gedichte sowie Epen und eine Tragödie geschrieben, als Heranwachsender wichtige antike Texte ins Italienische übersetzt und selbst Werke in griechischer und lateinischer Sprache verfasst, die er als wiedergefundene antike Originale ausgab. Aufgrund seiner strengen Erziehung durfte er den elterlichen Wohnsitz und seine damals zum Kirchenstaat gehörende Heimatstadt Recanati in jungen Jahren nicht verlassen. Er lebte in kompletter Abschottung und Isolation und stürzte sich in das Studium der Bücher der immensen Bibliothek, die sein Vater zusammengetragen hatte. Seine erste Reise führte ihn mit 24 Jahren nach Rom. Trotz seiner körperlichen Handicaps und den daraus resultierenden Einschränkungen – zeitweise verschlechterte sich sein Gesundheitszustand bis hin zu einem Beinahe-Verlust seines gesamten Sehvermögens – ist er mit einigen, auch durch psychische Probleme bedingten Unterbrechungen tagtäglich seinen schriftstellerischen Arbeiten nachgegangen und hat ein Mammutwerk hinterlassen.

Welche Rolle spielt sein Werk für die italienische Literaturgeschichte?

Leopardi gilt neben Dante als der bedeutendste italienische Schriftsteller. Sein Werk leistet einen einzigartigen Beitrag zur italienischen Literatur des 19. Jahrhunderts und hat eine Ausstrahlung auf alle anderen europäischen Literaturen. Leopardi zeigt erstaunliche Affinitäten zu Schopenhauer und erweckte als Dichterphilosoph das Interesse der Deutschen. Bei seinem Aufenthalt in Rom lernte er den Historiker Barthold Georg Niebuhr, damals preußischer Botschafter am Heiligen Stuhl, kennen, mit dem er sich anfreundete. Sein Nachfolger, Freiherr von Bunsen, bot Leopardi einen Lehrstuhl für Italianistik an den Universitäten Berlin oder Bonn an. Schließlich wollte man ihn für den neu eingerichteten Dante-Lehrstuhl in Bonn gewinnen. Doch jedes Mal vergebens. Leopardi zog seine Zurückgezogenheit als Schriftsteller in der italienischen Provinz vor.

Sie werden eine kritische Gesamtausgabe von Leopardis Zibaldone di pensieri vorbereiten, die erste in deutscher Sprache. Was findet sich auf den 4526 Seiten dieses „Sammelsuriums von Gedanken“ und warum braucht es diese Ausgabe?

Der Zibaldone entsteht zwischen 1817 und 1832. Davon entfallen vier Fünftel der Eintragungen auf die Jahre bis 1823, in denen Leopardi, soweit es ihm sein Gesundheitszustand erlaubt, täglich heimlich seine Gedanken aufschreibt. Mit 25 Jahren hatte Leopardi also bereits den Hauptanteil dieses Werkes verfasst. „Sammelsurium von Gedanken“ bedeutet eine enzyklopädische Vielfalt von Themen aus verschiedenen Wissens- und Fachgebieten. Es entpuppt sich als ein unendlich erscheinendes Labyrinth, dem eine offene, bis in letzte Verästelungen verzweigte Struktur logischer in sich kreisender Gedankenführung zugrunde liegt. Der Zibaldone, der heute neben den Gedichten als Leopardis Hauptwerk angesehen wird, kann auch als intellektuelle Autobiographie gelesen werden.  Eine Konstante im Zibaldone ist zum Beispiel der philologische Diskurs, durch den Leopardi auch eine so große Bedeutung für die Entwicklung eines Selbstbewusstseins der italienischen Sprache erlangt, das wegweisend für das Risorgimento, die nationale Einigungsbewegung Italiens, war. Auch über die Poetik, über Fragen der Ästhetik und die Sprache der Dichtung entwickelt Leopardi grundlegende Gedanken, die ihm eine eigene Position auf der Schwelle zwischen Klassizismus und Romantik verschaffen.

Warum braucht es diese Ausgabe? Nun, bisher sind in deutscher Sprache nur Teilausgaben des Zibaldone vorhanden. Dabei weisen die Texte des Dichterphilosophen Leopardi vielfältige Vernetzungen mit der deutschen Dichtung, der Philosophie, der Geschichtswissenschaft und anderen Disziplinen auf.

Seit Anfang 2021 gibt es an der Philosophischen Fakultät die „Forschungsstelle Leopardi“ als Wissenschaftliche Einrichtung. Was ist ihr Ziel und was bietet sie der interessierten Öffentlichkeit?

Ziel der Forschungsstelle Leopardi ist die Erforschung des Zibaldone und die Übertragung dieses zentralen Zeugnisses der italienischen Kultur in die deutsche Sprache. Dabei gilt es, den Anteil der deutschen Kultur am Denken und Dichten Leopardis aufzuspüren und sichtbar zu machen. Dies ist ein neuer, sehr spannender Forschungsbereich.  Neben Leopardis Identifikation mit Goethes literarischer Figur des Werther – diese ist in Leopardis Denken sehr präsent, was auch mit der Versuchung des Selbstmords zusammenhängt, der Leopardi jedoch letztlich nicht erlegen ist –  beschäftigt man sich neuerdings mit der Rezeption des Faust. Zu entdecken ist auch der Einfluss von Schillers großen Dramen, Gedichten und Essays. Schiller war ja im 19. Jahrhundert in Italien ein sehr beliebter Autor. Darüber hinaus bedarf das Studium von Leopardis Beziehungen zu Wieland, Hölderlin, Novalis, August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Leibniz, Kant, Wilhelm von Humboldt und anderen dringend einer Erweiterung und Vertiefung.

Die Übertragung Leopardis in die deutsche Sprache und das deutsche Denken ist zudem eine wichtige Bereicherung für den kulturellen Austausch mit Italien und für eine wechselseitige Horizonterweiterung. Das ist auch wichtig, um einer gegenseitigen Entfremdung der Nationen in Europa zu begegnen. Das Projekt wird vom Italienischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Kooperation gefördert und steht unter der Schirmherrschaft der Italienischen Botschaft in Berlin. Der Präsident der Universität Potsdam und der Dekan der Philosophischen Fakultät unterstützen diese Initiative großzügig.

Die Fragen stellte Dr. Jana Scholz.

Im Wintersemester 2021 veranstaltet die Forschungsstelle Leopardi eine Reihe von Workshops für Studierende, (Post-)Doktorandinnen und -doktoranden. Gäste sind herzlich willkommen. Termine: n.V. dienstags 16:30–18:00 Uhr als Zoom-Veranstaltung

Weitere Informationen finden Sie hier.